HINTER DEN ABRAUMHALDEN der Goldminen von Carletonville, Stilfontein und Klerksdorp öffnet sich die weite Ebene Westtransvaals. Die Gegend scheint sich in der ewigen Wiederkehr des Gleichen zu gefallen: Gras-, gelegentlich Buschsavannen, sanfte, kaum wahrnehmbare Senkungen, Maisfelder - und vor allem eine unbarmherzige Sonne. Manchmal bleiben die Sommerregen aus. Dann haben die Mealiboere, die Maispflanzer, nichts zu lachen. Die Erde verbrennt, und auf den Höfen türmen sich die Schulden.
Carlie Roos, der bei Glaudina, auf halbem Weg von Wolmaransstad nach Schweizer-Reneke, die 700-Hektar-Farm Doornhoek bewirtschaftet, hat für Dürrezeiten vorgesorgt. Vor elf Jahren erschloss der 44jährige Mealiboer sich und seinen schwarzen Farmarbeitern, die mit der Maiswirtschaft nur ein paar Monate im Jahr beschäftigt sind, eine zusätzliche Einkommensquelle, indem er mit ihnen nach Diamanten zu graben begann. An den Flüssen Vaal und Harts lagert Schwemmlandkies, und der enthält Diamanten, wie schon die Siedlerpioniere des 19. Jahrhunderts herausgefunden hatten. Vielleicht sind Vaal und Harts einst über eine Kimberlitröhre geflossen, einen erloschenen Vulkan, und haben dabei Diamanten weggeschwemmt; oder sie haben die Edelsteine vom Transvaal-Hochplateau herangespült, einem Gebilde aus Lava und Sedimentgestein. Nur zu gerne wüsste Roos, ob sich in der Nähe seiner kleinen Diamantmine eine Kimberlitröhre versteckt hält. Sie wäre der Gral der Region.
Carlie («Kalli») Roos prospektiert auf Vaalbosfontein, einer 7000-Hektar-Farm im Dreieck von Schweizer-Reneke, Wolmaransstad und Bloemhof. Vaalbosfontein ist im Besitz der dritten Generation der Lindberghs, einer bekannten schwedischen Einwandererfamilie. Grossvater Lindbergh gründete die Central News Agency (CNA), heute eine grosse Papeterie- und Buchhandelskette. Für die Ausbeutung der Diamantvorkommen zahlt Roos an die Lindberghs 15 Prozent seines Diamantenerlöses. Der Staat ist mit weiteren 2,5 Prozent dabei. Darüber hinaus kassiert das Ministerium für Mineralien und Energie die Gebühr für die Lizenz, die jeder Diamantschürfer lösen muss. Ohne Produktions- oder Handelslizenz sind in Südafrika Besitz, Handel und Export von Rohdiamanten verboten.
Anders als die Pioniere des 19. Jahrhunderts gräbt Carlie Roos nicht mehr mit Pickel und Schaufel, sondern mit modernen Baumaschinen. Sein Maschinenpark besteht aus zwei Baggern, drei Schaufelladern, einem Kipper, zwei Waschpfannen, einer Sortiermaschine, die in einer fahrbaren Baubaracke untergebracht ist, sowie einem mit Dieselmotor angetriebenen Stromaggregat. Zwar sind alle Maschinen Occasionen, aber sie sind aus dem eigenen Cash flow finanziert; ihr Gesamtwert beläuft sich auf 1,5 Millionen Rand, rund 650 000 Franken. Dafür könnte man in gewissen Landesgegenden zwei schöne Farmen kaufen.
Wasser spielt eine entscheidende Rolle bei der Diamantgewinnung aus Kies, wie Roos sie betreibt. Er braucht zum Betrieb seiner beiden Waschpfannen 40 000 Liter in der Stunde. Zum Glück hat Vaalbosfontein, im Gegensatz zu vielen anderen Farmen in Westtransvaal, genügend Grundwasser. Das erübrigt lange Wasserleitungen und spart eine Menge Unkosten.
Auf Vaalbosfontein liegen die Diamanten, zum Leidwesen der Schürfer, nicht an der Oberfläche. Ehe der diamantführende Kies zum Vorschein kommt, der bis in eine Tiefe von dreieinhalb Metern hinabreichen kann, muss eine Erdschicht von einem halben Meter Dicke abgetragen werden. Die Schaufellader bringen den ausgebaggerten Kies zum ersten Sieb bei der Waschpfanne, wo die gröbsten Brocken von Hand aussortiert werden. Ein weiteres Sieb hält Steine mit mehr als 25 Millimetern Durchmesser zurück. Der Kies fällt dann in ein Becken, wird dort mit Wasser vermischt und fliesst hernach als schlammige Masse in die Waschpfanne, eine Trommel mit einem Durchmesser von mehr als vier Metern. Diese funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie die einfachen Handpfannen, mit denen die Pioniere des letzten Jahrhunderts ihre Diamanten herauslösten: Die Zentrifugalkraft der drehenden Pfanne treibt das diamanthaltige Konzentrat an den Rand, während das leichtere Material, der Schlamm, in der Mitte bleibt und von dort abfliesst. Carlies Waschpfannen verarbeiten rund 75 Tonnen Kies in der Stunde.
Alle zwei Stunden bringen die Arbeiter das Konzentrat zum Sortieren in die Baubaracke. Nun entscheidet sich, ob am richtigen Ort gegraben wurde. Zügig ziehen die maschinell nach drei Grössen sortierten Steinchen auf einem Fliessband an den Argusaugen von Japie Walters vorbei. Walters, ein 66jähriger Farmer, der seinen Hof verkauft hat, ist Carlie Roos' rechte Hand auf Vaalbosfontein - der Mann, der bestimmt, wo genau der Bagger anzusetzen hat, und auch die gefundenen Diamanten aufbewahrt. Viele Steinchen schimmern, aber Japies geübtes Auge erkennt schnell, ob es sich um Diamanten handelt. Manchmal gibt das Konzentrat tagelang nichts her, dann wird woanders gegraben. «Als Diamantengräber ist man eine Spielernatur», sagt Roos. Zu Hause schaut sich Hannedjie, Carlie Roos' Frau, das Konzentrat dann noch einmal ganz genau an und liest die von Walters übersehenen Kleinstdiamanten heraus. Ein Taschengeld, sagt sie, springe bei dieser Tätigkeit schon heraus.
Vaalbosfonteins Diamanten sind im Durchschnitt zwei bis vier Karat schwer. Der bisher grösste Fund war vergangenen August ein 62-Karat-Stein mit eigenwilliger Tönung. Im Vergleich zum weltweit grössten Fund, dem südafrikanischen Cullinan mit seinen 3106 Karat, ist Carlies Ausbeute bescheiden. Tatsächlich hat man zwischen Vaal und Harts schon Steine von über 100 Karat entdeckt.
Mehr noch als seine schönsten Funde streicht Carlie Roos seine Rolle als Arbeitgeber heraus. Er ist sichtlich stolz darauf, als Paterfamilias für das Wohl einer beträchtlichen Anzahl von Menschen verantwortlich zu sein. Neben Japie Walters beschäftigt Roos 29 schwarze Arbeiter, die alle grosse Familien ernähren. Roos zahlt ihnen, je nach Geschicklichkeit, 100 bis 250 Rand in der Woche; die höheren Löhne kommen dem eines Bergarbeiters in einer der grossen Goldminen nahe. Dazu steht seinen Diamantgräbern eine freie Mahlzeit zu. Zwei Drittel der Belegschaft wohnen - ebenfalls gratis - in Häusern auf seinem ungefähr 30 Kilometer entfernten Hof; die anderen sind bei benachbarten Farmern untergebracht.
Jeweils am letzten Freitag des Monats fährt Carlie Roos zur Diamantenbörse im nahegelegenen Wolmaransstad, um seine kostbare Ware, die er in kleinen, runden Holzröhrchen im Hosensack mitträgt, loszuschlagen. Ihn begleitet Peter Carlstein, der Agent der Lindberghs, der darüber wacht, dass die Lindberghs nicht beschummelt werden, dass sie ihren 15-Prozent-Anteil am Erlös erhalten. Carlstein kennt sich im Diamantengeschäft aus; er hat einst selber in der Nähe von Kimberley eine Untergrundmine betrieben. Die Marktbesuche sind Höhepunkte im Leben jedes der rund 100 Diamantengräber in Westtransvaal; da entscheidet sich, wieweit sich der Einsatz gelohnt hat, was unter dem Strich bleibt. An der Börse tauschen sie ihre Erfahrungen aus, führen einander die besten Steine vor, suchen in Erfahrung zu bringen, wo ein neues Diamantenfeld gepachtet oder gekauft werden kann. Die Diamantenbörse in Wolmaransstad besteht aus vier bescheidenen Bürogebäuden. Darin haben sich rund 60 Schleifer und Händler eingemietet. Auch der Riese De Beers ist vertreten; seine Händler werden mit dem firmeneigenen Flugzeug eingeflogen. Die Diamantgräber ziehen von Büro zu Büro, präsentieren ihre Ware und holen Angebote ein. Manche machen aber auch selber den Preis, und der Händler hat sich in Windeseile zu entscheiden, ob das offerierte «Paket» diesen wert ist.
Ludvig Maizelmann, ein Diamantenexporteur aus Johannesburg, gibt nach einem kurzen Blick auf Carlie Roos' Steine ein offenes Angebot ab. Das heisst, er ist grundsätzlich bereit, die Diamanten zu kaufen, gibt dem Gräber aber die Gelegenheit, sich noch bei anderen Händlern umzusehen. Viele Käufer lassen sich auf derlei Spielchen nicht ein: Ihr Angebot währt nur so lange, wie sich der Verkäufer in ihrem Büro aufhält.
Roos' nächste Station ist Joe Gaddie, ein Johannesburger Schleifer. Gaddie prüft jeden einzelnen Stein und bewertet ihn nach Gewicht, Reinheit und Farbe. Roos' Monatsproduktion von 48 Karat ist ihm 56 230 Rand wert, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Nun gilt es, zu pokern. Carlie Roos kennt Joe Gaddie; seine Preise sind fair. Aber vielleicht braucht Maizelmann dringend Steine, vielleicht zahlt der mehr. Carlie Roos versucht sein Glück. Er habe, sagt er Maizelmann, ein Angebot von über 60 000 Rand für seine 48 Karat. Ob Maizelmann bereit sei, mehr zu bieten? Maizelmann ahnt - oder weiss sogar wohl -, dass ihm Carlie Roos einen Bären aufbindet, aber ihn locken die Steine, die er sich nun genau anschaut. Er rechnet sich aus, dass er auch bei einem Preis von über 60 000 Rand noch einen Profit machen kann. Man einigt sich auf 64 000 Rand. Joe Gaddie, der später von diesem Deal erfährt, schüttelt den Kopf: Maizelmann muss verrückt sein . . .
Roos ist mit dem Preis für seine 48 Karat, berücksichtigt er deren Qualität und die aktuelle Nachfrage, zufrieden, obwohl er deutlich unter dem Durchschnitt für Westtransvaaler Diamanten - 1500 Rand pro Karat - liegt; mehr war nicht herauszuholen. Nicht zufrieden ist er diesmal jedoch mit der Produktionsmenge; in guten Monaten gräbt er 150 bis 250 Karat. Da lohnt sich das Graben, auch wenn 29 Arbeiter bezahlt werden müssen, die Maschinen viel Diesel saufen und die Einkommenssteuern hoch sind. Carlie Roos liebt seine Farm, er möchte sie nicht aufgeben. Aber die Schätze, die im Schwemmlandkies zwischen Vaal und Harts vergraben sind, tragen mehr ein als die Mais- und Erdnussernten auf Doornhoek. Dumm wäre, wer da nicht mitspielte.
Anton Christen ist Südafrikakorrespondent der NZZ.