NZZ Folio 06/95 - Thema: Kokain   Inhaltsverzeichnis

Operation Sisyphos

Die ernüchternde Bilanz des Drogenkriegs.

Von Andreas Heller und Daniel Weber

WEISSES HEMD, STRICKJACKE, STIRNGLATZE: Der Mann entspricht nicht gerade dem Bild des coolen Cops aus «Miami Vice». Sein Äusseres ist unauffällig. Keiner sieht ihm auf den ersten Blick an, dass er ein ausgebildeter Nahkämpfer und ausgezeichneter Schütze ist, der einst in den Strassen amerikanischer Grossstädte Drogendealer jagte. Mehr als zwanzig Jahre ist er mittlerweile in diesem Beruf; zwanzig Jahre, in denen er vom draufgängerischen Drogenfahnder zum nüchternen Analytiker geworden ist.

Wie alles anfing? «Noch Ende der siebziger Jahre», erinnert er sich, «war die Beschlagnahmung von 10 Kilo Kokain ein grosser Fall. Dann kamen plötzlich Ladungen von 100 Kilo, von 1000 Kilo. Was wir auch taten: Es kam einfach immer mehr von diesem Zeug.» Der Mann greift sich einen Zettel, zeichnet mit sicherem Strich die Umrisse der Vereinigten Staaten, darauf vier Kreuze: Miami, Los Angeles, New York und Houston, die Städte, in denen alles begann. Weitere Kreuze markieren den Vorstoss der Kokainkartelle in den achtziger Jahren: Detroit, Chicago, Alaska, North Carolina, South Carolina. Er zeichnet Verbindungslinien, Pfeile: die Schmuggelrouten vom Süden in den Norden. Mit gespreizten Fingern beschreibt er einen grossen Bogen: «Heute wissen wir, dass nach dem genau gleichen Muster in Europa der Kokainabsatz organisiert wird. Es ist dieselbe Strategie, und es sind dieselben Leute, die damals die grossen Drogendealer in Florida waren: die Gebrüder Rodríguez Orejuela, die Köpfe des Cali-Kartells.»

Der Mann, der - wie es sich für dieses Metier gehört - seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, weiss, wovon er redet. Der Drogenkrieg ist Teil seiner Biographie: Seit der Gründung im Jahre 1973 gehört er zur amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA), die mit ihren 3500 Spezialagenten, den 400 Analysten und den 300 in 50 Ländern stationierten Verbindungsleuten in der weltweiten Drogenfahndung den Ton angibt. Als Agent arbeitete er in New York, Washington und Miami. «Ja, auch undercover; ja, es gab auch einige Schiessereien.» Auf persönliche Fragen antwortet er einsilbig.

Als Mitglied der 1982 formierten South Florida Task Force war der DEA-Agent einer Mordkommission zugeteilt, wo er sich anhand der Opfer ein präzises Bild der Frontverläufe zwischen den um Marktanteile rivalisierenden Drogenbanden - Exilkubaner, Panamaer und Kolumbianer aus Medellín und Cali - machen konnte. Und noch hat er im Ohr, wie der damalige Vizepräsident George Bush 1982 vor einer Bürgerversammlung in Miami, die von der Regierung eine härtere Gangart gegen die zunehmende Gewalttätigkeit auf den Strassen verlangte, deklamierte: «Allen, die Verbrechen begehen und sich der Gewalt hingeben, sagen wir eines: Das amerikanische Volk hat grosse Geduld, aber diese Geduld ist nun erschöpft.»

DIE STRATEGIEN DES DROGENKRIEGS. Zehn Jahre zuvor hatte die amerikanische Regierung noch nicht in erster Linie die Kokaindealer im Visier gehabt. Die von Präsident Richard Nixon eingesetzte National Commission on Marijuana and Drug Abuse, die die Grundlagen zur Drogenbekämpfung bereitstellen sollte, konzentrierte sich auf Marihuana und Heroin. Zu jener Zeit schmuggelte Pablo Escobar aus Medellín noch Alkohol und Zigaretten. Erst in den ausgehenden siebziger Jahren erblühte das Geschäft der Kolumbianer mit Kokain, das leichter zu transportieren und bei weitem profitabler war als Marihuana, dessen Produktion in Kolumbien - auf Druck der USA - massiv zurückging.

Die Task Force, die Präsident Ronald Reagan in den feierlich erklärten «War on Drugs» schickte, trat an mit dem Ziel, dem sich vor allem in Florida ausbreitenden Kokainhandel Einhalt zu gebieten. Im Einsatz stand ein Grossaufgebot von Agenten der DEA, des FBI und der CIA, standen Beamte der Zollfahndung, der Küsten- und der Grenzwache, Steuer- und Geldwäschereispezialisten des Schatzamtes sowie eine ganze Reihe von Bundesrichtern zur Bewältigung der im Anschluss an die Kokainwelle erwarteten Prozessflut. Die Task Force erhielt Unterstützung von der US-Navy, die Schnellboote, Kriegsschiffe und Überwachungsflugzeuge zum Grenzschutz, aber auch für den Einsatz an der Küste in den Hoheitsgewässern der lateinamerikanischen Produzentenländer abdetachierte.

Neben der Jagd nach Kokaindealern im Inland und dem verstärkten Grenzschutz zu Wasser, zu Lande und in der Luft gehörten Operationen, die direkt die Produzenten in den Anbauländern ins Visier nahmen, von Beginn weg zur Strategie des von Präsident Reagan ausgerufenen Feldzugs gegen die «tödliche Bedrohung der nationalen Sicherheit der USA»: DEA-Agenten und militärische Berater wurden nach Bolivien, Peru und Kolumbien entsandt. Und die Erfolgsmeldungen liessen nicht lange auf sich warten.

In der Operation Hochofen («Blast Furnace») liessen die US-Militärinstruktoren zusammen mit der bolivianischen Polizei reihenweise Kokainlabors in Chapare in Flammen aufgehen; in Florida füllten sich die Gefängniszellen ebenso wie die Lager für das tonnenweise beschlagnahmte Marihuana und Kokain. Eine eindrückliche Kulisse für den Medienauftritt Präsident Reagans, der vor der Beute posierte und die Task Force schon nach sechs Monaten als «leuchtendes Beispiel» rühmte.

DAS ENDE DER ILLUSIONEN. Bereits die nächsten Jahresberichte der Drogenstatistiker zeigten jedoch, dass auch die spektakulärsten Erfolge der Drogenfahnder nicht mehr als Nadelstiche gegen die Dealer gewesen sein konnten. «Wir gewinnen Schlachten, aber sie gewinnen den Krieg», resümierte ein desillusionierter DEA-Agent die bittere Wahrheit. Nicht jeder war so leicht zu fassen wie der Mann, der in Miami einen Ferrari für 345 000 Dollar kaufte und bar bezahlte - mit lauter Zwanziger- und Fünfzigerscheinen. Was man sich erhofft hatte - eine signifikante Reduktion der Drogenmenge, was die Preise steigen und die Nachfrage sinken lassen würde -, trat jedenfalls nicht ein. Im Gegenteil: Hatte 1982 ein Kilo Kokain in Miami noch 60 000 Dollar gekostet, war es 1987 für 14 000 Dollar zu haben - und überdies in einem bedeutend höheren Reinheitsgrad.

Die USA wurden mit Kokain überschwemmt, die Händler erschlossen neue Märkte und lancierten neue Produkte: Crack eroberte die Innenstädte der Metropolen und heizte das Klima der Gewalt weiter an. «Das einzige Gesetz, das die Narcoterroristen nicht brechen», sagte der kolumbianische Präsident Virgilio Barco, «ist das Gesetz von Nachfrage und Angebot.» Und wo das grosse Geld zu verdienen war, fehlte es nicht an Leuten, die Kopf und Kragen riskierten. Ein Transport mit dem Schnellboot konnte 100 000 Dollar, eine grössere Lieferung mit dem Sportflugzeug 1,5 Millionen Dollar einbringen.

Sowenig es gelang, die amerikanischen Grenzen gegen den Drogenimport abzuschotten, sowenig brachten die Massnahmen in den Anbaugebieten. Leuchtendes Beispiel dafür: die Bekämpfung des Kokaanbaus mit Herbiziden. Wie in den siebziger Jahren im Kampf gegen die Marihuanaplantagen in Mexiko hofften die USA zunächst, das Problem mit der chemischen Keule erledigen zu können. Doch die Kokapflanze, das wuchernde Gewächs, erwies sich als weitaus resistenter. Aggressivere Spritzmittel waren nötig, Herbizide, die aber nicht nur die Kokapflanzungen zerstörten, sondern auch den Boden und das Wasser vergifteten und die Gesundheit der betroffenen Bauern schädigten. Die bolivianische Regierung beschloss, auf weitere Sprühflüge zu verzichten. Aber selbst erfolgreiche Zerstörungsaktionen gegen Kokapflanzungen hatten immer nur zur Folge, dass sofort anderswo neue Plantagen angelegt wurden.

Der ernüchternden Bilanz zum Trotz mobilisierte Reagans Nachfolger George Bush weitere finanzielle Mittel für den Kampf gegen das Drogenproblem. Während seiner vierjährigen Amtszeit erhöhten sich die Gesamtausgaben für die amerikanische Drogenpolitik von 4,5 auf 12 Milliarden Dollar. 1990 bekräftigten die USA, Kolumbien, Peru und Bolivien in Cartagena ihren Willen, das Drogenproblem gemeinsam anzugehen. Sie verabschiedeten ein 2,1 Milliarden Dollar schweres Fünfjahresprogramm, mit dem alternative Kulturen in den Kokagebieten gefördert und die Wirtschaft der Andenländer entlastet werden sollte - eine politische Initiative, die ebensowenig Wirkung auf das Kokainangebot hatte wie die spektakulär inszenierten Erfolge von Polizei und Armee im Drogenfeldzug der Bush-Ära, der am 20. Dezember 1989 mit der militärischen Intervention in Panama und der Aburteilung von General Noriega wegen Drogenhandels seinen Höhepunkt erreichte.

Präsident Bush feierte die Panama-Invasion als «bedeutenden Meilenstein» im Kampf gegen den Rauschgifthandel. Dennoch ist seit der Verhaftung Noriegas die Summe der in Panama gewaschenen Narcodollars ebenso wie die Menge des beschlagnahmten Kokains weiter angestiegen. Die Panama-Invasion gilt heute als klassisches Beispiel für die Zielkonflikte von aussenpolitischen Interessen der USA, innenpolitischer Rhetorik und Drogenrepression. Längst war General Noriega den amerikanischen Behörden als Statthalter und Geldwäscher der Drogenmafia bekannt gewesen. Er war genau so lange unbehelligt geblieben, wie er der CIA im Kampf gegen die Sandinisten in Nicaragua gute Dienste geleistet hatte. In dieses Bild passten die Enthüllungen, dass Angehörige des Medellín-Kartells die Contra-Rebellen mit Waffen versorgten - um auf dem Rückflug via Nicaragua Kokain in die USA zu transportieren, mit stillschweigender Duldung der CIA.

DIE SCHWEIZ-CONNECTION. Über die Irrwege der Drogenbekämpfung will der Mann von der DEA nicht klagen. In der amerikanischen Botschaft in Bern sitzt er an einem Tisch und zeichnet weiter auf seinen Zettel, um seine Worte zu verdeutlichen. Viele seiner Kollegen sind ausgestiegen, zahlreiche haben sich korrumpieren lassen, einige sind umgekommen. Wer dabeibleibt, tut es aus Überzeugung. «Ich habe meinen Beruf nie als blossen Job verstanden», sagt er, «sondern als Berufung, als moralische Verpflichtung. Denn können wir es zulassen, dass die Drogenhändler unbehelligt ihr Geschäft mit der Sucht betreiben, dass sie Politik und Justiz unterwandern, dass sie die Schwächen unserer Gesellschaft so schamlos ausnützen?»

Loyal akzeptierte er vor sechs Jahren seine Versetzung von den Strassen Miamis in das Dreimannbüro der DEA-Aussenstelle Schweiz. Als Verbindungsmann besteht seine heutige Tätigkeit im Sammeln und Auswerten von Informationen sowie in der Zusammenarbeit mit den Schweizer Behörden. Nicht mehr Pistole und Handschellen sind seine wichtigsten Arbeitsinstrumente, sondern Telefon und Computer. Mit ihm kann der Polizist rund um die Uhr die einschlägigen Datenbanken anzapfen - das riesige Gedächtnis der DEA.

3,5 Millionen Namen, die im Zusammenhang mit Drogenfällen eine Rolle gespielt haben, sind in der Datenbank «Naddis» (Narcotics and Dangerous Drugs Information System) gespeichert, dazu Organigramme von Drogen- und Schlepperorganisationen, die Kennzeichen ihrer Lastwagen, Schiffe und Transportflugzeuge, Listen und Kontonummern von Finanz- und Handelsgesellschaften. Seit einem Jahr ermöglicht das Programm «DrugX» den DEA-Agenten auch den Zugriff auf weitere 4,2 Millionen Namen in den Datenbanken des FBI.

Dank ihrem weltweiten Netz von Verbindungsbeamten und dem immensen Informationsmaterial - aus Pablo Escobars Finca wurden die Dokumente gleich lastwagenweise abtransportiert - ist die DEA heute Schaltstelle bei praktisch allen internationalen Drogenermittlungen. Entsprechend hoch werden ihre Dienstleistungen von den Behörden aller Länder geschätzt, wenn auch bisweilen Kritik an der Verlässlichkeit der Daten geäussert wird. Doch wesentlich schneller als die bürokratische Interpol ist die DEA allemal. Für die Amerikaner ihrerseits ist der Informationsaustausch vor allem von Interesse, wenn es um internationale Fälle geht, von denen die USA selbst betroffen sind. In der Schweiz sind das vor allem Ermittlungen im Zusammenhang mit Geldwäscherei.

«Die Amerikaner haben natürlich auch gemerkt, dass es nichts bringt, dem Stoff nachzurennen. Produktionsprobleme für Kokain gibt es keine, und der Markt lässt sich nicht austrocknen», sagt Peter Cosandey, Leiter der Zürcher Bezirksanwaltschaft IV und damit zuständig für internationale Rechtshilfegesuche. «Die DEA hat erkannt, dass das Geld der entscheidende Ansatzpunkt ist. Die Drogenkartelle sind nach betriebswirtschaftlichen Regeln organisiert wie multinationale Konzerne. Man trifft sie am empfindlichsten, wenn man ihr Finanzsystem stört, sie in Liquiditätsprobleme bringt.» Die Strategie leuchtet ein. Doch sind die Behörden bis jetzt weit davon entfernt, auch nur eines winzigen Bruchteils der Milliarden habhaft zu werden, die jährlich aus dem Drogenhandel ins internationale Finanzsystem eingespeist werden: Die Financial Action Task Force, der alle Mitglieder der OECD angehören, schätzt, dass weltweit jährlich 100 Milliarden Dollar aus dem Drogenschmuggel gewaschen werden.

Seit der Einführung des Melderechts bei verdächtigen Transaktionen im August 1994 haben sich die Schweizer Banken etwa in einem Dutzend Fälle an die Bezirksanwaltschaft IV, die in Zürich zuständige Meldestelle, gewandt. Wegen Geldwäscherei verurteilt wurden bisher jedoch erst ein paar kleine lokale Fische, wie Cosandey einräumt: «Bis ein weit verzweigter Fall nur schon anklagereif ist, dauert es Jahre.» Allein die Abklärung, woher beispielsweise ein Betrag auf ein Konto in New York floss, bevor er in die Schweiz transferiert wurde, könne auf dem Rechtsweg Monate dauern.

Dringlich ist für Cosandey darum der schnelle Austausch von Informationen - ein Anliegen auch der Zentralstelle im Bundesamt für Polizeiwesen, die die Zusammenarbeit mit dem Ausland koordiniert. Sie hat in diesem Frühjahr zwar ihre beiden ersten eigenen Verbindungsleute in Washington und bei der Interpol in Lyon stationiert; der Nachholbedarf, was Personal und Infrastruktur angeht, ist aber laut Rudolf Wyss, Leiter des Zentralpolizeibüros, längst nicht gedeckt. Und zu den grössten Schwächen gehört für ihn, dass in der Schweiz der Einsatz verdeckter Ermittler rechtlich noch immer nicht verbindlich geregelt ist.

DER V-MANN ALS GEHEIMWAFFE. Noch langsamer als die Mühlen der Justiz mahlen jene der eidgenössischen Politik, und so hat sich auch bei der verdeckten Fahndung eine je nach Kanton mehr oder weniger zurückhaltende Praxis eingebürgert. Der Kanton Tessin etwa hat dank dem Einsatz von Undercover-Agenten mehrere Fälle mit Erfolg abgeschlossen. Der gewichtigste war im Jahr 1987 der Fall der «Libanon-Connection», als es einem Informanten der Tessiner Polizei und einem Agenten der DEA gelang, in ein Netz der libanesisch-türkischen Heroinmafia einzudringen.

Dick Marty, der damalige Staatsanwalt des Sopraceneri, ist überzeugt, dass traditionelle Fahndungsmethoden in diesem Fall überhaupt nichts gebracht hätten. Wolle man nicht nur die kleinen Dealer auf der Strasse erwischen, müsse man verdeckt ermitteln, sagt Marty, der seinerzeit für seine Verdienste von der DEA mit einem Orden ausgezeichnet wurde. Heute spart er nicht mit Kritik an der repressiven Drogenstrategie. «Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben: die bisherige Politik war eine einzige Pleite.»

Für die DEA gehört der Einsatz von V-Männern, Lockvögeln, Maulwürfen und Informanten längst zum kleinen Einmaleins der Drogenfahndung. «Man muss in die Organisation eindringen, selbst Teil von ihr werden, um die Organisationsleiter Stufe für Stufe emporsteigen zu können», sagt der Mann von der DEA. Mehr und mehr bedient sich die DEA gar des Tricks, dass sie den Drogenproduzenten und -händlern eine ganze Infrastruktur offeriert: Labors, Transportunternehmen, Wechselstuben und Scheingesellschaften. «Gerade bei Geldwaschoperationen ist es wichtig, dass man der Spur während ein bis zwei Jahren folgen kann, um so die Finanzseite des Drogengeschäfts aufzuschlüsseln.» Denn die Spur des Geldes verbindet alle wichtigen Partner des Geschäfts.

Ein gern zitiertes Beispiel für eine solche Infiltration ist die 1992 beendete Operation «Green Ice», die zur Verhaftung von 200 Personen führte und eine Beute von 55 Millionen Dollar und 700 Kilogramm Kokain brachte. Acht Länder auf beiden Seiten des Atlantiks hatten sich an den Ermittlungen mit «Undercover-Geldwäschern» beteiligt.

DER ZUKUNFTSMARKT EUROPA. «Wir werden nicht ruhen, bis die Zeit der Dealer vorbei ist, für immer.» Mit diesen Worten bekräftigte Präsident Bush 1991 die auf Repression gegründete Drogenstrategie, die die USA auch in den ausgehenden neunziger Jahren verfolgen werden. Seit 1981 ist das Budget der Drogenkrieger von 1,5 auf 13,3 Milliarden Dollar gestiegen, wobei sich das Verhältnis der Ausgaben für Polizeimassnahmen (70 Prozent) zu denen für Prävention und Therapie (30 Prozent) nicht entscheidend geändert hat.

Auch unter dem demokratischen Präsidenten Bill Clinton wird der bisherige Kurs beibehalten. Er räumt zwar dem Drogenkrieg nicht erste Priorität ein und verzichtet weitgehend auf Versprechungen, die dann doch nicht eingehalten werden können; aber für das Drogenbudget 1996 verlangt die Clinton-Administration eine weitere Erhöhung um 10 Prozent auf 14,6 Milliarden Dollar. Als «Rezept für den Erfolg» wird der Budgetantrag den Kongressabgeordneten schmackhaft gemacht. Gegen 60 Bundesstellen quer durch die verschiedenen Departemente nehmen an der Drogenbekämpfung teil. Jedes Jahr werden mehr Drogenhändler verhaftet, werden mehr Drogengelder konfisziert, werden grössere Drogenmengen beschlagnahmt - weltweit zurzeit mehr als 300 Tonnen Kokain. Soweit die Erfolgsmeldungen der Polizei.

Dagegen die Erfolgsbilanz der Kokainkartelle: In 15 Jahren haben sie die Produktion verdreifacht, den Preis ihrer Ware um 75 Prozent gesenkt und ihre Vertriebsorganisation derart perfektioniert, dass die Transporteure von Cali inzwischen schon Versicherungen gegen den Verlust von Schmuggelware anbieten. Polizeimassnahmen scheinen das Geschäft nicht mehr ernstlich zu gefährden. Ob die Operationen unter Namen wie «Green Ice», «Polar Cap», «Blast Furnace», «Tango» oder «Golden Bear» laufen: sie könnten alle Operation Sisyphos heissen.

Nun, da der eine Markt die Sättigungsgrenze erreicht hat, wird der neue nach allen Regeln der Kunst bearbeitet. 1980 wurden in Europa 240 Kilo Kokain beschlagnahmt, 1989 waren es 6 Tonnen, 1990 bereits 13 Tonnen und 1994 schliesslich 23 Tonnen - ohne dass es dadurch zu spürbaren Lieferengpässen gekommen wäre. Da die Kokainbosse clevere Geschäftsleute sind, wird sich in der Alten Welt genau das wiederholen, was sich in den Vereinigten Staaten in den letzten zehn Jahren abgespielt hat. Die Anzeichen sind unübersehbar: der Siegeszug des Cali-Kartells hat auch in Europa begonnen.

Wiederholen wird sich auch auf politischer Ebene die gegenseitige Schuldzuweisung zwischen Produzenten- und Konsumentenländern. Das ohnehin belastete Verhältnis zwischen den USA und Lateinamerika wurde dadurch in den vergangenen Jahren zusätzlich strapaziert, in Europa ist ähnliches absehbar. Im vergangenen März hat der kolumbianische Präsident Ernesto Samper in Gesprächen mit Vertretern der Europäischen Kommission in Brüssel festgestellt, dass es keine Kokainproduktion gäbe, wenn der Stoff nicht konsumiert würde. Darum müsse das Problem in Europa gelöst werden und nicht in Kolumbien. Samper forderte die europäischen Politiker auf, die Grenzkontrollen zu verschärfen und mehr Mittel einzusetzen für Prävention, internationale Polizeiarbeit und die Unterstützung der Kokabauern, um ihnen einen Anreiz zu geben, alternative Produkte anzubauen. Die Empfehlungen kommen einem bekannt vor - auch dem DEA-Verbindungsmann in Bern.

Diesen Sommer, sagt er, werde er seine Mission in der Schweiz beenden und zurück in die USA versetzt. Ein neuer Mann wird kommen. Einer, der seine Arbeit ebenfalls nicht als Job, sondern als Mission versteht.

Und in ein paar Jahren wird er auf einen Zettel die Umrisse von Europa zeichnen, darauf ein paar Kreuze: Galicien, Barcelona, Amsterdam, Hamburg - Küsten und Hafenorte, über die Anfang der neunziger Jahre grosse Kokainlieferungen den alten Kontinent erreichten. «Dann ging es sehr schnell», wird der Mann sagen. Rostock, Antwerpen, Le Havre, Southampton, Mailand, Frankfurt, Athen, Teneriffa, Moskau, Petersburg, Danzig, Wien, Zürich - immer mehr Kreuze, ein immer engeres Verbindungsnetz wird er auf seinen Zettel zeichnen, Schiffsrouten, Landrouten, Flugrouten. Er wird sagen: «Was wir auch taten: Es kam einfach immer mehr von diesem Zeug.»




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