NZZ Folio 01/95 - Thema: Prognosen   Inhaltsverzeichnis

Wie aus heiterm Himmel

Warum Erdbebenprognosen so schwierig sind.

Von Herbert Cerutti

AM SPÄTEN VORMITTAG des 4. Februar 1975 forderte die Lokalbehörde von Haicheng die Bevölkerung auf, die Häuser und Fabriken zu verlassen und ins Freie zu gehen. Am Abend wurden der wartenden Menge auf einem grossen Platz Unterhaltungsfilme gezeigt. Mitten im zweiten Film, um 19 Uhr 36, verloren die Leute den Boden unter den Füssen - ein gewaltiges Erdbeben von der Magnitude 7,3 hatte die 500 Kilometer nordöstlich von Peking gelegene Stadt gepackt. Ein Erdbeben der Magnitude 7 setzt die Energie von 10 Hiroshima-Atombomben frei, eines der Magnitude 8 bereits 30mal mehr. Neben umfangreichen Gebäudeschäden waren 1300 Tote zu beklagen. Ohne die präventive Evakuation wären vermutlich 100 000 Menschen unter der einstürzenden Stadt begraben worden.

Haicheng machte international Furore. Denn erstmals war es den chinesischen Seismologen gelungen, Ort und Zeitpunkt eines grösseren Erbebens ziemlich genau vorherzusagen.

Ihren Anfang hatte die Erfolgsstory 1966 genommen, als nach mächtigen Beben in Xingtai mit 8000 Todesopfern Tschou En-lai persönlich ins Katastrophengebiet reiste. Überlebende erzählten dem Premierminister, wie bereits Tage vor dem Erdbeben zahlreiche kleinere Erschütterungen aufgetreten, wie Brunnen und Quellen versiegt waren, wie Tiere in den Stunden vor der Katastrophe ein seltsames Verhalten gezeigt hatten. Die Möglichkeit einer brauchbaren Erdbebenprognose vor Augen, verordnete der Staatsmann dem Land ein intensives Beobachtungsprogramm. Bald schon überzog ein Netz von 300 seismischen Observatorien den chinesischen Erdbebengürtel - eine geologische Bruchzone, die sich von der Provinz Yunnan am Ostrand des Himalaja bis nach Heilongjiang im Nordosten des Landes erstreckt.

Da die Zentralregierung - allen voran der Vorsitzende Mao - den Wissenschaftern nur beschränkt traute, wurde ausserdem ein Heer von Amateurbeobachtern geschaffen. So waren 1972 in China 5000 Volksobservatorien mit über 100 000 «Barfuss-Seismologen» in Betrieb. Sie registrierten mit selbstgebastelten Magnetometern Änderungen im Erdmagnetfeld, stellten zur Erfassung von Vorbeben leere Flaschen umgekehrt auf den Boden, beobachteten die Wasserführung der Quellen, hielten ein waches Auge auf das Verhalten der Haustiere, suchten am Himmel nach seltsamen Wolken, horchten nach ungewöhnlichen Geräuschen im Boden und schnüffelten, ob es in der Gegend plötzlich nach Schwefel und Knoblauch roch.

In Haicheng hatten sich bereits ein Jahr vor dem Erdbeben ungewöhnliche tektonische Bewegungen gezeigt. Im Grundwasser traten hohe Konzentrationen von Radongas auf, Wasserquellen versiegten, und Schlangen erwachten aus dem Winterschlaf. Als in der Nacht und gegen Morgen des Katastrophentages stündlich gegen hundert kleinere Erschütterungen passierten, warnten die Fachleute der lokalen seismischen Station die Behörden, dass sich demnächst in der Gegend ein grösseres Erdbeben ereignen könnte.

Die geglückte Prognose von Haicheng war für China ein beispielloser Triumph, und jede vorher noch so subtil geäusserte Kritik an ihrer Aussagekraft musste verstummen. Kritik war jedoch insofern berechtigt, als den seriösen Wissenschaftern nicht verborgen bleiben konnte, dass im geologisch unruhigen Gebiet die registrierten geophysikalischen Parameter keine zuverlässige Unterscheidung zwischen Erdbebenvorläufern und harmlosen tektonischen Signalen erlaubten. Und die zahllosen Amateurbeobachtungen bedeuteten für das Staatliche Seismologische Büro nicht nur eine kaum zu bewältigende Datenflut, die Informationen der Amateure waren auch wenig tauglich, da sie fast immer erst nach dem Beben gemeldet wurden.

Die Prognostik-Euphorie erhielt ihren Dämpfer am 28. Juli 1976. An jenem Tag, nur achtzehn Monate nach dem Erdbeben von Haicheng, sank 150 Kilometer vor den Toren Pekings die Industriestadt Tangshan in Trümmer. Zwei schwere Erdstösse zerstörten über 80 Prozent der Gebäude, forderten vermutlich mehr als eine halbe Million Menschenleben (China gab das wahre Ausmass der Katastrophe nie bekannt), und die zahlreichen Nachbeben zwangen während Wochen 30 Millionen Menschen der weiteren Region zum Leben in Notunterkünften und Zelten. Warum in Tangshan nicht gelang, was kurz vorher in Haicheng möglich gewesen war, ist bis heute umstritten. Ein Teil der Fachleute ist der Meinung, dem Tangshan-Erdbeben seien keine deutlichen Anzeichen vorangegangen. Andere vertreten die Ansicht, entsprechende Hinweise - etwa ein markantes Sinken des Grundwasserspiegels in den Monaten vor dem Beben - hätten sehr wohl bestanden, die Daten seien jedoch von den Experten nicht richtig interpretiert worden. Aus welchem Grund auch immer: Eine Erdbebenwarnung war in Tangshan nicht erfolgt.

In den USA hatte die erfolgreiche Haicheng-Prognose ähnlich gewirkt wie zwei Jahrzehnte zuvor der Start des russischen Sputnik; die westliche Weltmacht sah sich erneut vom Erfolg eines politischen Gegenspielers überrumpelt. Was China mit seiner rückständigen Technik fertigbrachte, musste doch auch der führenden Forschernation für ihr erdbebengeplagtes Kalifornien gelingen. Der amerikanische Kongress bewilligte umgehend ein nationales Programm zur Erforschung und zur Vorhersage von Erdbeben und beauftragte den U. S. Geological Survey mit der simpel lautenden Aufgabe, «Zeit, Ort und Magnitude zerstörerischer Erdbeben vorherzusagen». Seismologen, Geologen, Petrologen und Computerspezialisten machten sich mit einem Budget von jährlich über 40 Millionen Dollar ans Werk.

Das Erdbebenrisiko in den USA konzentriert sich in Kalifornien, und dort besonders im Gebiet, wo sich die Pazifische Platte nordwestwärts an der Nordamerikanischen Kontinentalplatte vorbeischiebt. Die Reibungskante zieht sich als San-Andreas-Bruch 1200 Kilometer vom Golf von Kalifornien an Los Angeles vorbei und durch San Francisco nordwärts. Die Geschwindigkeit der Verschiebung beträgt sechs Zentimeter pro Jahr. Erfolgt diese Bewegung an manchem Ort der Bruchlinie mehr oder weniger kontinuierlich, haken sich die Erdplatten an anderer Stelle ineinander fest - bis die Zugspannung zu gross wird und sich der aufgestaute Wandertrieb als Erdbeben entlädt. Man kann nun leicht nachrechnen, dass dort, wo die Plattenbewegung blockiert ist, nach mehreren Jahrzehnten ein Schub von etlichen Metern fällig wird.

Im Jahre 1906 stürzte ein Erdbeben mit der Magnitude 7,8 San Francisco ins Chaos und riss mehr als 3000 Menschen in den Tod. Zur eigentlichen Katastrophe wurde dabei weniger die mechanische Erschütterung als das Flammeninferno, das infolge geborstener Gasleitungen drei Tage lang wütete. Da Löschwasser wegen des ebenfalls zerstörten Wassernetzes fehlte, blieb den Rettungsmannschaften nichts anderes übrig, als brennende Häuser mit Dynamit wegzusprengen.

1983 waren die kalifornischen Erdbebenspezialisten so weit, eine erste konkrete Prognose zu riskieren. Die Fachleute stützten sich auf die Hypothese, dass sich grosse Erdbeben in Kalifornien immer am San-Andreas-Bruch ereignen. Sie unterteilten den Bruch in einzelne Abschnitte und berechneten für jedes Segment die Wahrscheinlichkeit künftiger Beben, indem sie im Einzelsegment nach statistischen Regelmässigkeiten früherer Erdbeben suchten.

Dabei sprang ihnen eine Zeitreihe der Gegend von Parkfield, einem kleinen Nest auf halbem Weg zwischen San Francisco und Los Angeles, ins Auge. Dort hatten sich 1857, 1881, 1901, 1922, 1934 und 1966 Erdbeben ereignet. Und aus den entsprechenden Zeitintervallen von 24, 20, 21, 12 und 32 Jahren berechneten die Experten eine mittlere Wiederholungszeit von 21,8 Jahren, mit einem Fehler von plus/minus 5 Jahren. Die berühmte «Parkfield prediction» war geboren: «Mit 95prozentiger Wahrscheinlichkeit wird in Parkfield zwischen 1983 und 1993 die Erde mit einer Magnitude zwischen 5,5 und 6 beben», verkündeten die Prognostiker.

Wohl noch nie in der Geschichte der Erdbebenforschung war ein Erdbeben herbeigewünscht worden. Im Falle von Parkfield wünschte man es sich. Aber Ende 1993 lag der Ort so verschlafen da wie die Jahrzehnte vorher. Dafür hatte 1989 im direkt vor den Toren von San Francisco gelegenen Loma Prieta ein Erdbeben der Magnitude 7,1 einen Schaden von 6 Milliarden Dollar angerichtet. Und am 17. Januar 1994 suchte ein Erdbeben Northridge in der Nähe von Los Angeles heim, mit einem Rekordschaden von 20 Milliarden Dollar. Dabei war es Glück im Unglück, dass sich dieses Beben um 4 Uhr 31 morgens ereignete und deshalb die kollabierenden Autobahnbrücken und Einkaufszentren weniger als 60 Menschenleben forderten.

Für die kalifornischen Erdbebenforscher wurde die Tatsache zum Desaster, dass sie noch 1988 für Loma Prieta ein Erdbebenrisiko von weniger als 5 Prozent für die nächsten 30 Jahre vorhergesagt hatten. Aber auch das Northridge-Erdbeben stand völlig quer in der Prognoselandschaft, denn der Ort liegt nicht einmal auf dem San-Andreas-Bruch und war bisher seismisch gänzlich unverdächtig gewesen. Das kalifornische Orakel machte sich darüber hinaus auch im Ausland unmöglich: Brian Brady und William Spence, zwei beim Staat angestellte Geophysiker, hatten für den Zeitraum Juni bis September 1981 eine Serie von drei grossen Erdbeben für die Küste von Peru vorhergesagt. Erst als in den Monaten vor dem ominösen Termin die Leute in Lima in Panik gerieten und der peruanische Präsident bei der US-Regierung intervenierte, distanzierte sich der Nationale Rat für Erdbebenprognostik (halbherzig) von der Peru-Vorhersage. Wie die Parkfielder blieben auch die Peruaner bisher vom seismischen Zorn verschont.

So ging es nun wirklich nicht. Heute sind Erdbebenprognosen in der amerikanischen Forschung out. Man hat erkannt, dass sich die Beben in Kalifornien nicht brav an die bekannte Struktur der tektonischen Bruchzone halten und sich der geologische Untergrund laufend und meist unbemerkt umformt. Auch die chinesischen Prognostiker haben ihren Optimismus weitgehend verloren. Sie sprechen zwar noch immer von erhöhten Erdbebenrisiken für gewisse Gebiete; genauere Aussagen über Ort und Zeit künftiger Beben werden heutzutage jedoch nicht mehr gemacht.

Was meint Dieter Mayer-Rosa, der Chef des Schweizerischen Erdbebendienstes, zur prinzipiellen Möglichkeit von Erdbebenprognosen? Schaut man, wo überall in der Vergangenheit grosse Erdbeben auftraten, zeigt sich auf der Weltkarte eine sehr deutliche Struktur: Über 95 Prozent aller Erdbebenherde liegen an den Rändern der Kontinentalplatten. So zieht sich ein Ring geologischer Unrast rund um den Pazifik, wo sich die den Meeresboden bildende Pazifische Platte an den Rändern der umliegenden Kontinente reibt oder wo sie viele hundert Kilometer tief unter die auf dem zähflüssigen Erdinnern treibenden Kontinente abtaucht. Hier liegen auch auf einem «Feuergürtel» zahlreiche Vulkane, von Alaska bis nach Chile und von Neuseeland bis nach Japan. Chronisches Erdbebengebiet ist ausserdem der Mittelmeerraum an der Grenze zwischen Eurasischer und Afrikanischer Platte sowie in Europa der Rheingraben, wo die Erdkruste grossflächig zusammensackt. Am Rheingraben passierte anno 1356 das grosse Erdbeben von Basel.

An derartigen tektonischen Schwachstellen können sich Erdbeben sehr wohl durch charakteristische Veränderungen ankündigen. Nur wissen wir heute über solche Erdbebenvorläufer noch viel zu wenig, um daraus zuverlässige Prognosen ableiten zu können. Vielversprechende Kandidaten für brauchbare Erdbebenprognosen sind subtile Verformungen der Erdoberfläche, wie man sie bereits bei manchen Vulkanen zur erfolgreichen Vorhersage von Eruptionen nutzt. Hier verspricht man sich wesentliche Fortschritte vom Einsatz des GPS, des Global Positioning System, das nun ein rasches und zentimetergenaues Vermessen der Erdoberfläche mit Hilfe von Satellitenfunksignalen erlaubt. Für künftige Erdbebenprognosen geeignet scheint auch das Registrieren von Erdgasen (etwa Radon), die beim Entstehen geologischer Mikrorisse dem Untergrund entweichen. Ebenfalls Hinweise auf bevorstehende Grossbeben liefert die Analyse der räumlichen und zeitlichen Entwicklung der Erdbebentätigkeit in einem bestimmten Gebiet - trotz dem Fiasko dieser Art von Analysen in China und Amerika. Denn ein Gap, das ungewöhnlich lange Ausbleiben grösserer seismischer Aktivität in einem chronischen Erdbebengebiet, kann sehr wohl ein Aufbauen tektonischer Spannung bedeuten. Oder Clustering, ein Zusammenrücken der räumlichen Verteilung von Mikrobeben in einem bestimmten Gebiet, mag ein signifikanter Hinweis auf eine bevorstehende grosse Spannungsentladung sein.

Soweit der Experte des Schweizerischen Erdbebendienstes. Die derzeitige Skepsis gegenüber Erdbebenvorhersagen hält indes einzelne Vertreter der Branche nicht davon ab, mit gewagten Prognosen zu hausieren. So wollen um 1980 die Griechen Varotsos, Alexopoulos und Nomikos entdeckt haben, dass sich das elektrische Selbstpotential der Erde gelegentlich kurzzeitig ändert. Sie führten solche Schwankungen auf Spannungsänderungen im Gestein zurück und deuteten dies als Vorboten grosser Erdbeben.

Die (wegen der Anfangsbuchstaben ihrer Namen) als VAN-Gruppe bekannt gewordenen Forscher überzeugten die griechische Armee vom Nutzen ihrer Entdeckung, und so gibt es in Griechenland heute 18 VAN-Stationen, wo rund um die Uhr die Differenz der elektrischen Spannung zwischen zwei Elektroden gemessen wird, die im Abstand von 40 bis 2500 Metern in den Boden eingelassen sind. Ein Erdbeben soll dann bevorstehen, wenn die Erdspannung in der Grössenordnung von einigen Dutzend Millivolt schwankt. Kritiker meinen, dass bereits ein ordentliches Gewitter das Mehrfache dieser Spannungsdifferenz im Boden induzieren kann. Trotzdem hat die Methode etwa in Japan und Bulgarien weitere Freunde gefunden. Allein in den Jahren 1982 und 1983 machte die VAN-Gruppe 69 Vorhersagen für mittlere und grössere Erdbeben und behauptet, die meisten Prognosen hätten sich innert höchstens zwei Wochen erfüllt. Dem halten die Kritiker entgegen, im betreffenden Zeitraum seien im Zielgebiet der Prognosen insgesamt 870 Erdbeben aufgetreten, weshalb jede der 69 «Prognosen» schon rein zufällig fast immer in die zeitliche Nähe eines tatsächlichen Erdbebens zu liegen komme.

Ebenfalls heiss umstritten ist zurzeit der russische Prognostiker Vladimir Keilis-Borok. Ähnlich wie die Chart-Spezialisten der Börse versucht er mit statistischen Mitteln aus der seismischen Vergangenheit der letzten paar hundert Jahre vorherzusagen, in welcher Gegend der Welt es in welchem künftigen Zeitraum zu einem Grossbeben kommen wird. Keilis-Boroks Behauptung, er habe so das kalifornische Loma-Prieta-Erdbeben vorhergesagt, wird in der Branche stark bezweifelt. Immerhin ist sein Ansatz insofern plausibel, als sich allfällige Erdbebengesetzmässigkeiten - auch wenn sie uns heute noch verborgen sind - im Laufe der Jahrhunderte doch statistisch äussern sollten.

Über die Wenn und Aber der Erdbebenvorhersage hat der mexikanische Geophysiker Cinna Lomnitz 1994 ein bemerkenswertes Buch, «Fundamentals of Earthquake Prediction», geschrieben. Auch er sieht durchaus Möglichkeiten für Fortschritte auf dem Gebiet der Erdbebenprognosen. Die wichtigste präventive Massnahme ist für ihn jedoch ein verbessertes Risikobewusstsein in den Erdbebengebieten. Denn selbst wenn es eines Tages möglich sein sollte, für San Francisco, Tokio oder Mexico City eine relativ zuverlässige mittelfristige Erdbebenprognose zu machen, würden die Bewohner deswegen ihre Stadt wohl kaum aufgeben. Sie sollten aber an ihrem erdbebengefährdeten Wohnort lernen, wie man sich am besten einrichtet, um eine Katastrophe mit guter Chance zu überstehen.

In dieser Hinsicht mustergültig sind die Japaner. Fast täglich bebt dort irgendwo die Erde. Besonders gefährdet erscheint die Südküste der Hauptinsel Honshu; ein Erdbeben der Magnitude 8 verwüstete 1923 Tokio und forderte 130 000 Menschenleben. Um die Bevölkerung besser zu schützen, startete die Regierung 1965 ein umfangreiches Erdbebenforschungsprogramm. 1976 äusserten japanische Seismologen die Vermutung, der Tokai-Distrikt und speziell die Küstengegend um die Suruga-Bucht 100 Kilometer südwestlich von Tokio könnte in naher Zukunft von einem schweren Erdbeben getroffen werden.

Die Fachleute stützten ihre Prognose auf die Tatsache, dass sich hier alle 100 bis 150 Jahre verheerende Erdbeben ereigneten, die letzte Katastrophe aber bereits mehr als 120 Jahre zurücklag. Auch war das Westufer der Bucht im Laufe der letzten 70 Jahre um 40 Zentimeter gesunken, was auf eine gefährlich starke Verformung der Kontinentalplatte durch die hier abtauchende Pazifikplatte hindeutete. Die Prognose löste bei der Lokalbevölkerung ziemliche Unruhe aus, worauf die Regierung ein umfangreiches Erdbebenbeobachtungs- und -warnsystem installierte. Gegen hundert Observatorien registrieren nun im Tokai-Distrikt Mikrobeben, geometrische Veränderungen der Erdoberfläche, Variationen im Grundwasserspiegel. Die Messungen werden rund um die Uhr an die Zentrale in Tokio übermittelt, wo mit Computerhilfe in der Datenflut nach ungewöhnlichen Anzeichen gesucht wird. Die Experten hoffen, ein grosses Erdbeben Tage oder wenigstens Stunden im voraus erkennen zu können.

Mindestens so wichtig wie Prognosen sind für die Japaner jedoch technische Massnahmen zur Schadensbegrenzung im Katastrophenfall. Sind bereits die traditionellen Holzhäuschen recht erdbebenfest, hat Japan auch seine modernen Grossstädte und Verkehrsstränge mit einer Vielzahl konstruktiver Verbesserungen gegen seismische Erschütterungen gewappnet. Und ein Akutwarnsystem soll die empfindlichsten Teile der Infrastruktur schützen: Da mechanische Bodenwellen mit einer Geschwindigkeit von etwa sechs Kilometern pro Sekunde wandern, können bei einem Erdbeben die dem Erdbebenherd am nächsten gelegenen Seismometer per Funk sofort die weitere Umgebung noch vor dem Eintreffen der zerstörerischen Erdbebenwellen warnen. Im Falle des drohenden Tokai-Erdbebens ergäbe dies für die Metropole Tokio eine Galgenfrist von vielleicht 20 Sekunden - genügend Zeit, um automatisch die Hochgeschwindigkeitszüge zu bremsen, die Leistung der Kraftwerke herunterzufahren, den Druck in den Gasleitungen zu reduzieren.

Komfortabler ist der Zeitvorsprung für die Tsunami-Warnung. Tsunami heisst «grosse Welle im Hafen» und bezeichnet die grässliche Folge von Erdbeben des marinen Untergrundes. Eine tektonische Verschiebung des Meeresbodens kann nämlich auf den lokalen Wasserkörper wie ein gigantischer Kolbenhub wirken. Die Störung pflanzt sich dann als riesiger Wasserbuckel von bis zu einem Meter Höhe und weit über hundert Kilometer Länge mit einer Geschwindigkeit von 700 Kilometern pro Stunde praktisch ungebremst über das offene Meer fort und türmt sich schliesslich an weit entfernter Küste zur todbringenden Wasserwand auf. So hat am 22. Mai 1960 ein grosses Erdbeben vor der chilenischen Küste ein Tsunami auf die Reise geschickt. 15 Stunden später erreichte die Welle Hawaii, fuhr als sieben Meter hohe Walze in den Hafen der Stadt Hilo und riss 61 Menschen in den Tod. Sieben Stunden später brandete die Sintflut auch gegen die japanischen Inseln, weitere 114 Menschen verschlingend.

Die Verluste wären ohne das internationale Tsunami-Warnsystem noch viel höher gewesen. Seit 1948 werden alle grösseren Erdbeben im Pazifikraum registriert und die lokalen Wasserpegel laufend gemessen. Dann berechnen die Computer in der Zentrale in Honolulu sofort für die verschiedenen Pazifikküsten den zu erwartenden Tsunami und teilen die Prognose per Funk den bedrohten Orten mit. Den Japanern bleibt für die Tsunamis aus dem eigenen Erdbebengürtel allerdings nur eine Vorwarnzeit von knapp einer halben Stunde. Mit einer Kette von Unterwasserseismometern, einem vollautomatischen Radio- und Fernsehwarnsystem sowie Schutzmauern entlang den besonders exponierten Küstenabschnitten hofft man, die Überlebenschancen markant verbessert zu haben.

Trotz aller Vorsorge dürfte eine Wiederholung des Tokio-Erdbebens von 1923 der Stadt noch immer um die 50 000 Einwohner rauben und Gesamtschäden von 1000 Milliarden Dollar anrichten, prognostizierte unlängst eine Studie der kalifornischen Stanford-Universität. Aber so schrecklich Katastrophenszenarien auch sein mögen, die Expansionslust einer Grossstadt wie Tokio ist nicht zu bremsen. Vor zwei Jahren hat es die lokale Wirtschaftslobby fertiggebracht, die restriktiven Bauvorschriften im Tsunami-gefährdeten Hafengebiet wieder zu lockern. Heute konzentriert sich die Hälfte der Kommunikations- und Informationsmittel der japanischen Wirtschaft auf Tokio; die Agglomeration produziert ein Drittel des nationalen Sozialproduktes. Ein grosses Tokio-Erdbeben würde unweigerlich ökonomische Tsunamis bis an die Wall Street und zur City of London schicken.

Wie wichtig Katastrophenvorsorge ist, zeigt die Statistik der jährlichen Erdbebenopfer: Zwischen 1900 und 1940 forderten Erdbeben weltweit im Durchschnitt jeweils um die 17 000 Tote. Dann fiel die Zahl der Opfer stetig und lag in den fünfziger Jahren etwa bei einem Zehntel des früheren Wertes. Die markante Verbesserung wird in erster Linie der neu aufgekommenen Verwendung von armiertem Beton im Hausbau zugeschrieben.

Um etwa 1960 begann aber die Todeskurve wieder dramatisch anzusteigen; heute beträgt das langjährige Mittel der Erdbebenopfer 50 000 pro Jahr. Der Grund für die traurige Verschlechterung liegt vor allem im enormen Bevölkerungswachstum just in Gegenden der Dritten Welt, wo das Erdbebenrisiko bekanntermassen hoch ist. Dass sich dabei auch das fortschrittliche Betonhaus zum Grossrisiko gewandelt hat, ist Ironie der Technikgeschichte.

Mexico City liegt auf einem ausgetrockneten See, und der weiche Untergrund aus Vulkanasche ist noch immer zu 90 Prozent mit Wasser gesättigt. Ereignet sich nun an der Pazifikküste - immerhin 400 Kilometer von der Stadt entfernt - ein grösseres Erdbeben, beginnt der Stadtboden wie eine Flüssigkeit wellenförmig zu schwingen. So war es während etlicher Katastrophen in früheren Zeiten. So war es auch wieder am 19. September 1985, als ein Erdbeben der Magnitude 8,1 die Stadt packte. Nur standen jetzt dort, wo ehemals kleine Häuser waren, mächtige Betonklötze. Fast sämtliche der über 10 000 Opfer starben in den Trümmern der 371 einstürzenden Hochhäuser, während die kleineren Bauten dem seismischen Wellengang standhielten. Man hat unter dem Schutt der scheinbar erdbebensicheren Stahlbetonhäuser noch tagelang Kinder schreien gehört. Und wie in Mexico City wurden in den vergangenen Jahren auch in Armenien, in Kairo, in Loma Prieta sorglos auf weichem Grund errichtete Hochbauten zur Todesfalle. Cinna Lomnitz schlägt vor, die Stadtarchitekten sollten zu den Schiffsbauern in die Lehre gehen und die Hochhäuser, wenn sie schon in erdbebengefährdetem Schwemmland stehen müssen, wenigstens wellentauglich wie Ozeandampfer konzipieren.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsredaktor der NZZ.


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