NZZ Folio 06/92 - Thema: Fremdenangst, Fremdenhass   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Beziehungskisten

Diesen Dialog führen zwei Figuren aus literarischen Werken. Wer sind sie?

Von Nicoletta Wagner

Die Sonne brennt auf den sonntäglich stillen Schauplatz mit den staubigen Mandelbäumen. Im Schatten auf einer Bank sitzt A. Trotz der Hitze trägt er einen schwarzen Anzug, das Erbe seines Vaters, eines Reeders. A wartet unruhig auf das Ende des Hochamtes und erschrickt, als er hinter sich das Schnauben eines Pferdes hört. Es hat eine halbe Welt und eine halbe Ewigkeit durchquert, um an diese fremde Küste zu gelangen. B schwingt sich vom gescheckten, sattellosen Ross, wirft anmutig und dennoch kämpferisch ihre Locken nach hinten.

 B:    Der giftigste der Pfeile Amors hat, ich seh's, dein jugendliches Herz getroffen.  

A:    Besser hätte er nicht treffen können. Aber unerreichbar bleibt jene, die ich anbete. Das strenge Regiment ihres Vaters ist ein unüberwindbares Hindernis. Von der einfachsten Neugier, was Liebe sei, ist sie kaum berührt. Nur diese alte Frau, die sie stets begleitet und bewacht, ahnt etwas, seitdem sie mich so oft und schon frühmorgens hier lesen und warten sieht. - Und dich lässt dein Vater ganz allein ausreiten?  

B:    Vater? Frei wie der Wind auf offnem Blachfeld sind die Fraun . . .  

A:    (trotz aller Scheu spöttisch) Ach - frei? Und der Mann? Ein Feind?  

B:    Ist's meine Schuld, dass ich im Feld der Schlacht um sein Gefühl mich kämpfend muss bewerben? Nicht Feind, doch Gegner, ja: weil ich mit Eisen ihn umarmen muss und mit der sanftesten Umarmung ihn an meinen Busen schmerzlos niederziehen. Sie ist mir nicht vergönnt, die Kunst, die sanftere, der Frauen.  

A:    Und was sie anzurichten vermag, diese Kunst! Das dringende Bedürfnis zu sterben weckt sie in mir! Ganz zu schweigen von den Ohnmachtsanfällen, dem galligen Erbrechen, dem Durchfall und all den Symptomen einer ganz anderen Krankheit. Auch bei der Arbeit bin ich ganz zerstreut und bringe alles durcheinander. Die Reklamationen der Postkunden häufen sich.  

B:    Das kenn ich: Mein Aug erglüht ganz fremd, ganz unbegreiflich, und Gedanken wälzen, so finster wie der ew'gen Nacht entstiegen, in meinem ahnungsvollen Busen sich.  

A:    So liebst und leidest auch du?  

B:    Nicht länger leugnen will ich. Zwar schickt sich's nicht, dass ich mir meinen Gegner suche - den soll ich wählen, den mir der Gott im Kampf erscheinen lässt -, doch nannte ihn die Mutter mir, eh sie verschied.  

A:    Meine Mutter lebt noch. Ich bin ihr einziger Sohn und trage ihren Namen. «Leide, soviel du kannst», sagte sie neulich, «denn diese Dinge dauern nicht ein Leben lang.»  

B:    Ich habe schon das heitre Fest der Rosen zwanzigmal erlebt und drei, und immer nur von fern. Ich steh in Flammen, lodre, rase nun, seit ich im Kampf das Antlitz sah des Wilden, Süssen, Schrecklichen. Und als er niedersank, beneidete hier diese Brust den Staub, der ihn empfing.  

A:    Du hast ihn umgebracht?  

B:    Nein, er steht noch auf dem Feld der Schlacht und trotzt. Doch dies mein Herz bezwingen kann ich, will ich nicht, den Bruch mit meinen Göttern zieh ich vor. Den jungen trotz'gen Kriegsgott bändg' ich mir, ihn überwinden will ich, oder leben nicht!

B schwingt sich auf ihr Pferd und prescht davon in die letzte Schlacht. Sie wird den Geliebten überwinden, nicht aber den Schmerz. A dagegen wird feststellen, dass «diese Dinge» sehr wohl ein Leben lang dauern können: Er wird über 50 Jahre lang warten müssen.

Auflösung Rätsel Folio Nr. 6: A ist Florentino Ariza aus «Die Liebe in den Zeiten der Cholera» (1987) von Gabriel García Márquez; B ist Penthesilea aus Heinrich von Kleists gleichnamigen Trauerspiel (1808).

 


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