NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst?   Inhaltsverzeichnis

Kitsch, Kot und Kommerz

© Pollock-Krasner House and Stud...
Ausschnitt aus Jackson Pollocks «No. 5». Linktext
Wer Joseph Beuys’ Badewanne zum Bierkühlen benutzte, weshalb Bronzestatuen gefährdet sind und andere Kuriositäten aus der Welt der Kunst.

Von Veronika Schöne

Die kitschigsten Landschaften

Man findet ihn weder in Museen noch in den Shortlists der Businessmagazine: Der Kalifornier Thomas Kinkade hat mit mehr als zehn Millionen verkauften Bildern über 53 Millionen Dollar gemacht und ist damit einer der erfolgreichsten Maler weltweit. Sein Trick: eine bekömmliche Mischung aus gefälligen Themen, traditionellen Techniken und fabrikmässiger Fliessbandproduktion. Die hemmungslos kitschige Heile-Welt-Romantik wird zunächst in Öl gepinselt, dann als Druck reproduziert, auf Leinwand aufgezogen und mit ein paar gezielten Pinselstrichen veredelt. Der selbsternannte «Maler des Lichts» versteht sich als Künder einer frohen Botschaft christlich-nationaler Prägung, die er mit versteckten Bibelzitaten anreichert und gelegentlich sogar mit dem eigenen Blut signiert. So beglaubigt, werden die goldgerahmten «Originale» über ein eigenes Galeriennetz für mehrere tausend Dollar pro Stück vertrieben. Der 50-Jährige hat ein eigenes Museum in Monterey und eine weltweite Fangemeinde. Mit seinem Unternehmen war er sogar eine Zeitlang an der Börse.

Der dreisteste Fälscher

Eine Gaunerei erster Güte gelang dem Briten John Drewe, der zwischen 1986 und 1996 den Londoner Kunstmarkt mit rund 200 Werken der Moderne versorgte und damit rund 1,8 Millionen Pfund einnahm. Er liess den Kunstmaler John Myatt im Stile von Alberto Giacometti, Marc Chagall, Jean Dubuffet, Graham Sutherland und Ben Nicholson pinseln und versah die Werke mit einer lückenlosen Provenienz. Um Gutachter zu täuschen, fälschte er in Archiven wie dem der Tate Gallery und des Victoria and Albert Museum Karteikarten, Katalogeinträge und Quittungen. Nicht nur Geldgier scheint den Hochstapler angetrieben zu haben, sondern auch das intellektuelle Vergnügen, Gutachter, Publikum und Polizei zu täuschen. Der Betrüger, der mal als Kernphysiker, mal als Kunstsammler auftrat, gab sich 1994 der Sonderabteilung für organisiertes Verbrechen gegenüber sogar als israelischer Geheimdienstbeauftragter aus. Erst 1999 wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt. Das Schriftbild seiner alten Schreibmaschine überführte ihn.

Das ekligste Kunstwerk

1961 verpackte Piero Manzoni seine «Künstlerscheisse» in Dosen – als ironischen Kommentar auf die authentischen Äusserungen des genialen Künstlers. 2000 errichtete der Belgier Wim Delvoye eine 12 Meter lange künstliche Verdauungsmaschine, «Cloaca», die, zweimal täglich mit Feinschmeckermenus gefüttert, ebenfalls kräftig stinkende Exkremente produziert. Die sind zwar nicht menschlich, sondern künstlich, aber in jedem Falle auch – künstlerisch. Vom Meister persönlich signiert, wurden sie für bis zu 3000 Dollar pro Wurst verkauft.

Die perfideste Zerstörung

Eine ganze Serie von Diebstählen offenbart eine neue Gier nach Kunst. Doch gilt diese Gier nicht dem Werk, sondern seinem Materialwert: Für ein paar tausend Dollar pro Tonne klauen Diebe in England und Deutschland seit ein paar Jahren dutzendweise Bronzeskulpturen aus Gärten, Höfen und Parks, brechen Tore auf, hieven die tonnenschweren Kunstwerke mit Kränen auf Laster und karren sie zum nächsten Schmelzofen. Gefilmt wurde diese Kunstzerstörung für eine Handvoll Dollar bei dem Raub einer Henry-Moore-Plastik von einer Überwachungskamera der Henry-Moore-Foundation in Much Hadham.

Das teuerste Bild

Den Rekord des teuersten Kunstwerks aller Zeiten hält derzeit Jackson Pollocks «No. 5» mit 140 Millionen Dollar. Der Hype ist zum ersten Mal in der Nachkriegskunst angekommen, bei einem Künstler, der schon zu Lebzeiten geradezu kultisch verehrt wurde. An diesem Status arbeiten die selbsternannten Stars von heute mit allen Mitteln – notfalls sogar mit Stützkäufen. Damien Hirst wollte mit seinem diamantbesetzten 100-Millionen-Dollar-Schädel die Trophäe des teuersten lebenden Künstlers ergattern, musste ihn allerdings mit einem Konsortium selbst kaufen. Das Prädikat «teuerster lebender Künstler» ging deshalb an Jeff Koons für sein «Hanging Heart», das für 23,6 Millionen Dollar den Besitzer wechselte.

Der letzte Skandal

Gezielte Provokationen der Künstler prallen am skandalgesättigten Publikum ab. Was einzig noch trifft, ist die Religion, die auch im dritten Jahrtausend nach Christi Geburt die Gemüter bewegt. 1999 wollte der New Yorker Bürgermeister eine Ausstellung mit Chris Ofilis Madonnenbild aus Pornoschnipselchen und Elefantendung schliessen lassen. Gregor Schneider verwehrte man aus Angst vor Terrorgefahr, in Venedig und Berlin seinen Kaaba-ähnlichen «Cube» zu errichten. Santiago Sierras Krawallaktion, in der Nähe von Köln eine Synagoge mit Abgasen zu füllen, erregte Abscheu und Unverständnis.

Das grösste Kunstwerk

Weltumspannend sollte Martin Kippenbergers fiktives U-Bahn-Netz werden. Zwar hat der Künstler zu Lebzeiten nur drei Eingänge realisiert – einen auf der griechischen Insel Syros, einen in Dawson City und einen auf der Leipziger Messe –, dafür hat er aber eine Reihe transportabler Lüftungsschächte geschaffen, die das globale Kunstdorf vernetzen. 1997 gingen Kassel mit der Documenta X und Münster mit den Skulptur-Projekten ans Netz. 2003 wurde Venedig angeschlossen, wo der U-Bahn-Schacht den Biennale-Besuchern im deutschen Pavillon eine frische Brise bescherte. Kippenberger war damit endlich dort angekommen, wo er nach eigenem Bekunden immer hinwollte.

Der einflussreichste Sammler

Kunst und Kommerz – kaum ein anderer hat diese gefürchtete Allianz so fest geschmiedet wie Charles Saatchi. Vor rund zehn Jahren liess der britische Werbefachmann seine «Young British Artists»-Sammlung unter dem griffigen Slogan «Sensations» durch die grossen Museen touren und erreichte dadurch eine beispiellose Wertsteigerung der Werke. 1,6 Millionen Pfund haben die 128 Werke eingebracht, die Saatchi nach erfolgreicher Rundreise durch angesehene Häuser bei Christie’s verkauft hat. Der Rückkopplungseffekt von musealer Nobilitierung und spekulativen Marktinteressen wurde seither nie wieder so empört debattiert.

Das beste Schnäppchen

250 Bürger von Goslar hatten 1988 einen handsignierten Siebdruck Gerhard Richters mit einer Kerze erworben, um den «Verein zur Förderung moderner Kunst e. V.» zu unterstützen. Stückpreis: 50 Mark. Als rund 16 Jahre später, am 13. Mai 2004, ein Exemplar bei Sotheby’s in New York für 26 400 Dollar unter den Hammer kam, ging den Goslarer Bürgern ein Licht auf. Plötzlich tauchten lauter Exemplare von Richters Kerze auf – fast immer für einen fünfstelligen Betrag.

Dummes Missverständnis

Worin kühlen wir bloss unser Bier? fragten sich 1973 die Mitarbeiterinnen der SPD-Ortsgruppe, die mit der Vorbereitung eines geselligen Abends im Museum Morsbroich betraut waren. Auf der Suche nach einem geeigneten Behälter entdeckten sie eine mit Verbandsmaterialien und Fett bearbeitete Kinderbadewanne. Unwissend, dass es sich dabei um ein Kunstwerk von Joseph Beuys handelte, reinigten sie die Wanne. Dem Schwamm fiel 1988 ein weiteres Werk von Beuys zum Opfer: die Fettecke, die er 1982 in der oberen Ecke seines Ateliers in der Düsseldorfer Kunstakademie seinem damaligen Meisterschüler Johannes Stüttgen mündlich gewidmet hatte. Eine Putzfrau wischte sie kurzerhand weg. Stüttgen erhielt durch einen Vergleich in zweiter Instanz 40 000 Mark Schadenersatz.

Veronika Schöne ist Autorin; sie lebt in Hamburg.

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