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NZZ Folio 12/09 - Thema: Guten Appetit! Inhaltsverzeichnis
Wer wohnt da? -- Festliche Festung
© Heinz Unger
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| Herz des Hauses: Der Esstisch. Die Kinder sind ausgeflogen, der Geschmack der Würzmischung ist geblieben. |
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Eine Bauernfamilie ohne Make-up? Ein vielseitiger Handwerker aus der Agglomeration?Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Aufgezeichnet von Gudrun Sachse
Die Psychologin
Wo Zinn ist, ist Nostalgie. Hier wird das Brauchtum gepflegt, selbst die Maggi-und-Aromat-Menage fügt sich bestens in diese beachtliche Trophäensammlung ein.
Bodenständig, währschaft und rechtschaffen sind die Bewohner. Das Land, der Sport, die Gemeinschaft, die Zugehörigkeit und der Schulterschluss – man weiss, wo man hingehört und was sich gehört. Alles ist in sich gefestigt; selbst die heimelige Polstergruppe wirkt wie eine private Festung in der Wohnstube. Hier gibt es keinen Schein, keinerlei Make-up, alles ist echt und gelebt.
Die ganze Familie versammelt sich auf den Fotos rund um die Essecke; zu Tische sitzen jetzt noch die Eltern, ein in die Jahre gekommenes Ehepaar, gut gepolstert auf bäuerlichen Stabellen. Ohne Scheu zeigen sie her, was ihnen lieb und teuer ist: Hochzeitsbilder neben polierten Kuhglocken, Zinnbecher und Orden neben Fotos von Alt und Jung, alles ist ordentlich drapiert. Wurde für diese Trophäen geschossen, geschwungen, mit Waffen gelaufen oder gejodelt, die eigene Kuh am «Kuh-Casting» prämiert oder das Kaninchen oder der Hahn an der Kleintiershow? Unsere Bewohner sind heimatverbundene Menschen und pflegen nebst Häuslichkeit vielleicht auch gerne das dörfliche Vereinsleben.
Lebt hier eine Bauern- oder Handwerkerfamilie? Die Hausfrau ist praktisch veranlagt, die Töpfe stehen griffbereit, und sie würzt gerne mit Knorr & Co., nach diesem vertrauten Geschmack soll es schmecken. Auch der Wohngeschmack ist eher ein Rundum-Bouquet, ein heimeliges Zuhause, dessen selbstbewusste Bewohner gerne sagen: Hier und so sind wir daheim.
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Eine Küche in Weiss, drei Stabellen mit ausgestanztem Herzen, eine Eckbank und ein Tisch auf einem graublauen Spannteppich – so sah es damals bei den Eltern einiger meiner Schulfreunde aus, was bald 30 Jahre zurückliegt. Wie ich, so ist auch die Polstergruppe im Wohnzimmer in die Jahre gekommen, gut gepflegt steht sie neben dem Salontisch.
Diese Wohnung liegt zwischen den Zeiten. Als sie eingerichtet wurde, war die Moderne schon weit fortgeschritten. Sie prägte Stadt und Land gleichermassen. Weiträumig wurde in Beton gebaut, gleichzeitig gab es parallel intakte, alte Dorfstrukturen. Bauernhöfe, Handwerksbetriebe, Wirtshäuser, eine Kirche und eine Hauptstrasse: Dieses Bild konnte sich neben den urbanen Regionen noch behaupten. Der Fernseher und die vier schweren Glocken sind ein wunderbares Zeichen für diese Gleichzeitigkeit.
Ich vermute in dieser Wohnung Menschen, die aus einem kleinen Dorf in die Agglomeration zogen, ihre Kinder sind bereits erwachsen und haben eigene Leben, der Bauernhof wird heute vom Sohn geführt. Kruzifix, Medaillen, Fotos und viele Postkarten lassen auf religiös geprägte, lebensfrohe und sozial aktive Menschen schliessen.
Hier kommt alles an einem Ort zusammen: Traditionelle Objekte stehen neben Hightech-Industrieprodukten, das Aromat, die Fluoreszenzleuchte und der Köcher für den Schleifstein der Sense oben in der Ecke über dem Eckbank. Alles, was da ist, hat eine Ernsthaftigkeit. Die Räume entziehen sich dem Einfluss von Wohnzeitschriften, es gibt noch keinen Lifestyle. Eine solch besondere Wohnung gehört dereinst ins Landesmuseum als Sinnbild für die Vielfalt dieses Landes.
Jörg Boner
Berti und Josef Odermatt, Sattler und Riemensticker
«Ein Kollege aus dem Militär zeichnete Anfang der 1970er Jahre das Haus für die Baueingabe. Alles Weitere, auch die Isolation, machten wir selbst. Das Haus hat drei Stockwerke mit drei Wohnungen. Eine ist vermietet, eine dient als Ferienwohnung, und in einer leben wir. Wir haben fünf mittlerweile erwachsene Kinder, das letzte heiratete am 9. September. Zeitweise war es schon eng, aber Hauptsache ist doch, ein Dach über dem Kopf zu haben.
Den Esstisch baute ich während der ersten Rezession in den 1970ern bei Landis + Gyr, ich war kaum zwei Jahre dort beschäftigt, da stellten sie auf Kurzarbeit um. Während dieser Zeit machte ich auch einen Kupfer- und Messingtreiberkurs. Der Kurs legte den Grundstein für meine zukünftige Tätigkeit. Ich wollte mich nie selbständig machen, aber die Arbeit mit den Treicheln lag mir. In den 1990er Jahren kam es dann zur «Trychler-Stube». Anfangs war das Aufhübschen der Glocken nur ein Hobby, angeregt durch meine Frau, die die Glocken unserer ehemaligen Kühe gerne wieder strahlen sehen wollte. Wir sind beide aus Bauernbetrieben. Sie kommt aus Ob-, ich aus Nidwalden. Im nächsten Jahr sind wir 50 Jahre verheiratet.
Hier in Immensee im Kanton Schwyz hatten wir einen Kleinviehlandwirtschaftsbetrieb zur Pacht, mit fünf Kühen und ein paar Sauen. Wir wären gerne Bauern geblieben, aus finanziellen Gründen war das aber nicht möglich. Als wir uns entscheiden mussten, entweder Geld in einen Ladewagen fürs Gras zu investieren oder in ein Haus, entschieden wir uns für das Haus. Heute haben wir noch Tablar-Kühe, unsere Rex-Kaninchen. Meine Frau hat vierzig, ich habe sechzig Stück, ihre sind gescheckt, meine sind braun mit weissem Bauch.
Für meine Frau war es schwierig, unsere Kühe aufzugeben; sie weinte an der Versteigerung. Man kennt jedes Tier mit seinen Vorlieben und Eigenarten. Kühe sind stolze Tiere und sehen auch gerne hübsch aus. Je lieber die Bauern ihre Kühe haben, desto schöner schmücken sie sie für die Alpauffahrten. Die, die bei mir Überriemen und Nasenbänder sticken lassen, haben viel Herzblut für ihre Tiere übrig. Ein Kollege erzählte mir von einer Kuh in der Melchsee-Frutt, die fast 13jährig war und darum vom Bauern nicht mehr ihre alte, schwere Glocke für den Festumzug bekam, sondern eine kleine, leichte. Die Kuh trottete langsam hinter der Herde her. Beim Znünihalt entschieden sich die Bauern, der Kuh wieder ihren alten Schmuck anzuziehen – und was machte die Kuh? Genau, sie ging stolz voran, als erste die Alp hinauf. Ist das nicht gewaltig? Eine Treichel wiegt mit Überriemen 20 Kilo, aber es gibt welche von 10 Kilo. Normale Kuhglocken auf der Wiese wiegen 2 bis 4 Kilo.
Meine Arbeit machen in der Schweiz nur noch wenige Firmen. Eigentlich wäre ich schon im Ruhestand, aber ich hab gesagt, ich mache es noch bis 70. Bei mir entsteht alles in Handarbeit, und die fällt mit dem Alter nicht leichter. Bei uns helfen fast alle mit: Meine Frau macht die Einfassungen mit dem Dachshaar, eine Tochter entwirft die Grundmuster, der Sohn graviert. Sollte es uns langweilig werden, haben wir draussen noch einen Garten zu bestellen, wir sind zu 90 Prozent Selbstversorger. Die Wohnlage hier ist ländlich schön, aber die fürchterliche Strasse vor der Tür können Sie gerne mitnehmen, wenn Sie gehen.
Zmorge gibt’s um halb acht, davor geht es zu den Kaninchen. Tiere nehmen einen, wie man ist, sie reklamieren nie, bei ihnen kann ich mich gut entspannen. Wir sind beide seit Jahrzehnten im Kaninchenzüchterverein. Ich war fast 15 Jahre Präsident. Wir haben so viele Medaillen gewonnen, dass wir sie gar nicht mehr auspacken. Gutscheine, wie sie die Schützen bekommen, wären sinnvoller, oder ein Sack Kaninchenfutter. Wir gehen an die Ausstellungen, weil man für Zuchttiere einen besseren Schlachtpreis erzielt.
Wir mögen Tiere sehr gern, essen aber trotzdem Fleisch. So ein Tier muss auch mal von der Welt, wichtig ist aber, das Tier so zu erlösen, dass es nicht leidet. Meine Frau kocht sehr gut, ja, sehr gut. Das Gemüse schätze ich und das Rindsragoût, alle Gerichte, für die sie sich Zeit nimmt. In die Ferien gehen wir kaum. Im März waren wir eine Nacht im Deutschen, das war schön wie 14 Tage Strand. Meine Frau würde gerne wieder nach Obwalden ziehen, ich nicht, da man dort wieder von vorne beginnen müsste, und ausserdem sieht es dort genauso aus wie hier.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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