Jedes Jahr am Stephanstag mussten wir zur Grossmutter nach Olten fahren, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Diese Besuche hatten etwas Sinnloses an sich. Wir freuten uns nicht, zu gehen, und sie freute sich nicht, dass wir kamen. So war der Stephanstag der unnötigste der Weihnachtstage. Da hatte man tolle Geschenke gekriegt und konnte einen Tag lang nicht mit ihnen spielen, weil man zur Grossmutter fahren musste. Anfangs war da die Hoffnung gewesen, dort auch noch ein Geschenk zu bekommen, doch schon nach dem ersten Mal war klar: nicht bei Grossmutter.
Der Aktionsradius eines Sechsjährigen ist beschränkt, vor allem, wenn seine Familie kein Auto hat und Ausflüge am Wochenende den Kindergartenkollegen vorbehalten sind. So war die Reise nach Olten trotz allem wie ein zusätzliches Fenster im Adventskalender. Ein Fenster zu einer anderen Welt. Wir hatten in Kloten zwar den Flughafen – das Tor zur Welt, wie man uns in der Schule lehrte –, aber wegfliegen durften vor allem die anderen, und am Flughafengebäude stand «Zürich» geschrieben, nicht «Kloten».
Nach Zürich musste man auch fahren, um nach Olten zu kommen. Da unser Vorortszug jeweils im Hauptbahnhof Zürich direkt neben dem Schnellzug nach Olten einfuhr, war Zürich für mich nur ein lausiges Stück Perron zwischen zwei grünen Zügen. Überdacht zwar, aber wenig beeindruckend – und vor allem nicht durchgehend wie der Bahnhof in Olten. Dort schwang sich das gigantische Dach der Bahnhofshalle kühn über die Bahnsteige, und es brausten ausländische Züge vorbei, Züge von und nach Mailand, von und nach Hamburg, von und nach Amsterdam, und manche hielten auch an.
Auf den weissen Klapptafeln stand immer «via Olten» und nicht etwa «via Zürich». Meine Kameraden mochten noch lange etwas anderes behaupten: Für mich war Olten eine Grossstadt, in der meine Grossmutter wie eine Königin sass. Bewacht vom liegenden Napoleon, gegen den der Üetliberg eine Grasnarbe war.
Olten hatte aber nicht nur den grösseren Bahnhof und den mächtigeren Hausberg, Olten hatte auch den grösseren Fluss und die grösseren Brücken als Zürich. Denn die Aare floss in den Rhein und von da nach Amsterdam. Das tat die Limmat zwar auch, aber weniger würdevoll. Und neben der breiten Bahnhofbrücke stand die alte Holzbrücke, von der man sich in die Aare stürzen und dabei ertrinken konnte. Das erzählte uns die Mutter jedes Mal, wenn wir diese Brücke passierten, und auch, dass es Leute gebe, die solches absichtlich täten, weil sie das Leben nicht mehr ertrügen. Wo gab es denn so etwas, wenn nicht in der Grossstadt?
So schienen auch mir die Häuser auf dem Weg zur Wohnung der Grossmutter immer bedrückend grau. Auch das Haus, in dem sie wohnte, war grau. Das Treppenhaus war grau. Der Lift war grau. Die Türe war grau. Doch zum Glück hatte meine Grossmutter einen Farbfernseher. Und was für einen: so gross wie ein Fenster und mit einer Fernbedienung. Sie brauchte also nicht mal aufzustehen, um vom einen auf den anderen Kanal zu schalten.
Wenn wir am Stephanstag kurz vor 10 Uhr vor dieser grauen Türe standen und klingelten, dauerte es eine Weile, bis wir das Schlurfen der Filzpantoffeln hörten. Meine Grossmutter war schlecht zu Fuss und hatte grauen Star. Die Türe öffnete sich langsam, dann erschien darin eine imposante Figur in buntem Blumengewand und mit Augen, die hinter den dicken Brillengläsern riesig erschienen. Als Erstes liess sie ihren Blick streng über unsere Kinderköpfe schweifen, um zu zählen, wer von den vielen Kindern dieses Jahr nicht mitgekommen war. Als Jüngster von sieben war es an mir, die letzten Jahre allein mit meiner Mutter dazustehen und gemustert zu werden.
Mit dem Begrüssungskuss auf die weiche, faltige Haut stiegen Düfte in meine Nase, die mir beim ersten Mal fremd und danach unvergesslich waren. Eine Mischung aus Apotheke, Rosenwasser, Blasenschwäche und Lavendelkissen, die zusammen mit dem Duft des Weihnachtsgebäcks die kleine Zweizimmerwohnung füllte. Ich streckte ihr jeweils freudig etwas Selbstgebasteltes hin, das sofort im grossen Schrank verschwand. Dann gab es einen Znüni. Frische Weihnachtsguetsli und alte Frigorschokolade.
Da die Grossmutter nur vier Stühle hatte, musste ich mich in den ersten Jahren auf den Boden setzen, aber das änderte sich mit der Zeit und dem Fernbleiben meiner älteren Geschwister. Dabei hatte ich es so geliebt, unter dem Tisch die Muster der Frigorpapierchen mit dem fremdländischen Teppichmuster zu vergleichen und die Schichten Unterröcke zu zählen, die knapp über den Filzpantoffeln der Grossmutter aufhörten.
Dass die Stimme meiner Mutter in Olten immer vom Befehlston des Familienalltags in ein unterwürfiges Summen wechselte, meine Grossmutter kaum ihre Wohnung verliess, weil die Nachbarin ihr den Einkauf besorgte, die Post brachte, ihr sogar beim Anziehen half und Frau Biderbost hiess, war für mich Beweis genug, dass es sich bei meiner Grossmutter um eine Königin handelte. Ich stellte mir vor, wie sie mit ihrer Fernbedienung von Olten aus die Welt regierte, während meine Mutter unablässig nickte und immerzu dieselben zustimmenden Worte wiederholte.
In Olten hatte ich stets etwas zu tun. Ich musste prüfen, ob die Hautfalten in den Achselhöhlen noch immer so weich und schwabbelig waren, die Adern aussahen wie die Flüsse auf den Landkarten in der Schule, die Nippes aus Porzellan am selben Ort auf der Kommode standen, die Briefe und Karten noch in derselben Reihenfolge unter dem Briefbeschwerer lagen, beim Fernsehstuhl das Fussbrett hochklappte, wenn man sich nach hinten lehnte, und im Fernsehprogramm farbige Eishockeyspieler abgebildet waren. Ab und zu wurde ich etwas gefragt. Dann strich mir meine Mutter mit der Hand über den Kopf, und ich lächelte verlegen.
Ausser wenn meine Grossmutter mich fragte, ob ich das Spengler-Cup-Eröffnungsspiel am Fernsehen anschauen wolle. Dann nickte ich kräftig und durfte im Fernsehprogramm nachsehen und «es beginnt um Viertel vor vier» sagen. Bis Frau Biderbost sich in der Küche daranmachte, das Mittagessen zu kochen, musste diese Frage vom Tisch sein. Schafften wir es bis dahin nicht, war es zu spät. Denn dann kam mein Onkel vorbei und hatte jedes Jahr die Idee, uns sein Geschäft zu zeigen, das ein paar Häuser weiter an der Hauptstrasse lag und Schaufenster hatte, in denen sich die Welt spiegelte. Der Onkel war immer in edles Tuch gehüllt, roch nach Zigarren und führte sich auf wie ein Staatsmann. Frau Biderbost holte den alten Pelzmantel aus dem Schlafzimmer und steckte die Grossmutter hinein. Auf der Strasse grüssten uns alle Leute, denen wir begegneten, freundlich, und mir schien, sie würden sich leicht verneigen.
Eigentlich mochte ich diese Spaziergänge gern, liessen sie mich doch etwas Grossstadtluft schnuppern. Bloss dauerten die Ausflüge in Onkels Geschäft immer so lang, dass ich weder meine als Mittagsschlaf getarnten Expeditionen in den Kleiderschrank der Grossmutter machen noch die Eröffnung des Spengler-Cups am Fernsehen schauen konnte. Nicht dass ich mich besonders für Eishockey interessiert hätte, aber zweieinhalb Stunden auf den riesigen Bildschirm zu schauen und dabei die Fernbedienung in der Hand zu halten, hatte etwas Grossartiges an sich.
Meist mussten wir kurz vor Spielschluss aufbrechen, um den Zug nach Zürich zu erreichen. Manchmal konnte ich mit der Fernbedienung die kleinen Figuren auf dem Bildschirm zum Verschwinden bringen. Oft war ich aber längst eingeschlafen, und man musste mich wecken. Zum Abschied drückte einem Grossmutter nochmals eine Frigorschokolade mit weissem Belag in die Hand. Einmal kam ein Fünfliber dazu. Wir mussten dafür versprechen, nicht wieder bis zu ihrem Geburtstag zu warten mit dem nächsten Besuch.