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NZZ Folio 01/06 - Thema: Statistik   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich mache mir Sorgen, wenn ich Helikopter höre

© Emile Stricker
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Von Emile Stricker

Raed El Hatarle, Gaza, Palästina, ist 36 Jahre alt, verheiratet, hat sechs Kinder. Er wohnt mit seiner Familie im nördlichen Teil des Gazastreifens, etwa 6 Kilometer ausserhalb von Gaza Stadt in Beit Hanoun (35 000 Einwohner). Hobbies hat er nicht, zumal in Gaza die Möglichkeiten beschränkt sind. Raed El Hatarle fährt einen Mercedes 250, Jahrgang 1993, Zählerstand 1 10 000 Kilometer.
Gaza Stadt hat 450 000 Einwohner und liegt im Gazastreifen, der Teil der besetzten palästinensischen Gebiete ist. Raed El Hatarle verdient in einem guten Monat 2000 Franken, in einem schlechten 600. Davon leben die achtköpfige Familie sowie seine Eltern. Ausserdem unterstützt er seine acht Brüder, die alle keine feste Arbeitsstelle haben, und die drei Schwestern, die nicht verheiratet sind. Die Miete für die 4-Zimmer-Wohnung beträgt 260 Franken.


Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?

Ich arbeite die ganze Woche. Wenn viel zu tun ist, ohne Pause. Denn es gibt auch Zeiten, in denen gar nichts läuft.

Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?

Was sind Ferien? Ich kenne das Wort nicht. Manchmal nehme ich spontan frei, wenn nichts zu tun ist.

Wie kam es, dass Sie Taxifahrer wurden?

Mein Vater war schon Taxifahrer. Als ihm das Fahren mit zunehmendem Alter Mühe bereitete, habe ich vor 15 Jahren die Arbeit übernommen, um die Familie zu ernähren. Ich bin der Älteste von neun Brüdern und sieben Schwestern.

Wären Sie nicht Taxifahrer, was wären Sie dann?

Ich hätte sehr gern Physik studiert. Aber da mein Vater nicht reich war, ging das nicht.

Welches war Ihre längste Fahrt?

Die grösste Distanz im Gazastreifen sind die 42 Kilometer von der Grenze mit Israel im Norden zum Übergang nach Ägypten im Süden. Seit dem Beginn der Intifada dürfen die Taxis in Gaza keine Fahrten mehr nach Israel ausführen. Das schränkt meine Möglichkeiten stark ein. Manchmal fahre ich Besucher aus dem Ausland, die den ganzen Gazastreifen sehen wollen, was sechs Stunden dauern kann. Früher dauerte eine Fahrt manchmal deswegen so lange, weil die israelische Armee Durchgangsstrassen zum Süden sperrte. Einmal musste ich deswegen die Nacht im Taxi verbringen. Ich habe furchtbar gefroren.

Wie verhalten Sie sich im Stau?

Da ich den ganzen Gazastreifen kenne, weiche ich in Seitenstrassen aus.

Gab es Fahrgäste, die Sie nie vergessen werden?

George, ein Journalist aus Kalifornien. Seit fünf Jahren kommt er immer wieder nach Gaza, manchmal auch mit seiner Frau. Sie sind sehr nett.

Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?

Ein Ausländer gab mir mal einhundert Dollar. Ich weiss nicht, warum. Ich hatte drei Tage für ihn gearbeitet. Er war wohl glücklich mit mir.

Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?

Oh, viele Dinge. Ein Japaner vergass sein Portemonnaie mit 3000 Euro. Ich kannte ihn; er hatte meine Telefonnummer, aber ich nicht die seine. Nach drei Tagen kam er wieder nach Gaza und erzählte mir, dass er in der Westbank all sein Geld verloren habe. Ich sagte ihm, er sei verrückt, er habe es in meinem Taxi vergessen.

Sprechen Sie mit den Fahrgästen?

Immer. Vor dem Abzug der israelischen Soldaten sprachen wir vor allem über die Probleme der Besatzung. Wo man sich aufgehalten habe, als sie bombardierten zum Beispiel, wer etwas gehört oder gesehen habe, welche Checkpoints geschlossen und welche wieder geöffnet worden waren. Und sonst sprechen wir über das Leben, wie es sein sollte: a good life.

Wie hoch war Ihre teuerste Busse?

105 Franken habe ich einmal bezahlt, weil mich die Polizei erwischt hat, als ich bei Rot über die Kreuzung fuhr. Ich bin schnell, und wenn nichts kommt, fahre ich weiter.

Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin?

Rimal, das ist die Strandgegend am Mittelmeer ausserhalb von Gaza Stadt. Für die Fahrt dorthin verlange ich von ausländischen Fahrgästen zwischen 10 und 15 Franken.

Was macht in Ihrer Stadt einen guten Taxifahrer aus?

Freundlich und hilfsbereit zu sein, besonders gegenüber alten Menschen.

Haben Sie Angst vor Überfällen?

Nein. Sorgen mache ich mir nur, wenn ich Helikopter höre. Dann habe ich Angst, dass es israelische Kampfhubschrauber sind, die es auf das Auto vor mir abgesehen haben – für eine gezielte Tötung von palästinensischen Aktivisten.

Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?

In Palästina gibt es so etwas nicht. Mein Vater ist alt, und ich helfe ihm. Um Geld für das eigene Alter auf die Seite zu legen, ist mein Einkommen zu gering.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Ich würde meiner Familie Geld geben, und meine Kinder dürften studieren.

Womit verwöhnen Sie sich?

Ich besuche meine Familie, das macht sie und mich glücklich. Oder ich gehe mit einem Freund Kaffee trinken.


Taxameter
Gibt es nicht, auch keine fixen Tarife. Der Preis richtet sich danach, wie El Hatarle die Zahlungsfähigkeit seiner Kunden einschätzt. Eine Fahrt kostet mindestens zwei Franken.

Gazastreifen, Palästina
Einwohner: 1,4 Millionen
BIP pro Kopf: CHF 1050
Benzin: 1 l CHF 1.65
Milch: 1 l CHF 1.30
Coca-Cola: 1 l CHF 0.70
Brot: 1 kg CHF 0.90
Reis: 1 kg CHF 0.90
Kinobillett: Es gibt kein Kino.
Zigaretten: CHF 2.80
Olivenöl: 1 l CHF 7


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