NZZ Folio 05/95 - Thema: Nach Kriegen   Inhaltsverzeichnis

Vermintes Land

Kambodschas traurige Erbschaft.

Von Peter Sidler

IM PROVINZSPITAL der nordwestkambodschanischen Kleinstadt Mongkol Borei sind von den insgesamt 320 Betten 120 für die chirurgische Abteilung reserviert. Meistens sind davon mindestens zwei Drittel mit Patienten belegt, deren Verletzungen von Hieb-, Stich- oder Schusswaffen und von Minen herrühren. Minenopfer stellen die Hauptgruppe dieser Unglückseligen dar. Sie sind unter den Spitalinsassen leicht zu erkennen: es fehlt ihnen ein Arm, ein Bein, manche mussten beide Beine oder beide Arme lassen, einige haben zudem ihr Augenlicht verloren, und fast alle tragen schreckliche, schwer heilende Wunden. Sie sitzen oder liegen, umgeben von Angehörigen, auf ihren Betten, die Stummel ihrer amputierten Gliedmassen mit weissem Verbandstoff eingebunden. Viele haben miterlebt, wie Familienangehörige, Freunde oder Nachbarn von Sprengkörpern zerfetzt wurden, während sie in den Reisfeldern arbeiteten, Wasser holten oder Holz suchten.

Während der zurückliegenden drei Jahrzehnte, in denen Krieg, Bürgerkrieg, Chaos und Rechtlosigkeit herrschten, haben Armeen, Bürgerkriegsparteien, Guerilla-Verbände und marodierende Freischärler immer neue Minenfelder angelegt, so dass heute laut Schätzungen von Fachleuten in Kambodscha zwischen acht und zehn Millionen Landminen vergraben sind; wie viele es genau sind, weiss niemand zu sagen, vermutlich sind es aber mehr, als das Land Einwohner zählt. Diese Menge entspricht gut einem Zehntel der um die 100 Millionen Minen, die gemäss einem Bericht des Staatsdepartements in Washington weltweit in etwa 60 Ländern in den Böden liegen. Statistisch betrachtet kommt somit auf etwa 50 Erdenbewohner eine Mine, nicht mitgerechnet die Sprengsätze, die in den Munitionsdepots der Armeen dieser Welt liegen, auch nicht jene zwei bis fünf Millionen, die jährlich neu ausgelegt werden.

Man geht davon aus, dass über die letzten 25 Jahre in gut 50 Ländern mehr als 200 Millionen Minen hergestellt wurden, und Jahr für Jahr kommen fünf bis zehn Millionen neue Exemplare dieser perfiden Sprengsätze dazu. Allein in der Kategorie der sogenannten Personenminen zählt man ungefähr 350 verschiedene Typen. Kambodscha gilt zusammen mit Afghanistan, Angola, dem Irak und Laos nicht bloss zu den am meisten mit Landminen verseuchten Ländern dieser Erde, sondern mit gegen 40 000 Amputierten auch als Land mit der grössten Dichte an verkrüppelten Menschen, nämlich einem pro 250 Einwohner. Ungefähr ebenso viele haben seit 1979 bei Minenzwischenfällen nicht bloss Gliedmassen, sondern das Leben verloren; das Heer der Minenopfer wächst Monat für Monat um mindestens weitere 150 Tote und Verletzte.

Das Prothesenzentrum des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in der zentralkambodschanischen Provinzhauptstadt Battambang bietet Minenopfern Hilfe an. Diese umfasst die Gratisabgabe von massangefertigten Prothesen aus Polypropylen und ein von Physiotherapie begleitetes Rehabilitationsprogramm. Seit Oktober 1991 sind hier mehr als 4000 Personen bedient und behandelt worden; die Produktionskosten einer Prothese belaufen sich - alles mit eingerechnet - auf US $ 58.75, wenn sie unterhalb des Knies befestigt werden kann, und auf $ 70.90, wenn sowohl der Unter- als auch ein Teil des Oberschenkels zu ersetzen sind. Das IKRK unterhält in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh eine eigene Werkstatt, in der Prothesenbestandteile hergestellt werden. Auch andere humanitäre Körperschaften stellen in Kambodscha mit einfachen Mitteln Prothesen, Krücken und Rollstühle her, wie beispielsweise die belgisch-französische Organisation Handicap International oder die Vietnam Veterans of America Foundation.

Vermutlich liegt ungefähr die Hälfte der bis zu zehn Millionen in Kambodscha vergrabenen Sprengkörper in Minenfeldern in entlegenen, schwer zugänglichen und nur dünn besiedelten Gebieten entlang der ein paar hundert Kilometer langen Grenze zu Thailand. Der Rest findet sich konzentriert in den nordwestlichen und westlichen Provinzen sowie in einem Gebiet südlich der Hauptstadt, in Gegenden, in denen das kriegerische Geschehen seit Jahren am heftigsten tobt. Durch die Minenplage dürften landesweit ungefähr zwanzig Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens in Mitleidenschaft gezogen werden, das heisst, diese Landstriche liegen verödet da, weil sie nicht bebaut werden können.

Wie verheerend dies ist, lässt sich etwa daran ermessen, dass der Landwirtschaftssektor in Kambodscha beträchtlich mehr als die Hälfte an das Bruttoinlandprodukt beisteuert und über 80 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung beschäftigt. Die Provinz Battambang etwa hatte stets als Reiskammer des Landes gedient, doch kann sie, minenverseucht, wie sie ist, dieser Aufgabe kaum noch nachkommen; die am stärksten betroffenen Regionen - und somit auch weltweit an vorderster Stelle dieser fragwürdigen Rangordnung - sind die Distrikte Rattanak Mondul und Banan. Neben dem Reisanbau und der Viehwirtschaft leidet das Transportsystem unter der Minenplage, was die ohnehin prekäre Versorgungslage weiter verschlimmert. Dörfer, ja ganze Landstriche werden aufgegeben und fallen der Verödung anheim.

Auf dem Stück Land ausgangs Mongkol Borei, auf dem Angehörige der privaten britischen Entminungsorganisation Halo Trust am Werk sind, haben die kambodschanischen Regierungstruppen und vor ihnen schon die vietnamesischen Besetzer Minenfelder angelegt, um damit eine Maschinengewehrstellung an der Strasse zu sichern. Die Minensuche ist eine risikoreiche und teure Arbeit, bei der man nur sehr langsam vorankommt. Jedem der Minensucher, die keine besonderen Schutzanzüge tragen, sondern lediglich mit einer Spezialbrille ausgestattet sind, wird ein schmaler Landstreifen zugeteilt, den er mit einem Metalldetektor in kleinen Schritten absucht. Zeigt das Gerät Metall an, lockert der Mann mit einem Schäufelchen, einer Harke oder einem Drahtstück vorsichtig die Erde, bis er fündig wird. Oft handelt es sich lediglich um ein Stück Altmetall, einen Nagel oder sonst etwas Harmloses, was den Detektor ein Signal abgeben lässt. Stösst er auf eine Mine oder einen Blindgänger, werden diese in der Regel an Ort und Stelle mit einer Plastikladung unschädlich gemacht.

In Kambodscha stehen insgesamt fünf Organisationen im Einsatz, die sich um die Minensuche kümmern. Sie beschäftigen in gut 70 Arbeitsteams rund 1800 Mann und haben während der letzten drei Jahre etwa 1600 Hektaren Terrain abgesucht und dabei 40 000 Minen und 170 000 Blindgänger aufgespürt und zerstört. Die Herstellungskosten für die billigste Mine belaufen sich auf nicht mehr als etwa drei Dollar, sie im Feld unschädlich zu machen kostet aber um die 1000 Dollar. Um sämtliche Minen zu entfernen, die in Kambodscha je gelegt worden sind, müsste ein Betrag aufgewendet werden, der das Nationaleinkommen des Landes der nächsten beiden Jahre überstiege.

Die Minensuche und -räumung wird praktisch ausschliesslich von nichtkommerziellen privaten Organisationen besorgt, die überwiegend mit Spenden und anderen Zuwendungen finanziert werden. Die grösste Organisation, jene des Cambodian Mine Action Centre (CMAC), einer Unternehmung, die im Kern auf die Uno-Zeit vor den jüngsten Wahlen zurückgeht, arbeitete mit einem Budget von 20 Millionen Dollar über drei Jahre. Davon sind bis heute erst 12 Millionen zugesagt, den restlichen 8 Millionen rennen die CMAC-Verantwortlichen immer noch nach. Auf nichtkommerzieller Basis arbeiten auch die beiden anderen grösseren in Kambodscha tätigen Körperschaften, die 1988 gegründete britische Hazardous Areas Life (Support) Organization oder kurz Halo-Trust genannt sowie die ebenfalls in Grossbritannien domizilierte, 1990 in Afghanistan ins Leben gerufene Mines Advisory Group (MAG). Diese beiden Unternehmen waren und sind nicht nur in Kambodscha, sondern auch noch im Nordirak bzw. in Kurdistan engagiert, ferner in Afghanistan, Laos, Angola und Moçambique. Weil die Mittel zunehmend schwieriger aufzutreiben sind, regen CMAC-Vertreter in Phnom Penh etwa an, dass in Zukunft ein bestimmter Prozentsatz von Entwicklungsgeldern für die Minenräumung bereitgestellt werden sollte.

Eine ganze Reihe neuer Minenräumungsfirmen sind nach dem Ende des Golfkrieges auf den Plan getreten, als die Regierung Kuwaits Aufträge in der Höhe von über einer Milliarde Dollar zu vergeben hatte. Wenn die Uno Räumungsarbeiten vergibt, werden in der Regel nichtkommerzielle Organisationen mit Vorrang berücksichtigt, die sich bei der Erledigung ihrer Aufgabe von humanitären Prinzipien leiten lassen, wie MAG und Halo-Trust. Als skandalös mutet an, wenn Firmen Räumungsaufträge zu ergattern vermögen, die selber Waffen - einschliesslich Landminen - herstellen oder finanziell und organisatorisch mit Betrieben verhängt sind, die zur Hauptsache in der Waffenproduktion und im Waffenhandel tätig sind. So ist beispielsweise der amerikanische Munitionsfabrikant Conventional Munitions Systems (CMS) auch auf dem Gebiet der Geschossentsorgung und Minenräumung engagiert. Das Unternehmen gehört zum Imperium Deutsche Aerospace, das seinerseits eine Tochter von Daimler-Benz ist; mit der Deutschen Aerospace verbunden ist auch etwa Messerschmidt-Bölkow-Blohm, deren Palette an Produkten Landminen einschliesst. Ähnliches gilt für die Waffenschmiede Royal Ordnance, die zu British Aerospace gehört und sowohl Minen herstellt als sich auch mit der Räumung solcher beschäftigt und somit am selben Produkt zweimal verdient.

Weil in Kambodscha gleichzeitig die Regierungsstreitkräfte und die Roten Khmer nach wie vor neue Minen auslegen, nimmt die Zahl der im Boden liegenden Höllendinger trotz der Anstrengungen der um die Entminung besorgten Hilfswerke weiter ständig zu. Die Länder der alten Sowjetunion und China sind zusammen mit den Vereinigten Staaten, Italien, Deutschland, Frankreich, aber auch etwa Schweden oder Drittweltländern wie Pakistan die wichtigsten Hersteller von Panzer- und Personenminen, von denen sie ihrer Kundschaft ein riesiges Angebot vorlegen können.

Die Personenminen funktionieren alle mehr oder weniger gleich; sie werden durch Druck oder mittels Stolperdrähten ausgelöst, explodieren auf dem Boden, senden Splitter aus oder schiessen zunächst auf etwa Bauchhöhe, ehe ihre tödliche Ladung an Nägeln oder Stahlkugeln in einen Umkreis von bis zu dreissig Metern abgeht. Oft sind Sprengladungen darauf angelegt, das Opfer nur zu verstümmeln, da Verstümmelte den Gegner mehr Kraft und Geld kosten als Tote. Minen werden als Krieger beschrieben, die keinen Frieden kennen und sich nicht an Waffenstillstandsvereinbarungen halten, als Terrorwaffen, die nicht gezielt eingesetzt werden können und nicht zwischen einem Soldaten und einem Kind, einem Bauern und einem Wasserbüffel zu unterscheiden vermögen, sondern wahllos Tod und Verderben sähen.

Ein Freischärlergeneral der Roten Khmer soll Minen einmal als «perfekte Soldaten» bezeichnet haben, als Soldaten, die niemals müde würden und niemals schliefen, stets Mut bewiesen und ihr Ziel nie verfehlten. Einst waren Minen als Defensivwaffen gedacht, um auf dem Schlachtfeld Zeit zu gewinnen, Positionen zu schützen und die feindlichen Kräfte zu kanalisieren. Ausserdem sollten Minenfelder laut einer Uno-Konvention aus dem Jahre 1980 markiert, auf Karten eingetragen und nach Beendigung eines Konfliktes geräumt werden. In den Händen von Aufständischenverbänden und Bürgerkriegsparteien rund um die Erde sind Minen aber zu reinen Terrorinstrumenten verkommen. Sie werden von Freischärlern so planlos gelegt, dass viele von ihnen nicht mehr bloss durch die Minen des Gegners, sondern häufig in den eigenen Minenfeldern umkommen.

Bei Fahrten über Land hat man in Kambodscha dauernd Strassensperren zu passieren, an denen die Soldaten häufig nicht Wache schieben, sondern im Schatten ihrer Unterstände schlafen oder sich überhaupt wegbegeben haben. Sie können dies getrost tun, haben sie doch ihren Posten vorsorglich vermint. Jemand hat einmal gesagt, die Mine sei die Waffe des faulen Soldaten. Minen sind in Kambodscha dazu noch derart leicht zu erwerben, dass mitunter Hausbesitzer, anstatt einen Zaun zu ziehen, ihr Grundstück mit Minen schützen und Streitfälle unter Nachbarn und Familienmitgliedern mittels Minen geregelt werden.

Abgesehen davon, dass die erwähnte Uno-Konvention bisher nur gerade von rund 40 Staaten unterzeichnet worden ist, weist sie eine Reihe von Schwachstellen auf: Sie ist nicht auf interne Konflikte anwendbar; ist vage, was die Verantwortung bezüglich der Minenräumung betrifft; enthält keinerlei Verbote von Minen, die nur schwer mit Detektoren aufzuspüren sind; äussert sich konkret kaum zur Fernverlegung von Minen und ergeht sich in allgemein gehaltenen Richtlinien, wo es um die Anwendung dieser Konvention und ihre Überwachung geht. Derzeit laufen die Vorbereitungsarbeiten zu einer internationalen Konferenz in Wien im kommenden Herbst, an der dieses Vertragswerk ergänzt werden soll. Organisationen wie das IKRK drängen darauf, dass bei dieser Gelegenheit die Schwachstellen ausgemerzt werden müssten. Andere Kreise fordern, dass nur mit einem totalen Produktions-, Verkaufs-, Lagerungs-, Export- und Verwendungsverbot dem weltweiten Minenwahnsinn ein Ende zu bereiten sei. Doch bestehen kaum Chancen, dass einem solchen Unterfangen in absehbarer Zeit Erfolg beschieden sein wird.

Peter Sidler ist Südostasien-Korrespondent der NZZ.


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