Ich bin in einer Zahnarztpraxis aufgewachsen. Geschlafen und gegessen wurde zwar im oberen Stock, im Wohnbereich. Aber wenn ich mit meinen Schulaufgaben fertig war, ging ich hinunter in den unteren Stock, wo mein Vater Zähne flickte. Es zog mich nicht eigentlich in die Praxis, sondern in den Garten, und der einzige Zugang zu ihm führte nun mal durch den Behandlungsraum meines Vaters. An schönen Tagen ging ich, wie mein Vater es verlangte, auf Zehenspitzen mit dem Sändelikesseli und meinen Indianerfiguren durch den Behandlungsraum, öffnete leise die Glastür und war im Garten. Wenn mein Vater nur bohrte, nickte er mir manchmal zu, denn Bohren war nicht so anspruchsvoll. Er hatte dann Zeit, seinem Sohn, der mit dem Sändelikesseli vorbeihuschte, ein wenig Aufmerksamkeit zu widmen. Wenn er aber einen Zahn zog, war er ganz bei der Sache. Er hätte es vielleicht nicht einmal gemerkt, wenn ich mit dem Luftgewehr am Behandlungsstuhl vorbei in den Garten gegangen wäre. Das Luftgewehr war mir natürlich streng verboten.
Jedenfalls lernte ich auf meinen vielen Gängen durch den Behandlungsraum schon früh alle Arten der Schmerzäusserung kennen. Das gedämpfte «Eeh!» der Männer. Das manchmal recht schrille «Aah!» der Frauen. Beim Bohren waren es meist milde Laute, die zusammen mit dem Jaulen des Bohrers einsetzten und erst wieder bei seinem Verstummen aufhörten. Die Extraktion von Weisheitszähnen war etwas anderes. Hier stöhnten die Leute nur schon, wenn sie die Zange sahen. Es war das Gegenteil von Vorfreude. Bei der eigentlichen Extraktion steigerte sich das Stöhnen der Patienten dann zu einem langgezogenen «Uaah!», das ich manchmal noch draussen im Sandkasten hörte. In solchen Fällen integrierte ich die Schreie der Patienten in meine Indianerspiele: Ich musste mir die Todesschreie eines Cowboys am Marterpfahl nicht mehr extra vorstellen. Möglicherweise hat das der Entwicklung meiner Phantasie etwas geschadet. Aber die Praxis lieferte nun mal oft gratis den Soundtrack zu meinen Spielen - wer hätte da Nein gesagt?
Insgesamt hat meine Kindheit mir den Vorteil eingebracht, dass ich heute, wenn ich zum Zahnarzt muss, nur den Schmerz fürchte. Alles andere, der Geruch nach Antiseptikum, der Anblick von Haken, Zangen und Spritzen, ja sogar das Jaulen des Bohrers, weckt in mir wohlige Erinnerungen an die glückliche Zeit, in der ich mit dem Christkind telefonierte und heimlich in der kleinen Kiste wühlte, in der mein Vater die von ihm herausgerissenen Goldkronen aufbewahrte (Piratenschatz!).
Linus Reichlin ist Kolumnist, er lebt in Zürich.