NZZ Folio 02/07 - Thema: Teheran   Inhaltsverzeichnis

Der Mann in der Windjacke

© Mohammad Kheirkhah, UPI / Gamm...
Staatspräsident Mahmud Ahmadinejad (in der Windjacke) beim Gebet auf dem Campus der Teheraner Universität. Linktext
Er gibt sich als einer aus dem Volk, als erstes entfernte er die kostbaren Teppiche aus seinem Büro. Aber er liebt die Macht und ist in seinen imperialen Bestrebungen ein Erbe des Schahs. Die vielen Gesichter des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad.

Von Rudolph Chimelli

«Ich werde euch zu Leutnants ernennen», sprach Präsident Mahmud Ahmadinejad am 11. Dezember 2006 zu den Studenten der Teheraner Amir-Kabir-Universität, die gerade sein Portrait verbrannt hatten. Dabei blickte er sie aus seinen schmalen Augen pfiffig lächelnd an. Es war der erste Protest der einst aufmüpfigen Studenten, seit der radikale Islamist vor eineinhalb Jahren gewählt worden war. Zu Leutnants? Der Satz war eine sinistre Drohung. Iranische Leutnants tragen drei Sterne auf ihren Schulterklappen. Ein Student erhält für jeden Verstoss gegen die Regeln politischen Wohlverhaltens einen Stern in den Akten. Bei drei Sternen fliegt er von der Hochschule.

Es ist gar nicht so einfach, in Teheran ein Portrait des Staatschefs zu finden. Er hatte bei seinem Amtsantritt untersagt, sein Bild in öffentlichen Gebäuden aufzuhängen. Das war eine von vielen Gesten, mit denen er zeigen wollte, dass er als Mann aus dem Volk auf Pomp und Protokoll keinen Wert legt. Seinen Wahlerfolg verdankte er vor allem der Tatsache, dass er in der Stichwahl gegen Ex-Präsident Rafsanjani stand. Dieser verkörperte für die Mehrheit der Iraner jene privilegierte und oft korrupte Klasse des hohen Klerus, die seit 25 Jahren das Land regierte. Rafsanjani ist der Reichste von allen. Seinem Clan gehören Unternehmen, Hotels, Immobilien, eine Fluggesellschaft. Wer immer auf der Welt Pistazien knackt, lässt Rafsanjani mitverdienen. Ahmadinejads Wahlversprechen lautete, er werde die veruntreuten Erdölmillionen zu den Armen umleiten.

Einmal an der Macht, liess er die kostbaren Teppiche aus seinem Büro entfernen. Den Saadabad-Palast des Schahs, welcher der Islamischen Republik als Quartier für Staatsgäste diente, gab er zurück an die Tourismusverwaltung. Seinen Ministern verbot er die Anschaffung gepanzerter Autos im Ausland, die pro Stück zwischen 250 000 und 455 000 Euro kosten. Das Staatsflugzeug, das seine Vorgänger dem Sultan von Brunei abkauften und bei Airbus in Toulouse neu einrichten liessen, benutzt er nicht. «Für Aristokraten ist kein Platz in meiner Regierung», verkündete er, «wir brauchen keine oberen Zehntausend.» Seine beige Windjacke ist zum Markenzeichen der Herrschaft einer neuen Klasse geworden. Doch an Selbstbewusstsein fehlt es Ahmadinejad nicht. «Den Präsidenten zu beleidigen, ist strafbar», warnte er kritische Abgeordnete im Parlament.

Als er noch Oberbürgermeister der Hauptstadt war, wohnte er auf 70 Quadratmetern in einem bescheidenen Dreizimmerhaus im glanzlosen Osten Teherans und fuhr einen dreissig Jahre alten Peugeot. Inzwischen ist er in den Norden der Metropole umgezogen, wo alles komfortabler ist und die Luft besser; aus praktischen Gründen, wie gesagt wird. Die Räume in seinem neuen Haus sind fünf Meter hoch, der Innenhof ist von Arkaden umgeben. Zu einem der Paläste von Reza Schah, dem Vater des letzten Herrschers, ist es nicht weit. Doch noch immer trinkt der Präsident seinen Tee auf Kaschan-Teppichen am Boden sitzend. Zum Freitagsgebet in der Moschee, wo er sich neben dem Vorbeter niederwirft, fährt er in einem Nissan Patrol.

Ein Blick auf seinen Lebenslauf zeigt, dass sein Aufstieg schon früh begonnen hatte. Im staubigen, armen Garmsar, gut hundert Kilometer von Teheran, wurde Ahmadinejad – dessen Familie damals noch Sabarian hiess – geboren. Noch als er ein Kind war, zog die Familie nach Teheran. Der Vater, nach der offiziellen Biographie ein einfacher Schmied aus der Provinz, mauserte sich zum Inhaber eines kleinen Betriebs und verdiente mit Aufträgen im Baugewerbe so viel Geld, dass er seinen Sohn auf das teure, private Daneschmand-Gymnasium schicken konnte.

Der Zögling Ahmadinejad war strebsam. An einem privaten Sprachinstitut nahm er Extralektionen in Englisch. Fussball interessierte ihn mehr als Mädchen. Wenn gerempelt wurde, trat er dazwischen und forderte die Streithähne auf, zu beten. Die unter Iranern häufige Vorliebe für Poesie, Literatur oder Geisteswissenschaften ist beim Präsidenten niemandem aufgefallen – auch nicht bei seinen sechs Geschwistern, seinen drei Kindern und seiner Frau, die wie er ein Ingenieursdiplom in Mechanik hat, zusätzlich Erziehungswissenschaft studierte und unterrichtet. Eine öffentliche Rolle spielt sie nicht. Seine Schwester Parvin dagegen wurde im Dezember in den Teheraner Stadtrat gewählt.

Turbane sind selten in der Umgebung Ahmadinejads. Seine Vertrauten, mit denen er den Staatsapparat, die Hochschulen, die Medien, die öffentlichen Wirtschaftsunternehmen durchsetzt, sind Lichtjahre entfernt von der Lebenswelt der geistlichen Würdenträger, die vor ihm regierten. Die neuen Leute sind jung, aufgeschlossen für moderne Technik, politisch unerfahren, noch unverdorben durch Profitgier. Sie sind nicht die Kinder von Würdenträgern wie Rafsanjani oder Khamenei. Sie kommen von unten, aus dem vermögenslosen Kleinbürgertum, aus der armen Landbevölkerung, aus dem städtischen Proletariat. Sie kennen die Härten des Alltags im Land, die Arbeitslosigkeit, die Armut. Ihre politische Gruppierung nennt sich «Erbauer des islamischen Iran», kurz «Abadgaran».

Bis zu den Wahlen im letzten Dezember für den Expertenrat, der den geistlichen Führer wählt, und die Gemeindeparlamente sah es so aus, als gehörte den Abadgaran die Zukunft allein. Sie beherrschen Parlament, Justiz, Verwaltung, Polizei, Geheimdienste und Streitkräfte. Und solange der geistliche Führer Ali Khamenei seine schützende Hand über Ahmadinejad hielt, konnten der und seine Leute viele ihrer Ideen verwirklichen, auch wenn sich Honoratioren brüskiert fühlten. Freilich nicht alle Ideen. Dass die Kopftücher der Frauen immer bunter werden und immer weiter nach hinten rutschen, wagten Ahmadinejads Radikale nicht zu verhindern. Und die offiziell verpönten Satellitenschüsseln wurden nur zum Teil demontiert und kehren stets aufs neue wieder zurück.

Inzwischen scheint Khamenei behutsam auf Distanz zu seinem Schützling zu gehen. Er kritisierte, dass die Regierung die Preise galoppieren lässt und dass die Wirtschaft nicht privatisiert wird. Eben wegen der wachsenden Unzufriedenheit im Volk wurden die Wahlen im Dezember zu einem Erfolg der gemässigten Konservativen und der Reformer. Rafsanjani, bei der Präsidentenwahl Ahmadinejad schmählich unterlegen, erhielt für den Expertenrat, der den Revolutionsführer bestimmt, die meisten Stimmen.

Viele Abadgaran waren wie der Präsident 1980–88 im Krieg gegen den Irak gewesen, bei den revolutionären Garden, bei der Volksmiliz, bei den Geheimdiensten. Aus ihren Reihen rekrutiert Ahmadinejad mit Vorliebe seine Helfer und Vollstrecker. Was er selber im Krieg tat, ist nicht genau bekannt. Gemunkelt wird von Kommandounternehmen und Geheimdiensten. «Wir haben nicht Revolution gemacht, um eine Demokratie zu bekommen», lautet einer seiner Kernsätze. Ganz selten gebraucht der Staatschef die offizielle Bezeichnung «Islamische Republik», in der ein Element von Volkssouveränität enthalten ist. Viel lieber spricht er vom «islamischen Staat».

Sein geistiger Ziehvater ist Ayatollah Mesbah-Yazdi, der reaktionärste der hohen Kleriker, dessen Hodschatijeh-Bewegung der Revolutionsführer Khomeiny verbieten liess, weil sie seine absolute Autorität über Staat und Gesellschaft in Frage stellte. Die Hodschatijeh propagieren die Vorbereitung auf die Rückkehr des zwölften Imams der Schiiten, der im 8. Jahrhundert auf der Flucht im irakischen Samara verschwand. Er gilt seither als «entrückt» und soll am Ende der Zeiten als «Mahdi» wiederkehren, um ein Reich der Gerechtigkeit auf Erden zu errichten. Im Präsidentenwahlkampf hatte Mesbah-Yazdi seinen Jünger Ahmadinejad als den «Erwählten des Mahdi» bezeichnet. Seit seinem Amtsantritt hat der Kult um den zwölften Imam einen gewaltigen Aufschwung genommen.

Als Figuren der Geschichte verehrt Ahmadinejad den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel-Nasser, einen der Väter der Drittweltbewegung, aber auch Hassan al-Banna, den gleichfalls ägyptischen Begründer der Muslimbrüder, deren Führer Nasser aufhängen liess. Der eine steht als Vorkämpfer gegen die imperialistische Beherrschung der Nahostregion. Die Muslimbrüder, die nach anfänglicher Zusammenarbeit gegen Nasser konspirierten, sind die Urzelle aller modernen fundamentalistischen Bewegungen.

Ahmadinejad ist kein Konservativer, kein Bewahrer der Is lamischen Republik in ihrer jetzigen Form. Er ist sprunghaft in seinen Entscheidungen, und weder zur Arbeitslosigkeit noch zur wirtschaftlichen Stagnation fällt ihm etwas ein. Jede zweite Woche reist er mit dem ganzen Kabinett in eine der Provinzen Irans, macht Versprechungen, verteilt Geld. «Seid ihr mit ihm zufrieden?» ruft er in die Menge und zeigt auf den Gouverneur, der neben ihm steht. «Nein!» schreit die Menge. Doch das bleibt folgenlos. In seinen politischen Äusserungen wird Ahmadinejad nicht selten zum Schwadroneur, der gern provoziert. Im Islam sieht er die Alternative zum heutigen Weltsystem, das von den USA dominiert wird und in dem Iran nicht aufgehen soll. Dafür braucht er einen Feind, Israel, und den Streit über den Ausbau des iranischen Atomprogramms.

Zwei Ziele verfolgt der Präsident mit Überzeugung. Erstens ist für ihn Iran durch Lage und Grösse zur regionalen Vormacht bestimmt. Er würde dies nie laut sagen, aber mit seiner Einschätzung der arabischen Nachbarn als Juniorpartnern – oder als Gegner – ist er ein Erbe der imperialen Positionen des Schahs. Schon der Kaiser sah sich als Polizist am Golf: Er half dem Sultan von Oman mit Truppen gegen marxistische Aufständische; er liess die Golfinseln Abu Mussa und Tamb besetzen, welche die Briten den späteren Vereinigten Arabischen Emiraten zugeschlagen hatten; er baute eine Landungsflotte, die noch heute bei Seemanövern Irans zum Einsatz kommt.

Zweitens will Ahmadinejad seine Macht ausbauen. Über all werden zu diesem Zweck Freiräume eingeschränkt. Kontrollen und Bespitzelung nehmen zu. In den Zeitungen steht fast nichts mehr. Die Zensur für Bücher und Filme ist schärfer geworden. Nur gerade ein Werk des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk wurde ins Persische übersetzt, «Rot ist mein Name», aber es durfte bisher nicht verbreitet werden. Hinter all dem sieht die unpolitische Mehrheit der Iraner die Hand Ahmadinejads.

Seine Gegner murren, aber auf eine Revolution haben die Iraner keine Lust. Niemand dürfte in der Lage sein, Ahmadinejad mit Gewalt abzusetzen. Eine organisierte Opposition gibt es nicht in Iran, und die im Ausland operierenden Oppositionsgruppen haben in der Heimat keine Basis. Ob Ahmadinejad in zweieinhalb Jahren Aussicht auf eine Wiederwahl hat, ist jedoch zweifelhaft. Mit Sicherheit wird die gesellschaftliche Entwicklung über ihn hinweggehen. In seinem ersten Regierungsjahr wurde erstmals nicht die Sommerzeit eingeführt. Der Präsident folgte dem Argument der Orthodoxen, dass sich die Gebetszeiten nicht nach solchen Mätzchen richten dürften, und weigerte sich, die Uhr eine Stunde vorzustellen. Manche sagen von ihm, er habe sie um 26 Jahre zurückgestellt.

Rudolph Chimelli ist Islamexperte der «Süddeutschen Zeitung»; er lebt als Korrespondent in Paris. Seine Iranreportagen «Die Revolution mehrt ihre Kinder» sind 2000 als Buch im Picus-Verlag erschienen.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.