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NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million Inhaltsverzeichnis
Lerne, ein Wolf zu sein
© Mark Peterman
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| Robert T. Kiyosaki, Bestsellerautor: «Arme arbeiten hart für Geld, Reiche lassen Geld hart für sich arbeiten.» |
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«Rich Dad, Poor Dad», «So denken Millionäre», «Denke nach und werde reich», «Your Money or Your Life» – Anleitungen zum Reichwerden sind im Trend. Welche Bücher man lesen sollte und welche besser nicht.
Von Rohland Schuknecht
Wären Sie gern Millionär, haben aber wenig Aussicht, es in Ihrem Job jemals zu werden? Haben Sie es satt, auf einen Lottogewinn oder den Tod einer Erbtante zu spekulieren, um reich zu werden? Wollen Sie ein richtiges Stück vom Kuchen, statt sich wie bisher mit Krümeln zu begnügen? Besteht Ihr «Vermögen» vor allem aus einem nicht abbezahlten Haus und einer Fülle von Statussymbolen von zweifelhaftem Wert? Sind Sie gar hoffnungslos verschuldet und haben das Gefühl, für Banken und Kreditkartenfirmen zu arbeiten? Wenn Ihre Antwort auf eine oder mehrere dieser Fragen «Ja» lautet, könnten Sie früher oder später zu einem der zahlreichen Ratgeberbücher greifen, die uns nicht nur mit todsicheren Strategien für Gewichtsverlust oder Potenzsteigerung füttern, sondern auch mit Tips und Hinweisen zum Vermögensaufbau.
Die Ratgeber- und Selbsthilfeindustrie erwirtschaftet jedes Jahr Milliarden. Am besten lernt man natürlich von denen, die es selbst geschafft haben. Von Leuten wie Robert T. Kiyosaki zum Beispiel. Der amerikanische Selfmademillionär ist ernstlich bemüht, das Geheimnis des finanziellen Erfolges an andere weiterzugeben. In seinem Bestseller «Rich Dad, Poor Dad» erzählt er, dass Reiche einfach anders denken als die unvermögende Mehrheit. Nur wenn Normalsterbliche diese Einstellung kopieren, haben sie eine Chance, reich zu werden. Am Beispiel seines reichen Vaters eröffnet Kiyosaki ihnen die angebliche Gedankenwelt der Reichen. Sein armer Vater, den er auch hin und wieder seinen «gebildeten» Vater nennt, muss als Negativbeispiel und Versager herhalten.
«Arme arbeiten hart für Geld, Reiche lassen Geld hart für sich arbeiten», lautet eine der Weisheiten, die Kiyosaki seinem Publikum mit auf den Weg gibt. Immer wieder weist er darauf hin, wie wichtig es sei, sich für Geld und Anlagen zu interessieren, und betont, dass nur ein passives Einkommen aus Immobilien, Aktien, Obligationen finanzielle Unabhängigkeit und wahren Wohlstand garantiere. Verlierer wie sein Vater – also die Mehrheit – entscheiden sich aus Bequemlichkeit, Angst oder Unwissenheit für ein Leben als Arbeitnehmer und wählen damit ein Leben im Hamsterrad. Sie arbeiten in einem Job, in dem sie zwar über die Jahre immer mehr verdienen, aber auch mehr ausgeben und mehr Steuern zahlen. Mehr noch, sie häufen Verbindlichkeiten an, die sie für Vermögenswerte halten.
Kiyosaki predigt Unternehmergeist, Flexibilität, Lernbereitschaft, Beharrlichkeit, Mut und Kreativität – Tugenden, die nicht nur für Millionärsaspiranten, sondern auch für Hinz und Kunz bald lebensnotwendig sein werden. Das klassische Bildungssystem, das darauf ausgerichtet ist, brave Arbeitnehmer und Steuerzahler heranzuzüchten, hält er für antiquiert und fordert stattdessen Unterweisung in Finanzmanagement, Geldanlage und anderen dem Vermögensaufbau förderlichen Gebieten. Statt eine geradlinige Karriere in einer Branche anzustreben und sich zu spezialisieren, sollte man Grundfertigkeiten in vielen Bereichen erwerben, um damit ein eigenes Geschäft aufzubauen. Wer sich auf seinen Arbeitgeber, den Staat oder gar den lieben Gott verlässt, wenn es ums Geld geht, ist verraten und verkauft. Arbeiter und Angestellte werden zu Tausenden entlassen, auf herkömmliche Pensionsmodelle ist immer weniger Verlass, selbst das Gesundheitssystem teilt sich zunehmend in eine Zweiklassenmedizin, in der die Armen dran glauben müssen und die Reichen überleben.
Kiyosaki trifft den Nerv einer zutiefst verunsicherten, oft hoch verschuldeten amerikanischen Mittelschicht, die sich zunehmend vor Jobverlust und sozialem Abstieg fürchtet. Während sich Firmen und Behörden auf Kosten der Arbeitnehmer gesundschrumpfen, fordert Kiyosaki die Verlierer des Strukturwandels auf, alte Denkweisen über Bord zu werfen, den Wandel nicht zu fürchten, sondern als Chance zu sehen, die Metamorphose vom Arbeitnehmer zum Unternehmer und Investor zu wagen. Betroffen lesen wir die Geschichte von dem Familienvater, der seinen Chef vor laufenden Fernsehkameras auf Knien anflehte, ihn nicht zu entlassen. Kiyosaki fragt: Ist es nicht besser, als Aktionär von Massenentlassungen zu profitieren, als auf Knien zu rutschen? Statt sich von den Wölfen schlachten zu lassen, empfiehlt Kiyosaki den Schafen, einen Wolfspelz anzulegen und das Wolfsein zu lernen.
Kiyosaki präsentiert sich selbst als Musterbeispiel des umtriebigen Unternehmers und erfolgreichen Managers in eigener Sache. Angeblich den Lehren seines reichen Wahlvaters folgend, entschied er sich für ein Leben jenseits der finanziellen Mittelmässigkeit eines geregelten Jobs. Als Helikopterpilot in Vietnam, als Handelsvertreter für Xerox, als Bauarbeiter, Steuerberater und Seemann eignete er sich die Fähigkeiten an, die ihm beim Aufbau seines eigenen Geschäfts von Nutzen sein konnten. Nebenbei sog er gierig Informationen über Finanzmanagement, Geldanlage, Steuerrecht und ähnlich aufregende Themen auf. Seine erste Firma baute er um ein Produkt, auf das die Welt schon lange gewartet hatte: die Nylonbrieftasche mit Klettverschluss. Später konzentrierte er sich auf Immobilien und Aktien und machte damit ein Vermögen. Mittlerweile verdient Kiyosaki mit Büchern, Seminaren und Fernsehauftritten wohl längst mehr als mit Immobilien- und Finanzgeschäften. Einige Kritiker behaupten gar, Kiyosaki sei erst als Bestsellerautor zum Multimillionär geworden, und verweisen darauf, dass er in den einschlägigen Statistiken weder als Investor noch als Immobilienspekulant grossen Stils erwähnt werde.
«Rich Dad, Poor Dad», dessen Cover an einen «Julia»-Roman erinnert, ist eine zwar sehr lesbare, aber unausgegorene Mischung aus den angeblichen Erfolgsgeheimnissen der Reichen, persönlichen Erfahrungen des Autors, Anekdoten und unverbindlichem Finanzgeschwafel. Trotz alledem sind Kiyosakis Bücher Renner. «Rich Dad, Poor Dad» hielt sich fünf Jahre lang auf der Bestsellerliste der «New York Times», bis Mai 2006 gingen angeblich mehr als 11 Millionen Exemplare – auch der deutschen Übersetzung – über den Ladentisch.
Wer noch tiefer in die Gedankenwelt von Millionären eintauchen will, greift zum Buch «Secrets of the Millionaire Mind» (deutsch «So denken Millionäre») des Motivationstrainers T. Harv Eker. Eker ist Millionär und behauptet, dass es in Sachen Reichtum nicht nur auf Einkommen und Geschick im Umgang mit Geld ankomme, sondern vor allem auf unser unterbewusstes finanzielles Verhaltensmuster. Die arme oder kaum vermögende Mehrheit stehe sich oft selbst im Weg, wenn es darum gehe, wirklich viel Geld zu machen. Zum Beispiel indem wir unbewusst den Umgang unserer Eltern mit Geld kopieren, auf Nummer sicher gehen, zu bescheiden, ängstlich oder inkonsequent in unseren finanziellen Unternehmungen sind.
Das finanzielle Verhaltensmuster der Mehrheit ist nicht auf Millionen von Dollars, sondern auf Tausende und Zehntausende und damit ein Leben in Mittelmässigkeit programmiert. Mehr noch, es ist durch kritische Distanz zur reichen Minderheit geprägt. Reiche gelten oft als gierig, herzlos und egoistisch – eine Haltung, die aus Unwissenheit, Neid und dem Drang resultiert, das eigene finanzielle Versagen zu rechtfertigen. Das Problem: Ein Mensch, der die Reichen verachtet, wird niemals selbst reich werden. Harv Ekers Therapievorschlag: Segnet die Reichen und ihre Besitztümer! Legt die Hand aufs Herz und deklamiert laut: «Ich bewundere reiche Leute. Ich segne reiche Leute. Ich liebe reiche Leute. Eines Tages werde ich einer von ihnen sein.»
Mit seinen auf Selbsterkenntnis und Autosuggestion basierenden Motivationsprogrammen hat es auch Harv Eker zum Erfolgsautor unter den Millionärsmachern gebracht. Zwei Jahre nach seinem Erscheinen hält sich «So denken Millionäre» noch immer auf der Bestsellerliste der «New York Times». Harv Ekers Veranstaltungen sind meist ausverkauft, obwohl ein «Millionaire Mind»-Intensivseminar 1300 Dollar kostet. Die Bewunderung der Fans ist grenzenlos, wie die jenes Seminarteilnehmers, der Harv Eker nach einer Veranstaltung schüchtern fragte, ob er ihn anfassen dürfe, und entschuldigend hinzufügte, er habe noch nie einen Multimillionär berührt.
Kiyosaki, Harv Eker und andere Propheten der Erfolgsreligion stehen in einer langen Tradition und bedienen sich aus einem festen Repertoire von Psycho-Hokuspokus und Finanzphrasen. Als Klassiker der Geld- und Erfolgsliteratur gilt Napoleon Hills Buch «Denke nach und werde reich», das 1937 erstmals erschien und seitdem unzählige Neuauflagen erlebte. In zwanzigjähriger Arbeit hatte Hill über 500 Millionäre – darunter Henry Ford, John D. Rockefeller, Thomas Edison und F. W. Woolworth – interviewt, um das «Geheimnis des Erfolgs» zu entschlüsseln. Obwohl ihm das angeblich gelang, benennt Hill das Geheimnis in seinem Buch nicht direkt und begründet seine Zurückhaltung damit, dass es effektiver sei, wenn jeder Leser es für sich selbst herausfinde. Stattdessen füttert er uns mit Phrasen und präsentiert seitenlange Erfolgsgeschichten.
Während es jedem Menschen ohne schwerwiegende Identitätskrise schwerfallen dürfte, die Werke der selbsternannten Millionärsmacher ernst zu nehmen, gibt es doch auch durchaus vernünftige Geldratgeber. Diese warnen vor der Illusion des schnellen Geldes. Ein Dauerbrenner ist «Der reichste Mann von Babylon» von George S. Clason. In seinem 1926 erstmals erschienenen Buch plädiert Clason für eine vorausschauende Finanzpraxis. Dass er seine oft klugen Tips und Ratschläge in unterhaltsame Geschichten und Parabeln aus dem alten Babylon verpackt, fördert den Unterhaltungswert des Buches und ist dennoch fragwürdig. Immerhin galt Babylon seit je nicht nur als eine der reichsten Städte der alten Welt, sondern auch als sprichwörtlicher Hort von Grössenwahn und Dekadenz.
Clason selbst war als Unternehmer und Autor erfolgreich und gab unter anderem den ersten Strassenatlas für die USA und Kanada heraus. Drei Jahre nach der Veröffentlichung seines Buchs setzte die Depression dem Boom der 1920er Jahre ein Ende, und Clason musste Konkurs anmelden. Es ist nicht überliefert, wie viele seiner Leser ihre Ersparnisse und Investitionen im Zuge der Bankpleiten, die im Dominoeffekt ganz Amerika erschütterten, verloren.
Einer der ungewöhnlichsten und zugleich interessantesten Geldratgeber auf dem Markt ist «Your Money or Your Life» von Joe Dominguez und Vicki Robin. Wie bei Kiyosaki & Co. wird hier die Analyse der Lebenssituation vieler Lohn- und Konsumsklaven mit einem Plädoyer für finanzielle Unabhängigkeit verbunden. Für Dominguez und Robin bedeutet finanzielle Unabhängigkeit jedoch nicht das Sammeln von Millionen. Statt der Anhäufung von Reichtum und grenzenlosem Konsum propagieren sie ihr Ideal von einem nachhaltigen, einfachen und frugalen Leben. Es geht darum, wahre Bedürfnisse zu definieren und intelligent zu befriedigen, statt immer wieder neue zu erfinden. Es geht darum, nicht nach dem Prinzip «Mehr ist besser», sondern nach dem Grundsatz «Genug ist genug» zu leben.
Es geht darum, sich nicht über eine bezahlte Arbeit, die Höhe des Einkommens oder Statussymbole zu definineren, sondern ein Leben zu leben, das nach aussen einfach, aber nach innen reich ist. In einem Neun-Punkte-Programm weisen die Autoren den Weg zu wahrer finanzieller Unabhängigkeit: der Befriedigung individueller Bedürfnisse, ohne einer abhängigen Arbeit nachgehen zu müssen. Das Programm folgt in allen Einzelheiten der Strategie, mit der sich der ehemalige Wall-Street-Analyst Dominguez selbst aus der Lohnsklaverei befreite. Hier finden sich konkrete Tips für Finanzmanagement, Ausgabenkontrolle und vernünftige Geldanlage statt nebulöse Erfolgsstrategien.
Ein Buch wie «Your Money or Your Life» entsteht, wenn Hippies ernsthaft über Geld nachdenken. Seine Botschaft wird mit ebenso grossem (und streckenweise ebenso naivem) uramerikanischem Enthusiasmus unters Volk gebracht wie die Phrasen der Millionärsmacher. Auch «Your Money or Your Life» ist ein Bestseller in den USA und beweist damit, dass die Pervertierung eines Prinzips – in diesem Fall Reichtum und grenzenloser Konsum – zugleich seine Umkehrung in sich birgt. Und doch ist es sehr unwahrscheinlich, dass der Grundgedanke «Genug ist genug» seinem attraktiveren Rivalen «Mehr ist besser» jemals den Rang ablaufen wird. So werden Kiyosaki, Harv Eker und andere Propheten des grossen Geldes wohl weiterhin auf der Welle des Erfolgs schwimmen.
Wirklich erstaunlich ist nicht die Existenz, sondern die anhaltende Popularität der Erfolgsliteratur und ihrer Produzenten. Es scheint, als seien es weniger die Verlierer als die Verlorenen, die Zuflucht zu angeblichen Patentrezepten zum Abbau von Kalorien und Stress oder zum Aufbau von Vermögen, Potenz, Selbstvertrauen und positiver Lebenseinstellung nehmen. Wie sonst lässt sich erklären, dass es offensichtlich Menschen gibt, die den Rat des Erfolgstrainers Dennis Waitley befolgen, sich nackt vor einen grossen Spiegel zu stellen, sich eine Einkaufstüte mit Gucklöchern über den Kopf zu ziehen und ihr Spiegelbild zu betrachten, um zu einem objektiveren und positiveren Selbstbild zu gelangen? Gibt es ein lächerlicheres und zugleich symbolträchtigeres Bild als das eines nackten Menschen mit einer Einkaufstüte über dem Kopf?
Rohland Schuknecht ist Historiker und Journalist; er lebt in Hamburg.
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