NZZ Folio 03/93 - Thema: Neue Grenzen   Inhaltsverzeichnis

Kannitverstan!

Warum es die Dummen sind, die Sprachgrenzen zu ihren Gunsten verschieben!

Von Valentin Braitenberg

DASS ICH AN EINER SPRACHGRENZE geboren bin, oder gar auf einer Sprachgrenze, wäre ein schöner Anfang, stimmt aber nicht ganz. Es liesse sich auch nicht exakt feststellen, denn die Grenze zwischen der lateinischen Nation und der germanischen in Südtirol wird um so verwaschener, je genauer man hinschaut. Eher trifft es zu, dass die Sprachgrenze quer durch meinen Kopf geht, wie durch die Köpfe der meisten Menschen, die dort aufgewachsen sind. Natürlich gibt es in unserer Gegend auch Individuen, deren Köpfe so klein sind, dass die nationale Grenze an ihnen vorbeigeht, auf der einen Seite oder auf der anderen, und die machen unverhältnismässig viel Lärm und finden viel Gehör, weil die Menschen, die anderswo mitten im Speck ihrer Nationen leben, naturgemäss ungespaltene Köpfe haben und sich den Zustand von unsereinem gar nicht vorstellen können, so mit der Sprachgrenze mitten im Kopf.

Diese Typen fragen oft dumm. Aus deutschem Munde zum Beispiel: wie ein italienischer Staatsbürger zu einem Namen wie dem meinen kommt. Das ist taktlos, aus italienischem Munde hört man diese Frage kaum, denn es könnten ja tragische Gründe gewesen sein, die die Familie ins Ausland verschlagen haben (waren keine, wir sind im Etschtal alteingesessen). Ich höre aber die Hoffnung mitschwingen, dass ich eigentlich ein Deutscher sei oder wenigstens ein Österreicher, der im Welschland leidet. Nichts dergleichen. Ich denke mit Wehmut und Dankbarkeit an unsere Schule zurück, wo an der Wand die drei Herren hingen, zuoberst der Gekreuzigte und darunter der Duce mit seinem grimmigen Maul (und seinem penetrant oberitalienischen, also vertrauten Akzent, wenn seine Reden über den Lautsprecher kamen) und daneben Viktor Emanuel von Savoyen mit einem muffigen Schnauzer, aus demselben unitalienischen Geschlecht wie der in Österreich so verehrte Prinz Eugen, unser König von Italien und Kaiser von Äthiopien: wie sollten wir Bozner Buben nicht stolz sein als Untertanen eines solchen Exoten. Ist das lächerlich? Nicht lächerlicher als das Photo vom alten Kaiser Franz Josef von Österreich, das in Triest noch in vielen Wohnzimmern hängt. Bei mir hängt der Viktor Emanuel wenigstens nur im Gedächtnis.

Oder aus den Mündern von alten Faschisten, wenn sie uns in der Familie drei Sprachen reden hören: wo kommt denn ihr eigentlich her? (mit zurückhaltender Höflichkeit). Aus einem zivilisierten Land, sage ich, das bei seinen Bürgern acht Sprachen als Muttersprachen offiziell anerkennt. Da wird geraten: aus der Schweiz? und ich: magari! (dort sind es nur vier); aus Frankreich? ich: magari! (sind wohl auch bloss drei); Grossbritannien? magari! (auch bloss drei, davon zwei marode); dann: Russland? magari (ohne Überzeugung, die haben wohl auch mehr als acht Sprachen, wenigstens in der alten Sowjetunion). Bevor sich die Faschisten abwenden, sag ich schnell: aus Italien. Die acht Sprachen sind: Italienisch, Deutsch in Tirol, Französisch im Aostatal, Ladinisch in Friaul und in den Dolomiten, Slowenisch in Triest und in Friaul, Kroatisch ebenda, Griechisch in Kalabrien und in Apulien, Albanisch in Sizilien und in Kalabrien. Dann seid ihr also Deutsche, sagen die Faschisten. Wenn man so will, sage ich, freilich, der Familienname ist sowenig italienisch wie der von Garibaldi oder von Dante Alighieri. Das führt zur Explosion des Sprengsatzes, den das magari vorher in den Köpfen der Faschisten angelegt hatte.

Als gute Abwehr gegen die Völkischen auf beiden Seiten hat sich auch folgendes bewährt: Man lässt sie eine Weile reden und lauscht aufmerksam. Es dauert meist nicht lange, bis ein Fehler in der Grammatik oder in der Wortwahl gemacht wird. Den korrigiert man dann auf penetrante Weise. Auch dies erzeugt rote Köpfe und schützt vor weiterer Belästigung.

Entsetzlich sind die, die fragen: fühlst du dich eigentlich als Deutscher oder als Italiener? Das ist ja so, als ob man wissen wollte, auf welcher Seite ich im nächsten Krieg zu schiessen bereit bin. Die Antwort ist: ich bin auf der Seite derer, die keine solchen Fragen stellen. Manchmal kommen sie einem psychologisch: in welcher Sprache man die automatisierten Grundoperationen der Arithmetik in sich abspult, wenn man rechnet. In beiden merkwürdigerweise. Ich habe das Einmaleins in der Schule zwar auf italienisch auswendiggelernt, benütze es aber jetzt öfter auf deutsch; was da in meinem Gehirn vorgegangen ist, weiss ich nicht. In welcher Sprache ich träume, fragen andere. So gut ich kann, benütze ich die Sprache der Leute, die mir im Traum erscheinen, ich bin auch im Schlaf höflich. Und die ganz Schlauen fragen, in welcher Sprache ich fluche, wenn einer mir auf die Zehen tritt. Auf italienisch mit Tiroler Akzent, unabhängig von der Nationalität des Betreffenden. Die Kraftworte haben sich mir offenbar in den ersten Schuljahren eingeprägt.

Endlich, für die, die mich gerne zu ihrem Volk zählen würden, weil sie ihre Nation als einen möglichst grossen Batzen von Menschheit sehen, dessen Haupttugend die Zahl ist, habe ich mein sprachhistorisches Grundgesetz auf Lager. Es besagt: Wenn sich eine Sprachgrenze im Laufe der Zeit verschiebt, so deshalb, weil die Gescheiteren auf einer Seite der Grenze imstande sind, die Sprache der anderen zu lernen. Die Sprache der Dümmeren, oder Fauleren, erweitert ihr Territorium. Ich weiss nicht, ob sich das historisch belegen lässt, aber es wirkt.

Wir im Etschtal haben den übrigen Europäern einiges voraus. Solange das European («European spoken here» steht auf einem Plakat im Flughafen von Berlin), das heisst  verstümmeltes, aber mit Französismen, Deutschismen, Italienismen bereichertes Englisch, noch nicht zur Landessprache geworden ist, müssen wir uns um gute Manieren im polyglotten Umgang bemühen. Ich biete ein paar Regeln an.

Erstens: Keine Sprache ist eine Schande. Man soll und darf auch auf fremdem Terrain laut und selbstsicher reden. Früher haben wir einmal geglaubt, dass man Sprachen für Untaten verantwortlich machen kann. Das war sicher falsch. Jede Sprache ist auf ihre Weise ein verehrungswürdiges Geschöpf.

Zweitens: Dialekte sind für den Hausgebrauch, zählen zu den Lautäusserungen, die in der Familie recht sind, in der Öffentlichkeit aber unhöflich. Es gibt schon zu viele Sprachen in Europa, stoppt die Mundarten, bevor sie sich auch noch als Sprachen profilieren. Man verlange von keinem Italiener, der sich redlich um die deutsche Sprache bemüht, dass er auch noch Oberbayrisch lerne, sonst wird er uns seinerseits mit Sizilianisch oder Bergamaskisch kommen, Gott behüte.

Drittens: Man benütze immer die Sprache, die man am besten kann, solange der andere versteht. Wenn der Deutsche sein schlechtes Italienisch übt und der andere höflich in seinem ungenügenden Deutsch antwortet, leidet die Kommunikation, und beide verpassen die Chance, etwas vom anderen zu lernen. Gespräche sind keine Sprachlabors. Oder wenn man schon im Gespräch etwas lernen will, dann das Verstehen, nicht das Reden. Flüssige Sprache verstehen ist schwieriger als Radebrechen, muss länger geübt werden.

Viertens: Beim Erlernen fremder Sprachen ist die Grammatik wichtiger als der Akzent. In der Zeit, in der der Italiener um das gehauchte h ringt, der Deutsche um das rollende Zungen-r, hätten beide mit grösserem Nutzen ein paar grammatikalische Regeln und unregelmässige Verben gelernt.

Fünftens: Man verwechsle die Sprachen nicht mit ihren Karikaturen. Das Opernhafte am Italienischen, das militärisch Bellende am Deutschen, das Nuschelnde am Englischen, das Saloppe am Französischen sind Affektationen, die mehr mit dem Fremdbild dieser Sprachen zu tun haben als mit ihrem Wesen. Vernünftige Sprecher können Deutsch melodiös und weich sprechen, Italienisch ohne theatralische Akzente, Englisch mit deutlichen Konsonanten und Französisch mit so vielen Silben, als geschrieben stehen. Die Sprachen profitieren davon und wirken auf fremde Ohren sympathischer. Hocharistokraten pflegen solche Zurückhaltung. Dank ihrer internationalen Verwandtschaft sind sie schon lange Meister im polyglotten Umgang. Ihre Sprache ist frei von den Manierismen ihrer Untertanen.

Zuletzt: Wir brauchen einen europäischen Gruss, eine Formel, an deren Aussprache man gleich erkennt, welcher Sprachen einer mächtig ist. Das würde bei Unbekannten das lästige Herumtasten nach einer gemeinsamen Sprache ersparen. Das Grusswort sollte nach Möglichkeit ein h, ein ch, ein r, ein th und ein ü enthalten. Mir ist noch keines eingefallen. Vielleicht könnte man es mit «Hallo Maastricht» probieren, oder mit «Think Europa». Wenn mich einer so begrüsste, würde ich wohl meistens auf die richtige Nation tippen.

Valentin Braitenberg ist Direktor am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen. Zuletzt ist von ihm erschienen «Gescheit sein und andere unwissenschaftliche Essays» (Haffmans 1987).


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