Schwimmen, die gesündeste aller Sportarten, ist eine Sucht wie jede andere. Das scheint irgendwie mit dem körpereigenen Endorphinhaushalt zusammenzuhängen; lassen Sie es sich von Fachleuten erklären, ich genüge mir selbst als Beweis: ich schwimme jeden Tag, wo immer ich mich aufhalte. Wer gewohnt ist, täglich seinen Kilometer zu absolvieren, leidet unter Entzugserscheinungen, sobald er diesen Kilometer nicht absolviert: Schwindel, Übelkeit, Depression und dergleichen sind die Folgen. Dass es überhaupt soweit kommt, sich diese Tagesdosis anzugewöhnen, setzt allerdings und ursächlich eine zwangsneurotische Veranlagung voraus. Jeder Schwimmer, jede Schwimmerin, der/die über ein Minimum an psychologischer Selbstkenntnis verfügt, weiss das.
Da sich aber, im Unterschied zu anderen Zwangsneurosen, der Schwimmzwang leicht kaschieren lässt, fällt er nicht weiter auf. Er geht unter in der Fitnessideologie unserer Gesellschaft. Die nicht zwanghaft schwimmende Öffentlichkeit reagiert Schwimmern gegenüber mit einer Mischung aus Bewunderung und Schuldgefühl. Für sie sind Schwimmer Menschen mit Disziplin, die ein Recht darauf haben, all jene zu verachten, die das nicht sind, obwohl sie sich von Silvesternacht zu Silvesternacht erneut vornehmen, es zu werden. Diese Sachlage nützen Leute wie ich aus. Öffentlich wirken sie souverän. Heimlich schämen sie sich für ihre Krankheit, eine Mischung aus Neurose und Sucht. Etwa dann, wenn sie ihr Leben nach den Öffnungszeiten der Hallenbäder einzurichten beginnen. Verreise ich, muss ich neben Transport und Hotel auch den Hallenbadbesuch organisieren. Ja, muss; denn freiwillig tue ich das längst nicht mehr. Ich bin eine Sklavin meines Körpers.
Eines schönen Wintertages beschloss ich, Weihnachten in München zu verbringen, weil ich herausgefunden hatte, dass die Olympiaschwimmhalle auch an Weihnachten offen war. Angekommen in meinem Münchner Hotel, packte ich sogleich den Badeanzug aus, schnappte ein Hotelhandtuch und stand ein paar U-Bahn-Stationen später vor Günter Benischs etwas heruntergekommener, aber nach wie vor eindrucksvoller Architektur-Ikone. Nur: was sah ich? Am Eingang bat ein Schild die geschätzte Benützerschaft scheinheilig um Verständnis für die vorgezogene Schliesszeit. Grund: Weihnachtsschwimmen des Soundso-Vereins, wir wünschen Ihnen ein frohes Fest und freuen uns, Sie morgen wieder empfangen zu dürfen.
Ich freute mich kein bisschen. Ich wollte schwimmen, und zwar jetzt und hier.
Der Super-GAU war eingetreten. Doch Sucht gibt sich nicht so schnell geschlagen. In meinem Unterbewussten tauchte ein Arabella-Hotel auf, das ich einmal von der Autobahn aus gesichtet hatte. Arabella-Hotels zeichnen sich im Hotelführer durch das magische Signet aus - eine dreifache Wellenlinie mit einem Dächlein drüber. Nicht, dass ich gewohnheitsmässig in 5-Stern-Hotels absteige; das kommt nur in Härtefällen vor. Aber ein «Arabella» war einst an der Frankfurter Buchmesse meine Rettung gewesen. Ich schwamm dort nicht als zahlender Hotelgast, sondern als momentane Begleiterin eines zahlenden Hotelgastes. Dass ich für die weiteren Messenächte dann zu ihm ins Hotelzimmer übersiedelte, lag nicht an seinem italienischen Charme, obwohl er das glaubte.
Dummerweise befand sich das Münchner «Arabella» in einer «Umstrukturierungsphase», auf deutsch: es war zu. Ich sprang, mittlerweile ziemlich nervös, ins nächste Taxi. Aufs Geratewohl und ohne zu wissen, ob es in München ein Sheraton gab, sagte ich: «Zum <Sheraton>.» Als wir am «Marriott» vorbeibrausten, zwang ich den Chauffeur zu einer Vollbremse und hiess ihn, vor dem Eingang zu warten. Ich bezahlte vorsichtshalber nicht, um ihn am Abhauen zu hindern. Verwundert kassierte er kurz darauf ein üppiges Trinkgeld, das ich ihm aus Erleichterung hinblätterte. Im «Marriott», so das Ergebnis meiner Recherche, brauchte ich nur den Lift zu besteigen; im Untergeschoss gab es Sauna, Dampfbad, Massage, Solarium - und einen Pool! Und das Ganze gratis und franko, denn selbstverständlich hatte ich keinem unter die Nase gerieben, dass ich woanders logierte. Da sich der Pool aber als lauwarme Pfütze entpuppte, in der schmusende Liebespärchen, alleinerziehende Väter mit Babies, Halbwüchsige mit Flossen und Taucherbrille, wassertretende Nixen in Aquafit-Ausrüstung das, was man unter Schwimmen versteht, massiv erschwerten, fand ich es nur richtig, mich vor der Bezahlung gedrückt zu haben.
Seit jenem unvergesslichen Heiligabend erkundige ich mich jeweils im voraus telefonisch und verbindlich nach aussergewöhnlichen Schliesstagen der Hallenbäder meiner Destination. Ein Dossier mit den Adressen habe ich mir im Laufe der Jahre zusammengestellt. Dennoch kann es passieren, dass mich Sadisten an der Kasse mit der lakonischen Bemerkung «Altersschwimmen!» abblitzen lassen. Zumindest versuchen sie es. Nur sind sie da an die Falsche geraten. Im Wiener Amalienbad überzeugte ich mein Gegenüber davon, dass ich nun wirklich auch nicht mehr die Jüngste sei. Ich schützte mich dann im Wasser durch steif-aufrechte Kopfhaltung und gemächlich-majestätisches Tempo davor, aus dem Rahmen des Seniorenclubs zu fallen. In Berlin scheiterten meine Überredungskünste in einem vergleichbaren Fall allerdings; auch ein gravierendes Rückenleiden nützte nichts. Es war aber noch fast Sommer; ich landete im verregneten und kolibakterienverseuchten Halensee.
Hallenbäder empfehlen sich auch für soziologische Studien: Wien gehört zum Balkan, im Amalienbad verbringen balkanische Grossfamilien planschend das Wochenende. In Paris quartiert sich die - männliche, arbeitslose - arabische Bevölkerung gern in den unzähligen piscines municipales ein. Als in der Filiale, die ich frequentiere, wegen eines Rohrdefekts die sonst nach Geschlechtern getrennten Duschsektionen zusammengelegt wurden, spezialisierten sich mehrere Araber aufs Dauerduschen, um sich an den duschenden Frauen satt zu sehen. Das Braunschweiger Mövenpick-Hotel-Erlebnisbad, wo sonntags familiäres Nacktbaden angesagt ist, dürfte ihnen wie ein Paradies auf Erden vorkommen. Meinerseits suchte ich in den folgenden Tagen dann die Piscine im scheusslichen Forum des Halles auf.
Weil ich niemandem ein Suchtsyndrom wünsche, sehe ich prinzipiell davon ab, Freunde zum Mitschwimmen zu animieren. Ich schwimme lieber allein, aber Männer lassen das ungern zu. Entweder setzen sie alles dran, mich vom Schwimmen abzuhalten, oder aber sie beschliessen in einer Anwandlung von sportlichem Ehrgeiz, den sie als ritterlichen Beschützerinstinkt verkaufen, mitzukommen. So geschehen zum Beispiel in Paris, wo Badehosen Modell Boxershorts, wie in ganz Frankreich, kategorisch verboten sind. Die schlagende Begründung: man könne Boxershorts-Badehosen nicht von Boxershorts-Unterhosen unterscheiden, und in Unterhosen zu baden sei unhygienisch. Mein Begleiter hatte das Nachsehen, ich hingegen durfte nach dem Bad seine unbeschreiblich schlechte Laune aushalten: erst wurde er in seinen heroischen Vorsätzen frustriert, und dann musste er auch noch eine geschlagene Dreiviertelstunde auf mich warten. Heute erfinde ich zwecks Vermeidung von solchem Psychostress einen Bibliotheksbesuch oder sonst einen ominösen Termin.
Ich selbst hatte nie Probleme wegen Badeanzügen. Ich hätte auch keine, wenn ich ein Mann wäre und man mich mit meinen Boxershorts vor die Türe stellte, weil ich sofort das an der Kasse feilgebotene Slip-Modell erwerben würde. Ich kaufe dort schon ständig Bademützen, wenn sie einen ohne nicht schwimmen lassen. Ich besitze Dutzende davon; sie lagern zu Hause in einer Schublade, wo sie brüchig und unbrauchbar werden. Wieso ich Bademützen nicht in mein Schwimmgepäck integriere, kann ich mir nicht erklären. Vielleicht ein Verdrängungsmechanismus: Bademützen verabscheue ich. Die Shops der amerikanischen YMCAs nützen meine Notlage jeweils schamlos aus, indem sie mir gelabelte Bademützen zu Designerpreisen andrehen. Dafür profitierte ich in Weimar noch lange nach der Wende von den Folgen der real existiert habenden Planwirtschaft. Dort lieh mir die Kassierin ohne Umstände das Requisit, weil die neuen Modelle erst nächste Woche eintreffen würden. Da schwamm ich längst wieder in heimischen Gewässern.
In Weimar hatte ich eine knifflige Aufgabe zu erledigen, und mir war klar, dass ich ungeschwommen scheitern musste. Schwimmmöglichkeiten offerierte das - einzige - Weimarer Hallenbad an jenem Wochentag zwischen sechs und sieben Uhr morgens und dann wieder ab vier Uhr nachmittags. Mein Zug fuhr gegen elf. Also veranlasste ich das historische Hotel Zum Elephant, mich um fünf Uhr dreissig zu wecken und für fünf Uhr fünfundvierzig ein Taxi zu bestellen. Geweckt wurde ich dann um zehn vor sechs mit der Nachricht, das Taxi warte bereits. Im Halbschlaf schwamm ich meinen Kilometer. Als Souvenir brachte ich keine Goethe-Tasse mit nach Hause, sondern den «Abriss» für den Eintritt in die Joh.-Brumme-Schwimmhalle: «Erwachsene 1.00 M», ein Relikt aus DDR-Zeiten.
Kürzlich sah ich die Uraufführung eines Stücks von John von Düffel. Es spielte, ohne dramaturgische Motivation, in einer Hallenbad-Garderobe. Von John von Düffel ist in der Taschenbuchreihe «Kleine Philosophie der Passionen» auch ein Band mit dem Titel «Schwimmen» erschienen. Das erklärt alles. Der Dramatiker, ein verkappter Schwimmsüchtiger, sublimierte in dem Trockenschwimmer-Drama seine Sucht. Schade, dass er die Veranstaltung nicht ins reale Hallenbad verlegte. Ich hätte eine Hymne geschrieben.
Barbara Villiger Heilig ist Theaterkritikerin der NZZ.