NZZ Folio 05/93 - Thema: Schönheit   Inhaltsverzeichnis

Ungeputzt am schönsten

Wandel weiblicher Schönheit im 20. Jahrhundert.

Von Hans Peter Treichler

SCHRILLE GROSSSTADT-GÖRE in den zwanziger Jahren, hochkünstlicher Vamp à la Garbo in den Dreissigern, kurvenreiches Vernaschobjekt in der Nachkriegszeit - das Ideal weiblicher Schönheit hat in keinem Jahrhundert so krasse Ausschläge erlebt wie in unserem. Gegen sein Ende hin scheint eine neue Einfachheit Trumpf. International populäre Topmodels wie Cindy Crawford oder Claudia Schiffer strahlen Frühstücksflocken-Gesundheit aus und bringen zum Fototermin angeblich kaum mehr als den Lidstift mit. Natürlichkeit auf zweiter Ebene? Oder Rückkehr zum klassischen Ideal aus Lessings «Minna von Barnhelm»? «Wenn wir schön sind», meint dort die Zofe Franziska, «sind wir ungeputzt am schönsten.»

In den zwanziger Jahren schrieb ein New Yorker Kaufhaus einen etwas albernen Wettbewerb aus. Gesucht waren Kundinnen, die dem populären Filmstar Myrna Loy möglichst aufs Haar glichen. Als die Schauspielerin am Finaltag persönlich erschien und ein Dutzend Doppelgängerinnen begrüsste, schlug sie die Hände zusammen: «Du meine Güte, die sehen mir ja ähnlich . . . so ähnlich seh' ich mir ja nicht mal selbst!»

Ob der Gag nun spontan kam oder ob ihn ein Werbeberater für Loy zurechtgelegt hatte: er sagt einiges aus über das Schönheitsideal im Zeitalter von Film und Fernsehen. Gefragt ist kopier- und herstellbare Schönheit, kein verwirrendes Mysterium, kein unnachahmlicher Einzelfall. Original und Abbild können, ja müssen sich verwischen. Schönheit - vor allem weibliche Schönheit - ist so etwas wie demokratisch zugemessener Luxus, und als Verteilstelle funktionierte, bis weit über die Jahrhundertmitte hinaus, das Kino. «Den Willen zur Schönheit», beteuerte die «Neue Illustrierte» 1927, «hat in aller Welt der Film ganz entschieden gehoben, durch die uns auf der Leinwand makellos erscheinenden Menschen.» Seit 1950 macht das Fernsehen dem Kino diese Rolle streitig, mit rasch wachsender Effizienz: täglich offeriert es uns noch mehr Bilder noch schönerer Menschen, blitzende Augen und Zähne, regelmässige Züge, dralle Körper. Was passiert da mit unseren Vorstellungen von dem, was schön ist? Begnügen wir uns, wie Myrna Loy, mit dem Staunen darüber, dass Schönheit offensichtlich neue Schönheit gebiert?

VON DER DAME ZUM GROSSSTADT-GIRL. Aus den Fotoalben unserer Urgrosseltern blickt uns die «reife Schönheit» der ausgehenden Belle Époque, der Jahre um 1910, entgegen. Gab sich die bürgerliche Dame damals wirklich so gemessen? Hatte ihre Unbeweglichkeit mit dem kunstvoll aufgetürmten Haupthaar, den schweren Stoffen ihrer Robe zu tun - oder eher mit den langen Verschlusszeiten der Kameras, die ihre Opfer in statuarischer Würde erstarren liessen? Tatsache ist: ein Jahrzehnt später waren die Verschlusszeiten kurz, waren die seelenvoll drapierten Jung-Omas aus ihren Salons weggetreten, nahm die Galerie rasch wechselnder Vorbilder, die bis in unsere Gegenwart reicht, ihren Anfang. Sie verlangte vom weiblichen Publikum stetes Umdenken, ständige Neuorientierung.

Heutige Feministinnen wittern im systematisch geschürten «Weiblichkeitswahn» einen verhängnisvollen Mechanismus, der die Frau auf die Beschäftigung mit ihrem Äusseren zurückwirft und sie so daran hindert, die starren Strukturen der Männerherrschaft aufzubrechen; Modehistoriker sehen lediglich das liebenswerte Walten einer irrationalen, spielerischen Perfektionssuche, einer Art kollektiver Kreativität, die im Bild der Frau halbbewusste Phantasien lebendig werden lässt.

Wie auch immer: 1925, auf dem Höhepunkt der Golden Twenties, galt das Leitbild der wirbligen, kessen jungen Frau, die zum Posieren schon gar keine Zeit fand. Die schlanke Garçonne, das zigarettenrauchende Grossstadt-Girl in Topfhut und Hemdkleid, stand für den abruptesten Stilwandel, den das Frauenbild seit der Französischen Revolution durchgemacht hatte. Schön war jetzt schnell; nicht umsonst zeigte die Frau ihre Beine bis eine Handbreit oberhalb des Knies her, nicht umsonst waren diese Beine dauernd in Bewegung, beim Shimmy- und beim Charlestontanzen, beim Tennis und beim Radfahren. Diese Girls schienen im Schnellzugtempo durch das Leben zu steppen; sie verkörperten Fliessbanddynamik, erotische Ungebundenheit und politische Mitsprache; bezeichnenderweise führten viele westliche Staaten in den Mittzwanzigern das Stimm- und Wahlrecht für Frauen ein.

Der wohl schwerwiegendste Traditionsbruch - neben dem Heben des Rocksaums - war der Sieg des Bubikopfs. Die Frau trug ihr Haar kurz, zigaretten- bis höchstens bleistiftlang, im Büro «streng und schlicht nach hinten gebürstet», abends leicht onduliert. Der Eton Boy, der Gymnasiastenlook, kündete nicht nur davon, dass sich die berufstätige Frau «am Morgen nicht stundenlang um ihre Frisur kümmern kann» - so die «Berliner Illustrierte». Er kam einer Kampfansage gleich, er war der Auftakt zur Nein-Kampagne: «Nur mit kurzen Haaren kann man richtig den Kopf schütteln und einmal auch Nein sagen», hiess es gleichenorts. Davor sei die Vorfahrin mit ihrer hochgetürmten Frisur stets zurückgeschreckt - «das Nein brächte ja die Frisur in Unordnung».

Dass dieses Nein durchaus auch dem herkömmlichen Balzverhalten galt, den öligen Verführungsversuchen erfolgsgewohnter Grossstadt-Romeos, zeigte sich im ganzen Rest der Silhouette: tief angesetzte Taille, flach fallender Rock, der alle Rundungen leugnete, flachgepresster Busen, die berühmte flat flapper chest. Das charlestontanzende Flappergirl demonstrierte mit diesen Konturen, dass es bei der Partnersuche auf die handfesten Signale von einst verzichtete, auf Wogebusen und Wackelhintern. Allfällige Leuchtmarken, ein paar aggressive Rottupfer, setzte die Frau selbst, mit Nagellack und Lippenstift. Beides war bis zum Grossen Krieg der Demimonde vorbehalten gewesen. Schaut selbst, schien das Flappergirl der Männerwelt zuzurufen, wie ihr fortan zwischen Trottoirmädchen und selbstbewusster Frau unterscheiden wollt - unser Problem ist das nicht!

LANDI-MÄDCHEN UND DIVA. Kaum fünf Jahre, so schätzen Modehistoriker, hielt der neue Schub im Lebensgefühl an, hielt sich die Illusion einer neuen und partnerschaftlichen Beziehung zwischen den Geschlechtern. Das Ende der Tempo-Tempo-Ära kam 1929 mit dem grossen Börsenkrach im Oktober. Die Millionäre segelten aus den Fenstern der Wolkenkratzer, die Flappergirls standen verdutzt da, die Zigarettenspitze zwischen den Fingern. Gefragt war, während sich die wirtschaftliche Depression festhakte, ein Frauentyp, der volle Suppentöpfe verhiess, mit Röcken, unter die man sich verkriechen konnte . . .

Wer Bubikopf trug, hatte in gewissem Sinn den Fünfer und das Weggli. Der schmucklose Kurzhaarschnitt galt als Morgenfrisur; zur grossen Abendtoilette trug man beispielsweise Nackenlocken, einen Kamm mit Postiche, kurz: Fülle. Die schöne Frau der dreissiger Jahre tat gut daran, etwas Fülle als Möglichkeit durchschimmern zu lassen. Zwar blieb ihre Silhouette schlank, ja die Schlankheitsrezepte, -übungen und -kuren in den Frauenzeitschriften begannen erst jetzt zu dominieren. Kurioserweise tauchten diese Ratschläge übrigens immer im Umkreis des Begriffs «Morgen» auf: Frühturnen, Vitaminfrühstück, Acht-Uhr-Massage garantierten, dass die Frau den Tag wenigstens schlank begann; die unvermeidliche aufgeschnittene Grapefruit sollte sich für immer mit dem Begriff Diät verbinden.

Aber: die Mode liess die Taille wieder nach oben rutschen. Die Röcke bedeckten das Knie, fielen weicher. Lippenstift und Nagellack schimmerten dezenter als auch schon, ja im Deutschland der Nazi-Ära machte sich die Illusion breit, eine deutsche Frau könne es ungeschminkt mit den Schönsten der Welt aufnehmen - die gesunde deutsche Mutter, die nach Seife und Kamillenshampoo roch, ihr Haar streng zurückkämmte und zum Knoten band. Gleichsam als Ableger dieses Schlichtheitsideals prägte die Schweiz den Typus des Landi-Mädchens. Die Landesausstellung vom Sommer 1939 propagierte Werte wie Rückbesinnung und Eigenständigkeit; entsprechend zeichneten Plakate ein Jungmädchenleitbild von grossäugiger Unverdorbenheit im Albert-Anker-Look.

Mochten sich ländliche Unschuldslämmer mit glänzender Nase und struppigen Achselhöhlen präsentieren - in Hollywood gab man sich mondän, mit Gesichtern, die zum glitzernden Abendkleid passten. Die preziöse Eleganz einer Greta Garbo, einer Marlene Dietrich schliesst alle Sehnsüchte der Dreissiger mit ein. Die dünngeschwungenen Brauen, der blasiert-erstaunte Blick unter schweren Wimpern, die «Zeig-was-du-kannst»-Miene werden Lügen gestraft durch den sinnlichen Schwung der Oberlippe, den Amorbogen, Cupid's Bow. In diesen Frauen brennt ein heimliches Feuer; wird es nicht geschürt, so verglühen sie innerlich. Darauf deuten jedenfalls die hohlen Wangen mit den betont hohen Knochen hin: nicht von ungefähr feierte die Garbo ihre grössten Triumphe als Kameliendame.

Statt der kessen Selfmade-Woman also wieder ein Wesen, das sich durch den Mann definiert? Verdächtig oft schreiben die Illustrierten von der Dollarprinzessin, dem Girl im Glück, das sich einen Millionär geangelt hat; immer wieder gesellt sich zum Begriff Schönheit die Vorstellung des Dollarsegens. Um 1930 taucht als neuer Traumberuf das Mannequin auf, die Vorführdame, die ihre Schönheit auf dem Laufsteg ins Scheinwerferlicht stellt. Auch hier lockt vor allem die Möglichkeit, die sozialen Schichten zu durchstossen. «Da kann sich», orakelt die «Berliner Illustrierte», «der Chef oder ein reicher Kunde in sie verlieben und sie heiraten. Sie kann Modekönigin werden oder Filmschauspielerin.»

Die Dauerwelle, die Sprungkraft und unbändige Fülle des Haares vortäuschte, passte als Korrektiv ausgezeichnet in eine Zeit wirtschaftlicher Krisen. Die brutale Methode zu Beginn der dreissiger Jahre, bei der man die mit chemischer Flüssigkeit benetzte Strähne aufdrehte und gleichsam in einer abgeschlossenen Kammer kochte, wobei es die Kopfhaut vor 500grädiger Hitze zu schützen galt, wich allmählich sanfteren Formen der Ondulation. Gegen Ende des Jahrzehnts wurde die «Luftwelle» populär, eine sanfter wirkende Fönfrisur, die der jetzt serienmässig hergestellte Handfön ermöglichte.

Aber weder die Luft- noch die handgelegte Wasserwelle täuschten darüber hinweg, dass sich das Haar erst zwei Finger breit über dem Haarboden zu kräuseln begann. Der etwas gezwungene Glamour, die leicht artifiziell wirkende Schönheit dieser Ära haben nicht zuletzt mit diesem Handicap zu tun. Überwunden wurde es Ende der vierziger Jahre mit der Verbreitung einer neuartigen Kaltdauerwelle, die den bestehenden Querschnitt im Einzelhaar auf chemischem Wege auflöste und veränderte. Locken bis zum Haarboden, neue Stretchfasern für die Unterwäsche, Bikini und Tampax: Ende der vierziger Jahre, so schien es, wurden die Erfindungen, die sich auf die neue Silhouette der Schönheit auswirken sollten, gleich bündelweise freigegeben.

IM KORSETT DER FÜNFZIGER. Vielleicht stiess deshalb Christian Diors Anspruch, mit seiner 1947 vorgestellten Kollektion den New Look schlechthin zu definieren, auf so wenig Widerspruch. Vielleicht erweckte das Schlagwort auch Erinnerungen an Roosevelts New Deal, an den energischen Neuanfang mitten in der Weltwirtschaftskrise. Wie auch immer - die weibliche Schönheit verdiente radikal neue Ansätze des Denkens und Sehens: weg mit den gepolsterten Schulterpartien, den gedrechselten Kriegsdauerwellen der Luftwaffenhelferinnen!

Die Frau sollte dramatische Linien zeigen dürfen, mit schwingenden Röcken, die sich unter einer wespenzarten Taille bauschten, mit schulterfreien Abendkleidern, deren Décolletés sich wie durch ein Wunder trägerlos über neu gerundetem Busen hielten. Dass diese Konturen eines stützenden Unterbaus bedurften, eines Miedergürtels, der von Taille bis Oberschenkelmitte formte und zwanglos im breit angelegten BH aufging - was tat's? Ohnehin verglichen nur Banausen diese federleichte zweite Haut aus neuesten Synthetikstoffen mit dem Korsett von anno dazumal. Was Marcel Rochas mit seiner guêpière, was Maidenform mit der Dreamline ermöglichte, das waren Neudefinitionen des weiblichen Körpers. Bezeichnenderweise liess eine über Jahre hinweg geführte Werbekampagne die Dessous-Trägerinnen wie aus einem Traum erwachend über die eigenen neuen Formen staunen: «I dreamt I was a Beauty Queen in my new Maidenform!»

Dass in den Jahren des New Look überall auf der Welt Millionen von Soldaten und Kriegsgefangenen in ihre Heimat zurückkehrten und auf ihre angestammten Stellen pochten: wen wundert es, dass hier argwöhnisch nach Zusammenhängen gesucht wurde? «In einem Zeitalter, das sich bemüht, der Frau Gleichberechtigung zu erkämpfen» - so das «Berliner Modenblatt» -, «macht der New Look aus Frauen hilflose Geschöpfe, deren Wespentaille wie einst aus der Stoffhülle aufsteigt.» Ergänzend dazu verpasste die Mode den Herren brutale V- und H-Formen mit durch Achselpolstern verbreiterten Schultern. Eine beliebte Kameraeinstellung des Fünfzigerjahre-Kinos zeigte kräftige Männerhände, die eine zarte Frauentaille umspannten. Aus dem Kriegsjahrekumpel war die beliebig dreh- und schwenkbare Gattin, Braut oder Freundin geworden; die in diesen Jahren getestete Barbie-Serie brachte erstmals Puppen mit Busen auf den Markt, deren Haar sich mit winzigen Wicklern, Fön und Spray in die gewünschte Form bringen liess.

Vielleicht zogen die Prämissen des New Look immer teuflischere Machenschaften, immer frauenverachtendere Manipulationen nach sich, vielleicht hatte sich in den Kriegsjahren ganz einfach modische Experimentierlust unerfüllt aufgestaut - Tatsache ist, dass das modische Weiblichkeitsideal kaum je so krass wechselte wie in den Jahren 1950 bis 1955. Auf Diors Ligne corolle folgte die Maiglöckchen- und die Pfeillinie, Paris buchstabierte von der A- zur H-Linie und weiter zum Ypsilon: Spielereien, die im Grund um ein Abstraktum kreisten, nämlich um die Differenz zwischen Taillen- und Hüftumfang. Diese wurde je nach massgeblichem Buchstaben heruntergespielt (20 cm) oder herausgestellt (28 bis 30 cm).

Und als gelte es nochmals zu betonen, dass man die Frau als formbares Grundmaterial betrachtet, entwickelte Paris gleichzeitig das enge Tailleur, eine Art bewegliches Futteral, aus dem sich die Trägerin erst zur Abendstunde befreite. Dann erblühte sie im bauschigen Cocktailkleid, das gleichzeitig als «kleines» Abendkleid galt. Dies im Gegensatz zur eigentlichen Abendrobe - der grossen Kiste für festliche Empfänge, deren meist knöchellange Röcke und über die Ellbogen reichende Handschuhe in ihrer Unzweckmässigkeit einmal mehr den Schmuck- oder Ziercharakter der Begleiterin herausstrichen.

Aber auch für Cocktail- und Abendkleid galten die Jahr für Jahr neu definierten Sehgewohnheiten, galt die eben wieder herrschende ligne, die neu bemessene Hüfte-Taille-Proportion. Als hätte Moskau zusätzlicher Beweise für die Dekadenz der westlichen Warengesellschaft bedurft, betonten Pariser Modeschöpfer in jenen Jahren des kalten Krieges wie nie zuvor das uralte Paradoxon der Mode: dass nichts so gründlich veraltet, so verabscheuenswert und lächerlich sei wie der eben noch gültige Chic, die Mode vom Vorjahr.

Soll man noch die Parallelen nachzeichnen, die sich ergaben zu einer weitaus schreckenerregenderen Abkürzungsserie dieser Jahre: zur Diskussion über die A- und H-Bombe? Soll man auf die gespenstische Affinität zwischen Bomben und Busen eingehen, von der das aufgeklebte Pin-up auf der Kanzel der «Flying Fortress», ja von der selbst die grausige Wortschöpfung «Sexbombe» zeugt? Dass der Pariser Modeschöpfer Louis Réard 1946 seinen zweiteiligen Strandanzug nach dem Bikini-Atoll benannte, auf dem die USA die erste Testbombe der Nachkriegszeit zündeten - war das nun blosse Frivolität?

Die fünfziger Jahre sahen erstmals den Versuch, Glamour und stilisierte Weiblichkeit in den häuslichen Alltag hinüberzuretten. Kosmetikfirmen brachten Hautpflegelinien fürs Haushaltbudget auf den Markt. In den ab 1950 florierenden Frauenzeitschriften («Elle» in Frankreich, «Für Sie», «Constanze» in Deutschland, «Annabelle» in der Schweiz) war nachzulesen, wie man die täglichen Hausarbeiten zum Schlankheitsturnen umfunktionierte. Der neu eingeführte Lockwell-Wickler gab der Dauerwelle eine neue Dimension: grossvolumige Locken mit viel Spannkraft, die selbst einen feuchtheissen Vormittag in der Küche überstanden. Die Bahn war frei für frohmütige Hausfrauen im Stil von Doris Day, die ihren Parcours mit einem Lied auf den Lippen schafften, das knappe Schürzchen umgebunden, das beim Begrüssungskuss für den Ehemann wie durch Zauberhand verschwand.

BEAUTY-CASE, PILLE UND DAS HYPNOTISCHE AUGE. Die Bahn war frei für die sechziger Jahre, die den Gedanken der applizierten Schönheit zu einem neuen Extrem katapultierten. Dieses Jahrzehnt brachte Kosmetiksortimente von unerhörter Vielfalt und Qualität und machte das Wort Facelifting zum Allgemeinbegriff. Es brachte den Haarlack aus der Spraydose und die Peeling-Maske für zu Hause, das getönte Make-up, das «einzog» und nicht länger auf der Haut bröckelte. Es brachte ein neu entwickeltes Arsenal von Stiften, Pudern und Tuschen für Wimpern, Lider und Brauen. Hatte die modebewusste Frau bis anhin Puderdose und Lippenstift im Handtäschchen mitgetragen, so führte sie nun auf jeden längeren Ausflug einen Make-up-Koffer mit: als Notfallarsenal zur Instantverschönerung, als tragbares Boudoir. Das allgegenwärtige Beauty-Case machte mit seinen metallverstärkten Ecken und Kanten einen vage professionellen Eindruck. Es liess an Fotomodelle oder Hostessen denken, jedenfalls an Frauen, deren äussere Erscheinung wesentlich zum beruflichen Fortkommen beitrug.

Satellitenverbindungen, weltweite Vernetzung durch Relais und Kabel liessen die Zahl der Fernsehkonzessionäre in diesem Jahrzehnt steil ansteigen; an seinem Ende wechselte das neue Medium gar zur Farbe über. Die elektronische Kamera, die das Bild sofort weitergab, imitierte das menschliche Auge auf ungleich eindrücklichere Weise als die herkömmliche Filmkamera. Lag es an ihr, lag es am omnipräsenten Bildschirm, der die Funktionen des Sehens und Gesehenwerdens heraushob, lag es gar an der Vorstellung unzähliger Überwachungssatelliten, die seit kurzem vom Weltraum her spionierten? Jedenfalls kümmerte sich die Schönheitspflege nun ganz markant um das weibliche Auge.

Tricks aus den Tagen der Stummfilmstars, falsche Wimpern aus dem Prostituierten-Repertoire - kein Mittel galt als verdächtig, wenn es darum ging, die Wirkung des Auges zu unterstreichen. Eyeliner für Lid- und Lidfaltenstriche gaben ihm Konturen, mit Pinsel und Glowbrush abgetönte Lidschatten verliehen Tiefe, Wimperntusche und -former erhöhten die Wirkung des Rahmens. Das «grosse» Augen-Make-up nahm bis zu einer Stunde in Anspruch, wenn man den zeitgenössischen Frauenmagazinen glaubt; die modebewusste Frau war aber gut beraten, wenn sie auch der Alltagsvariante mindestens eine Viertelstunde am Morgen einräumte.

Weshalb die Faszination durch das Auge? Hatte sie gar mit der Pille zu tun, dem seit etwa 1960 zugänglichen oral eingenommen Ovulationshemmer? Musste die Frau seit seinem Aufkommen bei der Partnersuche mit gröberen, geradezu hypnotischen Effekten arbeiten? Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz jedenfalls sprach in einem Interview zur aktuellen Mode vom Überhandnehmen «überoptimaler Attrappen», von der auffälligen Betonung «bestimmter Indikatoren der hormonalen Funktionen» - Rouge und Lippenstift täuschen die Erhitzung des sexuell erregten Organismus vor, ebenso die pralle, betonte Busenlinie.

Aber das galt für Mode und Kosmetik im Zeitalter der Pille ganz allgemein; die Mid-Sixties hatten sich erst einmal mit dem Phänomen des Minijupes herumzuschlagen. 1965 lancierte die britische Boutiqueninhaberin Mary Quant den miniskirt, dessen Saum etwa bis zur Mitte des Oberschenkels reichte. Gedacht war die Linie vorab für halbwüchsige Mädchen; jedenfalls wurde sie propagiert mit Hilfe eines rasch populären Fotomodells mit dem Übernamen Twiggy. Der gaminehafte Charme und die knabenhaften Formen dieser jungen Frau, ihr Primarschüler-Haarschnitt und die ungelenken Bewegungen - all dies schien die neue Silhouette zu entschärfen.

Zum Skandal kam es trotzdem, als auch Frauen mit ausladenderen Formen den Minijupe zu tragen begannen. Tatsächlich löste Mary Quants Experiment eine Diskussion über Mode und Schönheitsempfinden aus, der an Heftigkeit nur noch der Disput über die Haartracht der Beatles gleichkam. Für die Musiker dieses Popquartetts aus Liverpool stellte der lockere Fransenschnitt so etwas wie ein beiläufig gewähltes Markenzeichen dar, für ihre nach Millionen zählenden Anhänger aber wurde er zum Symbol für die Ablehnung bürgerlicher Werte: weg mit hohen Stirnen und intellektuellem Getue, weg mit dem gerade gezogenen Scheitel und dem schnurgeraden Laufbahndenken!

Ob Minijupe und Beatles-Mähne Moral und Disziplin in Frage stellten oder nicht - bemerkenswerterweise kamen beide Provokationen aus England. Die Pariser Modeschöpfer reagierten ausgesprochen kopflos auf die brutal nach oben verschobene Saumlinie, die einen beträchtlichen Teil ihrer Kundschaft handicapierte; tatsächlich hatte seit den zwanziger Jahren kein Modetrend mehr so rücksichtslos ein bestimmtes Alterssegment bevorzugt. Die Diskussion um moderat gesenkte oder bis zum Knöchel verlängerte Saumlinien zog sich bis in die siebziger Jahre hinein und drohte, die Konturen weiblicher Schönheit auf die Begriffe Mini, Midi oder Maxi zu reduzieren.

Es waren zwei Faktoren, die aus diesem Engpass herausführten. Für die Aufbruchsgeneration der Achtundsechziger waren Saumlinie und Beauty-Case, Toupierfrisuren und Silikonbusen ohnehin spätbürgerlicher Müll. Paradoxerweise wandte sich aber auch das Segment der Angepassten, der bourgeoisen Aufsteiger in dieser Ära scheinbar ungebrochener Konjunktur gegen modische Diktate. Was die Modebranche als «Freizeitkleidung» anbot, hielt umgehend Einzug in die Arbeitswelt. Angesichts des ausgetrockneten Arbeitsmarktes hüteten sich Arbeitgeber wohlweislich, auf «korrekter» Kleidung zu bestehen. Jeans und T-Shirt ersetzten die Bürouniform von einst, wurden freilich bald selbst zur mit sanftem Zwang durchgesetzten Einheitstracht. Bahnte sich hier ein weiteres Paradox an? Oder mutierte der sportlich-lässige Look unmerklich zu einer Art farbig nuancierter Freizeiteleganz, die exklusive Tupfer setzte, die Versace-Jeans aus Vorhangkrepp mit dem Sweatshirt vom Wühltisch und die Gold-Rolex mit der Baseballmütze kombinierte? Spätestens seit den Endsiebzigern muss sich jedenfalls auch der Mann neuen Schönheitsbegriffen beugen, die weit über das herkömmliche «gediegen» oder «sportlich» hinauswachsen. Will er sich absetzen von den Nobodies in ihren Bundfaltenhosen, muss er Phantasie und Stilgefühl beweisen, den Wet-Gel-Look mit der Flabberjacke vom Off-off-Designer kombinieren. Berufserfolg wird als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt; dieser neue Mann hat darüber hinaus Zeit, sich seinem Äusseren zu widmen.

ZURÜCK ZUR JUNGMÄDCHENSAUBERKEIT? Wo die bürgerliche Philosophie den Begriff des Schönen mit Hegel «als sinnliches Scheinen der Idee» billigt, da liegt auch die Miss Schweiz des Jahres 1988 mit ihrer Definition der Schönheit nicht weit ab: «Sie muss von innen herausstrahlen!» In der Tat scheint sich in der letzten Dekade dieses Jahrhunderts der bewegten und unbewegten Bilder ein Frauentypus auf den Titelblättern durchzusetzen, der Persönlichkeit durchschimmern lässt.

Hochbezahlte Modelle wie die eingangs genannten Claudia Schiffer oder Cindy Crawford bringen bei aller fast schmerzhaften Regelmässigkeit der Gesichtszüge ein warmes Lächeln mit vor die Kameralinse, das in nichts mehr an das routinierte Keep-Smiling der fünfziger Jahre erinnert. Die Düsseldorfer Anwaltstochter Schiffer, zurzeit meistgesuchtes Covergirl, erinnert in ihrer deutschen Jungmädchensauberkeit sogar an jenes «ungeputzt am schönsten», das ebenfalls zu Beginn zitiert wurde.

Dass auch diese neue Natürlichkeit im Dienste der Mode und Kosmetik steht, daran hat sich freilich nichts geändert. Die neuen Dollarprinzessinnen schliessen Exklusivverträge mit Revlon oder Estée Lauder ab, deren Millionengagen noch die Starhonorare Hollywoods in den Schatten stellen. «Schönheit hat ihren Preis!» hiess die aufmunternde Parole, mit der die Frauenmagazine von einst ihren Leserinnen mühselige Gymnastikübungen schmackhaft machten. Die Generation neuer Covergirls kann dazu nur lächelnd nicken: ihren Preis, den hat sie. Manche bezahlen ihn, und manche streichen ihn ein . . .

Hans Peter Treichler verfolgt als TV/Radio-Mitarbeiter und Autor von Sachbüchern («Die stillen Revolutionen») die Wandlungen der neueren Kultur- und Mentalitätsgeschichte; er lebt in Richterswil ZH.


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