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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet Inhaltsverzeichnis
Platonline
© Anna-Lina Balke, Zürich
Dem Internet gehört die Zukunft. Und wo bleibt die Vergangenheit? Ein Versuch, sich durch die Geschichte der Philosophie zu klicken.
Von Christian von Ditfurth
Als das Internet in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre seinen Siegeszug antrat, sahen einige Historiker den Niedergang ihrer Wissenschaft besiegelt. Alles, was vor der Erfindung des Internets aufgeschrieben worden sei, befürchteten sie, alles, was den Gang in ein verstaubtes Archiv, die Reise zu einer entfernten Bibliothek erfordere, würde keine Beachtung mehr finden. Doch es kam anders: Das staubige Archiv fand den Weg ins Internet.
Beginnen wir bei Platon. Die Werke, die der griechische Philosoph 400 v. Chr. niederschrieb, haben sich 2400 Jahre später erfolgreich in digitalen Speichern eingenistet. Sie liegen im Volltext auf einem Server von Google (books.google.de). Google hat die Bestände von Bibliotheken in der ganzen Welt digitalisiert. Doch Platon steht natürlich auch in jeder anderen gut assortierten Onlinebibliothek. Zum Beispiel bei gutenberg.de, einem 1994 gestarteten Projekt von Literaturfans, denen heute das Nachrichtenmagazin «Spiegel» die Rechner zur Verfügung stellt, oder bei der neuen Volltextbibliothek zeno.org. Wem Übersetzungen zu banal sind, der kann auch die altgriechischen Originale lesen: unter el.wikisource.org, einem Ableger der Onlineenzyklopädie Wikipedia, oder bei der amerikanischen Digitalbibliothek www.perseus.tufts.edu. Alles gratis.
Überall dort findet sich auch Platons Höhlengleichnis: Menschen werden in einer Höhle so fest angekettet, dass sie nicht einmal ihren Kopf bewegen und nur eine Wand anstarren können. Ein Stück hinter ihnen brennt ein Feuer, so dass sie ihre Schatten an der Wand sehen. Sie erkennen auch die Schatten der Menschen oder Gegenstände in ihrem Rücken. Was Platons Schüler Aristoteles (384–322 v. Chr.) später als «Verdoppelung der Welt» rüffelte – in Schein und Wirklichkeit –, ist ein Gleichnis, um das Dasein des Menschen zu beschreiben. Der hält Schatten für die Realität und muss aus der Höhle zum Licht geführt werden, zur Vernunft. Heute würde Platon anstelle der Höhle vielleicht die virtuelle Welt im Internet als Metapher wählen.
«Das Hinaufsteigen und die Beschauung der oberen Dinge… als den Aufschwung der Seele in die Gegend der Erkenntnis», lesen wir via Wireless Local Area Network, während wir auf den Zug warten. Platon wollte die Menschen aus dem Schattendasein des Triebhaften befreien. In seinem Idealstaat herrscht allein die Vernunft.
Weil Platon Prinzipien schätzte, mochte er die Sophisten nicht. Die zogen als Lehrer umher und brachten den Jüngelchen reicher Eltern bei, wie man mit spitzfindigen Argumenten Leute aufs Kreuz legt. Platon überliefert in seinem Dialog mit dem Sophisten Protagoras (490–411 v. Chr.), dass dieser nur für wahr hält, was der Mensch erlebt, sieht, hört. Nur wer schwitzt, findet es warm. «Der Mensch ist das Mass aller Dinge.» Wenn alle Wahrheit subjektiv ist, warum dann nicht die Leute lehren, ihre Version gut zu vertreten?
Aristoteles, dessen Werke natürlich auch zum Bestand einschlägiger Onlinebibliotheken gehören, hatte auch wenig übrig für die Wanderphilosophen: «Der Sophist verdient sich Geld mit scheinbarer, aber nicht mit wirklicher Weisheit.» Seine grosse Zeit kam aber erst im Mittelalter, als die Theologen sich mühten, die Natur zu erklären – in Übereinstimmung mit unverrückbaren Glaubenssätzen.
Kirchenlehrer wie Thomas von Aquin (etwa 1225–1274) bauten ihre Theologie auf Aristoteles Logik und Naturphilosophie. Sie verrührten mittelalterlichen Glauben mit antiker Philosophie zur Theologie, die alles erklärte. «Die Ordnung der Glieder des Alls zueinander besteht kraft der Ordnung des ganzen Alls auf Gott hin», schreibt Thomas. Natürlich hat auch der rechtgläubige Theologe seine Spur im Internet hinterlassen, zum Beispiel bei zeno.org.
Doch ein System, das nur in sich schlüssig ist und von unantastbaren Prämissen ausgeht – «Gott hat die Welt erschaffen», «der Mensch strebt zum Guten» –, wird sofort erschüttert, wenn Widersprechendes beobachtet wird: Die «Glieder des Alls» waren anders geordnet, die Erde stand nicht im Mittelpunkt, sondern kreiste um die Sonne. Wenn die Ordnung im All nicht gottgegeben war, wie verhielt es sich mit der irdischen Ordnung? Galileo Galilei (1564–1642) behandelt diese Fragen in seinem berühmten «Dialogo di Galileo Galilei sopra i due Massimi Sistemi del Mondo Tolemaico e Copernicano». Der Papst wollte die Verbreitung des Werks verhindern – heute kann es die ganze Welt unter www.liberliber.it/biblioteca/g/galilei lesen.
Einen weiteren Angriff auf Gottes Ordnung führte Thomas Morus (1478–1535). Morus knüpfte an Platons Idealstaat an, als er mit seiner «Utopia» der Welt den Spiegel vorhielt. Er hätte das Buch fast nicht veröffentlicht, weil er am Urteilsvermögen seiner Zeitgenossen zweifelte: «Ein barbarischer Geschmack verwirft alles, was nicht wieder barbarisch ist.» Dass sich heute jeder Barbar mit einem Internetanschluss «Utopia» auf seine Festplatte laden kann, hätte Morus bestimmt nicht gefallen.
Mit Gottes Ordnung so wenig im Sinn wie mit Platon hatte Niccolò Machiavelli (1469–1527). Er erfand die Staatsraison – richtig ist, was dem Staat nützt. «Es darf daher ein Fürst um den Namen des Grausamen sich nicht kümmern, wenn er seine Untertanen einig und treu erhalten will», kann man unter niccolomachiavelli.de lesen. Im 18. Jahrhundert fühlte sich sogar ein Kronprinz aufgefordert, einen «Antimachiavell» zu verfassen, da ein Herrscher sich auch an der Ethik ausrichten solle. Als der Kronprinz dann König wurde – Friedrich II. von Preussen –, zettelte er eilig einen Krieg an. Wegen der Staatsraison. «Aus Frieden entsteht Krieg, sagt man immer; aber sicherer noch entsteht aus Krieg Friede», rechtfertigte er sich. Die Uni Trier hat seine Schriften ins Internet gestellt (www.friedrich.uni-trier.de).
Friedrich gilt als Verkörperung des aufgeklärten Monarchen. Aber ihm hätte nicht gefallen, was die Franzosen aus der Aufklärung machten: die Revolution. In Deutschland scheiterte sie an der preussischen Kavallerie. Doch ihre Ideen schlugen sich nieder im Werk neuer Revolutionäre, deren bedeutendster Karl Marx war, der bei marxist.org gelesen werden kann. Wie Platon und Morus suchte Marx einen Idealzustand, allerdings ohne Staat, der im Kommunismus absterben sollte. Obwohl er überzeugt war, dass die Theorien seiner Vorgänger auf den Müll gehörten, findet sich heute auf marxist.org auch das Werk des Begründers des Kapitalismus, Adam Smith. Platons Ideale wirken bis heute. Deshalb hat Friedrich Nietzsche (1844–1900) den Griechen als «grösstes Malheur Europas» verdammt. Er hielt Moral für ein Hirngespinst. «Der Gewissensbiss ist, wie der Biss des Hundes gegen einen Stein, eine Dummheit.»
Weil Nietzsche schon 1900 gestorben ist, finden sich seine Werke ebenfalls im Netz (friedrichnietzsche.de). Doch wer nach 1938 verschied, den sucht man oft vergeblich. Das Urheberrecht erlischt erst 70 Jahre nach dem Tod. Wikipedia veröffentlicht jedes Jahr eine Liste berühmter Künstler und Wissenschafter, deren Werke ab sofort legal in die grösste Bibliothek der Welt aufgenommen werden dürfen.
Christian von Ditfurth ist Historiker und freier Schriftsteller. Er lebt in Ahrensbök in der Nähe von Kiel.
Zusatzinformation: Wie Zeitungen und Bücher kostenlos wurden
Heute wird versucht, im Internet Geld zu verdienen, indem man für Information nichts verlangt.
Von Daniel Weber
«Information wants to be free», Information will gratis sein. Der Satz fiel an der ersten Hackers Conference 1984 und wurde zum Grundsatz des Internets. Er beflügelte etwa das «Project Gutenberg», bei dem in den Anfängen Freiwillige ihre Lieblingsbücher abtippten (falls sie nicht mehr durch das Urheberrecht geschützt waren) und online gratis zugänglich machten. Die älteste digitale Bibliothek, die auch Ableger in anderen Sprachen hat, umfasst heute 25 000 Titel in englischer Sprache.
Mit dieser Gratisphilosophie taten sich etablierte Verlage und Medienhäuser von Anfang an schwer. Die aufwendige Produktion von seriöser Information ist schliesslich von jeher ihr Geschäft. Als in den 1990er Jahren nach und nach die Zeitungen mit ihren Onlineausgaben ins Netz gingen – die erste deutschsprachige war im Mai 1995 die «Schweriner Volkszeitung» –, geizten sie mit gratis angebotenem Stoff. Am konsequentesten tut das bis heute das «Wall Street Journal», das für seine Onlineausgabe eine jährliche Abogebühr von 79 Dollar verlangt. Die meisten anderen Zeitungen setzten auf ein beschränktes Gratisangebot (aktuelle Nachrichten), gebührenpflichtige Premiumangebote (etwa die Beiträge der Kolumnisten in der «New York Times»), ein kostenpflichtiges Archiv. Und natürlich auf Onlinewerbung.
Die Rechnung ist nicht aufgegangen, weil die Bezahlangebote von zu vielen Gratisangeboten konkurrenziert wurden. «El País» nahm den Entscheid von 2002 zurück, den ganzen Inhalt der Website gebührenpflichtig zu machen; seit 2005 ist die spanische Qualitätszeitung wieder gratis im Netz. Ende 2007 machte die «New York Times» ihr Premiumangebot gratis und öffnete weitgehend ihr Archiv ab 1851 (kostenpflichtig bleiben Artikel aus den Jahren 1923 bis 1986). Seit Februar 2008 erlaubt der «Spiegel» den Zugriff auf sein vollständiges Archiv seit 1947. Das treibt die Besucherzahlen in die Höhe und damit die Werbeeinnahmen. Das Geschäftsmodell bleibt aber vage: Onlinewerbung ist noch weit von den Umsätzen der gedruckten Werbung entfernt.
Auch Nachschlagewerke haben ihre liebe Mühe mit der Gratiskultur des Internets. Schwergewichte wie die «Encyclopædia Britannica» oder der «Brockhaus» sind kostenpflichtig (Brockhaus hat die Pläne, von einem gebühren- auf ein werbefinanziertes Modell umzusteigen, erst kürzlich verworfen). Aber beide haben in Tests von Experten nicht besser abgeschnitten als Wikipedia, das grosse kostenlose Internetlexikon. Das Besondere an dem 2001 gegründeten Projekt einer freien Enzyklopädie ist, dass sie von engagierten Benutzern selbst geschrieben und laufend verbessert wird.
Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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