NZZ Folio 09/05 - Thema: Krankenkassen   Inhaltsverzeichnis

Spektrum der Wissenschaft -- Selig sind die geistig Armen

Von Reto U. Schneider

Haben Sie sich auch schon über Leute gewundert, die an Singwettbewerben teilnehmen, obwohl sie überhaupt nicht singen können? Oder die Witze erzählen, die niemand lustig findet?

Der Versuch, das Phänomen der verzerrten Wahrnehmung der eigenen Leistung zu untersuchen, führte zur Arbeit «Unfähig und sich dessen nicht bewusst: Wie Schwierigkeiten bei der Einschätzung der eigenen Kompetenz zu einer übersteigerten Selbsteinschätzung führen» (Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 77, S. 1121–1134).

Die Forscher liessen Studenten Fragebogen zu Themen wie Humor, Grammatik oder Logik ausfüllen. Nach dem Test mussten sie angeben, wie gut sie im Vergleich zu den anderen Studenten abgeschnitten zu haben glaubten.

Das fatale Resultat: Je schlechter das Testresultat, desto stärker die Selbstüberschätzung. In allen Tests glaubte der schlechteste Viertel der Studenten, weit über dem Durchschnitt zu liegen. Selbst als man ihnen später die unkorrigierten Testbogen der besten Versuchsteilnehmer zur Ansicht gab, blieben sie bei ihrer übersteigerten Selbsteinschätzung.

Diesem Problem, so die Autoren, sei kaum beizukommen, denn die Fähigkeiten, die den Studenten im Test fehlten, waren dieselben, die sie gebraucht hätten, um sich richtig einzuschätzen. Mitleid mit den Einfaltspinseln dieser Welt ist also fehl am Platz: Sie mögen zwar bedauerliche Fehler machen, doch ihre Inkompetenz nimmt ihnen immerhin die Fähigkeit, etwas davon zu merken.




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