NZZ Folio 10/96 - Thema: Jenseits von Washington   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Zweisam, bauchlos und verschmust

Von Wolf Schneider

WER IST VOR ALLEM SPORTLICH, gutaussehend, humorvoll und sinnlich, im Einzelfall aber auch parkettgängig, versonnen und umzugsbereit? Es sind die Männer, die in der Hamburger Wochenzeitung «Die Zeit» eine Frau suchen. Die in der NZZ dasselbe tun, sind nach ihrer Selbstauskunft in erster Linie gutaussehend, humorvoll und gebildet - sportlich erst an zwölfter, sinnlich an siebzigster Stelle, hinter charismatisch, bauchlos und euro-phil.

So geht es jeweils aus einer Samstagsausgabe von 1996 hervor und mag also Zufall sein. Jedoch: Mit einer Wortschatz-Analyse des Heiratsmarkts der führenden Regionalzeitungen in denselben Städten kombiniert, des «Hamburger Abendblatts» und des «Tages-Anzeigers», entsteht ein Korpus aus weit über tausend Nennungen von 240 Eigenschaften, die die Suchenden teils sich selbst zuschreiben, teils sich bei dem oder der andern oder für die Ehe wünschen, von abenteuerlustig bis zweisam - und das ergibt durchaus eine aussagekräftige Momentaufnahme dessen, was im Norden wie im Süden des deutschen Sprachraums in Ehren steht bei denen, die ihren Ehewunsch der Zeitung anvertrauen.

Zweisam: seltsames Adjektiv, vom Duden als «selten» eingestuft, zusammen mit Zweisamkeit aber in allen vier Blättern die bei weitem häufigste Beschreibung, wie sich Mann und Frau die Ehe wünschen. Dass die nicht aus weniger als zweien bestehen kann, würde ja der Erwähnung nicht bedürfen. Sollte «zweisam» also heissen: Keine Kinder, bitte (kinderlieb ist eine Eigenschaft, die sich nur knapp vor tierlieb behaupten kann) - mindestens aber keine Wohngemeinschaft mit der Schwiegermutter? Eher ist Zweisamkeit wohl der Gegenpol zu der Einsamkeit, die ein Ende haben soll.

Oft scheint eine gewisse Scheu vor einer Wortwahl vorzuliegen, die aus der Mode ist oder auf mangelnde Emanzipiertheit deuten könnte; zumal in der «Zeit». Das Wort treu, selten überall, ist dort verpönt, nett ebenso (was sich sonst im Mittelfeld bewegt), erst recht kuschelig (Favorit im «Hamburger Abendblatt», auch in der NZZ dreimal ausgelobt) und verschmust (beliebt in den beiden grossen Regionalzeitungen). Dafür hat die «Zeit» den bei weitem grössten Anteil an attraktiven Frauen, ihrer Selbstdarstellung zufolge.

Doch auf diesem Wortfeld - attraktiv (125 Nennungen), gutaussehend (76), vorzeigbar (19), ansehnlich (11) - spielt sich eine der Tragödien ab, die in den Inseraten schlummern. Denn nur 49 Männer suchen eine attraktive Frau, aber 99 Frauen rühmen sich, attraktiv zu sein! Unscharfe Wortwahl - schiefe Selbsteinschätzung - oder Verwerfung auf dem Heiratsmarkt? Sollte es ein Überangebot an weiblicher Schönheit geben, auf die sich keine männliche Nachfrage richtet?

Auch die Eigenschaft humorvoll ist nicht zum Lachen. In allen vier Blättern ist sie die erste, die die Frau vom Mann erwartet, 71mal. Aber nur 35 Männer sprechen sich Humor zu; sich als gutaussehend und sportlich zu beschreiben ist ihnen wichtiger. Und dass die Frau, die sie suchen, ihrerseits humorvoll sein sollte, kommt nur 12 Männern in den Sinn. Wie lässt sich da auf lustige Ehen hoffen?

Das ärgste Missverhältnis offenbart sich in der akademischen Bildung. 52 Männer, die mitteilen, dass sie sie haben, suchen nur 25 Frauen, die sie ebenfalls besitzen sollten; gutes Aussehen und Intelligenz ist den Männern wichtiger. Das ginge ja noch. Aber 66 bekennende Akademikerinnen sind nur an 8 Akademikern interessiert! Humor sollen die Männer haben, intelligent und attraktiv sollen sie sein! Eine Verbesserung der Heiratschancen geht mit einem Studium also offensichtlich nicht einher; ein Akademiker ist für die Zweisamkeit genug.

Manchmal staunt man über die Verengung des Marktes, wie sie durch allzu detaillierte Vorstellungen zustande kommt: «Äusserlich bist Du der Typ Dora Carrington» (liest man im «Tages-Anzeiger»), «bis ca. 1,70 gross; ein Touch von Nonkonformismus, Spontaneität nebst latentem Hang zum dolce far niente würden mir liegen . . .» Wenn nun dieser Hang nicht latent, sondern offenkundig wäre - hätte der Typ Dora C. dann alle Chancen verspielt? Auch über jene Anzeigen wird man stutzen dürfen, in denen Männer Frauen suchen, die lernwillig, und solche, die konfliktfähig sind (in jeder der vier Zeitungen) - ohne dass einer der Männer sich selber eine dieser Eigenschaften zuspräche. Der Mann lehrt, die Frau lernt; der Mann macht Ärger, die Frau soll ihn ertragen: Nur so eigentlich kann man das lesen.

Aber genug der Analyse. Wer durch den Wald der Inserate schlendert, kann sich auch ganz anderen Eindrücken öffnen: den Selbstbezichtigungen beispielsweise (eigenwillig, unordentlich, bissig und frech) oder der unverhüllten Sinnenfreude (siebenmal lüstern, nicht jedoch in der NZZ). Er findet die Schüchternen und die Verletzlichen, die Empfindsamen und die Romantischen; er wird eingelullt in Häuslichkeit, Beschaulichkeit, Gemütlichkeit und Charme. Ja ihm ist, als schwömme er durch einen Ozean betörender Eigenschaften: Warmherzig und feinfühlig sind diese Menschen, musikalisch und poetisch, geistreich und weltoffen, stilvoll, charakterstark und souverän. Und dies ist alles wahr, jedenfalls in gewisser Weise - als Ausdruck des redlichen Ringens um jene Worte nämlich, die das eine Wort herbeizaubern sollen: das zweisame Ja.




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