NZZ Folio 08/10 - Thema: Patriotismus   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Wir frisieren auch Perücken»

© Ursula Stadler
David Cohen, Jerusalem, Israel Linktext
David Cohen in Jerusalem weiss, welche Regeln er bei seiner orthodoxen Kundschaft befolgen muss. Einmal Haareschneiden, bitte!

Von Ursula Stadler

David Cohen, Jerusalem, Israel, ist 36 Jahre alt. Er lebt in einer Mietwohnung in Beit Hakerem in Jerusalem, für die er monatlich 1000 Franken bezahlt. Er ist zum zweiten Mal verheiratet und hat aus erster Ehe einen 9jährigen Sohn. Cohen beschäftigt zwei Mitarbeiter. In der Freizeit treibt er Sport, am liebsten im Fitnesscenter. Er verdient monatlich zwischen 2200 und 2800 Franken, dies nach Abzug von 2000 Franken Miete für den Salon.

Welcher Schnitt ist zurzeit angesagt?

Zurzeit ist ein asymmetrischer Carréschnitt mit Pony bei Frauen in den Zwanzigern beliebt. Doch die meisten jungen Frauen trennen sich nur ungern von ihren langen Haaren. Männer lieben Kurzhaarschnitte, einerseits wegen der Hitze, andererseits, weil sie es aus ihrer Armeezeit so gewohnt sind. Nur wer nach dem Militärdienst für ein Jahr in Asien herumreist, lässt sein Haar wachsen.

Haben Sie eine spezielle Methode?

In den zwölf Jahren, die ich mein eigenes Geschäft führe, habe ich alles zusammengefügt, was ich in Israel und im Ausland gelernt habe. Das Besondere bei mir ist das breite Spektrum an Wünschen, das ich abdecke. Ich muss mich in den unterschiedlichsten Haarstilen auskennen – auch mit den Haarschneideregeln für die orthodoxe Kundschaft, etwa was die Länge der Schläfenlocken betrifft. Allerdings ist hier eine Unterscheidung notwendig: Traditionell religiös ist nicht ultraorthodox. Unter meinen männlichen Kunden sind keine Ultraorthodoxen, nur Religiöse. Aber es kommen ultraorthodoxe Frauen zu mir: Einige von ihnen tragen eine Perücke. Wir frisieren und pflegen dann die Perücke, schneiden aber auch die echten Haare.

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

In Israel gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man wählt den Schwerpunkt «Hair Design» in der High School, oder man absolviert nach dem Militärdienst ein anderthalbjähriges Training. Ich wählte den ersten Weg, habe später in mehreren Coiffeurgeschäften in Jerusalem weitergelernt. Mit 18 Jahren begann mein dreijähriger Militärdienst, in dieser Zeit war ich Armeecoiffeur. Danach habe ich in Paris, Kanada und in den USA mehrere Praktika absolviert und dann, zurück in Israel, mit 24 Jahren meinen eigenen Salon eröffnet.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich möchte meine Stammkunden behalten, mich fachlich weiterentwickeln und in einem neuen Gebiet Fuss fassen: Bald eröffne ich auf der anderen Strassenseite mein zweites Geschäft mit verschiedenen Modeaccessoires.

Haben Sie viele Stammkunden?

Fast alle meine Kunden sind Stammkunden, ich kenne sie gut: Männer, Frauen und auch Kinder. Sie kommen aus ganz Jerusalem, einige sogar aus dem Ausland. Es sind Israeli, sehr wenige ­arabische Männer, aber einige arabische Frauen, Europäer und Amerikaner.

Haben Sie auch prominente Kunden?

Unter den Ausländern sind das vor allem Leute, die für CNN und BBC arbeiten und hier stationiert sind. Auch Ofra Nechmad, eine israelische Radiojournalistin, lässt sich von mir die Haare schneiden.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt?

Ich bin hier geboren. Mit den verschiedenen Kulturen, den neuen Einwanderern und all den Leuten aus Europa ist Jerusalem ein besonderer Ort. Es ist auch nicht so heiss, mir entspricht das Klima.

Fühlen Sie sich sicher in Jerusalem?

Die Bevölkerungsmischung in Jerusalem hat zwar explosives Potential, aber im Alltag gelingt es den Menschen zusammenzuleben wie an anderen Orten auch. Ich wünschte mir schon, dass sich auch die Juden in der Altstadt frei bewegen könnten. Vor allem aber wünschte ich mir, dass die Politiker so miteinander ­zurechtkämen, wie wir Menschen es im Alltag tun. Heute wollen viele Araber ­moderner leben, sie kommen oft in die westlichen Gebiete der Stadt, etwa in ­diese Gegend hier.

Warum ist Ihr Salon ausgerechnet hier?

Die «Deutsche Kolonie» ist sehr zen­tral gelegen, und hier habe ich diese gros­se Kundenvielfalt, das ist mir wichtig.

Welche Kunden sind für Sie die grösste Herausforderung?

Frauen mit ausgefallenen Schnitt- und Tönungswünschen.

Wie verbringen Sie Ihren Abend?

Nach der Arbeit fahre ich heim und esse mein Nachtessen, dann gehe ich meist noch mit Freunden ins Café.

Wo verbringen Sie Ihre Ferien?

Einmal im Jahr fliege ich nach Thailand. Dazwischen bin ich ab und zu in Europa, das sind aber keine richtigen Ferien, denn dort besuche ich Weiterbildungsworkshops.

Ursula Stadler ist Dozentin; sie lebt in Winterthur.

«David Hair Design»
Der Salon liegt an der Emek-Refaim-Strasse, der Hauptstrasse der «Deutschen Kolonie» im Südwesten von Jerusalem. Der Name erinnert an die württembergischen Templer, Anhänger einer christlich-reformatorischen Glaubensgemeinschaft. Das Quartier gilt als trendig und atmosphärisch entspannt.

Preis pro Haarschnitt
Frauen zahlen 48 Franken, Männer und Kinder 17 Franken.

Israel
Einwohner: 7,5 Mio.
BIP pro Kopf: 28 200 Fr.
Milch: 1 Liter 1.80 Fr.
Brot: 1 kg 1.80 Fr.
Kinobillett: 11.20 Fr.
Zigaretten: 5.60 Fr.
Taxi: 10 km 11 Fr.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.