Erzählt Meier aus seinem Leben, zieht ein halbes Jahrhundert Technikgeschichte vorbei – vom anfänglich für die Reichen reservierten Haustelefon bis zum heute allgegenwärtigen Kabelfernsehen. Meiers Karriere hat mit einer Berufslehre als Elektromonteur am Elektrizitätswerk in Wettingen begonnen. «Ich wäre eigentlich gerne auf eine höhere Schule gegangen. Aber mit fünf Geschwistern und einem Briefträger als Vater war ich froh, wenigstens eine anständige Lehre machen zu können.»
Die weite Welt, die er entdecken wollte, war für die ersten drei Berufsjahre die halbe Schweiz, die Meier als Telefonmonteur bei Siemens zu bereisen hatte. «Selber denken und selbständig handeln war mir wichtig», sagt Marcel Meier über seine ersten Berufserfahrungen. «Es war eine tolle Zeit. Als Monteur allein unterwegs hatte man viel Verantwortung. Wenn irgendwo ein Kabel fehlte, konnte man nicht jammern, sondern musste mit dem gerade vorhandenen Material improvisieren.» Damals gefiel Meier der direkte Kontakt zu den Kunden. «Natürlich haben wir Monteure gern mit den Telefonistinnen geplaudert, unvergesslich blieb mir aber, wie sich beim Einrichten einer Hauszentrale der Bankdirektor neben mich auf einen Schemel setzte und interessiert der Lötarbeit zuschaute.»
Meiers Sehnsucht nach der Ferne sollte bald schon befriedigt werden. Eines Tages sah er im Büro der Montageabteilung einen Aushang, es würden Monteure für Venezuela gesucht. Die Albiswerke in Zürich hatten den Riesenauftrag erhalten, im vom Erdölboom verwöhnten Land die handbetriebenen Telefonzentralen zu automatisieren. «Ich war wie elektrisiert und schrieb sofort meine Bewerbung», erinnert sich Meier. Schon wenige Wochen später schaukelte er zusammen mit elf Kollegen auf der «Franca C» über den Atlantik.
«Venezuela war von extremen Gegensätzen gezeichnet. Technischer Komfort existierte fast nur in der Hauptstadt Caracas und in den Zentren der Erdölindustrie wie Maracaibo. Auf dem Land lebten die Indios in Armut. Das wilde und wenig erschlossene Land war verlockend. Ich habe mir ein Motorrad gekauft und bin damit an jedem freien Tag in den Urwald gerattert. Dort erlebte ich wahre Gastfreundschaft. Selbst der ärmste Teufel bot mir Essen an», sagt Meier noch heute beeindruckt.
Nachdem Meier in der Schweiz ein Jahr lang in einem grossen Team Telefonämter ausgerüstet hatte, war er nun wieder auf sich selber gestellt: In Mérida, einem schwer erreichbaren Städtchen auf 3000 Metern Höhe in den Anden, musste er der Universität eine Haustelefonzentrale einrichten. So kam Meier in einer DC-3 zu seinem ersten Flug. «Was erst ein Routinejob zu sein schien, wurde zum Abenteuer», erinnert sich Meier. «Die vormontierte Zentrale musste auf dem Transport aus etlichen Metern zu Boden gekracht sein, denn der Metallrahmen der Anlage war nur noch ein wüster Haufen verbogener Profile. Ich konnte nicht einmal ins Hauptquartier telefonieren, denn das Telefon musste ja erst installiert werden. So blieb mir eigentlich nur die Möglichkeit, unverrichteter Dinge wieder nach Caracas zu fliegen.»
Doch dann packte ihn die Berufsehre. «Von einem Schreiner liess ich rund um den Trümmerhaufen ein Holzgerüst zimmern. In dieses Gerüst hängte ich mit Tausenden von Schnürchen die Kabelverbindungen. So konnte ich das kaputte Metallgestell aus dem Haufen schälen ohne die Lötverbindungen lösen zu müssen.» Ein Schmied brachte das Gestell schliesslich wieder in die richtige Form. Und nachdem Meier die unzähligen Kabel an ihren Schnürchen an den alten Ort zurückgehängt hatte, hat die Zentrale tadellos funktioniert.
Sich lebenslang für Neues zu interessieren, ist eine Maxime von Marcel Meier. «Nach meinen Südamerikajahren ernannte mich 1957 Siemens in Zürich zum Montageleiter mit 30 Angestellten. Ich wollte aber weiterkommen und machte deshalb neben der Arbeit noch das Abendtechnikum. Mit dem Diplom eines Fernmeldetechnikers bekam ich von Motor-Columbus eine Stelle im damals enorm florierenden Kraftwerkbau.» So war Meier bei den Kraftwerken Hinterrhein für die Erstellung der Fernsteuerung und der Staumauerüberwachung mitverantwortlich.
Das frisch erworbene Know-how in der Energieversorgung führte Meier wieder ins Ausland. «Möchten Sie für ein paar Monate nach Guinea?» kam 1964 die Anfrage aus der Chefetage. «Ja, gerne», war die Antwort Meiers, «und wo ist Guinea?» Guinea im tropischen Westafrika hatte sich 1958 von der französischen Kolonialherrschaft befreit und versuchte nun unter Staatspräsident Sékou Touré auf eigenen Füssen zu stehen. Die Franzosen hatten zwar in der Hauptstadt Conakry eine gut funktionierende Infrastruktur aufgebaut, aber nachdem die weissen Herren weggezogen waren, zerfiel die Technik innert Monaten, weil man versäumt hatte, zum Unterhalt der Anlagen einheimische Arbeiter auszubilden. Meier sollte die Regierung beraten, wie das Land technisch saniert werden könnte.
«Ich war schockiert. Nicht nur mussten die Leute in der ehemals wohlhabenden Stadt hungern, weil weder die Stromversorgung noch das Transportwesen funktionierten. Die Franzosen hatten zudem der jungen Nation einen üblen Streich gespielt, indem sie beim Rückzug sämtliche technischen Unterlagen verbrannten. Diese koloniale Gemeinheit macht mich noch heute wütend.»
Als erstes sollte Meier wenigstens die Strassenbeleuchtung wieder in Gang bringen. Das alte Dieselkraftwerk war allerdings hoffnungslos ruiniert, denn nachdem der Vorrat an Schmieröl zu Ende gegangen war, hatte die ahnungslose Betriebsmannschaft Pflanzenöl nachgefüllt, was innert Wochen die Turbinen zerstörte. «Zunächst musste ich herausfinden, wo die einzelnen Trafostationen des Stromnetzes standen, was ohne die alten Pläne Detektivarbeit von Strasse zu Strasse bedeutete. Als ich schliesslich ein Inventar des Stromnetzes erstellt hatte, fehlte als Herz der Stromversorgung noch immer das Kraft werk. Da dümpelte in der Bucht vor Conakry ein alter Frachter. Ich liess den Pott ans Quai schleppen. Und nachdem wir den Dieselmotor des Schiffes mit einem langen Kabel mit dem Netzanschluss beim kaputten Kraftwerk verbunden hatten, brannten in Conakry zur allgemeinen Freude wieder die Lampen.»
1967 setzte Marcel Meier auf die Kernenergie, die damals in der Schweiz noch in der Versuchsphase stand. «Ich bewarb mich beim Eidgenössischen Institut für Reaktortechnik in Würenlingen. Zum Reaktorchef ausgebildet, arbeitete ich drei Jahre lang am Versuchsreaktor Diorit. Die Routine der Reaktorüberwachung begann mich aber zu langweilen.» Beim früheren Arbeitgeber Siemens fand Meier eine Stelle als Verkaufschef für Strassenverkehrstechnik. Hier installierte er mit seinem Team für die Stadt Zürich den ersten Verkehrsrechner der Schweiz. Das damals eingeführte Steuern der Ampeln je nach Verkehrsaufkommen sowie die Bevorzugung des öffentlichen Verkehrs waren zukunftsweisend. «Die bei den Behörden für die Technik Verantwortlichen haben zuweilen einen schweren Stand», sagt Meier. Der Leiter der Zürcher Verkehrsabteilung klagte ihm damals sein Leid mit dem Heer der unzufriedenen Autofahrer: «In der Stadt gibt es 100 000 Verkehrsexperten und einen einzigen Trottel – mich.»
Mitte der 1970er Jahre wurde Meier Exportchef beim alten Arbeitsgeber, der mittlerweile zu Siemens-Albis fusioniert hatte. Da das Münchner Stammhaus seiner Schweizer Tochter vor allem die exotischen Nischenmärkte überliess, machte Meier wunderliche Erfahrungen. «1991 sollte im vom Krieg zerstörten Beirut das Telefonnetz neu aufgebaut werden. Die Regierung fuhr uns mit Blaulicht und Sirene von Termin zu Termin. Doch das Projekt scheiterte an der fehlenden Finanzierung.» Ein noch seltsameres Erlebnis war 1986 die grosse Technikmesse in Peking. Siemens-Albis zeigte die neusten ISDN-Kommunikationssysteme. «Wir waren sehr erfreut über das enorme Publikumsinteresse an unserm Ausstellungsstand, bis wir merkten, dass die Leute vor allem unsere Gratiskugelschreiber wollten.» Die Zeit, wo dem Technikverkäufer die Türen überall offen standen, war offenbar vorbei.
Eigentlich wollte Meier mit 62 Jahren in Pension gehen. Die Anfrage, drei weitere Jahre als Direktor das Verteilnetz der neu gegründeten Cablecom zu managen, war indes zu verlockend – nicht zuletzt wegen der Genugtuung, es als früherer Monteur noch zum Direktor gebracht zu haben, gesteht Meier. «Die 600 Monteure und Serviceleute der Kabelgesellschaft zu betreuen, hat mir Spass gemacht. Als Belastung empfand ich aber die Aufgabe, Kaderleute entlassen zu müssen, weil die aus lokalen Kabelnetzgesellschaften zusammengewürfelte Cablecom die vielen Chefs nicht mehr brauchte. Auch war Kollegialität, die ich bei meinen früheren Stellen sehr geschätzt hatte, in der knallharten Telekommunikationsbranche nicht mehr gefragt.»
Wie beurteilt Marcel Meier die heutige Technik? Er überlegt lange. «Die Informatik hat viel Gutes gebracht. In der Medizin senkt der Computertomograph die Strahlenbelastung und ermöglicht bessere Diagnosen. Und während früher viele Informationen nur einer privilegierten Schicht vorbehalten waren, hat das Internet den Zugang zu Wissen demokratisiert.» Zweifel hat er am Fortschritt der Telekommunikation: «Das Telefonieren ist zum Geschwätz verkommen. Schon Kinder haben Handys – und wertvolle Dinge wie das Briefeschreiben werden vergessen.»
Und wie beurteilt Meier die Entwicklung seiner ursprünglichen Monteurarbeit? «Es tut mir leid, zu sehen, dass solides Handwerk immer weniger gefragt ist. Durch die automatisierte Produktion sind viele Geräte heute schon fixfertig vormontiert, es braucht den tüchtigen Monteur gar nicht mehr. Auch zählt bei vielen Firmen ohnehin nur noch der schnelle Profit.»
Marcel Meier , geboren 1931 , hat die technische Entwicklung eines halben Jahrhunderts direkt miterlebt. Nach einer Lehre zum Elektromonteur liess er sich zum Diplomingenieur ausbilden. Seine berufliche Laufbahn führte ihn nach Südamerika, Afrika und Asien. Er beendete seine Karriere als Direktor der Kabelfernsehfirma Cablecom. Marcel Meier ist verheiratet und lebt im aargauischen Wettingen.
Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist und wohnt in Wolfhausen.