NZZ Folio 01/94 - Thema: Pleiten   Inhaltsverzeichnis

Scham empfinden die Opfer

Zwei Unternehmen, ein Ende - und viele Verlierer.

Von Claude Darbellay

Ein Konkurs ist vor allem die Geschichte einer Niederlage. Es stellt sich heraus, dass falsche Wege eingeschlagen, falsche Strategien verfolgt wurden. Ein Konkurs ist eine Verurteilung durch den Markt und seine Gesetze. Er bedeutet auch Trauer. Männer und Frauen leiden. Der Konkurs nistet sich im Körper jener ein, die ihm zum Opfer fallen. Sie verkümmern. Manche können nicht mehr schlafen. Nacht für Nacht erleben sie die Tragödie wieder. Andere versuchen zu vergessen und können es nicht. Sie fühlen sich ausgeschlossen und sind es auch. Sie haben, wie sie sagen, alles verloren. Sie schämen sich, sie verstecken sich. Und wenn sie dennoch sprechen, verschweigen viele ihren Namen. Vor allem Führungskräfte. Sie leiten manchmal neue Unternehmen. Es gibt bessere Visitenkarten als einen Konkurs, auch wenn man alles unternommen hat, um ihn zu verhindern.

Vielleicht hat es eine Verschiebung gegeben; neu entwickelten Produkten blieb die Finanzierung versagt; ein Buchhalter statt eines Finanzspezialisten wurde eingestellt; gewisse Sachzwänge konnten nicht beeinflusst werden. Bei einem erfolgreichen Produkt vergrössern sich die Produktionskosten (Überstunden, höhere Zinsen). Der Markt zermalmt, ohne dass jemand etwas dagegen unternehmen könnte. Entscheidungsträger entscheiden nicht mehr, sie nehmen Zuflucht zu Notlösungen. Zahlungsfristen werden länger, verkleinern die Gewinnspanne, das Ganze gerät ausser Kontrolle. Banken schränken Kredite ein, die finanzielle Belastung steigt. Diejenigen, die erfolgreich sein sollten, können es nicht mehr sein.

Die Angestellten, die mit dem Betrieb aufgewachsen sind, erfahren, dass man immer früher zum alten Eisen gehört, dass ihre Berufserfahrung nicht mehr zählt. Plötzlich sind alle ihre Freunde arbeitslos. Sie schreiben Bewerbungen, die ohne Antwort bleiben, melden sich beim Empfang von Unternehmen, die keine Stelle frei haben. Manchmal liegt am Schalter der Stempel für das Formular des Arbeitsamts neben einem Schildchen: Bedienen Sie sich. Einige verzweifeln, andere lehnen sich auf, viele empfinden ein Gefühl der Ungerechtigkeit. Sie gaben ihr Bestes, was bleibt ihnen noch?

Zwei Unternehmen im Kanton Neuenburg: Das eine im oberen Teil des Kantons, in Crêt-du-Locle, Aciéra, Werkzeugmaschinen, international bekannte Qualitätsprodukte; das andere im unteren Teil, in Peseux, Borel S.A., Industrieöfen. Beide sind seit Anfang des Jahrhunderts in der Region ansässig und zeugen von deren Freuden und Leiden. ACIÉRA WERKZEUGMASCHINEN. Das Familienunternehmen, vor dem Krieg gegründet, machte sich bald einen Namen mit seinen Fräsmaschinen, da es die einschlägige Technik vor den anderen beherrschte. Nach dem Tod des Besitzers kaufte ein Geschäftsmann die Aktien auf und baute die Firma aus, bis in die siebziger Jahre, in denen die Nachfrage gross und viel Geld zu verdienen war. Der kinderlose Geschäftsmann vermachte seine Aktien einer Stiftung. Eine grosszügige und für das Unternehmen ruinöse Tat, da sie den Zufluss von neuem Eigenkapital erschwerte. 1978/79 lehnte die Mehrheit des Verwaltungsrats den Vorschlag ab, eine fundierte Expertise des industriellen Potentials in Auftrag zu geben, und vertraute die Analyse einer grossen Bank an, die diese Aufgabe schlampig erledigte.

Obwohl Neuerungen fällig gewesen wären, ging man in die achtziger Jahre, ohne eine technische Bilanz zu ziehen. Dann wurde ein Ingenieur angestellt, der das Produkt für veraltet hielt. Er intensivierte die Forschung in verschiedenen Richtungen, erweiterte das Sortiment: drei Fräsmaschinen, Fertigungszentralen, numerischer Antrieb. Eine im Verhältnis zum Eigenkapital übertriebene Entwicklung. Das Vermögen des Unternehmens (Grundbesitz, Liegenschaften) wurde aufgezehrt, die neuen Produkte kamen auf den Markt, ohne genügend getestet worden zu sein. Sie waren zwar sehr genau, aber nicht sehr zuverlässig. Der Kundendienst, der weltweit Reparaturen ausführte, war teuer.

1985 war die Aciéra finanziell am Ende. Zehn Millionen Franken neues Kapital wurden aufgetrieben, schweizerische, französische, englische, holländische Aktionäre und Branco Weiss, für den das Unternehmen heute «eine alte, abgeschlossene Geschichte» ist. Die Produkte wurden im Eiltempo weiterentwickelt, ohne Unterstützung eines zuverlässigen Managements. Die japanische Konkurrenz war erwacht, und nach 1989 liess die Hochkonjunktur nach. Man zog zaghaft Fusionen im Bereich der Werkzeugmaschinen in Betracht, aber nichts Konkretes kam zustande. Die Aciéra war ausgeblutet; ein zweiter Versuch, das Kapital aufzustocken, scheiterte an einer Sperrminorität im Verwaltungsrat.

Ende 1991 wurde Nachlassstundung gewährt. Hermmle, ein deutscher Konkurrent, kaufte die Aktiva auf. Während ein paar Monaten «glaubten alle daran», Hermmle investierte, die Direktion war auf dem Posten, verschwand aber, als erneut Schwierigkeiten auftauchten, «liess uns fallen, ohne uns etwas zu sagen», beklagt sich eine Angestellte. Darauf folgte eine unklare Zeit «mit allerlei Machenschaften und Verwirrungen», sagt ein Monteur. Am Montag, dem 22. Februar 1993, wurde der Konkurs angemeldet. In der Gegend entwickeln sich andere Unternehmen, aber hundert Angestellte sind arbeitslos geworden.

«Man hat uns das um halb zehn mitgeteilt, und wir sollten bis zum Mittag alles aufräumen, unsere Sachen zusammenpacken und verschwinden. Die Erklärung dauerte fünf Minuten. Der herbeigerufene Gewerkschaftssekretär liess uns die Papiere für die Arbeitslosenversicherung unterschreiben. Wir blieben bis um drei da, dann auf dem Parkplatz, vor der geschlossenen Tür.»

Die Gewerkschaft organisiert einen Kurs, in dem die Entlassenen lernen, wie man sich vorstellt, einen Bewerbungsbrief und einen Lebenslauf schreibt, «es gab sogar eine Videokamera, damit man sich korrigieren konnte». Ein Komitee der Arbeiter der Aciéra wird gegründet, es versucht, deren Interessen zu verteidigen, die ausstehenden Löhne einzutreiben, die Fabrik wieder zu öffnen, um Ersatzteile zu verkaufen; es organisiert Essen an geheimen Orten, «damit wir unter uns sind».

Einige, besonders die mittleren Führungskräfte, schämen sich und sprechen weder mit ihrer Familie noch mit ihren Freunden darüber. Sie gehen nur noch zum Stempeln aus dem Haus. «Ich gehe nicht mit meiner Frau einkaufen, denn man weiss, dass die, die das tun, arbeitslos sind.» Andere verstecken sich vor ihrer eigenen Familie. «Als die Kinder zur Schule gingen, fragten sie mich, was sie als Beruf des Vaters angeben sollten, wenn man sie fragt. Am Tag, wenn sie zu Hause waren, verliess ich das Schlafzimmer nicht.» Die Nachbarn mischen sich ein. Ein ehemaliger leitender Angestellter kommt um 19 Uhr nach Hause und macht sich daran, den Rasen zu mähen. Ein Fenster öffnet sich: «Wenn man arbeitslos ist, kann man den Rasen am Nachmittag mähen!»

Sie haben zu nichts mehr Lust, warten auf ein Wunder, darauf, dass die Fabrik eines Tages ihre Tore wieder öffnet. «Es gab einen Plan, mit dreissig Personen wieder zu beginnen», erklärt der ehemalige technische Leiter, «aber es blieb bei der Idee.» Sie können es einfach nicht schlucken, dass es zu Ende ist. Die Aciéra war ihre Fabrik.

Manche hatten ganz unten angefangen, hatten ihre Stellung abverdient. Der stellvertretende Fabrikationsleiter Eustachio Longobardi: «Ich habe 32 Jahre gebraucht, um mich hinaufzuarbeiten, mir Kenntnisse anzueignen, einen rechten Lohn zu bekommen, und von einem Tag auf den andern geht der Vorhang zu, man ist überflüssig. Ein Konkurs ist nicht bloss eine Seite, die umgeblättert wird, sondern ein Buch, das geschlossen wird.» Vorher reiste er, besuchte Messen, traf sich zum Essen mit Vertretern. Noch immer rufen ihn einige an, wenn sie in der Gegend sind: «Gehen wir etwas trinken?» Aber die Kontakte bröckeln ab. «Warum sollten sie mich besuchen? Sie wissen, dass ich nichts bestelle.» Er zieht eine Schachtel hervor, in der in Werg verpackte Modelle von Maschinen im Massstab 1:50 versorgt sind, die er selbst gemacht hat. «Ich bin stolz darauf.» Dann ernst und traurig: «Ich habe so viele Erinnerungen. Zu viele.»

Man muss Arbeit suchen. Briefe schreiben, die mit einer Standardformulierung beantwortet werden, von Tür zu Tür gehen. Die Telefonistin: «Wenn man nicht unter vierzig ist, sich in Informatik nicht auskennt, nicht zwei oder drei Sprachen spricht, ist man nichts wert.» Ihre Freunde wollten sie zum Ausgehen überreden, damit sie auf andere Gedanken kommt. Wie konnte sie ihnen erklären, dass sie keine Lust dazu hatte? Die Angestellten erleben dauernd die letzten Monate wieder, sind wütend auf die deutsche Direktion, die sie «an der Nase herumgeführt», verraten hat. «Da drin war eine Gruppe von Haifischen, die alles gefressen haben», sagt Xavier Billod, ein Angestellter mit 25 Jahren Fabrikerfahrung. «Wenn sie gekonnt hätten, hätten sie uns noch unsere Pensionskasse weggefressen.»

Es lösten sich immer neue Direktoren ab. «Da war einer, man wusste nicht, was er tat, er schlich den ganzen Tag durch die Räume. Ein anderer spazierte zigarrenrauchend herum.» Einer der wenigen, die schon vor dem Konkurs Gewerkschafter waren (die andern schlossen sich erst nachher dem Metall- und Uhrenarbeiterverband an, als Dank für dessen Einsatz): «Sie haben uns schändlich betrogen. 1986 zum Beispiel haben sie uns die 6 Prozent Teuerungszulage abgezwackt, mit den Jahren machte das 15 Prozent aus, sie versprachen uns Ende Jahr hundert Franken, wir haben sie nie zu Gesicht bekommen, während zwei Direktoren einen Mercedes gekriegt haben.»

Viele erfahrene Angestellte waren plötzlich alt: «Mit 46 Jahren, wurde mir gesagt, nicht direkt, aber zwischen den Zeilen.» Oder: «Mit 61, was kann ich da noch tun?»

Andere haben umgesattelt und haben Qualifikations- und Lohnniveau halten können. «Ich bin von Werkzeugen, die zwanzig Tonnen wiegen, zu Instrumenten übergegangen, die im Mund Platz haben - Geräte für Zahnärzte.» Sobald der Vertrag unterschrieben war, lebte er wieder auf. Er gehörte nicht mehr zu jenen, auf die man mit dem Finger zeigt.

Gibt es keine Solidarität zwischen den Arbeitslosen der Aciéra? Doch, sie existiert; jeden Dienstag, wenn sie stempeln gehen, sprechen sie von der Fabrik, dann kommt Nostalgie auf; man versucht, sich gegenseitig Mut zu machen, «aber wissen Sie, man lebt nicht von der Solidarität». Für viele war die Aciéra wie eine Familie, für sie waren es die schönen Zeiten.

Diejenigen, die Distanz dazu haben, haben gefühlsmässig nicht so viel investiert. Sie haben immer gewusst, dass sie in erster Linie Geld verdienten, um zu leben. «In der Aciéra war ich für die Wartung zuständig, ich erledigte die Drecksarbeit, die die anderen nicht machen wollten. Wenn es eine Panne gab, musste man auch mitten in der Nacht los, zu jeder Stunde.» Michel Cattaneo machte sich nichts vor, er wusste, dass es zu Ende war. Es war nicht einfach, aber er schaffte es. «Das ist keine Katastrophe. Solange die Kinder genug zu essen haben und ein normales Leben führen . . .» Er hat ja sowieso keine Wahl. Man kann nur hoffen, dass es wieder aufwärts geht. Unterdessen arbeitet er unentgeltlich für die katholische Kirche, bastelt für Freunde. Die Tage gehen schnell vorbei. «Ich habe zwei Hände, das ist alles. Verstehen Sie?» BOREL S.A. INDUSTRIEÖFEN. Die Firma wurde 1928 vom Elektroingenieur Borel gegründet. Das Unternehmen wuchs, wurde zu Beginn der achtziger Jahre eine AG, entwickelte die MUL, eine vollautomatische thermische Anlage, mit der man rund um die Uhr, sieben Tage pro Woche produzieren kann. Ein herkömmlicher Industrieofen kostet zwischen 50 000 und 200 000 Franken, eine MUL 2 bis 4 Millionen. Man stellte hochqualifizierte Arbeitskräfte an, gewisse Arbeiten vergab man an Zulieferfirmen. Aus einer Manufaktur wurde ein High-Tech-Unternehmen.

1988 wurde in Peseux eine neue Fertigungshalle gebaut, mit einer Hypothek zu 4 Prozent. Dann verdoppelte sich der Zinsfuss, was das Budget schwer belastete. Dazu kam, dass die Bestellungen nach 1990 zurückgingen und die Gewinnmargen kleiner wurden. 1991 versuchte man vergeblich, das Kapital aufzustocken; die meisten Aktionäre, Familienmitglieder des ehemaligen Besitzers, verfügten über zuwenig Mittel. Es wurde nach schweizerischen und ausländischen Partnern gesucht, ohne Erfolg, trotz guter Zusammenarbeit mit der Safed in Delsberg, die auch Öfen herstellt. Die Banken wurden ungeduldig, bestanden auf Rückzahlung. «Damals machten sie Rekordgewinne», sagt ein Angestellter; ein Kadermitarbeiter meint enttäuscht, dass es dem Schweizerischen Bankverein egal gewesen sei, dass achtzig Angestellte entlassen werden mussten.

Im April 1993 wurden die Löhne nur zum Teil ausbezahlt, im Mai und Anfang Juni überhaupt nicht mehr. Die Bank hielt die Anzahlung zurück. Am 28. Mai meldete der Verwaltungsrat den Konkurs an. 77 Entlassungen.

Hatte die Konkurrenz von Borel S.A., die Solo AG in Biel, nur darauf gewartet? Sie kaufte für eine Million Franken Lagerbestände, Konstruktionspläne und Karteien und stellte sechs Angestellte wieder ein. Im November hatten zehn weitere eine neue Arbeit gefunden.

Ein etwa dreissigjähriger Angestellter will sich nicht äussern, «man muss gut aufpassen, was man sagt», und er will auch nicht in einer offenen Wunde herumwühlen. «Es konnte mir nichts Schlimmeres geschehen.»

Herr Altamura dagegen arbeitet wieder. «Ein riesiges Glück.» Er ist 35 und hat Familie; allein auf das Arbeitslosengeld angewiesen, hätte er wegziehen müssen. Er war fünf Jahre lang Hauswart im Block, damit er sich schöne Möbel kaufen konnte. Er war in der Buchhaltung tätig und sah, wie sich die Lage verschlechterte. Am Tag des Konkurses fühlte er eine gewisse Erleichterung, obwohl er ihn als Niederlage betrachtete, ohne sich jedoch schuldig zu fühlen. Seine Familie litt nicht allzusehr darunter. Er vermischt nicht gerne Berufs- und Familienleben und behält seine Sorgen für sich. Vor zwei Jahren wurde sein Vater, nach 17 Jahren Dienst in einem Betrieb, entlassen; unmöglich, eine neue Stelle zu finden. Er hatte Erfahrung, aber kein Diplom. Er war schon 59. Für ihn war es eine Schande, arbeitslos zu sein. Er kehrte ins Piemont zurück.

Herr Guliver, 42jährig, arbeitet nach drei Monaten Arbeitslosigkeit wieder. Zwei Tage vor der Bekanntmachung des Konkurses «behauptete der Verwaltungsratspräsident, es werde nicht dazu kommen». Natürlich wollten die Direktoren den Betrieb weiterführen, ein Teil des Personals machte Überstunden, um die Termine einzuhalten, arbeitete am Samstag, manchmal sogar am Sonntag.

«Aber wie kann man das durchhalten, ohne Lohn?» Er verkaufte sein Auto, ermahnte seine Kinder zu Sparsamkeit, schrieb Bewerbungen, fünfzig Briefe, und erhielt vier Antworten, alle abschlägig, stellte sich bei den Unternehmen vor. «Sie fragen einen nicht einmal, was man macht, sie unterschreiben sofort das Formular für das Arbeitsamt. Heute findet man nur mit Beziehungen eine Stelle.»

Für jene, die mehr als zwanzig Jahre im Dienst des Unternehmens gestanden hatten, ist es eine Tragödie. Einige wollten es sich einfach nicht eingestehen. Als der Konkurs eingereicht worden war, sagte einer der Chefs: «Ich hätte nie geglaubt, dass es so weit kommen könnte.»

Herr Fornachon hat dabei fast sein Leben gelassen, nach 26 Jahren guter und treuer Dienste als Magaziner. Herzanfall. Ursache: zu 80 Prozent der Stress nach der Entlassung, sagt der Arzt. Herr Fornachon war 25 Jahre lang Fussballschiedsrichter, eine geachtete Person. Jetzt muss er sich schonen, wieder leben lernen. Sobald er sich besser fühlte, suchte er eine neue Stelle. Zu alt, mit 56. «Was sollte ich tun? Mir eine Kugel in den Kopf schiessen?» Seine Frau war während 15 Jahren an der Réception bei Borel, sie meldete sich auf ein Stellenangebot für jemanden zwischen 25 und 45 Jahren. «Was fällt Ihnen ein, anzurufen?» wurde ihr geantwortet. Sie ist gerade 50 geworden. Also nahm sie eine Stelle als Verkäuferin an, für zwei Monate; sie putzt, verdient weniger als das Arbeitslosengeld. «Wenn die Miete, die Versicherungen, das Essen, die Steuern bezahlt sind, was bleibt uns noch zum Leben?» Und dann sagt Herr Fornachon: «Das Spital ist teurer als das -Ritz?.»

Sein Vater starb vierzehn Tage nach der Pensionierung. Herzschlag. Er hatte zwanzig Jahre bei Borel gearbeitet, als Hauswart. Auch seine Mutter hatte da gearbeitet. Sie ist achtzig. Sie hatte die Krise von 1930 durchgemacht, musste den Kanton verlassen und lebte fünf Jahre in Frankreich. «Ja, damals war es weniger schlimm als heute.» Am Tag des Konkurses weinte sie.

Ihre Schwiegertochter Nadine, die von ihr gesiezt wird, hatte den Eindruck, der Himmel falle ihr auf den Kopf. Sie gibt dem Verwaltungsrat die Schuld. «Sie hätten besser aufpassen müssen. Der Direktor jedoch war beliebt. Er hätte vorher abspringen können, aber er wollte das sinkende Schiff nicht verlassen.» Herr Fornachon fügt bei, wenn er an der Spitze gewesen wäre, hätte er es vielleicht auch nicht besser gemacht. Nur, «ich war nicht an der Spitze, ich arbeitete im Keller». Er hätte 1991 gehen sollen, man hatte ihm anderswo eine Stelle angeboten, aber «Borel war mein zweites Zuhause, meine Familie. Ich gehörte dazu.»

Claude Darbellay ist Autor in La Chaux-de-Fonds.


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