NZZ Folio 11/08 - Thema: Image   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Suche nach der Zeit

© Heinz Unger
Eher einheimischer Rabe statt Paradiesvogel: Das Wohn- und Ruhezimmer des Bewohners. Linktext
Ein unauffälliger Kopfarbeiter? Ein handwerklich begabter Diakon? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Solide, mittelständisch präsentiert sich uns ein unaufgeregtes Design, etwa so, wie wenn die Verkäuferin beim Kleiderkauf etwas «Zeitloses» empfiehlt: Damit kann nichts schiefgehen.

Die Bücher liegen abgezirkelt auf dem Tisch, fast alles angeordnet im rechten Winkel, selbst die Lust fällt nicht aus dem Rahmen und hängt vom Federvieh beäugt an ihrem Ort.

In jedem Raum Tisch und Stuhl – aufrecht wird hier gesessen, ebenso aufrecht geht unser Bewohner wahrscheinlich durchs Leben. Bequem macht er es sich in der klassischen Liege, die einzige Schräglage in der Wohnung. Der Spannteppich mutet etwas blass an, farbiger wird es auch mit der Bebilderung und dem Grünzeug nicht, das Gesamte hat irgendwie einen anämischen Touch; selbst die rote Wand will nicht so recht wärmen, und der Brotkasten in der Küche erinnert eher an einen Sanitätskoffer.

Geschlafen wird im Singlebett in jungfräulichem Weiss, Spuren von Frauenzimmern sind in dieser Wohnung aber nirgendwo zu sichten.

Der Hausherr kocht für sich; der Kräutergarten auf dem Fenstersims, die Messer wie Soldaten aufgereiht, das Fruchtfleisch wie ein Stillleben hindrapiert. ­Vermutlich sind Style und Chic unserem Bewohner nicht wichtig. Äusseres Blendwerk ist ihm fern und Paradiesvögel eher fremd, bei ihm nistet der einheimische Rabe.

Hier wohnt einer allein, unauffällig und alterslos, distanziert-freundlich und mit sich selbst zufrieden, vielleicht ein Kopfarbeiter, dem die Wohnung logistisches Minimum fürs Wohlbefinden ist. Er hat Zeit, Zeit, die hier irgendwie nicht stattfindet; er könnte sich vor einem Monat oder einem Jahrzehnt hier eingerichtet haben.

Ingrid Feigl


Der Innenarchitekt

Wären da nicht einige bunte Grafiken an der Schlafzimmerwand, glaubte man sich in einem Diakonissenheim: ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Ich tippe auf einen männlichen Bewohner, der sein Leben sauber, ordentlich und übersichtlich organisiert – ein Planer, ein Facility Manager, ein Typograph?

Als Ergänzung zur Ordnung liebt der Bewohner Pflanzen, Ruhe, Natur; vermutlich liegt die mittelständische Wohnung aus den 1950er oder 1960er Jahren im Grüngürtel einer grösseren Stadt. Er schuf sich seine Oase in der Oase.

Die Voraussetzungen für eine stimmungsvolle Küche wären gegeben: Der schachbrettartige Porphyrplattenboden, die wertige Einbauküche, das praktische «Lüftungsflügeli» deuten auf eine ganzheitliche Gestaltung aus der Entstehungszeit. Obwohl Gegensätze oft Spannung auslösen, vermag sich die neu hinzugekommene «Massivholzecke» nicht recht mit dem Rest der Küche zu verbinden. Die Leere wirkt ungemütlich, und das in einer Küche?

Im Esszimmer wird es besser. Die rostrote Wand macht sich gut. Ein grosses Bild, Vorhänge, ein einfacher Holztisch und Jacobsen-Stühle von Fritz Hansen. Doch lustvoll scheint es erst im Wohnzimmer zu werden: «Ort der Lust» in Öl hängt an der Wand. Hier spürt man am meisten Leben. Bücher, Zeitschriften, eine Corbusier-Liege und ein Regal Marke Eigenbau.

Das selbstgebaute Regal zeigt vielleicht am deutlichsten, wer hier wohnen könnte: ein Mensch mit einer hohen Kompetenz für Proportionen und Ästhetik, der jedoch mit der Statik eher auf Kriegsfuss steht: doch ein Grafiker?

Stefan Zwicky


Georg Frey, Denkmalpfleger

«Wenn ich morgens aufstehe und aus dem Fenster sehe, dann geht es mir sofort gut, egal, ob es sonnig ist oder regnet. Das liegt an der Weite. Der See macht hier die Landschaft. Als ich vor sieben Jahren aus Trogen im Appenzell nach Zug zog, träumte ich davon, am See zu wohnen. Ich landete auf Umwegen oben am Berg. Hoch über dem See zu wohnen, das weiss ich jetzt, ist noch viel schöner.

Sozial betrachtet ist die Wohnlage schlecht, weil hier einfach keiner spontan vorbeikommt und klingelt. Hier oben gibt es weder eine Beiz noch Läden, grad gar nünt. Zur Arbeit und in die Stadt fahre ich mit dem Velo. Seit einem Jahr habe ich eines mit Elektromotor, damit bin ich in zehn Minuten vom Zentrum zu Hause.

Bis auf eine Ausnahme habe ich immer in gebrauchten Wohnungen gelebt. Diese Wohnung ist so etwas wie der Gipfel des Gebrauchten. Das Haus ist aus dem Jahr 1944 – eine Kombination aus Moderne und Heimatstil. Es fand nie eine tiefgreifende Renovation statt. Als ich die Wohnung mietete, übernahm ich alles, wie ich es vorfand, mitsamt Farben, Teppichen, Plättli. Die Küche gleicht für mich einer Reise durch die Zeit: von der Eckbank aus den 1940er Jahren bis zum modernen Kühlschrank. Dass ich den Anblick von Geschichte schätze, hat sicher mit meinem Beruf als Denkmalpfleger zu tun. In der Denkmalpflege habe ich mit Geschichte und Geschichten zu tun, und genau das gefällt mir an dieser Arbeit.

Ich kam durch Zufall zur Denkmalpflege. So wie ich mein ganzes Leben aus Zugefallenem etwas gemacht habe. Karriereplanung liegt mir gar nicht. Ich schaute immer, was um mich herum passierte, und habe darauf reagiert.

Vor meiner Zuger Zeit machte ich viel Musik, ursprünglich klassische, später improvisierte mit Cello und Trompete – im Appenzell gab es eine interessante Musikszene, aus Laien und Profis. Auch ich als Dilettant hatte darin Platz. Als ich angefragt wurde, in Ausserrhoden die Denkmalpflege zu übernehmen, habe ich nach kurzem Zögern zugesagt. Ich sehe mich nicht als distanziert-freundlich, sondern eher im Gegenteil – ich suche und liebe die Gespräche. Damals arbeitete ich im Teilzeitpensum, da ich auch noch Hausmann war und zu unseren Kindern schaute. Ich koche noch heute täglich spontan und praktisch. Ich bin nicht der Typ Gourmetkoch, ich habe gelernt, für eine Familie zu kochen. Anfangs – etwas ideologisch auf Gesundheit bedacht – mit Experimenten aus Hirse, Gerste, Hafer und Roggen. Das bekomme ich noch heute von den Kindern zu hören. Unsere Familie lebt mittlerweile an vier verschiedenen Orten, die Tochter arbeitet in Damaskus, und der Sohn lebt in Zürich.

Bei mir sei alles abgezirkelt und im rechten Winkel angeordnet? Ich sagte noch zum Fotografen: Richten Sie die Bücher nicht so stramm aus – das bin ich nicht. Er aber meinte, das sei wichtig für die Perspektive. Da dachte ich mir, auch er hat ein Recht auf sein Bild. Dabei weiss ich als Architekt, dass der stramm ausgerichtete Vordergrund den ersten Impuls gibt, wie man das ganze Bild betrachten soll. Und die Psychologin ist voll darauf angesprungen.

Trotzdem: Ich schätze Ordnung. Am besten erkennt man die bei mir im Schlafzimmer – das ist für mich ein aufgeräumter und ruhiger Ort. Dort brauche ich keine Ablenkung, farbige Bettwäsche wäre mir bereits zu viel. Das Bett habe ich selbst entworfen und geschreinert, ebenso im Wohnzimmer die Bücherregale und den Tisch.

Mein Zuhause ist für mich ein Ort der Lust. Für mich ist Lust auch eine Lust am Leben. Ich brauche viel Zeit für mich, und das ist sicher auch der Grund, weshalb ich heute gerne alleine lebe. Diese Wohnung ist für mich der ideale Rückzugsort.

Meine unmittelbare Umgebung ist grün. Die Besitzerin des Hauses, die hier hundert Jahre alt geworden ist, legte um das Haus einen botanischen Garten an. Und nur wenige Meter entfernt fährt die Standseilbahn auf den Zugerberg. Auf dem Hausberg bin ich selten, ab und zu im Winter, wenn es in der Stadt neblig ist.

Während meines ersten Winters in Zug hatte ich so etwas wie Heimweh nach Trogen. In Trogen nämlich liegt wunderbar viel Schnee, und der Himmel ist blau. Hier aber ist es feucht und kalt und neblig. Mittlerweile habe ich mich mit dem Klima versöhnt und zu schätzen gelernt, dass der Winter in Zug eben introvertiert ist.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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