NZZ Folio 09/98 - Thema: Japan   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Die Insel

Von Ursula von Arx

Auf den ersten Blick wirkt Tokio etwa so exotisch wie Zürich oder Bern. Es ist einfach eine andere, viel grössere Stadt: grösstenteils schmucklose, nicht allzuhohe Betonschachteln, natürlich jünger und oft auch provisorischer gebaut, denn Erdbeben sind jederzeit möglich. Aber sonst? Es wimmelt von Handies, Geschäftsleuten und Autos, wie bei uns. Auch an die schlitzäugigen Gesichter gewöhnt man sich rasch. Die Kleider sind westlich, die Warenwelt ist westlich, was es bei uns zu kaufen gibt, gibt es in Japan ebenfalls. Hallo Omega! Hallo Armani! Hallo Toblerone! Hallo Schweizer Offiziersmesser und Matterhornpostkarte! Auch die traditionelle helvetische Zurückhaltung, eine elaborierte Kultur des Kompromisses und ein ausgeprägter Sinn für Sauberkeit, Höflichkeit und wirtschaftliche Expansion finden sich auf der anderen Seite des Erdballs.

Dass die Insel Japan natürlich trotzdem ganz anders ist als die Insel Schweiz, erfährt man, wenn alles, was einen sonst mit Botschaften bombardiert - Leuchtreklamen, Strassenschilder, Speisekarten, Geschäftsnamen -, plötzlich stumm und leer bleibt; wenn man dem Taxifahrer die Adresse nicht erklären kann, er die Nerven verliert und einen stammelnd auslädt; wenn der Polizist, den man mit einem Plan in der Hand nach der nächstliegenden U-Bahnstation fragen will, zur Flucht ansetzt und, hält man ihn zurück, mit einer Reihe von verzweifelten Hai-Hai-Hai-Verbeugungen antwortet, was soviel und sowenig wie Ja-Ja-Ja bedeutet. Spätestens dann erlebt man einen Schock. Man fühlt sich als Monstrum und gleichzeitig als ein Nichts. Japan wird zum Land der Türen. Die Türen sind verschlossen.

Aber auch die Japaner selber betonen die fundamentale Andersheit ihres Landes gerne. Bücher darüber, was Japan so einzigartig macht, erreichen regelmässig Millionenauflagen. Was also ist es? Wir liessen unsere Autoren über Rezession, Alltag, Geschlechterrollen, Sprache, Comicmanie, Religion und die Jugend schreiben, wir wollten wissen, was die Japaner von uns denken - und überreichen Ihnen nun, ehrenwerte Leser und Leserinnen, das Resultat mit beiden Händen und einer 30-Grad-Verbeugung, die heisst: Wir freuen uns und sind voll Achtung und Respekt für Sie.


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