Palermo stinkt, faulig und krank. In diesen sengenden Julitagen steigt süsslicher Geruch von Blut und Jasmin auf, stechender Geruch von Kreolin und Fritieröl. Über der Stadt liegt schwer, wie eine riesige dichte Wolke, der Rauch der Abfälle, die oberhalb von Bellolampo verbrannt werden. Ich bin diesmal gerade zur Zeit des festino hier, zum Fest der Santa Rosalia. Und zu diesem Fest kommt in den gleichen Tagen auch noch der Rausch um die Fussballweltmeisterschaft. Die Quartiere der einfachen Leute sind geschmückt, Fahnen an Balkonen und Fenstern, Schnüre mit Papierwimpeln in allen Farben über die Strasse gespannt. Santa Rosalia und die italienische Fussballmannschaft besänftigen den Wahnsinn, das Fieber, den giftigen Schaum, die mörderische Wut. Diese Stadt ist ein Schlachthaus, die Strassen sind Fleischereien voll von Blutlachen und -rinnsalen, zugedeckt mit Zeitungen und Leintüchern. Seit Jahresbeginn mehr als siebzig Tote, Ermordete, Hände und Füsse aneinandergefesselt, wie man es mit den Zicklein macht, erstickt, geköpft, entmannt, in schwarze Plasticsäcke, in Kofferräume gesteckt.
Am Tag des Festes, am Nachmittag, gehe ich zu Fuss durch die Via Ruggero Settimo, die Strasse des Reichtums, des Luxus. Sie ist voller Banken, Juwelierläden, Kleidergeschäfte für Männer und Frauen. Die Preise sind auffallend hoch. In den Schaufenstern sind grelle, protzige seidene Männerhemden zu sehen, von jener Sorte, die gewisse Politiker, Berufsleute, hohe Beamte, Unternehmer und Mafiosi im Sommer tragen, offen über der haarigen, mit schweren Goldketten behängten Brust. Sie tragen sie zu den Festen in den Gärten oder auf den Terrassen ihrer Villen in Mondello und an der Addaura, diese Hemden, die mehr kosten, als der Lohn der Kindermädchen beträgt, der Köche, der Kellner, der philippinischen oder arabischen Tellerwäscher, von denen Palermo voll ist. In den Nebenstrassen der Via Ruggero Settimo liegen die Kanzleien der wichtigen Rechtsanwälte, die Büros der wichtigen Kaufleute, die Praxen der wichtigen Ärzte, die Studios der Architekten und jener Innenarchitekten, die gerade in Mode sind. Hier findet man Antiquare und die Galeristen, die sich in den letzten Jahren masslos bereichert haben. Auf diesen dreihundert Metern Strasse, auf dieser Fläche von nicht mehr als tausend Quadratmetern strömt der ungeheure Reichtum Palermos zusammen, hier kommen die Gelder aus dem Drogenhandel, aus den Bauaufträgen, aus Geschäften jeglicher Art in Fluss. Weiter oben zieht der Platz des Teatro Massimo die Trennlinie, die Grenze zwischen dem reichen und dem armen Palermo. Jenseits des Platzes beginnt die Via Maqueda, die Strasse und das Quartier mit den Läden des Volkes, den Märkten, den baufälligen und übelriechenden Häusern und alten Palazzi.
Ich gehe die Via Maqueda hinauf, biege in die Via Sant'Agostino ein, erreiche die Piazza Monte di Pietà; dann weiter über die Via Sant'Isidoro, Piazza del Capo, Via Sant'Agata alla Guilla, dort komme ich auf dem weiten Platz der Sett'Angeli heraus, der auf der einen Seite durch das Collegio Massimo begrenzt wird, welches später zum Convitto Nazionale wurde, und auf der anderen Seite durch die Apsis dieser grossen Moschee, die die Kathedrale eigentlich geblieben ist, aus goldenem, filigran gearbeitetem Sandstein. Es ist dies ein Quartier, der Capo (und heute, wo es keinen Markt gibt, also kein Menschengewimmel, keine Stimmen und Farben, die ablenken, sieht man es in seinem ganzen Schrecken), es ist ein Quartier der Ruinen und des Zerfalls. Dort, so die Häuser eingestürzt sind, aus Alter, Abnützung, aus Gleichgültigkeit, haben die Bulldozer Steine und Kalk eingeebnet, haben Löcher gerissen ins Netz der Gässchen, riesige Flächen von weissem Erdaushub. Hinter diesen leeren Plätzen zeichnen sich jetzt klar die emaillierten Kuppeln der Kirchen ab, die Glockentürme aus Sandstein, das Dach und die Fassade des Normannenpalastes. Die Zonen mit beschädigten, baufälligen Häusern wurden evakuiert und mit Ringmauern umschlossen. Hinter diesen noch frischen Mauern aus Tuffstein türmen sich die Abfälle des Marktes, der Einwohner, die Knochen von den Metzgereien. Kinder, Hunde, Katzen wälzen sich darin, Mäuse tanzen darauf. Hier ist Palermo ein Beirut, zerstört durch einen Krieg, der jetzt vierzig Jahre dauert, durch den Krieg der mafiosen Macht gegen die Armen, die Benachteiligten dieser Stadt. Durch den Krieg gegen die Zivilisation, gegen die Kultur, die Menschenwürde. (. . .)
Während ich das Quartier Capo durchquere, um hierher zu gelangen, zum Cassaro Vecchio, dringt aus den Türen und Fenstern der schäbigen Häuser die Stimme der Fernseher, die das Fussballspiel aus Spanien übertragen. Die Hausmauern sind mit Plakaten von Sängern überklebt. Der Olymp der süss-klebrigen populären Melodien, in denen die Einwohner dieser entwürdigten, zerfallenen, verfaulten Quartiere ihre Gefühle wiedergegeben finden, ihre Werte: die Ehre, die Rache, die Liebe, die Mutter, die Ehefrau, die Schwester . . . Zwischen vielen andern das Plakat mit dem schlaffen, aufgeschwemmten Gesicht eines dieser Sänger, zuzwinkernde vorstehende Augen und ein einschmeichelndes Lächeln. Nur wenige Tage später wird dieser Sänger im Kofferraum eines verlassenen Autos bei der Villa d'Orléans gefunden werden, hier in der Nähe. Erwürgt, entmannt, die Geschlechtsteile in den Mund gestopft.
Ich gehe durch den von Palmen und Buchsbaumhecken gesäumten Garten vor der Kathedrale, klettere auf die von weissen Statuen überragte Mauer längs des Corso Vittorio Emanuele. Der hat sich schon mit Leuten gefüllt, in Erwartung der Prozession. Andere stehen eng aneinandergedrängt auf den Trottoirs, auf den Balkonen der gegenüberliegenden Palazzi, die mit roten Tüchern behängt sind. Jetzt hört man die Musik der Kapelle und sieht vom Ende des Corso, von der Porta Nuova, vom Erzbischofssitz her den Wagen der Heiligen Rosalia auftauchen. Zuerst erblickt man die Ochsen, paarweise unter dem Joch und mit roten Schabracken bedeckt, dann den grossen Wagen, eine riesige triumphale Konstruktion in Form einer Schiffsburg mit barockem Treppenaufschwung, der in einem hohen Piedestal mit der Statue der «Santuzza» gipfelt, der Schutzheiligen der Stadt. Der Wagen ist ganz aus Gold, mit Bögen, Windungen, Schnörkeln, mit Figuren nackter Mohren, die beide Seitenwände schmücken. Auf den Stufen der Treppe sind die Musiker aufgestellt, bekleidet mit gefederten Dreispitzen und bauschigen, veilchenfarbenen Kostümen. Vor dem vordersten der drei Ochsenpaare, die den Wagen ziehen, gehen die Behördenvertreter. Zwischen hässlichen Gesichtern, zwischen den stumpfen und verschlagenen Mienen der arroganten lokalen Macht erkenne ich das Sonntagsgesicht mit dem dünnen Schnurrbart, den kleinen Kopf des Bürgermeisters dieser Stadt, pomadisiert wie ein Friseur beim Flanieren an seinem freien Montag. Und das strenge und distanzierte Ordnungshütergesicht des Präfekten, General Dalla Chiesa, von dem die Zeitungen heute schreiben, er sei soeben nach seiner überraschenden Heirat mit einer jungen Frau aus Mailand nach Palermo zurückgekehrt. Ich frage mich, was für einen Eindruck es auf diesen rigorosen Berufsmilitär macht, diesen Piemontesen ganz aus einem Guss, zwischen den beiden Flügeln der Menschenmassen mitten unter den hiesigen Politikern, kirchlichen Würdenträgern und Honoratioren zu gehen, vor diesem triumphalen Wagen einer zweifelhaften Heiligen; aus Amtspflicht eingetaucht zu sein in diese erschöpfte Parade des abblätternden Barockschwulstes.
Die Luft dieses unendlichen Nachmittages, an dem man sich nicht mehr vorstellen kann, dass ein Abend oder eine Nacht folgen werden, ist erfüllt von starken Gerüchen und aufsteigenden Giftdünsten. Man bekommt Lust zu laufen, in die Höhe zu fliehen, in die Hügel von Bàida, San Martino delle Scale, Monreale, um dort Kühlung zu finden, eine leichte, reine, geruchlose Luft. Solange sie nicht plötzlich vom Rauch des Schiesspulvers geschwärzt wird. (. . .) *
Ich bin wieder in Palermo an dem Morgen, als sich nach dem unbeweglichen Sommer über der Stadt das erste Unwetter entlädt. Der Himmel hatte sich schwarz gefärbt, ein plötzlicher Wind sich erhoben. Ich hatte gerade die Piazza Massimo überquert, wo die Blumenverkäufer auf dem Trottoir vor dem Theater ihre Ware einsammelten und die Leute, die auf einen Bus warteten, verunsichert in den schwarzen und bedrohlichen Himmel starrten. Die verstaubten Ficusbäume auf dem Platz verloren ihre trockenen Blätter, und die Palmen bogen sich in ihren schlanken Stämmen, schüttelten die Büschel ihrer Kronen. Die Via Maqueda hinauf war alles ein Fliegen und Flattern von Papierfetzen und Plasticsäcken. Die Leute vom Land und die «Tunesier», die Nordafrikaner, die in diesem langen Schlauch voller Läden oder in den angrenzenden Märkten der Via Bandiera, Via Divisi und des Ballarò ihre Einkäufe machen, rannten verloren herum; die Verkäufer vor den Läden schlossen eilig die ausgebleichten Vorhänge. Auf den Höhen von Altofonte, am Ende der Fortsetzung der Via Oreto, wurde der Himmel von Blitzen aufgerissen. Ich kam langsam voran, eingeklemmt zwischen den anderen Autos, zwischen Autobussen und Motorrädern, betäubt vom Lärm der Hupen und Klingeln.
Von den Mauern, von den Gerüsten, die alte, eingestürzte oder baufällige Palazzi einfrieden, zerrte und riss der Wind die Trauerplakate für die letzten Mafiatoten: den Präfekten Dalla Chiesa, seine junge Frau und den Chauffeur, die am Abend des dritten Septembers in der Via Carini von Schüssen aus einer Kalaschnikow durchlöchert worden waren. Die Zahl der Toten belief sich nunmehr auf über hundert, bis zu diesem siebenundzwanzigsten September, die Toten auf Palermos Strassen. Der Regen fällt jetzt in grossen Tropfen herunter, wird heftig. Er lässt einen unerträglichen Gestank aus dem Asphalt und den Mauern aufsteigen. Das Wasser fliesst in Rinnsalen längs der Trottoirs, verstopft die Abflüsse zu den Abzugskanälen mit Papier, dem Abfall, den es mit sich schwemmt. Es reisst alles mit, es wäscht, löst alte Krusten und Flecken auf. Jetzt glänzen die Schaufenster und die Leuchtreklamen der Läden voller Schuhe, Stoffe, Hochzeitskleider, Bonbonnieren . . .
In der Via Oreto hat man trotz dem Regen das Gefühl, sich zwischen den Rauchschwaden der Fritierstände vorwärtszubewegen. In grossen Kesseln voll schwarzen Öls werden panelle, Kartoffelcroquetten, arancini, Milz und Lunge gebacken; auf der Kohle werden stigghiole gebraten, Eingeweide und Haxen an langen Spiessen; in Aluminiumpfannen werden Schenkel, Ohren, Schnauzen, Kartoffeln, Artischocken und Zwiebeln gekocht . . . Das Volk von Palermo nährt sich von Kindesbeinen an mit diesem Gebackenen, Gebratenen, Gekochten. Schon in den frühen Morgenstunden entschlüpfen Taschendiebe, Drogenkuriere, Verzweifelte aller Art ihren unmenschlichen Unterkünften, nehmen stehend Brot mit panelle zu sich, Brot mit Milz, ölig tropfend; sie kauen mit Salz und Pfeffer beladene Knorpel; sie verschlingen von gelblichem Fett umschlossenes gekochtes Fleisch. Das ist die Art, wie sie sich ernähren, diese ewigen Kinder, oft Mörder. Es ist ihre Art, auf der Strasse die Mamma wiederzufinden, die ihr Essen kocht, die Mutter in der Gestalt eines Jungen mit finsterem Blick, eine Mutter mit dickem Bauch und grossem Schnauz.
Endlich erreiche ich die Autobahn und fahre schnell Richtung Caltanissetta, in diesem heftigen und erfrischenden Regen, in diesem Unwetter, das das Ende des Sommers besiegelt. Ich fahre bei der Abbiegung von Capo d'Arso hinaus. Hier wechselt der Fluss Imera den Namen und wird zum Fluss Salso, Höllenfluss, lehmig und voller Schwefel, Steinsalz und Kalisalze, der tief eingeschnitten in gewundenen Schluchten dahinfliesst, bevor er in Licata ins Mittelmeer mündet. Hier ist das Zentrum der Insel, das Herz des Schwefelgrubengebiets, das sich bis zur Gegend um Girgenti ausdehnt: das Herz des jahrtausendealten Sklaventums, der Mühen und des Leidens. Geschlossene, verlassene Schwefelminen sind auf den nackten gipsweissen Hügeln zu sehen, auf den Kalksteinrücken. Erinnerungen überkommen mich wie eine Welle, Erinnerungen an die Schriften der Historiker, der Wirtschaftsexperten, der Politiker, der Erzähler, der Dichter, die über den Schwefel geschrieben haben. Und am meisten hämmern jene Verse aus dem «Paradies» auf mich ein, wo es die Sicht aus der Ferne, aus der Höhe gibt auf ein schwefliges, heissatmiges, schwarzes, rauchendes Sizilien. Das schöne Land Sizilien, mit den Dünsten / bei Pachino und Peloro, an dem Golfe, / der durch den Ostwind grössten Schaden leidet, / nicht von Typhäus, sondern von dem Schwefel . . .
Der Regen fällt jetzt spärlich, der Himmel öffnet sich. Ungeduldig fahre ich Richtung Riesi und Mazzarino, über eine verlassene Strasse, nur selten begegnet man einem Lastwagen, einem Auto. Auf beiden Seiten die Hügel, die nackten Felder, gelb und trostlos, es scheint, als hätten sie nach dem grossen Brand, der Erschöpfung von vier Monaten Dürre, gierig diesen kurzen und heftigen Regen aufgesogen und seien wiedergeboren, satt und glänzend ins Leben zurückgekehrt.
Jetzt wird plötzlich das Gras wachsen, werden Blumen aus dieser Erde hervorspriessen. Dieses Wasser ist wie jenes bei der forzatura, dem Vorgehen, das man im Sommer in den Zitronenhainen anwendet: Man entzieht den Pflanzen das Wasser, bis die Blätter einknicken und völlig vertrocknet fast zu Boden fallen. Dann wird der Baum, der «gelitten» hat, der «Erweckung» unterzogen: Die Becken werden geöffnet, das Wasser wird in die Kanäle geleitet und fliesst in die Vertiefung um den Stamm. Dadurch erscheinen neue Knospen, die zagara erblüht, die grüne Frucht wächst, sauer ausserhalb ihrer Zeit, unnatürlich. Für den Zitronatbaum, den cedro lunare, erfolgt die Bewässerung während des Vollmondes. Die Wirkung dieses Wassers ist wie die der violentazione, des chemisch beschleunigten Alterns einer gewissen Marsalasorte. Es ist ein Schock wie der Insulinschock, der bei den sogenannten Geisteskranken angewendet wurde, so dass sie ins Koma am Rand des Todes fielen, von wo sie mit Angst- und Schreckensschreien zurückkehrten. Und was ist keine forzatura, keine violentazione, keine Vergewaltigung auf dieser Insel? Was geht nicht bis zur Grenze des Lebens, des Wahnsinns? Alles, was nicht zunichte wird, was sich nicht auflöst, was nicht stirbt, ist grün, cedro lunare, ist saure, unnatürliche Frucht, reich an Säften und Düften; ist schmerzliche Weisheit, verzweifelte Intelligenz. «So kam meine Seele zur Reifung, noch vor der Zeit», sagt Mattia Pascal.
Erstübersetzung aus «Le pietre die Pantalica», Mondadori, Milano 1988
Vincenzo Consolo, geboren in Sant'Agata di Militello (Sizilien), lebt als Schriftsteller in Mailand.