NZZ Folio 03/98 - Thema: Die Geburt   Inhaltsverzeichnis

Der vermessene Fötus

Mit Ultraschall in den Frauenleib.

Von Barbara Duden

INNERHALB KURZER ZEIT hat sich die Art und Weise, wie eine schwangere Frau ihren Körper erlebt, abrupt und grundlegend verändert. Wesentlich beteiligt an dieser veränderten Wahrnehmung ist eine Technik, die in weniger als zwei Jahrzehnten zum selbstverständlichen Bestandteil jeder ärztlich überwachten Schwangerschaft geworden ist: der Ultraschall. An keinem der vielen technisch vermittelten Eingriffe, denen eine Frau sich heute im Verlauf einer Schwangerschaft unterzieht, lässt sich der Zirkel von Körperbehandlung und -herstellung so deutlich zeigen wie am Ultraschall.

Diese moderne, elegante Möglichkeit zur Sichtbarmachung von Massen im Innern des Körpers wurde schon in den Sechzigern als diagnostisches Mittel in der Inneren Medizin und der Chirurgie eingesetzt. In den Siebzigern zog sie in die Geburtshilfe ein. 1979 wurde in der Bundesrepublik Deutschland der Ultraschall als Routineuntersuchung während der Schwangerschaft eingeführt. Zweimal mindestens sollte nach den «Mutterschaftsrichtlinien» jede Schwangere beschallt werden, und seit einem Jahr sogar dreimal. Der Ultraschall ist heute die Butter auf dem Brot der Gynäkologen, die in Deutschland durchschnittlich sieben Beschallungen pro Schwangere von den Krankenkassen einziehen.

ES GIBT VERSCHIEDENE ARTEN von Technikgeschichte. Man kann sich zum Beispiel fragen, was Technik tut: Wie lässt sich eine Technik weiterentwickeln? (Ohne den Ultraschall gäbe es zum Beispiel die Fruchtwasseruntersuchung so nicht.) Was ist der Nutzen einer Technik? (Ultraschall macht therapeutische Hilfe für den Fötus möglich, fehlerhafte Föten werden frühzeitig erkannt und können abgetrieben werden.) Was sind die Nebenwirkungen? (Manche sind davon überzeugt, dass es beim Ultraschall keine gibt, andere schreiben ein sehr geringes Geburtsgewicht einer häufigen Beschallung zu.) Welche Konsequenzen hat eine Technik für die Rechtsprechung? (Ohne Ultraschall wäre der Fötus wohl nicht so selbstverständlich zum Rechtssubjekt erhoben worden.) Wem nutzt oder schadet eine Technik? (Der Ultraschall eröffnet neue Forschungs- und Einkommensmöglichkeiten für die Ärzte, neue Kosten für die Krankenversicherungen; die Arbeit der Schwangerenvorsorge, die ohne Ultraschall auskommt und vor allem mit Hilfe des Tastsinns diagnostiziert, wird eher entwertet; für die Frauen bringt er neues Wissen, aber auch Unsicherheiten, ist doch die Zahl derjenigen, die als «Risikoschwangere» eingestuft werden, seit seiner Einführung stark gestiegen.)

Eine andere Art der Technikgeschichte fragt nicht nach dem, was eine Technik tut, sondern nach dem, was sie sagt, welche Vorstellungen, Wahrnehmungen und Befindlichkeiten sie uns vermittelt. Im Kopf und im Körper. Die symbolische Prägekraft des Ultraschalls ist einzigartig, und von ihr soll hier die Rede sein. Der Ultraschall vermittelt, im Unterschied etwa zum Schwangerschaftstest und zu anderen Blut- und Urinanalysen, eine Gestalt, ein Bild des Körperinnern.

HEUTE HÜTEN SICH schwangere Frauen vor Schlafmitteln, Tabakrauch und Gemüse aus der Gegend von Tschernobyl. Früher sorgten sie sich um das, was sie während der Schwangerschaft zu sehen bekamen. Sie hatten Angst, den Blitz oder den Brand in der Scheune anzuschauen, denn sie befürchteten, dass er über ihre Augen das werdende Kind versehren könnte. Sie hatten Angst vor dem bösen, neidischen Blick der Unfruchtbaren. Sie wussten um die Gewalt ihrer geschwängerten Lüste, die «les envies» auslösen konnten, die Lust auf den ganzen Kuchen, den vollen Krug Bier. Der Blick der Schwangeren auf sich selbst ist heute ein ganz anderer; die Gefahren drohen dem Ungeborenen jetzt vom modernen Medizinsystem, das der Schwangeren neue Einsichten, Aus- und Einblicke gewährt. Kaum ist die Schwangerschaft diagnostiziert, wird sie zum Objekt undurchsichtiger Verfahren. Und die meisten Resultate der Vermessungen bekommt die Schwangere als Tabellen und Werte, als Teller und Kurven, als Schatten und Umrisse zu sehen.

Jede Untersuchung sagt der Frau etwas. Mit jeder routinemässigen Entnahme von Blut oder anderen Säften, mit jeder Durchleuchtung und Vermessung wird der Verdacht geweckt, dass etwas vorliegen könnte, auch wenn noch nichts vorliegt und die Frau selbst nichts spürt. Man könnte von einer Lähmung der Selbstwahrnehmung sprechen, ja von Entkörperlichung. Die Frau lernt, dass sie ihren Sinnen nicht trauen kann. Einfach «guter Hoffnung» zu sein, das genügt nicht mehr.

Schwangerschaft ist in den letzten Jahren zu einem Zustand geworden, der durch Techniken der Sichtbarmachung von Unsichtbarem grundlegend geprägt wird. Frauen lernen, digital verarbeitete Gewebe durch die Bildschirmvisualisierung als «mein Baby» zu interpretieren.

Beim Ultraschall wird je nach Dichte des Gewebes dort, wo es von der Schallwelle getroffen wird, ein Echo von unterschiedlicher Stärke zurückgeworfen. Dieses Echo wird elektronisch in Messwerten beziffert. Jeder Messwert wird in einen Grauton umgesetzt, und aus winzigen Quadraten dieser Grautöne entsteht ein Mosaik, das als Polaroidabzug oder als Videoaufzeichnung nach Hause genommen und herumgezeigt werden kann.

Vor zehn Jahren war aus den Grautönen noch wenig zu lesen. Man sah einen zerfransten Schatten, in dem sich nur mit gutem Willen und der Hilfe eines Experten umrisshaft Rumpf und Glieder ausmachen liessen. Inzwischen hat sich die Bildauflösung erheblich verbessert, und die Schwangere kann gemeinsam mit dem Arzt in Echtzeit in ihren Bauch gucken.

Mit eigenen Augen kann sie jetzt den Verlauf eines biologischen Prozesses betrachten und ihm Wirklichkeitsstatus verleihen. Die Schwangere fasst Zuneigung zum werdenden Kind als etwas Fiktivem, was sie als ausserhalb ihrer selbst existierend wahrnimmt, auf dem Bildschirm nämlich. Durch den Blick auf das Ultraschallgerät wird die werdende Mutter vom Sicht-, Tast- und Erlebbaren der wirklichen Welt abgetrennt, auf dass sie dann aus 320 × 200 Pixel einen neuen Körper fabriziere. Damit findet eine Verschiebung der Gewichtung statt: nicht, dass sie ihr Kind spürt, ist massgebend, sondern dass sie es sieht. Ihre Wahrnehmung wird objektiviert.

Was die Schwangere sieht und was ihr der Gynäkologe als «ihr Kind» deutet, erscheint auf dem Bildschirm zwischen den Koordinaten von zwei Messleisten, die auf eine Fötenklasse, einen statistischen Durchschnitt, ausgerichtet sind. Der Körper des Kindes bietet sich im Rahmen dieser registrierenden, prüfenden und technisch-verwaltenden Erfassung als «vermessene Masse» dar, deren Abweichung von der Norm durch die Koordinaten gegeben ist.

SCHWINDET DER KÖRPER, der «bei Sinnen» sein kann, schwindet auch die Basis, auf der in anderen Epochen geurteilt wurde: der Gemeinsinn, der «sensus communis», der «common sense». So wurde bis in das frühe 17. Jahrhundert von Philosophen und Medizinern ein Sinn genannt, von dem man einmal annahm, dass er hinter der Nase zu finden sei, dann dachte man ihn sich im Herzen, dann im Bauch. Wo auch immer, seine Aufgabe bestand darin, die anderen fünf Sinne in Harmonie zu bringen, gegeneinander abzuwägen und die Wahrnehmung davon zu ermöglichen, was gut ist und worauf man sich verlassen kann. Dieser Gemeinsinn war Ursprung und Bedingung der «guten Hoffnung».

Im späten 17. Jahrhundert verschwand der Gemeinsinn weitgehend aus der Anatomie und wurde zu einem Begriff in der Rechtsprechung. Der historische Prozess der Entkörperlichung des Guten und der Hoffnung setzte damit ein und war in Deutschland, so könnte man sagen, mit den Mutterschaftsrichtlinien der 1980er Jahre am Ende.

HEBAMMEN HABEN seit einigen Jahren Konjunktur bei bewegten Frauen. Die Hebamme wurde zum Symbol für jene weibliche Potenz, die durch den Zugriff des Mannes, der Technologie, eines reglementierenden Staates bedroht ist. Die Hebamme wurde zur paradigmatischen Frauenfigur, die für andere Formen des Wissens und Daseins von Frauen steht. Wenn die Geschichte des Hebammenberufes angesprochen wird, werden die Wehfrauen und Hexen hervorgeholt. Der Bruch wird im Spätmittelalter angesetzt, wo die magischen geburtshilflichen Kräfte der Frauen verbannt und verdammt worden seien.

So wird ein Mythos geschaffen. Fronten tun sich auf: dort Magie, Kultus, Religion, Frauengemeinschaft und weibliche Fruchtbarkeit - hier Wissen, Kontrolle, Machbarkeit und Technologie. Dort, in der fernen Vergangenheit, das ewig Weibliche, Rückständigkeit, Naturverbundenheit, Intuition - hier, in der Moderne, Fortschritt, Entwicklung, Risikomanagement. Dort Frauen, hier Männer. Das Verhältnis von Hebamme und Arzt zueinander, ein Verhältnis, das sich von Epoche zu Epoche immer wieder neu konstituierte, wird als ewiger Geschlechterkonflikt gesehen, der am Ausgang des Mittelalters ausgebrochen sein soll. Seither habe sich der Mann den Zugriff auf Geburtsbett und Gebärmutter gesichert.

Aber der Hebammenberuf verlor nicht vor Jahrhunderten an Bedeutung, etwa mit den Scheiterhaufen, sondern in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts. Die Zahlen zeigen es: 1952 gab es noch 12 000 Hebammen in Deutschland, die überwiegend, ja fast ausschliesslich freiberuflich arbeiteten. 1958, also nur sechs Jahre später, waren es nur noch 8500.

Und Hebammen verliessen sich auch früher nicht einfach auf ihr magisches Wissen. Schon im 19. Jahrhundert wurden sie klinisch ausgebildet, auf schriftliches Wissen, medizinische Terminologie und anatomische Kenntnisse hin geprüft und lizenziert. Zugleich waren sie auch Vertraute der Gebärenden. Hebammen begleiteten nicht einfach nur einen physiologischen Vorgang, sondern Frauen, die ein Kind zur Welt brachten.

Die Hebamme, die als Angestellte einer Klinik arbeitet, ist seit den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts die Regel. Freiberuflich arbeitende Hebammen sind seither rar geworden. Die Arbeit in der Klinik brachte den Hebammen geregelte Arbeitszeiten, einen gesicherten Monatslohn, eine Altersversicherung.

Mit den freien Hebammen verschwanden auch die zu ihnen passenden Gebärenden. In ländlichen Gegenden brachten im Adenauer-Deutschland noch rund vier von zehn Frauen ihre Kinder zu Hause zur Welt, heute gibt es fast keine Hausgeburten mehr, noch eine kleine Zahl alternativer, vorwiegend städtischer Frauen wählt diese Möglichkeit. Die freiberuflichen Hebammen von heute spezialisieren sich auf neue Tätigkeitsfelder wie Geburtsvorbereitung, Gymnastikkurse, Entspannungsseminare. Gewonnen haben dabei die gynäkologischen Fachärzte. Zwischen 1960 und 1985 liess sich mancherorts eine 300prozentige Zunahme der gynäkologischen Facharztpraxen verzeichnen.

DIE HEBAMME IN DER KLINIK, die Schärfung des kontrollierenden, risikoabwägenden, normorientierten Blicks in den Sechzigern und Siebzigern, in den Achtzigern und Neunzigern dann das Konzept der Schwangerenvorsorge, mit Mutterschaftsrichtlinien, Risikofaktoren und den Fragen, die sich mit den pränatalen Diagnosemöglichkeiten stellen, all das, und nicht zuletzt die routinemässigen Ultraschallmessungen, sind Symbole und auch Instrumente für die Verwandlung des Frauenleibs in einen öffentlichen Ort.

Barbara Duden ist Professorin für Soziologie an der Universität Hannover.


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