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Alles gehört allen
© Privat zur Verfügung gestellt
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| Raus mit dem Frust. Otto hält in der therapeutischen Gruppensitzung eine feurige Rede. |
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Zuerst teilten sie die Unterhosen, dann die Partner: 1975 schafften die Mitglieder einer Kommune im Jura den Privatbesitz ab. Im Grunde entrichteten sie 100 Prozent Steuern an ihren eigenen Staat. Erinnerungen an ein radikales Experiment.
Von Gudrun Sachse
Von 1975 bis 1979 lebte im Berner Jura eine Kommune den Traum vom kollektiven Eigentum. Die Integrale Lebens- und Produktionsgemeinschaft (LPG) in Villeret sei eine typische «Hippie-Landkommune» schrieb die NZZ damals, die nach eigenem Bekunden aus Protest gegen die «Ausbeutung, Ungerechtigkeit und entfremdete Arbeit im kapitalistischen System» gegründet worden war. Von der Abschaffung des Privatbesitzes versprachen sich die neun Gründer «Heilung von den psychischen Schädigungen durch die Kleinfamilie». Häuser, Land, Arbeitsertrag und Privateigentum gehörten allen Mitgliedern zu gleichen Teilen. Nach zwei Jahren Mitgliedschaft sollte der ganze Privatbesitz auf die Gemeinschaft übergehen. Dieses utopische Modell lässt sich steuertechnisch auch so deuten: Die LPG-Mitglieder bezahlten 100 Prozent Einkommens- und Vermögenssteuer an den LPG-Staat, wie sie ihre Gemeinschaft auch nannten. Über das Geld und alle anderen Dinge, die sie einbrachten, verfügten sie gemeinsam.
«Beim näheren Hinschauen stellte sich dieser Grundsatz jedoch als schönes, aber hohles Gefäss heraus», stand 1977 in der LPG-Hauszeitschrift «Info». Jeder habe eine Menge privaten «Krimskrams»: Tagebücher, Schallplatten oder «Bücher, die man nicht in die Gruppenbibliothek geben wollte». Dieser «heimliche Privatismus» fand 1977 ein Ende. Unter dem Einfluss der Aktionsanalytischen Organisation (AAO), einer sektenähnlichen Gruppe aus Österreich, schaffte die LPG Sackgeld und Freitage ab, räumte die Privatzimmer und legte die Kleider zusammen. Kern der Veränderungen war allerdings die «Kollektivierung im emotionellen Bereich»: «Mit der Einführung der freien Sexualität ist bei uns das Gemeinschaftseigentum erst richtig Wirklichkeit geworden», steht im «Info». Als die AAO 1979 das Prinzip des Gemeinschaftseigentums aufgab und nun plötzlich den Kapitalismus feierte, distanzierten sich viele LPG-Mitglieder von der Organisation (der Gründer der AAO, der österreichische Künstler Otto Mühl, wurde später unter anderem wegen Unzucht verurteilt).
In Villeret kehrte 1979 Ruhe ein. In der Folge waren verschiedene alternative Betriebe dort beheimatet. Heute ist das ehemalige Haupthaus der Gemeinschaft eine Ayurveda-Pension. Drei Ehemalige erinnern sich an ihr Leben ohne Besitz.
Urs, 58, Hotelier im Kanton Wallis: «Für mich war klar, dass ich mit einem kapitalistischen Staat nichts zu tun haben wollte. Ich studierte an der Uni Zürich Physik und Mathematik. Später wechselte ich zur Soziologie. Sollte ich etwa studieren, um später AKW zu bauen? Damals war ich in den Sog der 1968er Bewegung geraten. Die marxistische Analyse der Situation war Nahrung fürs Hirn und ein Ausweg aus der gutkatholischen Erziehung mit ihrer unterdrückten Sexualität. Nach zwei Jahren Soziologiestudium brach ich mit Zürich und zog ins Tessin, um Kühe zu melken. Das war mein Ausweg – ich wäre sonst im Terrorismus gelandet, obwohl mein Herz dazu klar Nein sagte.
Ich erfuhr aus einer alternativen Zeitschrift von der LPG in Villeret. 1975 suchte ich mit meiner Partnerin die Gruppe auf. Das waren um die 15 Personen. Ich trug einen Rucksack, hatte einen Schlafsack und ein paar Bücher. Die 5000 Franken auf meinem Bankkonto übertrug ich der Gemeinschaft in Anteilscheinen. Meine Briefmarkensammlung verkaufte ich in Bern für 400 Franken, das Geld legte ich in die gemeinsame Kasse. Jeder der Teilbetriebe der LPG – die Landwirtschaft, das Nähatelier, die Schreinerei, die Bäckerei – hatte eine Kasse, die für die alltäglichen Ausgaben aufkam. Kleinere Beträge nahm man sich heraus und legte ein Zettelchen hinein. Meist ging es um Zugbillette zu Veranstaltungen. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich einer grosszügig bedient hätte. Natürlich zahlte nicht jeder gleich viel ein, aber zu Unstimmigkeiten kam es deshalb nie. Dass Geld kein Streitpunkt war, ist dem Gründer Hans Peter Finger zu verdanken, der heute in Burma als Mönch lebt, er hatte die Kommune klug aufgebaut. Nach einiger Zeit in der LPG wurde ich Genossenschaftsbuchhalter. Die Bilanzsumme der Genossenschaft betrug um die 900 000 Franken. Über den Verwendungszweck des Geldes entschied die Versammlung der Siedler, so nannten wir uns. Formell waren wir Siedler Angestellte der Genossenschaft.
Entscheide wurden demokratisch gefällt, alle hatten Mitspracherecht, wenn es um Investitionen ging. Wenn die Schreinereileute eine neue Maschine brauchten, trugen sie ihr Anliegen der Gruppe vor, wir diskutierten und stimmten ab. Meist ging es um Marketingaktionen oder den Kauf einer weiteren Liegenschaft. Wenn es zu Unstimmigkeiten kam, dann nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Faulheit Einzelner. Es gab Chrampfer und Hänger. So eine alternative Lebensform zieht ja auch Sozialfälle an. Wir Chrampfer haben die Hänger dann – heute würde man sagen – hinausgemobbt. Als sich 1977 die Regeln verschärften, verliess meine Freundin die Gruppe. Unsere Ideologie, dass Privateigentum eng mit der Kleinfamilie zusammenhängt und daher die Kleinfamilie durch freie Sexualität ersetzt werden muss, würde einer wissenschaftlichen Prüfung nicht standhalten, aber das hat uns wenig interessiert. Es ging darum, keinerlei Besitz zu haben, keinen materiellen und keinen emotionalen an Kind und Frau. Die Sexualität konnten wir derart offen leben, weil wir motiviert waren und uns in einem Lernprozess befanden. Im nachhinein muss ich sagen, dass unsere Ideen stark sektiererische Züge trugen. Wir wollten die Welt bekehren. Wir waren überzeugt, eine bahnbrechende Erkenntnis gewonnen zu haben, und waren in einem starken «Wir und die da draussen»-Denken.
Heute führe ich im Wallis ein Hotel. Es entstand aus einer Ex-LPG-WG. Gemeinsam mit vier anderen Erwachsenen kaufte ich das Haus. Das Geld dafür erbettelte ich in 5000er-Tranchen bei Freunden. Ich hatte einen ganzen Stapel Darlehensverträge. Die WG löste sich einige Jahre später auf. Als Besitzer und Leiter des Hotels zahle ich natürlich Steuern, normalerweise gerne, da ich einen starken Staat schätze. Sicherlich brauchte ich weder Autobahnen, ich habe kein Auto, noch müsste ich die Armee finanzieren. Für mich ist aber der persönliche Kontakt mit dem Staatsapparat ausschlaggebend. Wenn ich mit Beamten zu tun habe, die ihre Arbeit schlecht machen, werde ich wütend und traurig.»
Housi, 57, Einkaufsleiter im Kanton Solothurn: «Als Eintrittsbeitrag sollte jeder 2000 Franken Genossenschaftsscheine zeichnen. Wer das nicht konnte, bezahlte nicht. Nach zwei Jahren in der LPG hätte man theoretisch das gesamte Vermögen der Genossenschaft zuführen müssen, was, soweit ich mich erinnere, keiner tat.
Als ich 1975 in die Kommune zog, liess ich Bücher, die mir wichtig waren, zu Hause bei meinen Eltern. In Villeret hatte ich im Zimmer eine Truhe, in der ich all das verstaute, was ich nicht der Gemeinschaft zur Verfügung stellen wollte, wie etwa meine gute Jacke. Ich war der Handwerker der LPG, baute die Brotbackanlage, die Sauna und die Schreinerei mit auf. Für Einzelpersonen wie mich war aber auf Dauer kein Platz in der Kommune. Sollte ich schuften, damit es den Pärchen noch wohler war? Nein danke. Zudem trieb es mich in die Welt hinaus, neue Ideen zu sammeln. Ich ging nach Norwegen. Dort langweilte ich mich fürchterlich. Die ganze Zeit schlief ich allein. Es war ein trauriges, totes Leben. Als ich Post aus Villeret bekam, man habe das Projekt weiterentwickelt, kehrte ich zurück. Die Privatzimmer wurden ausgeräumt und die Kleider auf einen Haufen geworfen. Durch die freie Liebe wurden wir sehr viel offener und kommunikativer. Wir hatten nichts mehr voreinander zu verstecken. Ich glaube, so glücklich wie damals war ich später nie wieder.
Sicher überwiegt im nachhinein das Positive. Aber man kommt im Leben nur weiter, wenn man seine Grenzen überschreitet. Und das haben wir damals getan. Heute habe ich eine Frau und zwei Kinder in der Pubertät, alles dreht sich um Konsum. Das stört mich. Steuern zahle ich nicht sonderlich gern. Als Familie mit Kindern zahlt man zu viel. Andererseits führen wir in der Schweiz ein komfortables Leben. Wenn man sozial sein will, muss man Steuern in Kauf nehmen.»
Otto, 50, Schreiner im Kanton Bern: «Mit 18 wusste ich nichts mit mir anzufangen. Ich war von zu Hause abgehauen. Ich habe meine Eltern nicht nach ihrer Meinung zur LPG gefragt. Als ich in Villeret ankam, wusste ich sofort, hier gehöre ich hin. Ich stellte Joghurt aus Schafmilch her, formte Tonhäuschen und nähte Kinderbüchlein. Zwei Tonhäuschen habe ich letzthin im Brockenhaus gefunden. Da ich nie Geld verdient hatte, war die Kommune keine grosse Veränderung für mich. Ich hatte auch kein Vermögen, das ich in die Kasse hätte einbringen können. Im Monat bekamen wir einen Hunderter Taschengeld. Damit bin ich manchmal nach Biel in den ‹Chessel› – trinken.
Mit dem Einfluss der Aktionsanalytischen Organisation fiel das Taschengeld weg. Wir bekamen eine Uniform: Latzhosen und kurze Haare. Wir teilten die Kleider, die Unterhosen. Samstags waren wir in der Sauna, anschliessend haben wir uns neue Kleider gesucht, die auf Harassen ausgebreitet lagen. Wir waren 24 Stunden pro Tag zusammen, wir waren eine Familie. Obwohl theoretisch alle gleich waren, glaubte man oft zu kurz zu kommen, das ist wohl menschlich. Wir lernten damit umzugehen, in dem wir unsere Gefühle in therapeutischen Gesprächen verarbeiteten. Jeden Abend kamen wir für zwei, drei Stunden im Gruppenraum zusammen. Wer etwas zu sagen hatte, stand auf und inszenierte sich, spielte zum Beispiel seine Eifersucht.
Ich verliebte mich immer mal wieder. Bei uns hatten nur die Frauen Betten. Es gab zwei Zimmer mit je fünf Doppelbetten. Die Männer rotierten jede Nacht ins Bett einer anderen Frau. Wir verabredeten uns tagsüber, wer mit wem. Natürlich musste man keinen Sex haben, wenn man nicht wollte. Ich könnte nach wie vor so leben, möchte es aber nicht. Ich habe jetzt mit meiner Partnerin eine Lebensform, die mir behagt. Ich war bis zur Auflösung 1979 in Villeret. Ich war einer der letzten, zu dritt haben wir noch Holzofenbrot gebacken.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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