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NZZ Folio 08/91 - Thema: Wege der Schweiz Inhaltsverzeichnis
Wer und wer? -- Unter dem Einfluss der Frauen
Von Gunhild Kübler
Die beiden Herren, die einander aus entgegengesetzten Himmelsrichtungen entgegenkommen, sind mittleren Alters, A gross und breitschultrig, mit schwarzem Vollbart und einem träumerischen Zug im Gesicht, B rund und stattlich. Beide haben das Aussehen von Männern, die es in ihrer Gesellschaft zu etwas gebracht haben. Sie begrüssen sich und mustern einander, A oberflächlich, B eindringlich mit dem Blick des Experten für die Stoffqualität und den Sitz des Anzugs von A.
A: Sie sind Fachmann auf diesem Gebiet?
B: Das kann man wohl sagen. Ich führe ein umfangreiches Tuchgeschäft.
A: Sie sind demnach ein vermögender Mann?
B: Auch das kann man sagen. Allerdings ist es nicht immer so gewesen. Ich stamme aus Schlesien. In jüngeren Jahren war ich mausarm, besonders als ich wegen des Falliments meines Meisters meinen Arbeitslohn mit der Arbeit zugleich verlor und auswandern musste. Durch einen vertrackten Zufall - ein Kutscher hatte mir einen bösen Streich gespielt - blieb ich in der Vaterstadt meiner heutigen Frau, einer Amtsratstochter, hängen. Dass sie sich in mich verliebte und gegen den Widerstand einer ganzen Stadt unerschütterlich dabei blieb, hat über mein Leben entschieden. A: Auch meine Frau hat in meinem Leben die Fäden gezogen, sie gleicht darin offenbar der Ihren. Ich dachte zunächst, sie sei für mich etwas unter Stand - ich bin Bürgermeistersohn, müssen Sie wissen. Doch je länger ich sie kannte, desto mehr lernte ich sie schätzen. Sie hat grade das, was mir fehlt, ist quick, findig, praktisch. Sie ist nicht eigentlich schön, wenn man sie nicht zufällig im Profil sieht. Eine Frau mit schmalen Lippen, und Küssen ist gewiss nicht ihre Force. Nu, man kann nicht alles verlangen. Aber klug und tapfer ist sie, ich möchte sagen, ein echtes deutsches Mädchen, charaktervoll, ein Wesen, das jeden glücklich machen muss, und von einer grossen Innerlichkeit, geistig und moralisch. Ein Juwel!
B: Sie geraten ins Schwärmen.
A: Warum auch nicht? Ich bin - obwohl von Haus aus Jurist - ein ästhetisch fühlender und mit einer latenten Dichterkraft ausgerüsteter Mensch, und Literatur, Theater, Variété bedeuten mir viel. Die Juristerei passt eigentlich gar nicht zu mir, weil alles so steif und hölzern ist. Mir widerstrebt alles Praktische. Man kann es eine Schwäche nennen, aber vielleicht ist es auch eine Stärke. Wenn ich Artisten zuschaue, etwa eine schöne Luftkünstlerin durch die Luft fliegen sehe, bin ich wie benommen und eigentlich beinahe glücklich. Ich hätte doch wohl so was werden müssen, ausübender Künstler oder Luftschiffer oder irgendwas recht Phantastisches, vielleicht gar Tierbändiger. Glauben Sie mir, noch kurz vor meinem juristischen Examen war ich drauf und dran, den ganzen Kram an den Nagel zu hängen und zum Theater zu gehen.
B: Und warum haben Sie's nicht getan?
A: Meine Frau, damals noch meine Verlobte, hat mich ins Gebet genommen. Und sie hatte ja recht. Gott, Tierbändiger! Was für eine Idee! Dabei hatte sie mich eigentlich die ganze Zeit in Händen und machte mit mir, was sie lustig war. Sie übernahm die Einpaukerei. In den Wochen vor dem Examen hat sie mich täglich trainiert und dabei so was wie Zuckerbrot beständig in Reserve gehabt. Abends, nach dem Repetitorium, lag ich zugedeckt mit meiner alten Reisedecke auf ihrer Chaiselongue, und sie fragte mich ab. Wenn ich dabei müde wurde, brachte sie zum Beispiel ein Glas Tee oder eine Ingwertüte und sprach von den Molukken, wo Ingwer am besten eingemacht würde, von dort glitt sie zu Tagesfragen über, gab dann noch was Pikantes, das sie eignes für mich sammelte, zum besten und sagte dann plötzlich: «Nun aber, bricht Verkauf Miete oder nicht?»
B: Eine erstaunliche Frau. Sie hätte wohl am liebsten selber Jura studiert. Kamen Sie als Mann dabei nicht in eine etwas missliche Lage?
A: Die Situation hatte etwas Unheldisches, nicht wahr? Aber das Ganze war schliesslich gut gemeint und half mir voran, und ausserdem behagte ihre pädagogische Finesse meinem ästhetischen Sinn.
B: Den ästhetischen Sinn haben wir wohl miteinander gemeinsam und auch das Erlebnis einer unheldischen Situation. - In jungen Jahren wirkte ich auf meine Frau wie der umgehende Ahnherr eines Stammschlosses, und gerade das Romantische schien ihr zuerst das Liebste an mir zu sein. Aber schliesslich war sie es, die «keine Romane mehr!» rief und mich vor dem Tod im eisigen Ostwind rettete. Fortan wollte sie Tätigkeit und Klugheit bei mir sehen, Fähigkeiten, die sich bei mir dann tatsächlich entwickelt haben.
A: Demnach ist es Ihnen gelungen, bei der bekannten Glücksjagd ganz vorne mitzutun?
B: Ihnen denn nicht?
A: Ich bin da nicht so sicher. Zurzeit bin ich Bürgermeister in der Provinzstadt W., auch das verdanke ich meiner Frau. Nach meinem Examen ging sie nämlich regelmässig in die Lesehalle für Frauen und durchforschte die Zeitungen nach Stelleninseraten. Auf ihre Anregung hin bewarb ich mich hier, und jetzt ist sie voller Ideen zur Entwicklung dieser Gegend. Neulich hat sie heimlich in der Lokalzeitung einen Artikel geschrieben, der sich auf meine Karriere sehr günstig auswirkte. Ich muss ihr dankbar sein, denn sie hat das bisschen, was ich bin, durch ihre Kraft und Umsicht aus mir gemacht. Aber Ihnen gestehe ich's: mitunter ist mir so viel weibliche Initiative sehr fatal.
Die beiden Herren trennen sich. B wird binnen kurzem sein Vermögen verdoppelt haben. A wird in einigen Monaten bei einer pflichtschuldig absolvierten Schlittenfahrt mit der Frau seines Vorgesetzten sich im kalten, von den Karpaten her wehenden Südostwind den Tod holen.
Auflösung Rätsel Folio Nr. 8: A ist Hugo Grossmann aus Theodor Fontanes nachgelassenem Roman «Mathilde Möhring» (1896); B ist Wenzel Strapinski aus Gottfried Kellers Novelle «Kleider machen Leute» (1881).
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