BEI EINER MEERESKÜSTE denken wir an die rauschende Brandung und das Geschrei der Möwen. Die Tiefe der Ozeane aber stellt man sich als Ort der grossen Stille vor. Zwar wissen wir mittlerweile von den Liederkränzchen der Buckelwale. Deren Gesang hat seinen Ursprung jedoch ausserhalb der Wasserwelt, denn die Meeressäuger erbten die Singfähigkeit von ihren landbewohnenden Vorfahren. Den Urbewohnern der Meere, den Fischen, trauen wir hingegen nur das stumme Öffnen und Schliessen der Lippen zu.
«Im April 1860 lagen wir auf dem Pontiniak, dem grössten Flusse der Westküste Borneos. Hier hörten wir zur Flutzeit ganz deutlich Musik, bald höher, bald tiefer, bald fern, bald nah. Es klingt aus der Tiefe herauf wie Sirenengesang, bald wie volle, kräftige Orgeltöne, bald wie leise Äolsharfenklänge. Man hört es am deutlichsten, wenn man den Kopf ins Wasser taucht, und unterscheidet leicht verschiedene zusammenklingende Stimmen. Diese Musik wird, wie die Eingeborenen erzählen und sorgsame Forscher bestätigen, durch Fische hervorgebracht», zitierte bereits vor hundert Jahren Brehms Tierleben einen Forschungsreisenden.
Als Tonkünstler werden Trommelfische identifiziert, die an verschiedenen Orten im Süsswasser wie im Meer vorkommen. Am besten bekannt ist der Trommelfisch Pogonias chromis, der an den sandigen Küsten des Westatlantiks von Long Island bis Uruguay zu finden ist. Der drei Meter lange Fisch mit schwarzem Rücken und silberweissem Bauch lebt auf dem Meeresboden, wo er mit seinem kräftigen Gebiss mit Vorliebe Muscheln knackt. In den Legenden der Indianer gilt die Musik der Trommelfische als Sprache der Geister. Zoologen setzten das Trommeln dann mit der Fortpflanzung der Tiere in Beziehung, hielten es für das akustische Mittel der Partnersuche und Verständigung in den oftmals trüben Küstengewässern. Oder sie vermuteten, dass es der räumlichen Orientierung nach dem Prinzip eines Echolots dient. Dass Töne gerade auch in der Unterwasserwelt eine Rolle spielen, ist schon aus physikalischem Grund naheliegend, denn Wasser leitet akustische Wellen besonders gut.
Die Trommelfische gehören zur grossen Familie der Umberfische, das sind den Zackenbarschen ähnliche Bewohner schlammiger oder sandiger Küstengewässer und Flussmündungen. Von den insgesamt 160 Arten können die meisten irgendwelche Töne von sich geben, vom Trommeln und Schnarchen bis zum Grunzen und Quaken. Wenn sich Umberfische zur Laichzeit in riesigen Schwärmen versammeln, kommt es zum grossen Unterwasserkonzert. Es lässt sich spekulieren, ob der Sirenengesang in den Ohren Odysseus' allenfalls von dem im Mittelmeer heimischen Umberfisch Sciaena aquila stammte. Auf manchen Fischerbooten in Südostasien weiss man den Singdrang der Meeresbewohner zu nutzen: Einer der Fischer schiebt «Horchwache» und sagt den Kollegen, wo sie die Netze werfen sollen. Weniger erfahren waren im Zweiten Weltkrieg jene U-Boot-Fahrer, die am Unterwasserhorchgerät das «Bub- bub-bub» der Umberschwärme hörten und meinten, das Geräusch stamme von einem feindlichen Schiff. Umgekehrt vermuteten die Amerikaner in Pearl Harbour im Dezember 1941 als Urheber eines Brummens Umberfische, aber die Geräusche stammten von den Motoren der angreifenden japanischen U-Boote. Den Lärm der Fische gezielt in die Kriegstaktik eingebaut hatten schliesslich jene U-Boot-Kommandanten, die ihre Schiffsgeräusche hinter dem akustischen Schirm eines Umberschwarms versteckten.
Wie kommen die Töne zustande? Die Umberfische besitzen spezielle Bauchmuskeln, die entweder direkt an der Schwimmblase angewachsen sind oder zu einer zentralen Sehne führen, die unmittelbar über der Schwimmblase liegt. Indem der Fisch diese Muskeln bis zu 24mal pro Sekunde kontrahiert, lässt er die Blase vibrieren, was die eingeschlossenen Gase wie Luft in einem Geigenkasten schwingen lässt. Im Resonanzkörper finden sich zudem mehrere Wände, wobei die einzelnen Kammern miteinander verbunden sind. Streichen nun die in der Blase schwingenden Gase über die Kanten der Scheidewände, entsteht eine Vielfalt starker Töne.
Die Knurrhähne haben ihren Namen verdient. Sie sind von alters her als lärmende Kerle bekannt. Ihr kräftiges Trommeln und Knurren wird von inneren Muskeln generiert, die direkt in der Wand der Schwimmblase eingebettet sind. Da die Schwimmblase verhältnismässig klein ist, ist ihre Bedeutung als Musikinstrument wohl grösser als der Nutzen für den hydrostatischen Auftrieb. Knurrhähne verbringen ohnehin die meiste Zeit auf dem Meeresgrund. Sie spazieren auf den kräftigen Brustflossen, die mehrere stachelartige Fortsätze tragen.
Wieder anders erzeugen gewisse südamerikanische Welse Töne. Anstatt Rippen tragen sie am vierten Rückenwirbel ovale Knochenplatten, die wie Federn die Schwimmblase umspannen. Zwei Muskelstränge laufen von den Federn zum hinteren Teil des Schädels. Lässt der Wels diese Muskeln spielen, antwortet die Schwimmblase mit Summen und Knurren. Der polnische Reisende Arkady Fiedler hat den «singenden Welsen des Ukayali», Dornwelsen aus dem Stromgebiet des oberen Amazonas, ein poetisches Denkmal gesetzt: «Mitunter hört man gegen Abend wunderbare Klänge im Wasser, als ob Glocken läuteten. Das sind Ukayali-Welse, die dort in der Tiefe singen. Ich hörte sie zum erstenmal in der Nähe unserer Hütte, eines Abends, als die Sonne besonders farbenprächtig unterging und ein Gewitter im Anzug war. In der Natur und auf dem Strome herrschte seltene Stille - da plötzlich tönte aus dem Wasser ganz deutlich der Klang einer Glocke, dann ein zweiter, dann schon allenthalben an vielen Stellen. Der singende Klang war so wirkungsvoll, dass mich eine gehobene Stimmung überkam wie manchmal im Konzertsaal.»
Eher prosaisch ist die Tonkunst der Schmerlen: In rascher Folge entlassen sie Gasblasen durch den After aus dem Darm. Auch die Singweise mancher Karpfen ist nicht salonfähig. Ein Luftgang verbindet bei ihnen die Schwimmblase mit dem Darm. Indem die Fische durch diesen ductus pneumaticus Gas darmwärts drücken, rülpsen sie innerlich und erzeugen grunzende oder murmelnde Geräusche.
Der Einfallsreichtum der Evolution machte nicht nur Schwimmblase und Darm zu Musikinstrumenten. Die Pferdemakrele und der Mondfisch bringen grelle Laute hervor, indem sie mit den oberen und unteren Schlundzähnen knirschen. Drückerfisch und einige Welse reiben die Stacheln der Flossen aneinander, was zirpende und schwirrende Geräusche produziert.
Der Schweizer Meeresforscher David Senn interessiert sich speziell für die Fische der Riffe. Während seiner Tauchgänge im Roten Meer machte er Bekanntschaft mit dem Kaiserfisch (Pomacanthus imperator). Der bis 40 Zentimeter grosse Fisch mit blaugelbem Streifenmuster lebt in Höhlen. Kommt ihm ein anderes Wesen oder der neugierige Forscher zu nahe, vertreibt er den Störenfried mit einem dumpfen Knall, den er durch kräftiges Zusammenklappen der Kiemen erzeugt.
Akustisch sehr aktiv zeigen sich auch die Korallenbarsche, etwa der Preussenfisch und der Dominofisch. Obschon kaum grösser als zehn Zentimeter, vermögen sie laut zu bellen. Sie sind gewissermassen die Platzhirsche des Riffes: Senn hat beobachtet, wie männliche Dominofische mit Imponiergehabe und heftigem Kläffen die Weibchen ihres Harems zusammenhielten. Dass diese Kommunikation durchaus subtil ist, hat Arthur Myrberg mit Aquariumsversuchen demonstriert. Er nahm mit Unterwassermikrophonen die Stimmen verschiedener Korallenbarschmännchen auf. Spielte er das Band in Anwesenheit eines Weibchens über Unterwasserlautsprecher ab, schwamm es nur dann zum Lautsprecher, wenn die Stimme des ihm vertrauten Männchens ertönte.