|
|
Wie kann ich dich bloss behüten?
© Alasdair Jardine, Bremen
|
| Täglich stellt sich die schwierige Frage, wie weit er gehen darf. |
|
 |
Zum Schutz eines Kindes kann man vieles tun – oder auch lassen. Entscheidungen über Leben und Tod, die einem fast den Verstand rauben.
Von Till Raether
Wenn man mit seinem neugeborenen Kind das Krankenhaus verlässt, bekommt man mit auf den Weg: eine Probepackung «Pampers»-Windeln, eine Wickeltasche voller «Penaten»-Produkte, das bunte Namensschild vom Fussende des Babybetts und eine Broschüre über den plötzlichen Kindstod. Als ich diese Broschüre in den Händen hielt, wurde mir klar: Die Sorgen fangen erst an.
Die Befürchtungen während der Schwangerschaft, die Dramatik der Geburt, all das war nichts im Vergleich zu den Gefahren, denen das neue Kind von nun an ausgesetzt sein würde. Es könnte zum Beispiel einfach sterben, im Schlaf. Dann kamen die Gefahren der eigenen Wohnung (Steckdosen, Reinigungsmittel, Fenster, Treppen), dann der Strassenverkehr, Kampfhunde, Krankheiten. Von Verbrechern und jähzornigen Babysittern ganz zu schweigen. Ich schluckte. Dann steckte ich die Broschüre ein und beschloss, über all das besser nicht nachzudenken. Es ging ganz gut, zumindest die Heimfahrt über. Und es war die erste und vielleicht wichtigste Lektion in Sachen Sorgen ums Kind: Es ist ein Glück, wenn man verdrängen kann, was alles passieren könnte.
Schon in der ersten Nacht zu Hause war Schluss mit meinem Seelenfrieden. Ich wachte auf und glaubte, den Atem des Kindes nicht mehr zu hören. Wenn es schrie, war ich froh. Wenn es nicht schrie, trat ich an sein Bett und horchte, bis ich seinen Atem hörte. Wochenlang. Sobald man Kinder hat, wächst die Angriffsfläche, die man dem Leben und dem Tod bietet, ins Unermessliche.
Mittlerweile ist das Kind drei, und es ist nicht überbehütet. Es darf Lebensmittel in den Mund stecken, die auf den Boden gefallen sind (wir halten uns an die absurde, aber seltsam überzeugende «Dreisekundenregel»: Alles, was nicht länger als drei Sekunden auf dem Boden gelegen hat, ist noch okay). Es darf sich weit entfernen, gerade noch in Sichtweite. Wäre ich zum Abendessen gegangen, fünfzig Meter von der Tür zur Ferienwohnung entfernt, darin das schlafende Kind, die Tür im Blick, so wie die Eltern von Madeleine, als die Vierjährige in Portugal entführt wurde? Ja. Ich bin nicht stolz darauf. Ich habe Angst, dass mein Kind in Angst aufwächst. Vielleicht habe ich mir in den ersten Monaten auch einfach so viel Sorgen gemacht, dass irgendwann eine Sorgenerschöpfung eingetreten ist.
Gefahren zu verdrängen, heisst nicht, sein Kind nicht beschützen zu wollen. Mit jedem Monat, den das Kind älter wird, werden die Gefahren konkreter. Wenn das Kind krabbeln kann und sich an Möbeln hochzieht, spätestens wenn es läuft, gilt es, die Wohnung kindersicher zu machen. Es gibt Sicherheitsriegel für Schubladen und Schranktüren, Fensterstops, Kantenschutz, Steckdosenschutz, Herdgitter, Türschutzgitter, Treppenschutzgitter, Klemmschutz für Türen und Sicherheits-Wärmelöffel mit digitaler Temperaturanzeige. Ganz zu schweigen von der bestmöglichen Babyschale fürs Auto, dem bestmöglichen Kindersitz, dem als «sehr gut» getesteten Fahrradhelm und einem Sicherheitsgurt für den Hochsitz.
Mit Erleichterung stelle ich fest, dass ich meine Ängste umso besser verdrängen kann, je konkreter sie sind und je mehr Ausstattung die Industrie anbietet, um die Gefahren abzuwenden. Wir haben die Wohnung nachlässig, das heisst: nicht vollständig gesichert. Steckdosen: ja. Herdgitter: nein. Das Kind soll lernen, dass es den Herd nicht anfassen darf, weil seine Eltern es ihm verbieten und weil der Herd heiss ist; das erscheint mir sinnvoller, als wenn es lernt, dass es den Herd nicht anfassen kann, weil ein Plasticgitter davor ist. Unfug? Mag sein.
Aber wer sagt einem, was richtig ist? Die Sicherheitsindustrie, die all diese Produkte anbietet? Die eigenen Eltern, die früher mit zwei Kleinkindern auf dem Rücksitz durch halb Europa gefahren sind, ohne Kindersitze, ohne Kopfstützen, ohne Sicherheitsgurten? Die Nachbarn, die jedes Mal den Schnuller abkochen, wenn er in den Sand gefallen ist? Die Freundin, die ihr Kind allein mit dem Hund im Garten spielen lässt? Nein, jede Entscheidung fällt man selbst, jedes Mal, schnell und instinktiv, nach den gleichen Parametern: Wie viel Sicherheit ist möglich, ohne dass der Aufwand absurd wird? Wie viel Risiko halte ich aus?
Ständig gilt es abzuwägen. Wenn das Kind im Auto einschläft, lasse ich es sitzen und schlafen und beeile mich im Supermarkt. Ich habe kein gutes Gefühl dabei, aber ich glaube, das Gefühl ist besser, als wenn ich das Kind wecken und weinend in den Einkaufswagen setzen würde. Als ich mit dem Kind in New York bin, lasse ich es vor dem kleinen Supermarkt in der Karre auf dem Bürgersteig stehen. In einem Viertel mit vergleichsweise vielen Eltern und Kindern. Die Tür des Supermarkts ist offen, es sind nur zwei Schritte bis zur Kasse, ich kaufe nur eine Zeitung. Als ich herauskomme, steht ein Streifenpolizist vor dem Kinderwagen und schreit mich an. Was mir einfalle. Ich könne doch das Kind hier nicht ganz alleine auf der Strasse und so weiter. Als ich antworte, fährt er dazwischen: «Two seconds! That’s what they all say! Ich war nur zwei Sekunden nicht da! Zwei Sekunden reichen, glauben Sie mir!» Er geht kopfschüttelnd fort, unfähig, meinen Leichtsinn länger zu ertragen.
Ich schiebe die Karre und frage mich, wie viele vermisste und nicht wieder aufgetauchte Kinder der Polizist erlebt hat, wie viele vernichtete Eltern. Schäme ich mich, weil ich mein Kind einer unberechenbaren Gefahr ausgesetzt habe, der Gefahr eines belebten New Yorker Bürgersteigs am Vormittag? Ich denke: Nein, ich will so nicht leben, so, als würden zwei Sekunden genügen, damit das Kind verschwindet, das hiesse ja dreissig Mal Sorge pro Minute. Dann denke ich: Aber das Risiko ist unkalkulierbar. Ich darf mir nicht erlauben, es einzugehen, weil ich es nicht einschätzen kann. Dann denke ich: Fast jedes Risiko ist unkalkulierbar. Ich komme zu keinem Ergebnis. Wir gehen auf einen Spielplatz, ich sitze auf der Bank und lese die Zeitung, nur hin und wieder schaue ich zum Klettergerüst, auf dem das Kind klettert. Um mein Verhalten von vorhin zu rechtfertigen, denke ich: Es verunglücken mehr Kinder am Klettergerüst, als auf der Strasse entführt werden. Was aber hiesse, dass ich jetzt besonders wachsam sein müsste.
Selbst wenn man den Kampf gegen alle Gefahren aufnähme: Man könnte ihn nicht gewinnen, man würde ihn womöglich sicherer verlieren, als wenn man ihm ausweicht. Eine Freundin mit gleichaltrigem Kind sagt, sie habe einen neuen Fahrradhelm gekauft, weil die Kinder sich «mit diesen Helmen» – sie zeigt auf den Helm, den mein Kind auf dem Kopf hat – beim Aufprall das Genick brechen könnten. Wir gehen nebeneinander her, ihr Kind mit neuem, besserem Helm, mein Kind mit umgeschnallter Todesfalle. Was soll ich tun? Einen neuen Helm kaufen? Wie sicher ist überhaupt das Laufrad? Wo höre ich auf, wenn ich den Fahrradhelm ersetze? Es gibt keinen Schlusspunkt, keinen Moment, in dem man es geschafft hat, seinem Kind absolute Sicherheit zu bieten. Wenn man es versucht, wird man am Ende zu dem, was die Amerikaner seit einigen Jahren «helicopter parents» nennen: Helikopter-Eltern, die im Zweifel mit dem Auto hinter dem Schulbus herfahren, damit das Kind auch sicher ankommt.
Wir erwarten noch ein Kind. Als ich einen Himmel für den geliehenen Stubenwagen kaufen will, sehe ich an der Kasse ein Gerät namens Angelcare. Es ist ein tatsächlich leicht engelförmiger Apparat, den man sowohl als Babyphon als auch als Bewegungsmelder verwenden kann, als Kindstodalarm, auch wenn dieses Wort in der Produktbeschreibung nicht verwendet wird. Dort heisst es neutral: «Die Sensormatten unter der Matratze registrieren auf der gesamten Liegefläche die kleinsten Bewegungen des Babys – sogar seine Atembewegungen. Sobald länger als 20 Sekunden keine Bewegung erfasst wird, löst Angelcare Alarm aus.»
Ich denke an das zweite Kind, an die Wochen und Monate, die vor mir liegen, an die Angst, die ich beim ersten hatte. Das Gerät ist herabgesetzt. Ich starre es an, ich zögere. Das Gerät macht ein grosses Versprechen: die Angst aus meinen Nächten zu verbannen. Die Verkäuferin bemerkt mein Zögern, sie dreht sich um, als wollte sie sich vergewissern, dass ihre Chefin nicht in der Nähe sei, dann sagt sie: «Machen Sie das nicht. Das Ding geht ständig los, Fehlalarm, da kriegen Sie gar keinen Schlaf mehr.» Ich nicke und stelle die Packung zurück. «Man muss ja auch ein bisschen Vertrauen haben», sagt die Verkäuferin.
Till Raether ist freier Journalist und Schriftsteller; er lebt in Hamburg.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|