NZZ Folio 08/07 - Thema: 13-jährig   Inhaltsverzeichnis

Kapitel 2: Küsschen, Küsschen

© Giorgio von Arb
Vor kurzem trug Jonas seine Haare noch lang – wie sein Vater in diesem Alter. Linktext
Vier Wochen nach Schulbeginn. Auf dem Pausenplatz kommt es zu einer Schlägerei, das Verhalten der Mädchen gibt den Buben Rätsel auf, und nichts geht über Fussball.

Von Reto U. Schneider, Gudrun Sachse und Brigitte Hürlimann

Jonas, bist du ein Mädchen?

Jonas Blum war immer klar: Irgendwann würde die Frage kommen. Und an diesem Montagnachmittag, vier Wochen nach Schulbeginn, ist es so weit. Auf dem Pausenplatz sprechen ihn zwei Mädchen an.

«Bist du eigentlich ein Bub oder ein Mädchen?»

«Ein Bub, wieso?»

«Du hast drum lange Haare.»

«Ja und?»

Jonas geht zur Bushaltestelle, fährt drei Haltestellen bis zum Hegianwandweg. Von dort sind es nur ein paar Schritte bis zum Reihenhaus, wo er mit seinen Eltern und seinem vier Jahre jüngeren Bruder Lino wohnt. Er öffnet die Tür, stellt seinen schweren Rucksack in den Flur und geht in die Küche, wo sein Vater Guido bereits am Kochen ist.

«Wie war es in der Schule?»

«Nichts Aufregendes passiert.»

Guido Blum unterrichtet eine Sek B im Aemtlerschulhaus beim Idaplatz, Jonas Mutter Claudia Benaglio ist Schulleiterin in Wallisellen. Sie arbeiten beide etwa 50 Prozent und teilen sich den Haushalt.

Der Vorfall auf dem Pausenplatz ist Jonas keine Erwähnung wert. Er ist es gewohnt, dass die Leute ihn hin und wieder für ein Mädchen halten. Er hat noch die weichen Gesichtszüge eines Kindes, die zusammen mit langen Haaren zu Verwechslungen führen. Es kam vor, dass er mit Lino am Glacestand gefragt wurde: «Und was will die ältere Schwester?» oder dass man ihm in der Herrentoilette sagte: «Das Mädchen-WC ist nebenan.»

Es ist zwei Jahre her, seit sich Jonas entschieden hat, die Haare wachsen zu lassen. Er war damals in der 5. Klasse. Einen spektakulären Grund gab es nicht: kein Schlüssel­ereignis, keinen bewunderten Popstar, keinen Protest gegen die Igelfrisur seines Vaters. Im Gegenteil, auf alten Fotos, die ihm sein Vater zeigte, trug er selbst lange Haare. «Ich fand es einfach schön und wollte es ausprobieren», sagt Jonas. Ermutigt hat ihn wohl auch die Tatsache, dass es in seinem alten Schulhaus andere Knaben mit langen Haaren gab.

Die Mutter von Jonas fand anfangs, kurze Haare passten besser zu ihm, doch ausreden wollte sie ihrem Sohn die Idee nicht. Irgendwann begannen ihr dann die langen Haare sogar zu gefallen, und sie musste unter Bekannten richtigstellen, dass das Ganze nicht ihre Idee gewesen war.

Dass es Jonas mit seinen langen Haaren nicht um eine Botschaft geht, heisst nicht, dass er damit nicht trotzdem etwas aussagt: Ich gehe meinen Weg; mich kümmert wenig, was andere sagen; wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, bleibe ich dabei. Seine nächste Entscheidung würde seine Haare betreffen.

Warum Marc im Tor stehen will

Als Marc am Abend die Garderobe betritt, erzählt Amel den anderen gerade, warum er seine Hand eingebunden hat.

«Ich ha geschleglet.»

Alle lachen.

«Der andere so: ‹Hey Amel, ich will nicht mit dir schlegeln›, und ich so: ‹Aber ich will.› Dann tsch, tsch, dang.» Amel wedelt mit seinen Fäusten vor dem Gesicht. «Und dann, wouff, habe ich ihm einen Kick gegeben, und er hat am Boden gelegen. Aber jetzt bin ich langsam zu alt für das.»

Amel und Marc sind die beiden Goalies der C-1-Junioren des FC Wiedikon. Das Gespräch in der Garderobe driftet zum Kochunterricht ab. Auch da verlangt Amel volle Aufmerksamkeit.

«Wisst ihr, was wir gegessen haben?»

Keiner gibt Antwort. Einer rezitiert die richtige Reihenfolge beim Abwaschen. «Frau Lüscher hat gesagt, zuerst die Gläser, dann die Teller und dann ...»

Amel fällt ihm ins Wort: «Ho, jetzt hört mal zu, wisst ihr, was wir gegessen haben? – So Mozzarellasalat mit Tomaten, so gruusig.»

«Wääh!» pflichten ihm die anderen bei.

Nachmittags haben einige Spieler den obligatorischen Kochunterricht am Döltschi besucht. Auch Marc kam im Regen direkt von einer nicht ganz durchgebackenen Vollkornpizza, an deren Resten sich jetzt eine der Katzen im Quartier erfreut. Gemeinsam mit Jonas, der beim Kochen in der gleichen Vierergruppe eingeteilt ist, kam er zum Schluss, dass sich Vollkornteig für die Herstellung einer Pizza definitiv nicht eignet.

«Mein Leben besteht aus Fussball und Schule», sagt Marc. Die Reihenfolge ist nicht zufällig. Sein Gedächtnis mag ihn in der Mathematikprüfung hin und wieder im Stich lassen, nicht aber, wenn es um die Resultate der Champions League der letzten Woche geht. Er trainiert montags, mittwochs und freitags. Am Wochenende finden oft Spiele statt.

In der Garderobe werden jetzt eifrig Kleider ausgetauscht. Einer hat die Hose vergessen, ein anderer die Schienbeinschoner, der dritte die Schuhe. Der Trainer schüttelt den Kopf.

Das Tor ist riesig. Das Ungetüm verlangt nach einem guten Dutzend Spielern, um ans Ende des Platzes getragen und verankert zu werden. Dort stellt sich Marc unter die Latte und spuckt in die Handschuhe. Heute ist einer der wenigen Tage, an denen er lieber auf einer anderen Position spielen würde. Er ist schon bald bis auf die Knochen nass und friert. Abgesehen von einigen Paraden, bei denen er im feuchten Gras landet, ist er über weite Strecken zum Nichtstun verurteilt.

Marc wusste schon mit neun Jahren, dass er Goalie werden will. Vielleicht hat er damals schon gespürt, dass der Spieler mit der Nummer eins eine ganz besondere Aufgabe hat, heute kann er jedenfalls genau erklären, warum er im Tor steht: «Du bist die letzte Chance für die Mannschaft. Du bist der Held. An anderen Positionen, in der Verteidigung oder im Mittelfeld, kannst du so gut spielen, wie du willst, du erhältst nur selten Lob. Als Goalie kriegst du immer Lob, wenn du den Kasten leerhältst.» Marc hat früh verstanden, dass das Leben ein ständiges Abschätzen von Aufwand und Ertrag ist.

Auf dem Steckbrief, den am ersten Schultag in der Sek alle ausfüllen mussten, schrieb er unter Berufswunsch: «Eine Lehre im Büro, danach Polizist.» Doch manchmal spielt er immer noch mit der Idee, Profifussballer zu werden. Als er noch Verteidiger war, besuchte er einmal ein Training des FC Zürich, wo Talente gesichtet wurden. Man schickte ihn wieder nach Hause. Jetzt überlegt er sich, ob er es als Goalie noch einmal bei einem anderen Verein versuchen sollte. Nicht dass es ihm beim FC Wiedikon nicht gefiele, aber das Training ist, wie üblich bei kleineren Vereinen, auf die Feldspieler ausgerichtet. Wenn er als Torwart weiterkommen wollte, wäre er wohl bei einem anderen Club besser aufgehoben.

Aus dem Nieselregen wurde ein Wolkenbruch. Die Spieler üben Pässe und schiessen dann aufs Tor. Ricardo spielt auf Bugrahan, Bugrahan auf Milton, Milton auf Roberto und dieser schiesst ins rechte obere Eck. Marc setzt zu einem Hechtsprung an, erreicht den Ball gerade noch mit ausgestreckten Fingern, zieht ihn zum Körper und rollt im Gras ab. Noch im Aufstehen kommentiert er seine Aktion im Stil des Sportreporters Walter J. Scheibli: «Und wieder einmal hat Marc Mischler das Spiel mit einer seiner bekannten Paraden gerettet. Und jetzt vom Heuried zurück ins Studio.»

Cayu will keine Freundin – oder doch?

Als sich abzeichnet, dass die letzten Tortelloni demnächst aus der Schüssel verschwunden sein werden und noch nicht alle einen gefüllten Teller vor sich haben, greift Hortleiter Sam Hildebrand beherzt zum Notvorrat: Ravioli an Tomatensauce, zwei grosse Büchsen. Cayu strahlt. Zum Glück hat er gewartet, hat wie üblich auf den Salat und auf das rohe, aufgeschnittene Gemüse verzichtet und dafür in der Sofaecke noch ein bisschen länger Computergames gespielt. Büchsenravioli, das ist für die Jugendlichen ein Festessen. Ganz diskret entsorgt einer seine Tortelloni in den Abfallkübel und stellt sich hinter Cayu für die Ravioli an. Hätte es Sam Hildebrand gesehen, der Junge wäre darauf hingewiesen worden, das bitte sein zu lassen. Jenen, die aus lauter Gier zu viel auf ihre Teller türmen und anschliessend Reste wegwerfen müssen, sagt er: «Herrgott, könnt ihr nicht einteilen?»

Fast dreissig 13- bis 16-Jährige essen zusammen mit Cayu im Hort, dem Mittagstisch im Erdgeschoss des Döltschischulhauses. Cayus Eltern sind beide berufstätig und leben getrennt, er wohnt bei seiner Mutter. Er ist froh, dass er am Mittag in den Hort gehen darf. Dort ist er bei seinen Kumpels, und «dort gibt es keinen Stress».

Sam Hildebrand mag die Hortkinder, und sie mögen ihn. Das liegt wohl daran, dass er mit dem weissen Bart, dem gemütlichen Gang und der ruhigen Art die Eigenschaften eines fürsorglichen Grossvaters auf sich vereint.

Heute hat er auf dem Pausenplatz wieder einmal eine Schlägerei beenden müssen. Sein Hortzimmer war plötzlich verdächtig leer gewesen, noch vor der Tortelloni-Ausgabe, da ging er draussen nachschauen – und prompt: Vierzig Schülerinnen und Schüler standen im Kreis, gafften und johlten, zwei lieferten sich in der Mitte einen Boxkampf. Solche Auseinandersetzungen heissen unter Jugendlichen «Eins gegen eins»: Einer fühlt sich beleidigt oder schlecht behandelt und fordert den Widersacher zum Zweikampf heraus. Ort und Zeit werden im Freundeskreis bekannt­gegeben. Die Kämpfe finden oft direkt neben den gelben Linien ausserhalb des Schulhausareals statt. Es wird gekämpft, bis einer aufgibt.

Die Zuschauer nehmen das Duell, das ein paar Minuten oder eine halbe Stunde dauern kann, mit ihren Handys auf und zeigen den Film im Freundeskreis herum. «Ins Internet stellen sie es nicht, soviel ich weiss», sagt Cayu. Sein Handy hat kein Videoprogramm, und seine letzte Schlägerei, sagt er, liege schon länger zurück: irgendwann in der Primarschule, spontan, ohne vorherige Abmachung. «Es war nichts Schlimmes, keine grosse Sache.»

Die Beulen und Platzwunden im Gesicht der Boxer werden zu Hause als Folgen eines Sturzes erklärt. Ist der Kampf beendet, gilt die Sache als erledigt, die Kontrahenten lassen sich künftig in Ruhe und gehen auf vorsichtige Distanz. «Es ist nicht so, dass der Sieger den Ruf eines Helden bekommt», sagt Cayu. «Man weiss dann einfach: Der ist stark, und passt auf.» So weit kommt es heute nicht. Als einer der Streithähne Blut spuckt, greift Hildebrand ein, trennt die beiden sachte und schickt den einen zum Bus: «So, jetzt geht’s nach Hause.»

Cayu ist während der Schlägerei drinnen geblieben, vor der Xbox, auf Raumschiffmission. Er weiss, was draussen los ist, aber der virtuelle Kampf packt ihn mehr als der reale: «Ich bin kein Schläger, ich regle die Dinge lieber mit Worten, wenn es irgendwie geht. Ich schlage nur zu, wenn ich krass beleidigt werde. Oder wenn meine Familie beleidigt wird.» «Hurensohn», «fick dich», «ich fick deine Mutter» oder «ich fick deine Schwester» werden in Cayus Klasse als gängige Beleidigungen herumgeboten, wobei es noch wesentlich rüdere Sprüche gibt. Doch bereits die harmlosen genügen für manchen, um sofort «Eins gegen eins» einzufordern. Oder gleich zuzuschlagen.

«Herr Hildebrand, ich brauche Dessert!» Laura schreit herum, bis ihr Klassenlehrer Antonio Parillo verwundert den Kopf ins Hortzimmer streckt: «Sam Hildebrand, was ist denn hier los? Ich höre sie bis ins Lehrerzimmer hinauf. Bist du taub geworden?» Der Hortleiter lacht und beschwichtigt den Lehrer, Cayu isst seine Ravioli fertig, lässt sich vom Gestürm ebenso wenig ablenken wie von Cheng, die ihm beim Vorbeigehen liebevoll den Nacken streichelt. Er steht nicht auf Cheng, und er steht nicht auf Dana, egal, was die anderen sagen. Die sind nur neidisch, weil er sich oft mit den Mädchen trifft. Weil Dana mit ihrer Freundin zu ihm nach Hause zum Pizzabacken oder zum Karaoke kommt und sich auch sonst mit ihm verabredet, nach der Schule. Weil Cheng oder Bea mit ihm flirten.

Cayu ist beliebt bei den Mädchen. Er ist Streicheleinheiten gewohnt: Sogar die Freundinnen seiner 17-jährigen Schwester Chandra finden ihn unglaublich süss. Von einem Game gefesselt, bleibt er von den Lockrufen der Hortmädchen jedoch unbeeindruckt – obwohl er gerade keine Freundin mehr hat. In den Sommerferien hat er mit der letzten Schluss gemacht. Warum genau, das weiss er heute nicht mehr. «Und jetzt gibt es niemanden, der mir gefällt.» Carmen? «Nein!» Dana? «Ist nur eine Kollegin.» Claudine? «Diese Streberin!»

Eine Freundin haben bedeutet für Cayu: mit ihr abmachen. Mit ihr Händchen halten und spazieren. Ein bisschen küssen, umarmen und anfassen, «aber kein Sex, das ist zu früh, obwohl ich 13-Jährige kenne, die es schon gemacht haben. Die bereuen es nachher aber meistens.» Der Freundin schreibt man zärtliche SMS, man telefoniert und chattet, bis die Eltern eingreifen. «Eine Freundin haben», sagt Cayu, «kommt an zweiter Stelle. An erster Stelle steht die Familie. Aber ich hätte schon gern wieder eine Freundin.»

«Hildebrand! Hildebrand!» Lauras Ungeduld wächst. «Sie, wir machen jetzt den Schrank auf!» Der Dessertschrank mit den Lollipops, Schoggistengeln und anderen Schätzen: Sein Öffnen ist ein täglicher Höhepunkt. Dessert gibt es erst, wenn alle ihre Teller, Gabeln, Messer und das Glas abgewaschen, abgetrocknet und versorgt haben. Na ja, fast alle, Sam Hildebrand nimmt es nicht so genau. Cayu hat es nun plötzlich eilig, schnappt sich zwei Lollipops. Den einen steckt er sich in den Mund, den anderen verschenkt er einem Kumpel, der zu Hause essen musste und ihn kurz vor Schulbeginn im Hort besucht.

Hildebrand weist Besucher nicht weg. Seine Türe steht allen offen, und sein Angebot ist unwiderstehlich: Boxsack, Punching-Ball, Töggelikasten, ein Holzstrunk, in den man Nägel hämmern kann, oder eben diese Sofas, auf denen sich die Mädchen räkeln und zerfledderte «Bravo»-Hefte anschauen. Bei der Doppelseite mit den nackten Teenagern kreischen sie «wäähh!».

Der Boxsack, die «Bravo»-Hefte und die Games sind gefährdet, es gibt Kritik aus der Lehrerschaft: pädagogisch weder wert- noch sinnvoll, heisst es. Cayu findet den Boxsack cool und wichtig, die «Bravo»-Hefte liebt er: «Das ist genau die richtige Lektüre für Jugendliche! Die Erwachsenen lesen Zeitung, wir lesen ‹Bravo›.» Cayu findet, Sam Hildebrand sei schwer in Ordnung, der Hort ein gemütlicher Ort, wo man sich zwischen dem Morgenschulstress und dem Nachmittagsschulstress erholen kann. Von den Wänden lächeln die Popstars Pink, Shakira und Avril Lavigne, der Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe und Che Guevara. Essen dürfen die Jugendlichen, wo sie wollen, auch auf dem Sofa, am Pult des Hortleiters oder am Fenstersims. Wer in den Hort gehen darf, wird von den anderen beneidet – darum auch die ständigen Besucher.

Auch Marc würde gern seine Mittagspausen hier verbringen, doch die Mutter hält nichts davon: Wofür kocht sie am Mittag und erhält das Familienleben aufrecht? Cayus Mutter hingegen hat ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren Jüngsten noch nie im Hort besucht hat. Ob andere Mamis schon dort gewesen seien?

Bloss nicht. Er ist doch kein kleiner Bub mehr, der in der Schule vom Mami besucht wird. Das wäre nur peinlich. Der Hort, das ist sein Ort. Dort sind seine Freunde. Von der Sek A bis zur Sek C, von der ersten bis zur dritten Oberstufe, Freche, Brave oder Streber, die gleich nach dem Essen ihre Hausaufgaben auf den Tischen ausbreiten. Erwachsene sind hier überflüssig, wie eigentlich fast überall, Hildebrand genügt, der stresst nicht. «Zu Hause stören mich die Erwachsenen nicht, und ich mag auch meine Eltern sehr», sagt Cayu. «Doch Erwachsene wollen immer alles wissen, sie sind so neugierig, oder dann finden sie alles Scheisse, was uns gefällt. Überhaupt ist es viel cooler und einfacher, unter Gleichaltrigen zu sein. Wir verstehen uns und können gut reden. Mit Erwachsenen zu reden, ist anstrengend.»

Die Glocke ruft zur ersten Nachmittagsstunde, Cayu trabt los. Lehrer Kohli ist gnadenlos, wenn man auch nur eine Minute zu spät eintrifft. Es droht dann ein Eintrag im Notenheft. Cayu hat in den vergangenen Wochen wiederholt getestet, wie ernst es der Lehrer mit seinen Verboten meint. Als er die Schwelle zum Schulzimmer übertritt, greift er nach seiner Baseballmütze und zieht sie vom Kopf.

Jonas lässt sich die Haare schneiden

Würde Jonas bei seiner Entscheidung bleiben? Seine Mutter war sich nicht sicher. Selbst als die beiden an diesem Samstagmorgen um halb zehn das Cut & Color in der Langstrasse betreten, hat sie noch Zweifel. Am Abend zuvor erwähnte sie beiläufig, sie würde am nächsten Tag zum Coiffeur gehen. Dann bot sie Jonas an, seine Spitzen zu schneiden, doch der lehnte ab: «Ich komme morgen mit. Ich lasse mir die Haare abschneiden.» – Jetzt macht er Witze, dachte seine Mutter.

Dass Jonas erst um elf Uhr einen Termin bekommt, ist ihr recht. So hat er noch etwas Bedenkzeit. Doch Jonas ist nicht bekannt für Wankelmütigkeit: Um elf setzt er sich auf den Coiffeurstuhl, fünfzehn Minuten später sind die Haare ab.

Dass er immer wieder für ein Mädchen gehalten worden sei, habe keine Rolle gespielt, sagt er. Die Haare seien ihm beim Schreiben immer ins Gesicht gefallen und hätten sich bei jedem Wurf im Judo geöffnet.

Marc darf sich keine Peinlichkeiten leisten

Als Marc am Montagmorgen das Schulzimmer betritt, entdeckt er einen neuen Schüler. Der Junge steht mit dem Rücken zu ihm, ist etwa einen Kopf kleiner als er, hat kurze braune Haare, trägt Jeans und einen blauen Pullover. Jetzt dreht er sich um und sagt: «Hallo, Marc.»

Marc braucht einen Moment, bis er versteht. Dann sagt er: «Hallo, Jonas.» Aus seiner Sicht war es eine kluge Entscheidung von Jonas, die Haare abzuschneiden. Von seiner Schwester Janine, die im gleichen Schulhaus in die 3. Sek geht, weiss er, dass einige Schüler die langen Haare von Jonas seltsam fanden und hinter seinem Rücken Sprüche klopften. «Das ist natürlich schon peinlich», findet Marc, schliesslich ist Jonas ein guter Kollege. Vor zwei Jahren hätte er noch «ein guter Freund» gesagt, doch in der Zwischenzeit hat er das Wort Freund aus seinem Wortschatz gestrichen – aus einem einfachen Grund: «Freund klingt so schwul.» Für die Schüler vom Döltschi kann vieles schwul sein: das rosa Leibchen des Turnlehrers, die Anrede «hoi» in einer SMS, die Art und Weise, wie ein Lehrer spricht. Einfach alles, was nicht der gerade aktuellen Norm entspricht.

Er hat von seiner Schwester vor dem ersten Schultag an der Sek klare Weisungen bekommen: keine Peinlichkeiten in ihrer Gegenwart. «Kein Kindergartenzeugs», hat sie gesagt. Diese etwas vage Vorgabe interpretiert Marc so: «Ich muss mich ruhig verhalten. Auf dem Pausenplatz darf ich sie nicht ansprechen, nichts Privates mit ihr reden. Auf keinen Fall.» Und natürlich sollte er auch keine peinlichen Kleider tragen.

Was sein Äusseres betrifft, ist Marc die Meinung anderer sehr wichtig – vor allem die der Mädchen. «Es sind die Mädchen, die bestimmen, wie die Buben rumlaufen, die achten einfach mehr auf solche Sachen.» Wenn er vom Kleidereinkauf in der Stadt nach Hause kommt, macht er deshalb oft als erstes Station im Zimmer seiner Schwester, wo er ihr Urteil entgegennimmt. Zunehmend interessieren ihn auch Markenkleider. Nicht wegen der Marke, beteuert er, sondern weil ihm diese Kleider einfach besser gefielen. Heute Morgen schlüpfte er in weisse Nike-Turnschuhe. Die Marke der schwarzen Hose und des weissen Strickpullovers, die er angezogen hat, kennt er nicht, doch es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis sein Markenbewusstsein von den Füssen in die Höhe wandert. Bevor er zur Schule ging, strich er sich vor dem Badezimmerspiegel Gel in die Haare und deckte einen Pickel mit etwas Make-up ab, das ihm seine Schwester Janine ausgeliehen hat.

Sosehr Marc das Urteil der Mädchen ernst nimmt, so unverständlich ist ihm manchmal ihr Verhalten. Heute Morgen zum Beispiel haben sie einander wieder mit grossem Tamtam begrüsst: Umarmen, Küsschen, Küsschen, Küsschen. Kürzlich bat er seinen Mathematiklehrer um eine Erklärung: «Können Sie mir sagen, warum sich die Mädchen ständig umarmen? Ich könnte es verstehen, wenn sie einander lange nicht gesehen hätten, aber sie tun es jeden Tag.» Der Lehrer hat nur gelacht.

In der Pause nach der ersten Stunde gehen die Neckereien zwischen Mädchen und Buben los. Marc stiehlt Vera den Schal und rennt in den Gang. Vera hinterher. Naemi ruft ihnen nach: «Sind wir auch zur Hochzeit eingeladen?»

Marc hat keine Freundin. Als müsste er sich dafür entschuldigen, dass er auch nicht verliebt ist, sagt er, es gebe halt keine schönen Mädchen in seiner Klasse. Wie er allen, die es wissen wollen, bereitwillig erklärt, lassen sich Mädchen in drei Kategorien einteilen: Normale, Hässliche und Tussis. «Tussis sind jene, die glauben, sie sehen am besten aus.»

Mit der Entscheidung, ob für ihn bei einem Mädchen Aussehen oder Charakter wichtiger ist, tut er sich schwer: «Es kommt darauf an. Ich schaue schon ein bisschen auf den Charakter. Eine, die einen Tag megagut drauf ist und am anderen Tag sagt: ‹du Arschloch›, also in die würde ich mich natürlich nicht verlieben, auch wenn sie schön wäre.»

Als er am Abend Roger Federers Freundin Mirka am Fernsehen sieht, sagt er: «Das waren wohl auch innere Werte.» Dann – als fiele ihm ein, dass Schönheit vergänglich ist – fügt er an: «Wenn man ein Mädchen nicht kennt, schaut man sicher mal auf das Äussere, aber sobald man es dann kennt, schaut man auch ein bisschen auf das Innere.»

Wenn Marc in nächster Zeit die richtige Kombination aus äusseren und inneren Werten fände, wäre das seine dritte Freundin. Die zweite, deren Bild noch über seinem Pult hängt, lernte er vor zwei Jahren in den Skiferien kennen. Er ist stolz darauf, dass sie, nachdem es auseinanderging, gute Freunde geblieben sind.

Die erste hatte er zu Beginn der Primarschule: «In der ersten Klasse haben wir uns gefunden, in der dritten trennten wir uns.» Danach gefragt, was das Paar damals gemacht habe, muss er einen Moment überlegen: «Ich ging zu ihr zum Mittagessen, und wir haben ihren kleinen Bruder geärgert.»



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