Dass er als Mensch zur Welt kam, war nichts als ein dummer Zufall. «Viel lieber», sagt Kevin Warwick, «wäre ich als Maschine geboren worden.» Und einmal habe er die Verwandlung dazu fast schon geschafft. Er krempelt die Ärmel hoch. In der linken Armbeuge kommt eine Narbe zum Vorschein, sichtbarer Überrest des Eingriffs, der ihn zum Cyborg machte. Er präsentiert das Mal so stolz, wie ein Korpsstudent mit seinen Schmissen von der Mannwerdung prahlt: Hier hatten die Chirurgen das Skalpell angesetzt, Haut und Muskel aufgeschnitten. Dann nähten sie einen Glaszylinder voll Mikrochips in seinen Körper.
Unter Teilnarkose durfte Kevin Warwick, Professor für Kybernetik, verfolgen, wie die fingerhutgrosse Ampulle in ihm verschwand. Auch ein BBC-Fernsehteam hatte er in den Operationssaal bestellt. «Dies war der bewegendste Moment meines Lebens», sagt er. «Als erster überschritt ich die Grenze zwischen Mensch und Maschine.» Die Kapsel enthielt einen Radiosender, der von seinem Körper aus mit Computern in Verbindung trat. Als ob die Rechner den Forscher als einen der ihren erkannt hätten, begrüssten ihn nun synthetische Stimmen mit Namen, sobald er sein Institut in Reading bei London betrat. Türen öffneten sich, wenn er nahte; Lichter flackerten auf; Computer sprangen an und zeigten ihm seine persönliche Website. Wer wollte, konnte jede Bewegung Warwicks im Internet nachvollziehen.
Immer mehr empfand er das Implantat als Teil seines Körpers - es erschien ihm wie ein hinzugewonnenes Sinnesorgan, mit dem er nun Kontakt zu seinen neuen Lebensgenossen aufnehmen konnte: «Ich fühlte mich meinem Computer sehr nahe. Er wurde mir wie ein siamesischer Zwilling.» Als die Ärzte das Implantat nach gut einer Woche entnahmen, weil sie fürchteten, Warwicks Arm könnte sich daran entzünden, betrauerte er den Verlust «wie den Tod eines Freundes».
Diese Operation im Jahr 1998 machte Warwick zum umstrittensten Wissenschafter seines Fachs. Seitdem feiern ihn die einen als den mutigen Pionier einer neuen Ära, in der der Mensch die Grenzen des Menschseins überwindet und eins wird mit seinen Maschinen. Kalifornische Firmen fragen nach Patentrechten; Zeitungen wie die «Times» umwerben ihn als Kolumnisten; Fernsehshows zeigten ihn als Ankömmling aus der Zukunft: eine reale Science-fiction-Gestalt. Die anderen schimpfen ihn einen Scharlatan, süchtig nach Aufmerksamkeit. Purer Unfug, weil völlig nutzlos, sei der Sender im Arm, mäkeln viele Wissenschafterkollegen. «Brauchbare Verbindungen zwischen Mensch und Computer werden zwar irgendwann kommen», sagt Peter Fromherz, der am Münchner Max-Planck-Institut für Biochemie solche Fragen erforscht. «Aber weder heute noch morgen. Da wird viel dummes Zeug geredet.»
So beweisen die Experimente in Reading für Warwicks Kritiker nur, wie sehr der Forschungsbetrieb zum Spektakel verkommen ist. Selbst Warwicks sechzehnjährige Tochter Madeleine erklärte ihren Vater gegenüber einer britischen Zeitung für verrückt. Von all dieser Aufregung hat Warwick nur profitiert. Der Rummel hat zwei Millionen Pfund in seine Forschungskassen gespült - Mittel, die er für seinen nächsten Coup braucht. Denn für ihn war diese erste Implantation nur ein Probelauf. Schon im nächsten Jahr will er sich eine neue Elektronik einsetzen lassen. Diesmal sollen die Ärzte die Chips mit seinen Nerven verbinden. So gedenkt Warwick, den Computern nicht mehr nur seine Anwesenheit, sondern auch Muskelimpulse, Wahrnehmungen und selbst Gefühle zu übermitteln.
Eine Metallmanschette um den Nervus ulnaris, einen Nervenstrang im Oberarm, wird den Kontakt herstellen. Durch sie hofft Warwick die elektrischen Ströme, die durch den Nerv vom Hirn in die Hand und zurück fliessen, in das Implantat abzuleiten. Wenn er seinen kleinen Finger abbiegt, soll das im Internet zu erfahren sein, weil der eingebaute Sender ein Signal an die Computer gefunkt hätte. Wenn er sich seine Hand mit heissem Wasser verbrüht, würden die Datennetze davon ebenfalls Kenntnis erhalten: Der Forscher stellt seine Finger den Rechnern als Biosensoren zur Verfügung.
Auch einen kleinen Empfänger will er sich implantieren lassen, der Befehle von aussen in seinen Körper einzuspielen vermöchte. Dann könnte ein Computer, ganz ohne sein Zutun, ihm die Finger strecken und krümmen: «Ich werde der erste ferngesteuerte Mensch.» Und schliesslich will er sogar sein Innenleben den Maschinen anvertrauen. Durch den Nervus ulnaris nämlich, glaubt er, reisten nicht nur Kommandos zwischen Hirn und Hand hin und her - der Zustand des ganzen Menschen spiegle sich elektrisch darin. Deswegen sollte die kleine Manschette auch seine Angst, seine Freude und seine Erregung ablesen und den Rechnern zuführen können.
Vielleicht liessen sich auf diesem Wege sogar Empfindungen per Stromimpuls erzeugen: Warwick bezöge dann Gefühle aus dem Computer. Unbeirrt setzt er sich über das Kopfschütteln der Neurophysiologen hinweg, die nicht glauben wollen, dass die Emotionen im Oberarm geschrieben stehen, und bezweifeln, dass sich Empfindungen wie Furcht oder Scham mit einem elektrischen Kitzel hervorrufen lassen. Derlei Einwände können weder Warwicks Begeisterung für das Projekt dämpfen noch die des Publikums. Denn die Ankündigungen des Futuristen treffen den Nerv einer Gesellschaft, deren Phantasie über Internet und Biomedizin überbordet. Unbeliebt macht sich derzeit, wer die Allmacht der Technologie bestreitet. Wenn das revolutionäre Potential aus den Labors fast alles im Leben verwandeln wird - wieso dann nicht auch die Gefühle?
«Matrix», ein Science-fiction-Film, in dem die Menschen mit Steckern am Hinterkopf leben und all ihre Wahrnehmungen aus einem Zentralcomputer erhalten, war ein Kassenschlager des vorigen Jahres. Experten, die behaupten, schon in Kürze würden solche Visionen Realität, erfreuen sich lebhafter Konjunktur. Der Bostoner Computerwissenschafter Ray Kurzweil, der das Internet schon in den achtziger Jahren vorausgesehen hatte, erklärt, im Jahr 2030 könnten Implantate à la Warwick so ausgereift sein, dass sie die Kommunikation von Mensch zu Maschine und umgekehrt ganz zwanglos erlauben. Eine neue Körperöffnung für Information werde geschaffen; ohne Umweg über sperrige Monitore könnten sich die Benutzer direkt in die Computernetze einloggen. Die Schranken zwischen menschlicher und maschineller Intelligenz fallen.
Andere Zukunftsforscher diskutieren Pläne, die noch weiter gehen: Implantate im Schädel wären geeignet, zwei Gehirne direkt zu verbinden - Gedankenübertragung per Datenleitung. Bald entstünde ein Internet des menschlichen Geistes. Warwick nimmt für sich in Anspruch, schon ein paar tastende Schritte in diese Richtung zu tun. Er sieht sich in einer Front mit Ärzten, Informatikern und Materialwissenschaftern, die seit ein paar Jahren eine neue Ersatzteilmedizin auf der Basis von Mikrochips erproben. Ihnen ist es gelungen, mit der sogenannten Neuroprothetik Verbindungen zwischen Mensch und Maschine zu schaffen, die das Nervensystem weit enger mit Elektronik verknüpfen als die bekannten Herz- und Blasenschrittmacher.
Neurochirurgen operieren Schmerzpatienten Kontakte ins Rückenmark und verkabeln sie mit tragbaren Impulsgebern. Die Geräte stimulieren die Hinterstrangbahnen mit 180 Stromstössen pro Sekunde; gelangen die Impulse ins Gehirn, hemmen sie dort die Empfindung von Pein. Taube bekommen Signale ins Hirn eingespielt; ihr Hörnerv wird, fast schon ein Standardeingriff, an einen elektronischen Sprachprozessor gekoppelt. Ein von Kopf bis Fuss gelähmter Mann in Atlanta spricht seit letztem Jahr über Hirnströme mit seiner Familie. Chirurgen haben ihm einen Hohlkegel ins Grosshirn gepflanzt, der Drähte enthält und Nerven-Wachstumsfaktoren entlässt. So wurden die Nervenzellen angelockt, sich in die Sonde hinein zu erstrecken. Als der Kontakt hergestellt war, wurde der Patient mit einem Computer verbunden, der Wörter bildet.
Auch die Gehirne von inzwischen Hunderten von Parkinsonkranken gehorchen Signalen aus einem Steuergerät. Ihnen haben die Neurochirurgen Elektroden in den Thalamus implantiert, ein Gebiet im Zwischenhirn, das Bewusstseinszustände wie Wachen und Schlaf regelt. Gelangen die elektrischen Impulse dorthin, sind Zitteranfälle augenblicklich beendet. Menschen, die ein paar Sekunden zuvor keine Kontrolle über ihren Körper mehr hatten, verlassen ruhig schreitend den Raum. Dass sich neben diesen Erfolgen Warwicks Elektronik im Oberarm dürftig ausnimmt, bringt den Professor nicht in Verlegenheit. Durchbrüche in der Forschung sieht er gar nicht als sein Ziel: «Mein Verdienst besteht darin, dass ich Denkbarrieren umlege.»
Schon als Junge galt Warwicks Leidenschaft den Science-fiction-Romanen, die er verschlang. Später studierte der begeisterte Bastler Elektrotechnik und begann in Oxford Roboter zu konstruieren. 1988 bekam er an der Universität Reading die Professur für Kybernetik, die Lehre der Steuerung von Maschinen und Organismen. Seitdem ersinnt er in seinem kleinen Zimmer, stets hinter zugezogenen Vorhängen, «weil Tageslicht die Sicht auf die Bildschirme stört», Roboter mit künstlichen Sinnesorganen. Die Studenten machen aus seinen Plänen Maschinen. In Labors, die manchmal an Bastelkeller und öfter an Spielzimmer erinnern, löten sie an Sid herum, dem pneumatischen Hund, und setzen aus Legosteinen eine Armada intelligenter Plastic-Krebse zusammen. Diese Geräte sollen zeigen, wie sich Roboter gleich Tieren ganz von allein in der Welt orientieren können. «Es geht nicht um die technische Umsetzung», sagt Warwick. «Es geht um das Prinzip.»
Nach jahrelangen Versuchen mit künstlichen Augen und Ohren sei er nun den entscheidenden Schritt weiter gegangen: Er habe als erster Gesunder den elektronischen Umbau seines Körpers gewagt. Bis zu dieser Pioniertat seien nur Kranke in den Genuss der Neuroimplantate gekommen, und die Einbauten hätten einzig zur Linderung von Gebrechen gedient. «Ich aber habe vorgemacht, wie jedermann mit Chips im Leib seine Möglichkeiten erweitern kann.»
«Natürlich birgt diese Technik enorme Gefahren», sagt Warwick. Schon sein erstes Implantat wollten Kriminologen zur Dauerkontrolle von Gefangenen nutzen. Die neue Sonde aber würde das Nervensystem der Aussenwelt öffnen. Mit der Intimität von Gedanken und Gefühlen wäre es dann vorbei. Und sobald Emotionen auf Festplatten liegen, könnten Computer den Menschen wichtiger werden als ihre nächsten Angehörigen. Umgekehrt würden es Implantate erlauben, direkt auf das Gehirn einzuwirken. Nicht nur Gefühle auf Knopfdruck stehen in Aussicht, zu befürchten sind auch Gedankenkontrolle und ferngesteuerte Menschen. Selbst wenn es gelänge, derlei Auswüchse zu unterbinden - gegen elektronische Werbesendungen direkt in die Lustzentren des Hirns liesse sich vermutlich nur wenig ausrichten. Auch Warwick sorgt sich darüber, aber nicht sehr. «Fortschritt ohne Risiko», sagt er, «gab es noch nie.»
So sieht er sich in seinen Selbstversuchen als Nachfolger grosser Wissenschafter wie Max Pettenkofer, der im Jahr 1892 einen Cocktail aus Cholerabakterien schluckte, weil er der Öffentlichkeit klarmachen wollte, was verseuchtes Trinkwasser anrichtet. Dass Warwick sich der Mittel des Showbusiness bedient, hält er für ein Gebot der Zeit. Charles Darwin konnte noch mit einem Buch eine geistige Revolution anzetteln; zwei Tage nach Erscheinen war «Von der Entstehung der Arten» in allen Buchhandlungen Englands vergriffen. «Heute regt ein Buch keinen mehr auf», sagt Warwick. «Ein Wissenschafter, der die Herzen der Menschen erreichen will, muss ins Fernsehen.»
Kalkuliert spielt er mit der Faszination und Furcht, die Technik auf den Menschen ausübt: 1997 warnte er in Interviews, die Roboter könnten sich auf eigene Wege begeben. Heute schon hätten die Menschen einen Grossteil ihrer Entscheidungsmacht unwiederbringlich an die Elektronengehirne abgetreten. Finanzcomputer zum Beispiel erledigten längst einen Gutteil der Aktiengeschäfte ganz von allein und stürzten bei Börsencrashs Legionen von Investoren ins finanzielle Verderben.
Warwick glaubt, die Geisteskraft von Computern werde die der Menschen schon in Kürze weit übertreffen - dafür garantiere Moore's Law. Nach diesem Erfahrungsgesetz aus dem Silicon Valley kommt alle 18 Monate eine neue Generation von Mikrochips auf den Markt, doppelt so leistungsfähig wie die Vorgänger. Schon in vier Jahrzehnten hätte demnach der erste Supercomputer die Datenverarbeitungskapazität des menschlichen Hirns erreicht. Spätestens dann würden sich die Maschinen von ihren Programmierern emanzipieren und ihren eigenen Willen entdecken. Daher fordert Warwick - allen Ernstes - ein internationales Abkommen zur Begrenzung der Macht der Geräte.
Die Obsession, überlegene Lebensformen könnten die Menschen versklaven, beschäftigte Warwick schon als Halbwüchsigen, nachdem ihm H. G. Wells Science-fiction-Klassiker «Krieg der Welten» in die Hände gefallen war. In grandiosen Szenen bezwingen darin dreibeinige Kampfmaschinen, die vom Mars eingefallen sind, die Erde, bis die Invasion schliesslich wegen eines seltsamen Virus zusammenbricht. Dieses unlogische Ende hat Warwick «zutiefst enttäuscht». Seitdem sucht er Anhaltspunkte dafür, dass Wells unrecht hatte und dass die Maschinen doch den Sieg über die Menschen davontragen könnten.
Er selbst hat Geräte entwickelt, die für ihn die überlegene Lebenskraft der Roboter unwiderlegbar beweisen: Elma und die sieben Zwerge. In gepolsterten Alukoffern reisen diese Konstruktionen mit ihm von Vortrag zu Vortrag. Zärtlich packt er sie aus. Elma ist eine elektronische Schabe von der Grösse eines Dackels. Sechs pneumatische Beine, gesteuert von zigarrenförmigen Ultraschallsensoren auf dem Gummikopf, tragen sie durch die Welt. Wenn Warwick Elma auf den Boden setzt, sortiert sie erst wie ein Tausendfüssler ihre Beine. Dann macht sie sich auf den Weg, und wenig kann Elma stoppen. Hält man ihr eine Hand in den Weg, so richtet sich der Kakerlakenkörper aus Blech bedrohlich auf. Wird das Hindernis nicht weggezogen, so stakst Elma darüber hinweg. Reisst ihr jemand ein Bein aus, so sortiert das Kunstwesen sich ein paar Minuten lang neu und läuft anschliessend auf den übrigen Beinen weiter. «Sehen Sie, was das bedeutet?» fragt Warwick düster. «Es ist nicht leicht, Elma den Garaus zu machen.»
Die sieben Zwerge kündigen nach seiner Auffassung erst recht Unheil an: Sie führten vor, wie sich Roboter von den Plänen ihrer menschlichen Schöpfer frei machen und ein Eigenleben beginnen können. Die waschschüsselartigen Vehikel fahren auf Gummireifen und können sich mit Infrarotblitzen unterhalten. Auch sind sie imstande zu lernen, wie ihre Umgebung aussieht und wie man sich darin zurechtfindet. «Dabei», erklärt Warwick, «entwickelt jeder Zwerg eine Persönlichkeit.» Manche erkennen nach ein paar überstandenen Kollisionen, dass die Mitzwerge ausweichen, wenn sie selbst nur entschlossen drauflosfahren - sie werden natürliche Führer, die ihre Mitzwerge infrarot anherrschen. «Für andere dagegen ist ihre Kindheit so schrecklich, dass sie sich vor lauter Angst bald weder vor- noch rückwärts bewegen», sagt der Forscher. «Sie begehen Selbstmord.» In seinem Kosmos sind Roboter bereits beseelte Wesen: ausgestattet mit Depressionen, Ehrgeiz und Machtgier.
Warwicks akademische Kollegen hegen da Zweifel. «Vor mehr als 200 Jahren, zu Beginn der industriellen Revolution, fürchteten die Menschen schon einmal, die Kontrolle über ihre Maschinen zu verlieren», meint der Londoner Historiker Christopher Frayling. Damals geisterten Uhrwerkswesen als Übeltäter durch die Romane. «Extrem unwahrscheinlich» nennt auch der Mathematiker Roger Penrose das Schreckensszenario vom unaufhaltsamen Aufstieg der sieben Zwerge: «Computer können nur rechnen. Unser Gehirn aber leistet viel mehr - es bringt Bewusstsein hervor. Über diese Gabe werden Rechner niemals verfügen.»
«Bewusstsein, was bedeutet das schon?» entgegnet Warwick. «Intelligenz und Bewusstsein sind zweierlei Dinge. Und es gibt keinen Grund, weshalb Bewusstsein notwendig sein sollte, um sich in der Welt durchzusetzen. Denken Sie nur an die Viren.» Seit Beginn der Evolution hätten die biologischen Arten die Rangeleien um Lebensraum und Ressourcen unter sich ausgemacht. Künftig werde dieser Kampf zwischen natürlichen und maschinellen Formen der Existenz toben, zum Nachteil der Menschen. «Überlegene Lebensformen werden uns halten wie wir heute die Affen im Zoo.»
Bleibt dem Homo sapiens überhaupt noch ein Mittel gegen eine solch jämmerliche Zukunft? Warwick arbeitet längst an der Lösung: «Wir müssen eins werden mit den Maschinen und teilhaben an ihrer Macht.» Implantate stellten die nötige Technik dafür bereit, den heutigen Standardmenschen zu einem elektronischen Humanoiden zu veredeln. «Ich will elektronische Sinnesorgane und Chips in meinem Gehirn», sagt Warwick. «Ich will mit acht Augen sehen, in zehn Dimensionen denken, meine Wege mit Ultraschall finden.»
Zu bedauern wären all jene, die sich aus Feigheit kein Implantat einbauen liessen: Sie würden laut Warwick abgehängt von der beschleunigten Evolution des technischen Menschen. Hingen nämlich die Gehirne am Internet, so könnten sich die verschalteten Menschen per Telepathie unterhalten. Niemand würde sich mehr die Mühe machen, sprechen oder schreiben zu lernen. Wer da noch die Elektronik im Kopf verweigere, nehme freiwillig ein Eremitenleben auf sich - der anschwellende Kommunikationsstrom rausche an ihm vorbei.
Auch diesen Weg von Nervensystem zu Nervensystem möchte Warwick erproben. Sollte das Implantat an ihm seinen Dienst tun, kündigt er an, werde sich seine Frau Irena ebenfalls eine Sonde in den Oberarm setzen lassen. Per Datenleitung miteinander verbunden, möchten die Eheleute in eine neue Dimension der Intimität aufbrechen: Kevin will Irenas Gefühle erleben, als wären es die seinen. Und wenn sie einen Muskel ihrer linken Hand rührte, täte er augenblicklich dasselbe.
Um diesem unerhörten Vorhaben die angemessene Öffentlichkeit zu verschaffen, hat sich der Forscher als Cyborg ablichten lassen. Mit entblösstem Oberarm zierte er kürzlich das Titelblatt des amerikanischen Magazins «Wired», in dem er seine Pläne darlegt. Warwicks Phantasie, seinem technischen Verstand viele Jahrzehnte voraus, kennt kaum Grenzen: Er möchte herausfinden, ob Irena telepathisch seine Ideen beeinflussen kann. Er will nach Amerika reisen, einen Wolkenkratzer besteigen und sie über das Internet an seiner panischen Höhenangst teilhaben lassen. Zu einem Foto, das Irena und ihn nackt im Ehebett zeigt, schreibt der Professor: «Und was geschähe erst, wenn einer von uns in sexuelle Erregung geriete?»
Stefan Klein ist Wissenschaftsjournalist in Hamburg. Sein Buch «Die Tagebücher der Schöpfung - vom Urknall zum geklonten Menschen» erscheint im Juli 2000 bei dtv.