|
|
Editorial -- Die Rollenfrage
Von Andreas Dietrich
Vermutlich sitzen Männer zu oft vor dem Fernseher. Sie glauben, was sie in den Werbespots sehen. Halten Weisser-als-weiss tatsächlich für eine Farbe, Megapearls für eine Art Hausfrauen-Murmeln und porentiefe Reinheit für einen Bewusstseinszustand, der durch blosses Kaffeetrinken erlangt wird (dank Verwöhnaroma). Alles erledigt sich easy heutzutage im Haushalt, wie von selbst. Und für den Fall, dass die Geisterhand lila Pause macht, gibt’s ja diese unglaublich streichfähige Margarine.
Hausarbeit ist nicht so, wie sie die Unterbrecherwerbung zeigt, sie ist wie diese selbst: eine ärgerliche Wiederholung des Stumpfsinns. Staub macht sich nie von allein aus dem Staub. Dass dies Männer in der Regel nicht allzu genau wissen wollen, ist verwerflich, aber verständlich. Niemand wechselt freiwillig, wie es in diesem Heft heisst, vom Lager der Kolonisten in das der Kolonialisierten. Seltsamerweise aber machen sich viele Frauen zu Komplizinnen des für sie nachteiligen Status quo. Sie sind zu verständnisvoll mit Männern.
In der Kampfzone Haushalt hat nichts begonnen, das leuchten könnte im Vaterland. Ein bisschen Bewegung bringen jene Frauen, die von den Männern hartnäckig-pragmatisch Mitarbeit verlangen – eine glanzlose Sache für beide Seiten. Die Vernunft haben die Frauen auf ihrer Seite und den Mann irgendwann auch. So raufen sich Paare einigermassen gleichberechtigt zusammen («gleichpflichtig» müsste es heissen), um im Gleichgewicht des Schreckens zu kochen, zu bügeln, zu putzen. Regelmässig brechen Haushaltdebatten aus, die den parlamentarischen Pendants an Gehässigkeit nicht nachstehen; doch wer Nestwärme will, unterzieht sich dem Fraktionszwang. Wir stimmen also Jein: Der eigene Haushalt ist keine Freude, aber er muss sein.
Ganz anders der fremde. Wenig ist aufregender, als bei netten Menschen zum Nachtessen eingeladen zu sein und sich hemmungslos umzusehen. Überall Spuren von Gewohnheiten, Zeichen der Befindlichkeit, Hinweise auf Eigenheiten – mit jedem Besuch kommt die Neugier mit ins Haus, und die findet auch in aufgeräumten Wohnungen, wonach sie nicht sucht. Beklemmend zum Beispiel ist zu entdecken, dass das Toilettenpapier nicht vornüber abgerollt werden soll, sondern verschämt hintenrum. Hier trennt sich die zivilisierte Menschheit, und man wird dem Gastgeber nie mehr gleich gegenübertreten wie zuvor. Der ganze Haushalt, nicht das Schlafzimmer, ist der Hort des Intimen.
Das muss der Grund für die folgende Merkwürdigkeit sein: In der Schweiz ist jeder dritte Haushalt ein Einpersonenhaushalt; es gibt also zuhauf sturmfreie Buden. Dennoch treffen sich zwei Menschen auch nach Wochen frischer Verliebtheit eher in lärmigen Bars als zu Hause. Sie ahnen wohl, wie sehr sie mit dem Zurschaustellen ihres Haushalts sich selber vorzeitig offenbaren würden. Vielleicht wollen sie auch bloss die Vorstellung hinauszögern, dass sie dereinst einen gemeinsamen führen könnten. Sie tun gut daran, die Verliebten.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|