NZZ Folio 08/98 - Thema: Grossbauten   Inhaltsverzeichnis

Der Baustatiker

Von Jacqueline Schärli

ALS MITTE JUNI in Dänemark die Brücke über den Grossen Belt eingeweiht wurde, versuchte Peter Marti, nicht an sie zu denken. Das war schwierig, denn alle Welt lobte ihre Schönheit, vor allem die der Hängebrücke im Osten. Aber Peter Marti sah nur den westlichen Brückenteil. Aus der Nähe besehen sei der ziemlich plump geworden. Er kann die Enttäuschung nicht verbergen, wenn er von dem Bauwerk erzählt, für das er eine der besten Ideen seiner Berufslaufbahn hatte.

Genaugenommen waren es zwei Ideen gewesen. Eine zuviel.

Der heute 49jährige Professor für Baustatik und Konstruktion an der ETH Zürich war damals, 1989, technischer Direktor der Firma VSL, einer Tochter der Bauunternehmung Losinger, die in einem holländisch-englisch-schweizerischen Konsortium für den Überbau des sechseinhalb Kilometer langen Brückenteils zwischen Fünen und der kleinen Insel Sprogö zuständig war. Marti und sein Team fanden die überzeugendste Lösung: Sie versetzten bis zu siebentausend Tonnen schwere Betonelemente für Überbau und Fundation mit einem riesigen Schwimmkran. Die Nahtstelle der Betonstücke konnten sie so zwischen die Brückenpfeiler legen statt auf sie, wo die Beanspruchung am grössten ist. Dass das wirklich möglich war, darüber staunte die Fachwelt.

Diese Lösung war zwar technisch ausgezeichnet, aber noch nicht unbedingt schön. Marti hatte noch eine zweite Idee. Er wollte die Fahrbahnen für Auto und Zug übereinanderlegen und mit einem Fachwerk aus vorgespannten Betondiagonalen verbinden. Das hätte den westlichen Brückenteil vollkommen aussehen lassen, schlank und elegant.

Aber dafür war die Zeit noch nicht reif. Eine neue Technik aufs Mal genüge, fand das Unternehmerkonsortium, und beschränkte sich auf die Schwimmkrantechnik mit zwei nebeneinanderliegenden Fahrbahnen für Zug und Strasse. Das Konsortium erhielt den Zuschlag, aber schön, sagt Marti, schön finde er die Westbrücke nicht. Er bedauert noch heute, acht Jahre nachdem er die Professur an der ETH angetreten hat, dass nicht seine ästhetischere Lösung realisiert wurde. Kein einziges Bild erinnert in seinem Büro an der ETH Hönggerberg an diesen massgeblichen Bau in seiner Karriere.

Als es während des Gesprächs plötzlich zu knallen beginnt, zuckt Marti schicksalsergeben die Achseln. Wenn die Sonne scheint, erwärmt sich gegen vierzehn Uhr die Glasfassade des Gebäudes, und die Scheiben beginnen sich zu verziehen. Wie Pistolenschüsse klingt es für ungewohnte Ohren, wenn sich die Spannung entlädt. Ein Problem der Bauphysik, ausgerechnet im Büro des Professors für Baustatik, der auf die Frage nach dem Zentralen im Leben die Arme ausbreitet, so dass sie eine Waage bilden, und zur Antwort gibt: «Harmonie und Gleichgewicht.»

Grossbauten sind immer Prototypen. Die Umsetzung macht deshalb manch angehendem Bauingenieur angst. Aber Professor Marti hat ein Rezept gegen diese Angst: Seinen Studenten versucht er beizubringen, einen Grossbau sich zuerst vorzustellen, ihn in Einzelteile zu zerlegen und diese dann sinnvoll zusammenzusetzen. Ein «Husarenstück» gelang ihm und seinen Mitarbeitern damit 1987 bei einem Hochhaus in Hongkong, als sie innert eines Monats eine 4,5 Meter starke, 80 Meter lange und 30 Meter breite Betonplatte, einen sogenannten Abfangtisch, auf 45 Meter hohe Pfeiler stellten, so dass - Zeit ist Geld - darauf bereits mit dem Hotelbau begonnen werden konnte, während unter der Platte noch die Garagen und Läden gebaut wurden.

Der Mann, der im Vorlesungssaal wegen seines militärischen Auftretens gefürchtet und für sein Fachwissen bewundert wird, der seine Studenten in mündlicher Baustatik um sieben Uhr früh prüft, weil er am Morgen am besten arbeiten kann, sagt von sich, er habe nie Angst gehabt vor Grossbauten. Selbst in seiner Freizeit lassen ihn die grossen Dinge nicht los. Wann immer er ein paar Tage frei hat, geht er mit seinem 20jährigen Sohn auf Bergtour. In diesem Sommer auf die Dufourspitze. Die ist 4634 Meter hoch.


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