NZZ Folio 03/04 - Thema: Gesundheit   Inhaltsverzeichnis

Süsse Sorge um das Selbst

© Jérôme Bischler, Schönenberg Z...
Es gibt kaum noch Gesunde – nur Menschen, die nicht gründlich genug untersucht worden sind. Linktext
Multiple Chemikalienunverträglichkeit, Fibromyalgie, KiSS-Syndrom, krankhafter Liebeswahn: Werden wir immer kränker? Oder sind wir bloss eingebildete Kranke?

Von Werner Bartens

Epidemiologisch gesehen ging es uns nie so gut wie heute. Nie war der Gesundheitszustand der Bevölkerung erfreulicher, die Lebenserwartung höher. Doch die Menschen haben auch gelernt, ihrem Wohlbefinden zu misstrauen. 16 Prozent der Schweizer, so zeigt die letzte Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik, haben ein chronisches gesundheitliches Problem körperlicher oder psychischer Natur. Und es häufen sich die Klagen über diffuse Befindlichkeitsstörungen wie Rücken- oder Kopfschmerzen, bei denen trotz intensiver Diagnostik keine genauen Ursachen gefunden werden. Die Gesellschaft hat sich auch in Krankheitsfragen ausdifferenziert. Männer leiden anders als Frauen, Lehrer anders als Ärzte und Angestellte anders als Selbständige.

Dementsprechend ist eine eigentliche Befindlichkeitsindustrie entstanden. Mediziner und Therapeuten beschreiben neue Krankheiten, pathologisieren das bisher Normale und katalogisieren es in wohlklingenden Diagnosen. Taucht ein neues Leiden auf, werden sogleich Kongresse organisiert. Pharmafirmen lancieren neue Produkte zur Diagnose und Therapie.

Es ist verblüffend, wie viele Krankheitsangebote fortwährend auftauchen. Wer an immer wieder anderen Stellen am Körper Schmerzen verspürt oder Schwellungen fühlt, die man nicht sehen kann, leidet möglicherweise an Fibromyalgie. Wer viel arbeitet und rastlos betriebsam ist, verdeckt damit möglicherweise bloss seine Schwermut, das sogenannte Sisi-Syndrom. Frauen – und neuerdings auch Männern – wird ein Hormonmangel angedichtet, wenn sie in die Jahre kommen. Impotenz ist spätestens seit der Werbung für Viagra («Sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber») von der Medizin vereinnahmt worden; sie ist nicht mehr primär eine gelegentliche Unpässlichkeit, sondern zu einer therapiebedürftigen Krankheit geworden. Cholesterin und Blutdruck werden in immer niedrigere Grenzwerte gepfercht, so dass bei mehr als der Hälfte der Erwachsenen zu therapierende Werte gemessen werden.

Die Zahl der Diagnosen nimmt zu – auch wenn sie bisher nur bei einer Handvoll Betroffener zu beobachten waren. So wurde im Frühjahr 2001 erstmals in der Fachzeitschrift «Der Hautarzt» die «Botulinophilie» beschrieben und umständlich als «neue Lifestyle-Venenophilie» charakterisiert. Die an der dermatologischen Klinik im ostdeutschen Erfurt tätigen Autoren schilderten Erfahrungen mit dreizehn (!) Patienten, die den Eindruck hatten, stark zu schwitzen. Die Patienten hatten von einer Behandlung mit Botulinum-Toxin gehört, einem Bakteriengift. Bei 23,1 Prozent der Patienten lag jedoch eine «normwertige Schweissbildung» vor. Doch auch sie drangen auf eine Therapie mit Botulinum-Toxin. 23,1 Prozent von dreizehn, das sind drei Patienten. Weil ganze drei Bewohner der neuen Bundesländer Spritzen gegen das Schwitzen wollten, obwohl sie nicht übermässig schwitzten, meinten also die Ärzte, eine neue Krankheit beschreiben zu müssen.

Diese Beispiel ist kein Einzelfall. Im Oktober 2001 verschickte der Springer-Wissenschaftsverlag eine Medienmitteilung mit der Ankündigung: «Krankhafter Liebeswahn. Die ‹Paranoia erotica› ist eine ernst zu nehmende psychische Störung.» Die Mitteilung stützte sich auf einen Beitrag von zwei Psychiatern, der zuvor in der Zeitschrift «Der Nervenarzt» erschienen war.

Nicht nur die Krankheiten haben sich mit den Jahren verändert, sondern auch das Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Kranke gehen heute häufig nicht mehr zuerst zum Hausarzt, sondern gleich zum Spezialisten – etwa dem Hals-Nasen-Ohren-Arzt bei Schnupfen. Der spezialisierte Facharzt erfüllt zwar die Sehnsucht nach einer optimalen Behandlung, aber oft nicht den Wunsch nach umfassender Betreuung und Fürsorge. Viel häufiger als früher wird der Arzt auch gewechselt: So wie es Lebensabschnittsgefährten im Privaten gibt, nimmt sich der mündige Patient für seine Gesundheit den Teilleistungsexperten als Arzt.

Nun will natürlich niemand bestreiten, dass es Patienten gibt, die an einer ernsten Krankheit leiden und die bestmögliche medizinische Hilfe benötigen. Oft wird während des diagnostisch-therapeutischen Hürdenlaufs aber bloss eine kleine Abweichung vom Normalbefund entdeckt. Und das genügt bereits, dass bei vielen Betroffenen die Überzeugung wächst, sie seien ernsthaft körperlich krank. Das trifft zwar in den seltensten Fällen wirklich zu. Doch der Befund sitzt. Der Arzt hat es ja bescheinigt.

Fast die Hälfte der Patienten in den Praxen der Mediziner haben jedoch nicht einmal eine kleine Abweichung vom Normalbefund, sondern lediglich «funktionelle Beschwerden». Darunter werden Leiden verstanden, bei denen nichts Krankhaftes festgestellt wird. Am häufigsten betroffen sind Magen und Darm, Herz, Kreislauf und Rücken. Der Umgang damit ist schwierig. Bekommen die Patienten zu hören, sie hätten nichts, sind sie enttäuscht. Wird ihnen gesagt, sie hätten etwas, sind sie auch enttäuscht. Am besten sagt der Arzt: Wir finden keine Ursache, aber Sie haben trotzdem Beschwerden.

Als Erklärung, wenn kein krankhafter Befund gefunden wird, heisst es häufig: «Das ist psychisch.» Aber auch diese vulgärpsychosomatische Deutung hat einen Haken. Denn psychosomatische Leiden werden häufig moralisierend bewertet: Krankheiten sind dann nicht einfach nur Krankheiten, sondern Botschaften für die Betroffenen, ihre Lebensführung zu ändern. Das kann nicht nur zur Gesundung führen, sondern auch zur Beschuldigung und Selbstbezichtigung der Kranken als Opfer ihrer selbst: Wer dafür sorgen kann, dass er gesund bleibt – so das unausgesprochene Credo –, ist schliesslich selber schuld, wenn er krank wird.

Die Pathologisierung des Lebens beginnt bereits im Kindesalter. Elte rn gehen mit ihrem Nachwuchs schneller zum Arzt als noch vor wenigen Jahren. Es gibt Mütter, die glauben, ihre Töchter im Kindergartenalter hätten «Pilze» im Darm und müssten auf bestimmte Nahrungsmittel verzichten. Den Kindern ist die übertriebene Fürsorge meistens lästig. Doch die Medizin befriedigt die Bedürfnisse der Eltern nach Erklärungen für jedes Verhalten und alle Launen des Nachwuchses. So sind mittlerweile nicht nur Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefizit (jetzt auch für Erwachsene!) zu Modediagnosen mit epidemischen Ausmassen geworden. Auch für andere Abweichungen gibt es inzwischen Fachleute.

Kinderärzte spezialisieren sich auf die Behandlung von Ein- und Durchschlafstörungen. Eine weitere Modediagnose ist «Schreikind». Natürlich schreien Kinder, manche Eltern sind nicht zu beneiden. Doch neuerdings gibt es Definitionen, wie viel Schreien toleriert werden kann. Eltern registrieren jede Abweichung von der Norm und schleppen ihre Kinder zum Arzt. Zum Beispiel wegen des KiSS-Syndroms. Die harmlos klingende Abkürzung steht für «Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung». Die Diagnose ist bereits im Säuglingsalter zu gebrauchen – wenn das Kind den Kopf einseitig dreht, schreit oder sich nur auf eine Seite rollt. Aus Sicht von KiSS-Therapeuten sind Kopfweh, Schlafstörungen, Fieber und natürlich Aufmerksamkeitsdefizite auf das ominöse Syndrom zurückzuführen, aber auch Dreimonatskoliken, Sabbern und kahle Stellen am Kopf.

KiSS-Therapeuten behandeln die vermeintliche Störung mit Druck im Nacken. Die selbsternannten Heiler massieren bestimmte «Wahrnehmungsrezeptoren», die sie zwischen Schultern und Kopf vermuten. Die Wartezeiten bei manchen KiSS-Spezialisten betragen mehrere Wochen, die Praxen sind voll, die Diagnose boomt. Dabei bezweifeln Kinderneurologen, dass es das Krankheitsbild überhaupt gibt. Wissenschaftliche Untersuchungen zu der Krankheit liegen nicht vor, und die Beschreibungen von Ursache, Diagnose und Behandlung sind vage. Das Vokabular jedoch mag manchen Eltern aus dem Herzen sprechen: Da ist von «langen und erschwerten Geburten» die Rede, von «Schieflagen» oder «Enge» im Mutterleib und vom Weg zur Natürlichkeit. Die Kanäle zum und vom Gehirn müssten «frei gemacht», Blockaden gelöst und «falsche Informationen» abgewehrt werden.

Kinderlosigkeit, Glatze, Fettleibigkeit, Minderwuchs – Krankheit oder Schicksal? Hinnehmen oder behandeln? Die medizinischen Dienstleister liefern laufend Diagnosen und Therapieangebote. In Zeitschriften und im Fernsehen werden die neusten Trends vorgestellt, was die Nachfrage erst recht stimuliert. Im Internet und in Selbsthilfegruppen kursieren Meinungen über Erkrankungen aller Art. Und so sind wir auf dem besten Weg, zu hilflosen Experten unserer eigenen Gesundheit zu werden.

Bei Umwelterkrankungen wie der multiplen Chemikalienunverträglichkeit ist die Ratlosigkeit besonders gross. Archivare werden von den Büchern krank, die sie umgeben, Schreiner von Leim und Beamte von Tipp-Ex. Nun bezweifelt niemand, dass Baustoffe, Reinigungsmittel, Lacke oder Farben die Gesundheit schädigen können. Auch die potentiell krank machenden Auswirkungen schlecht gelüfteter Räume und unzureichender Lichtverhältnisse sind Arbeitsmedizinern bekannt. Doch bei manchen Menschen treten Beschwerden auf, wenn die gemessene Schadstoffkonzentration am Arbeits- oder Wohnort weniger als ein Prozent des gesetzlich zulässigen Höchstwertes beträgt.

Dann betreiben die Betroffenen selbst Ursachenforschung und bieten eigene Deutungen an. Diagnosen können schliesslich entlasten, wenn endlich eine Ursache für die diffuse Befindlichkeitsstörung gefunden wurde. Im sozialen Umfeld oder im Beruf führen sie zu Rücksichtnahme. In der Medizin werden Abteilungen neu eröffnet und Projekte initiiert.

So entwickeln Krankheiten und ihre Deutungsmuster eine Eigendynamik, von der alle Beteiligten profitieren. Medizin und Wissenschaft suchen und finden Erklärungen, die von Patienten dankbar aufgenommen werden und sich verbreiten, wenn sie plausibel sind. Die steile Karriere vom ominösen Syndrom zum anerkannten Leiden ist nicht mehr zu stoppen.

Bis Mitte der siebziger Jahre war die Diagnose «multiple Persönlichkeit» eine Kuriosität. Mitte der achtziger Jahre kam es zu einer exponentiellen Zunahme der Diagnose. Gab es eine neue Form des Wahnsinns? Als Ursache des Leidens wurden traumatische Erfahrungen in der Kindheit, zumeist sexueller Art, vermutet. Dann wies der kanadische Philosoph Ian Hacking nach, dass die zunehmende Aufmerksamkeit für sexuellen Missbrauch während der achtziger Jahre mit der Etablierung des Syndroms einherging; Erklärungen, die von therapeutischer Seite kamen, passten in den gesellschaftlichen Kontext. Als diese Zusammenhänge aufgedeckt und angesprochen wurden, gab es mehr und mehr Zweifel an der Erkrankung. Und damit nahm auch die Diagnosehäufigkeit ab.

Grundsätzlich sind derartige Moden keineswegs nur ein Phänomen unserer Zeit. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand ein neues Leiden an der Fortbewegung. «Eisenbahnkrankheiten» wurden zu einer populären Diagnose. Dienstpersonal wie Reisende klagten über Zittern, Ermüdung und Erschöpfung. Nervöse Reizbarkeit und Verdauungsstörungen wurden ebenfalls nach häufigen Bahnreisen beobachtet.

Hier drückten sich diffuse Ängste und bisher unbekannte Erfahrungen körperlich aus – die neuartigen Vibrationen, die schnell wechselnden optischen Eindrücke und die veränderte Wahrnehmung von Raum und Zeit kurz nach Einführung der Eisenbahn. Das Leiden fand bald Eingang in die Lexika und Medizinbücher des 19. Jahrhunderts. Mit der Zeit verdrängten die Reisenden vor lauter Zerstreuung und Genuss jedoch das anfängliche Misstrauen gegenüber der Geschwindigkeit und das Unbehagen angesichts der gewaltigen Maschinen. Der Passagier um 1900 hatte im Vergleich mit dem Eisenbahnreisenden um 1860 eine «dickere Haut» entwickelt. Er fühlte sich durch die neue Art der Fortbewegung nicht mehr überfordert und hatte einen «Reizschutz» erlernt. Das Empfinden wurde abgepolstert, das Leiden verschwand.

Ist die Angst vor Elektrosmog oder Amalgam die «Eisenbahnkrankheit» unserer Tage? Tatsache ist, dass sich unsere Wahrnehmung von Gesundheit unter dem Diktat von Risikoabwägungen zunehmend verflüchtigt. Es gibt kaum noch Gesunde – nur Menschen, die nicht gründlich genug untersucht worden sind. Mehr als die Hälfte aller Schwangerschaften gelten nach den Kriterien der Medizin bereits als Risikoschwangerschaften. Wir tragen genetisches Gefahrenpotential in uns, andauernd entstehen Krebszellen in unserem Körper. Der Verfall, so wird uns suggeriert, schreitet beständig fort, und deshalb sollen wir uns zur «Vorbeugung» und «Risikominimierung» untersuchen und behandeln lassen, auch wenn wir uns eigentlich gesund oder zumindest wohl fühlen. Die Situation ist paradox: Einerseits soll jeder sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und für seine Gesundheit sorgen. Andererseits ist Gesundheit zu einem Idealzustand erhoben worden, der nur noch für die wenigsten zu erreichen ist.

Der Psychiater Klaus Dörner brachte das «Leiden an der Gesundheit» im September 2002 im «Deutschen Ärzteblatt» auf den Punkt: «Je mehr ich für meine Gesundheit tue, desto weniger gesund fühle ich mich. In diesem Sinne ist Gesundheit eben nicht machbar, nicht herstellbar, stellt sich vielmehr selbst her. Gesundheit gibt es nur als Zustand, in dem der Mensch vergisst, dass er gesund ist.» Diese Selbstvergessenheit lassen wir selten zu. Ärzte, Pharmaunternehmen und Patientengruppen sorgen dafür, dass uns ein Zustand ohne Beschwerden suspekt vorkommt. Unsere süsse Sorge um das Selbst tut ein Übriges.

Werner Bartens, Arzt und Historiker, ist Redaktor der «Badischen Zeitung» in Freiburg. Er verfasste ein Buch über Modeleiden, «Was hab ich bloss? Die besten Krankheiten der Welt» (2003). Im März 2004 erscheint von ihm das «Lexikon der Medizin-Irrtümer» (Eichborn-Verlag).


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