NZZ Folio 11/03 - Thema: Erben   Inhaltsverzeichnis

Künstlerpech

© Suzanne Schwiertz, Zürich
Kaspar Streiff: «Hätte ich früh geerbt, dann hätte ich wahrscheinlich jetzt gar nichts mehr. So wie ich mich kenne.» Linktext
Der Industriellenenkel und Millionärssohn Kaspar Streiff, heute 60-jährig, hatte sich eigentlich auf ein Leben in Wohlstand eingerichtet.

Von Lilli Binzegger

Er giesst sich Rotwein ins Glas, es ist nicht sein erstes Glas heute. Er zündet sich eine Parisienne an, sucht aus etwas verschwommenen hellblauen Augen den Blick seines Gegenübers und sagt, was man nicht sagen darf: «Ich bin einer, der auf sein Erbe wartet.»

Kaspar Streiff, sechzig, ist einer, der sein Leben lang auf sein Erbe gewartet hat und immer noch darauf wartet und zugleich sein Leben lang sein Möglichstes tat, den Vater, der jetzt 98 ist, achtundneunzig, davon abzuhalten, ihm im Voraus wenigstens schon mal etwas davon abzugeben. Obwohl er, Kaspar, exakt wenigstens das wollte.

«Also gut, ich schildere Ihnen jetzt kurz meine Geschichte», sagt er am Tisch in der Stube der Zürcher Altstadtwohnung. Er ist gerade aus dem Gemeinschaftszentrum zurückgekehrt, dort kochen er und seine Frau täglich für zwanzig Altstadtkinder. 2000 Franken nehmen sie mit dem Mittagstisch monatlich ein. Es ist ihr ganzes Erwerbseinkommen und deckt gerade knapp die Miete der Fünfzimmerwohnung.

«Also gut», sagt er. «Das ist ungefähr so: Wir sind die Streiff AG.» Er sagt «wir», weil er trotz allen umsichtigen Ränken des Vaters vor ein paar Jahren doch noch in den Besitz von Aktien kam und seither an den Aktionärsversammlungen «sehr rührende Reden» hält. Und erzählt, wie sein Glarner Grossvater 1905 zusammen mit einem anderen die Baumwollspinnerei in Aathal vom Zürcher Oberländer Textilbaron Kunz übernahm, mit Bankkrediten bald einmal den anderen auszahlte, wiederum bald die Bankkredite abtrug und alleiniger Besitzer der Fabrik wurde, mit der er während kürzester Zeit Geld machte. Er hatte fünf Kinder, und als er 1931 starb, war das zweitjüngste, Kaspars Vater, 26-jährig.

Ab diesem Moment war Kaspar Streiffs Vater Millionär. Zwei Brüder übernahmen die Leitung der Fabrik, der Vater bekam einen Fünftel des Erbes und war fortan, sagt sein Sohn, hauptberuflich Aktionär. Er habe manchmal vielleicht noch ein Dach renoviert oder Baupläne für Arbeiterhäuschen gemacht. Er war Architekt, hatte am Bauhaus in Dessau, wo er auch seine Frau kennenlernte, seine Ausbildung gemacht und seinerzeit am Projekt der Werkbundsiedlung Neubühl in Zürich Wollishofen «ein wenig mitgearbeitet», wo die Familie dann zeitlebens auch wohnte.

«Er ist», sagt Kaspar Streiff, das «Man-würde-es-nicht-für-möglich-Halten» auf der Stirn, «also einmal relativ fortschrittlich gewesen».

Seit der Vater 26-jährig war, lebte die Familie also zur Hauptsache von den Vermögenserträgen. Die Hauptbeschäftigung des Vaters sei gewesen, im Sessel zu sitzen und die NZZ zu lesen. Dieses Lebensgefühl von «Saniertsein» habe er den Kindern mit auf den Weg gegeben. Er habe ihnen gezeigt: man muss nicht arbeiten zum Leben, es geht auch anders. Den Kindern heisst: ihm und seinen drei älteren Geschwistern, die anders geworden sind als er. Anders als er heisst: keine Müssiggänger und Revoluzzer.

Kaspar Streiff hat am Freien Gymnasium die Matura gemacht. Wenn er schlecht war, habe der Vater wohl einfach wieder etwas mehr bezahlt, und er kam eine Klasse weiter. (Jetzt lacht Kaspar Streiff sehr.) Anders als sein Sohn, das dritte seiner vier Kinder, der jetzt 14 ist und, wie er voller warmer Zuneigung sagt, «ein ganz fauler Siech» sei und in der Sekundarschule immer gerade knapp durchkomme, sei er selbst geistig aber schon ehrgeizig gewesen. Er wollte mehr gelesen haben als der Vater, und die Lehrer am Gymi liess er wissen, sie hätten keine Ahnung von Goethe und Kleist.

Mit 23 ging er nach Berlin, vorher hatte er in Zürich eine Theaterausbildung gemacht und war am Schauspielhaus Dramaturg. In Berlin wurde er sofort links. Er war antiamerikanisch, der Vater war proamerikanisch und nicht davon abzubringen, dass die Amerikaner recht hatten mit dem Vietnamkrieg. Es war der Beginn eines lebenslangen Zerwürfnisses, das fast nur für die Zeit der Ehe mit der Schauspielerin Nikola Weisse unterbrochen sein sollte, mit der Kaspar Streiff zwei Töchter hatte, an denen sich der Vater erfreute.

Ab jetzt merkt man, dass dieser Mann seine Geschichte wie ein Haus von Estrich bis Keller bewohnt und jeden Winkel blind kennt. Sie sitzt ihm als eine zweite Haut auf dem Leib wie die abgetragene blaue Strickjacke, die er trägt.

Als die Grossmutter starb, verteilte der Vater die Hälfte dieses Erbes, gut eine Million Franken, an die vier Kinder. Die drei älteren bekamen ihren Anteil ausbezahlt, er, der Jüngste, der Marxist, bekam ihn mit einem Vorbehalt zugesprochen, der ihn nicht darüber verfügen liess. Das hat ihn, der ständig blank war, «natürlich angeschissen». Er nahm sich Franz Schumacher zum Anwalt und bekam «nach einer bitteren Zeit mit dem Vater» schliesslich recht. Er bekam am Schluss «diesen Batzen», die 300 000 Franken, er war 27 und immer noch in Berlin. Er hat den Batzen dann «sorgfältig verbraucht».

Kaspar Streiff war etwa 30, als der Vater ihn enterben wollte. Da hätten sie halt wieder nur über die Anwälte verkehrt. Der Vater habe dann eingesehen, dass er mit der Enterbung nicht durchkäme, weil das, was er gegen ihn vorbrachte, zu wenig schwerwiegend war. Dazu müsste er den Vater schon ernsthaft in der Öffentlichkeit beleidigt oder die Firma schwer geschädigt haben. Seine extreme politische Haltung, die «schwankenden Beziehungen», dazu habe er auch noch Drogen genommen, das alles habe den Vater zwar auf die Palme gebracht, aber für die Enterbung reichte es nicht aus.

Vor kurzem hat er den Briefwechsel zwischen ihm und dem Vater wiedergelesen. Die Mutter, die weicher und nachgiebiger war und den Kontakt mit dem Sohn zu allen Zeiten aufrechterhielt, hatte alles aufbewahrt, die Doppel der Briefe des Vaters und seine eigenen. «Als ich das las, habe ich Tränen vergossen über die unglaubliche Härte, mit der wir aufeinander losgegangen sind, mit der wir einander fertiggemacht haben.» Jeder warf dem andern vor, er habe in seinem Leben nichts getan.

Es kam zu einer dritten Runde mit dem Vater, was das Erbe betraf. Während seine Geschwister noch lange über die Ausbildung hinaus unterstützt worden waren, hatte er ihm, Kaspar, ab dem 24. Lebensjahr jeglichen Zustupf versagt. 1989, also viel später, fand er, diese Ungerechtigkeit müsse ausgeglichen werden. Sie wurde ausgeglichen, Kaspar Streiff bekam recht sowie 82 000 Franken. Wieder hatte er sich einen Anwalt genommen, er verfasste aber für ihn die ganze erforderliche Korrespondenz. Später sagte ihm der Vater: Wieso kannst du nicht sein wie dein Anwalt, der ist ein höflicher Mensch und hat Stil.

Wie er das erzählt, kann sich Kaspar Streiff fast nicht halten vor Lachen. «Ich habe, wie ich dann merkte, ganz anders geschrieben, als wenn ich ihm direkt geschrieben hätte.» Dass der Vater ihm zur netten Sprache des Anwalts gratuliert hat, die in Wirklichkeit seine war, hat ihn irgendwie versöhnt, seither kommt die Fehde nicht mehr aufs Tapet. «Die ist erledigt.» Seither sei ihr Verhältnis – er zögert, lacht sein hustendes Lachen – «gut».

Kaspar Streiff hat «relativ selten ausreichend fürs Leben verdient». Genau gesagt: nur während der vier Jahre, in denen er Dokumentalist bei Ringier war. Ab und zu arbeitete er ein wenig am Theater, dann und wann schrieb er einen Beitrag für eine Zeitung. Einmal bot er der NZZ-Wochenendausgabe an, über Victor Hugo zu schreiben. Und zwar, weil er noch nie etwas von Victor Hugo gelesen habe, was ihm als guter Zugang erschien. Die Redaktion liess sich auf das Experiment ein, worauf er – für jede Redaktion unerschwinglich, solchen Zeitaufwand voll zu honorieren – ein paar tausend Seiten Hugo auf Französisch und ein paar hundert Seiten Sekundärliteratur las und einen gescheiten und schönen Text verfasste. Gelegentlich bat er, unter Hinweis auf sein zu erwartendes Erbe, auf Redaktionen um Vorschuss. Zeitweise hat er von der Fürsorge gelebt, die Beiträge zahlte der Vater jeweils zurück. Er schrieb ein Theaterstück und Bücher, die ihm ausser dem neuerlichen Zorn des Vaters nichts eintrugen, eine Agitationsschrift zum Generalstreik etwa, und sein Theaterstück führten die AKW-Gegner an ihren Aktionen auf.

1997 starb seine Mutter, mit 97. «Dort ging’s mit dem Erben glatt.» Die Hälfte des Erbes bekam der Vater, die andere Hälfte wurde zu gleichen Teilen auf die vier Kinder aufgeteilt. Seinen Anteil, die 300 000 Franken, hat er, sagt er, jetzt aber auch schon wieder zu mehr als der Hälfte verbraucht.

Jetzt sagt Kaspar Streiff etwas, was man erst recht nicht sagen darf: «Ich wäre froh, wenn mein Vater sterben würde.» Man hofft, er füge jetzt etwas hinzu wie: es wäre das Beste für ihn. Aber er sagt: es wäre das Beste für uns. Er sagt, dass das Altersheim, in dem der Vater lebt – zwar ohne grosse Erinnerung, aber auch ohne grössere Beschwerden –, 150 000 Franken pro Jahr koste. Uns, das sind er und seine drei Geschwister, mit denen er, «was das betrifft», ein viel besseres Verhältnis habe, seit er das einmal ausgesprochen hat.

Wird da denn überhaupt noch etwas zu erben sein?

«Jetzt, da die Aktienkurse wieder steigen, würde ich sagen: drei Millionen hat er schon.» So dass für jeden etwas herausschauen sollte. Das Altersheim zahlt der Vater aus den Kapitalerträgen.

Herr Streiff, wie wäre Ihr Leben verlaufen, wenn Sie geerbt hätten, als Sie noch jung waren?

«Dann hätte ich wahrscheinlich jetzt gar nichts mehr. So wie ich mich kenne. Man kann also fast sagen: es ist besser so.»

Was tun Sie mit dem Geld, wenn Sie es haben? Was ändert sich an Ihrem Leben?

«Nichts. Es ändert sich nichts. Vielleicht mache ich schöne Reisen. Das könnte schon sein.»

Und jetzt die hypothetische Frage: Wenn er in einer gewöhnlichen Mittelstandsfamilie aufgewachsen wäre, ohne die Idee, dass er einmal viel Geld haben würde, wie wäre dann sein Leben verlaufen?

Wäre er in einer Familie aufgewachsen mit einem Vater, der arbeitet, einer Mutter, die den Haushalt macht, dann hätte er, sagte er, «vielleicht schaffen gelernt».

Kaspar Streiff hat aus seiner zweiten Ehe mit Barbara, der schönen und fröhlichen Frau, die sehr lebenstüchtig wirkt, nochmals zwei Kinder, einen 14- und einen 11-jährigen Sohn. Die Töchter aus erster Ehe sind lange erwachsen. Gibt er seinen Kindern nicht dasselbe Vorbild ab, wie sein Vater es ihm abgegeben hat?

«Ich fürchte, ja.» Indem sie ja auch einen Vater erlebten, der (er lacht) relativ wenig tut. Das heisst, Holz scheiten tue er oft, und kochen.

Hat er nicht Angst, dass die Kinder auch auf seinen Tod warten, damit sie ans Geld kommen?

«Ich habe ihnen versprochen, dass nichts mehr da sein wird, wenn ich sterbe.» Und selbst wenn etwas da wäre, dann werde es so wenig sein, dass es zu Lebensplanungen, wie er sie einmal hatte, nicht tauge.

Und wie hat die Lebensplanung denn ausgesehen?

Er hatte vorgehabt, sich ein gutes Leben zu machen und das ganze Geld zu verprassen, für sich ganz allein. Jetzt weiss er aber, dass es anders gekommen wäre, dass er sich das gute Leben nicht allein gemacht hätte, sondern in jedem Fall mit einer Familie, er ist ein Familienmensch.

Was hält er vom Erben?

«Erben ist ein Privileg der Reichen, und das muss besteuert werden.» Er habe Nein gestimmt, als im Kanton Zürich die Erbschaftssteuer abgeschafft werden sollte. «Als sie dann dennoch abgeschafft wurde, da war ich hinter vorgehaltener Hand aber doch froh.»

Hat sein Vater, wenn er ihn schon nicht enterben konnte, denn nie versucht, ihn wenigstens auf den Pflichtteil zu setzen?

Kaspar Streiff sagt erst nichts. Da denkt man schon: Steigt in ihm am Ende jetzt ein schrecklicher Verdacht hoch? Dann sagt er: «Nein.»

Lilli Binzegger ist stv. Redaktionsleiterin von NZZ-Folio.


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