NZZ Folio 10/96 - Thema: Jenseits von Washington   Inhaltsverzeichnis

E-Mail -- Babylonische Farbverwirrung im PC-Tower

Von Franz Zauner

DIE GRAUE VORZEIT des World Wide Web war ziemlich grau. So grau, dass man kam, sah und gähnte. Alle Bildschirmfenster, Zwischenräume und Hintergründe trugen Londoner Nebel. Trauerschwarze Buchstaben waren die einzige Verpackung für Gedanken, und auch die gab es nur in sechs Grössen. Nur das Glimmen der blauen Links sorgte dann und wann für bescheidene Illumination. Im Netz war immer November.

Was ist schön? Die Frage schien sich schon erübrigt zu haben, bis die Maler und Anstreicher kamen. Die Welt erstrahlte plötzlich in 256 Farben.

Seitdem gibt es einen Wettlauf um den schrillsten Browser. Das Treiben wurde immer bunter, bis es in blauen Wundern kulminierte: Die Verpackung beginnt, ihren Inhalt zu fressen. Ob es grüne Schriften vor gelbem Hintergrund zu sehen gibt oder wirren Zeilensalat, mariniert mit türkisfarbenen Bildstörungen, wird zu einer Glücksfrage. Eine Tabelle in lieblichem Himmelblau mit pastellenem Herbstlaub-Schriftzug, einwandfrei auf einem Windows-Explorer, verwandelt sich ohne weiteres in ein unheimlich schwarzes Loch, wenn man sie mit Netscape von einem Mac aus besieht. Je artifizieller die Glitzerköstlichkeiten werden, um so festgelegter ist man bei den Zurüstungen. Und als ob das nicht schon Ohnmacht genug wäre, entscheiden ein paar flüchtige Einstellungen im Optionenmenu, welche Schrift und wieviel Graphik es zu goutieren gibt. Der Wildwuchs der Lesarten hat dazu geführt, dass simples Betrachten zur Sisyphusarbeit werden kann. Wir haben zuviel Avantgarde und zuwenig Routine.

Was ist schön? Als alles noch grau war, gab es keine Designpreise. Seit es sie gibt, ist alle Theorie grau. Nach welchen Kriterien prämiert man Webseiten? Wenn die Juroren nicht enggekuschelt von einer ebenso liebevoll wie gemeinschaftlich konfigurierten Plattform aus prüfen, sieht jeder etwas anderes. Es passt zur babylonischen Farbverwirrung, dass gerade die Firmen, die das Netz erfolgreich bunt machten, jetzt leuchtendrote Zahlen schreiben.

Heute wissen wir, dass Grau nicht nur die Farbe der Melancholie, sondern auch die Farbe der Ämter und Behörden, des Alltags und der Massanzüge, der Sicherheit und der Seriosität ist. Sie wird gerne in Umgebungen getragen, die Richtschnur, Regel und Normalmass haben. Wo sie nicht vorkommt, ist etwas nicht in Ordnung. Es ist Zeit, die Farbe Grau zu rehabilitieren.


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