AUCH SCHON mit dem Auto von A nach C über Y statt über B, von Morgarten (SZ) nach Sellenbüren (ZH) über Vallorbe (VD) gefahren statt über Hausen am Albis? Zwei Stunden von Wollishofen bis nach Wipkingen gebraucht, Luftlinie drei Kilometer oder so? Dort ohne Nerven und um ein Haar auch ohne Auto angekommen, weil Sie es fast in der Einbahnstrasse hätten stehenlassen, die falsch herum war? Geschimpft, bis sich die Scheiben beschlugen?
Unsereins ist jetzt geholfen. Ein Satellit, der auf einer Höhe von ungefähr 20 000 Kilometern die Erde umkreist, führt uns sanft zum Ziel. Beziehungsweise einer der 25 Satelliten des Global Positioning System (GPS), das das amerikanische Verteidigungsministerium entwickelt hat. Nicht direkt für Sie und mich, die den Weg nie finden, sondern für militärische Zwecke. Aber das Pentagon lässt uns Desorientierte das System mitbenutzen. Wir brauchen bloss ein GPS-Empfangsgerät an Bord unseres Autos, und schon weiss der Satellit dort oben genau, wo wir hier unten sind.
Für die Orientierung am Boden hat man, soweit es die Schweiz angeht, die Landeskarten im Massstab 1 : 25 000 und, wo jene zu ungenau waren, Luftaufnahmen genommen und auf dieser Basis das Strassennetz digitalisiert. Sogenannte Feldbegeher haben im Auto die Strassen und Strässchen abgefahren und auf dem Computer, auf dem diese als Vektoren dargestellt waren, die dazugehörigen Attribute eingegeben: die Strassennamen, die Abbiegeverbote, die Einbahnstrassen, Kreisel, Brücken, Tunnel und so fort. 44 000 Kilometer Schweizer Strassen und Strässchen sind bisher digitalisiert, das ist mehr als der Erdumfang. Wenn es also im Auto, das mit dem Navigationssystem ausgerüstet ist, aus dem Lautsprecher tönt: «Nach 50 Metern rechts abbiegen», dann kann man sicher sein, dass da irgendwann mal an genau dieser Stelle ein leibhaftiger Mensch mit dem Auto gestanden und festgestellt hat: Nach 50 Metern kann man rechts abbiegen.
Ob man das dann auch muss (vielleicht könnte man ja auch nach links), das bestimmt der Autocomputer, der die Strecke vom Start zum Ziel berechnet, sobald man ihm dieses eingegeben hat. Sie geben zum Beispiel ein: Zürich. Der Computer kapiert sofort und fragt nach der Strasse. Sie geben zum Beispiel ein: Badenerstrasse. Der Computer denkt einen Moment nach und meldet, er habe die Route berechnet. Jetzt können Sie fahren. Bald wird er - man arbeitet daran - auch noch nach der Strassennummer fragen, was einem bei so langen Strassen wie der Badenerstrasse nur recht sein kann.
Nun fragen Sie mich bloss nicht, wie das genau geht. Der nette Mann von der Navigationsgeräteherstellungsfirma hätte mir das den ganzen Tag lang erklären können, und ich hätte es noch immer nicht richtig begriffen. Und an ihm lag es nicht.
«Nach 50 Metern rechts abbiegen.» In der Tat geht es nach 50 Metern nach rechts! Wir sind unterwegs durch die Stadt Zürich und wollen auf den Bürgenstock (OW), weil es ein schöner Tag ist und man von dort eine prächtige Fernsicht hat und die Freundin ein bisschen Kurven fahren möchte und der Weg dorthin überdies eine spezifische Klippe aufweist (von der unser Auto noch gar nichts weiss!). Gestartet sind wir in Schlieren (ZH). Dort hat uns ein freundlicher Autoimporteur ein solches Navigationssystem zum Ausprobieren überlassen und um das Navigationssystem herum ein riesiges schwarzes Auto, wie man es fast nur aus dem Fernsehen kennt. Auf dem Display des Kleincomputers zwischen den Sitzen, in den wir unser Ziel eingetippt haben, zeigt der dicke Pfeil, der eben noch nach rechts gezeigt hat, jetzt geradeaus, und eine wohlklingende Frauenstimme teilt uns mit: «Dem Strassenverlauf weiter folgen.»
Wir sind baff und auch ein wenig befremdet. Woher weiss diese Frau, wo wir sind?
Diese Frau ist aber bloss Nachrichtensprecherin bei einer deutschen Radiostation und hat wahrscheinlich dort jetzt gerade die Nachrichten gesprochen und trinkt ihren Kaffee. Mit Sicherheit hat sie keine Ahnung davon, wen sie mit ihrer wohlklingenden Stimme in diesem Augenblick durch Zürich lotst. Der schönen Stimme wegen hat man sie ausgewählt, die CD-Rom zu besprechen, die zum elektronischen Lotsensystem gehört, von dem unser Auto gewissermassen die Bodenstation ist.
Die Firma, die es herstellt, hat die Schweiz in vier Regionen unterteilt und unterhält in jeder dieser Regionen einen Mann, einen lokalen Datenerfasser, einen Local Data Collector. Der kontrolliert Änderungen im Strassennetz, lässt sich von den Behörden über Bauprojekte und Signalisationsänderungen und dergleichen auf dem laufenden halten, damit es nicht plötzlich geradeaus heisst, wenn es in Wirklichkeit linksherum geht. Und überprüft die Strassennamen. Damit das System nicht am Ende Nägelistrasse meldet, obwohl die unterdessen in Gusti-Weder-Weg umbenannt worden ist. Denn das System meldet auf dem Display stets auch, wo genau man ist. So wie es einem am Ende der Fahrt freundlich mitteilt: «Sie haben Ihr Ziel erreicht.» Wir waren ungehorsam. Wir sind unterwegs vom richtigen Weg abgekommen, ja: mutwillig abgegangen, um in Immensee Fisch essen zu gehen. Wir sind, schon das war nicht recht, bei Cham von der Autobahn weg und dann auch noch nicht geradeaus gefahren, was den Schaden wenigstens klein gehalten hätte, sondern nach links. Den Kopf zwischen den hochgezogenen Schultern. Vielleicht sähe sie uns dann nicht. Die Frau bat uns freundlich, aber bestimmt, sofort umzukehren.
Wir hatten auch schon unbeschwerter Fisch gegessen.
Die Frau trug uns aber nichts nach und berechnete schicksalsergeben den Weg ab Immensee neu. Ein paar Fragen hätten auch wir an sie gehabt: Zum Beispiel hatte sie uns in Zürich auf die N 3 und nach der Ausfahrt Horgen über den Hirzel hierher Richtung Innerschweiz gelotst, obwohl der Weg über das Sihltal viel kürzer gewesen wäre. Jetzt wissen wir es: das Navigationssystem (die vom Verkehr geplagten Sihltaler Dörfer werden es ihm danken) führt die Leute nicht auf dem kürzesten Weg, sondern auf dem Weg des geringsten Widerstands zum Ziel. Also nicht auf der Kantonsstrasse, wenn es irgendwo in der Nähe auch eine Autobahn gibt. Die Autobahn hat Widerstand null. Das System ist gutartig, der Schleichweg durchs Wohnquartier am anderen Ende der Skala ist nicht seine Sache.
Was Sie hier lesen, sind bloss die Krümel einer Technologie, die erst am Anfang ist. Am Schluss hat man sich dann wohl das ferngesteuerte Auto vorzustellen, in das man sich nur noch hineinzusetzen braucht und das einen gefahrlos durch die Lande steuert, weil der Satellit des Navigationssystems nämlich besser sieht, ob einem in der unübersichtlichen Kurve einer auf der Überholspur entgegenkommt. Aber der käme einem ja gar nicht auf der Überholspur entgegen, weil dessen Auto ja via Satellit seinerseits sähe, dass da von der anderen Seite einer kommt.
Zuvor geht es aber sowieso noch um einfachere Dinge. Zum nächsten Parkhaus, zur nächsten Tankstelle, zum nächsten Hotel führt einen der Autolotse schon heute, nächstens werden Ferienregionen wie Graubünden oder das Berner Oberland nach besonderen Merkmalen elektronisch erschlossen. In anderen Ländern wird man zum Beispiel auch schon zu den schönsten Golfplätzen geführt. Ob es im Parkhaus dann auch einen freien Platz beziehungsweise im Hotel ein freies Bett gibt, weiss der Lotse hierzulande im Augenblick aber noch nicht. Ebensowenig wie er über Baustellen und Staus Bescheid weiss und über den Fasnachtsumzug vom Schmutzigen Donnerstag in Luzern, den wir zwei Frauen eigenmächtig umfahren haben, weil wir im Unterschied zum Lotsen Kenntnis davon hatten. Vielleicht wären wir sonst jetzt immer noch dort.
Mit Satellit und CD-Rom allein umschifft der Autopilot keine Staus. Darum soll jetzt dann der Verkehrsfunk ins Spiel gebracht werden. Der wird Staus nicht mehr nur via Autoradio ins Cockpit melden, sondern sie ungeheissen sofort in die Routenführung einspeisen. Der weiss dann auch über leere Hotelbetten und leere Parkplätze Bescheid. (Wenn ich das bloss alles richtig verstanden habe.) Telematik nennt sich die Wissenschaft von diesen Dingen, nach Duden ein Zusammenzug von Telekommunikation und Informatik, mit dem man den Forschungsbereich beschreibt, «in dem man sich mit der wechselseitigen Beeinflussung und Verflechtung von verschiedenen nachrichtentechnischen Disziplinen befasst». Was sich auf diesem Gebiet europaweit alles tut, kann man nur erahnen, wenn man im Internet mit diesem Kennwort auf eine Baustelle stösst («Site under construction»), die so gross ist wie die von Berlin.
Schlechte Zeiten für klandestine Verhältnisse und für Autodiebe, wenn bald jeder von jedem Auto wissen kann, wo es steckt. Jetzt wird's dann doch noch ernst mit dem Orwellschen Big Brother. Aber noch ist es nicht 1984. Im Augenblick stehe ich nämlich mit dem schönen grossen Auto in Ebertswil. Immerhin komme von dort ich. Ebertswil kennt er nicht, der Lotse. «Sie befinden sich auf einer nichtdigitalisierten Strasse», lässt er ausrichten. In Ebertswil war also noch kein Local Data Controller. Noch nicht einmal ein Feldbegeher. Auch schön.