Die Anordnung der Buchstaben auf der Tastatur hat eine seltsame Geschichte. Weil sich die Typen der ersten Schreibmaschinen bei schnellem Tippen verhakten, verteilte Christopher Sholes 1873 die Buchstaben auf der Tastatur so, dass man unmöglich schnell schreiben konnte. Wichtige Buchstabenfolgen legte er weit auseinander, die drei häufigsten Buchstaben der englischen Sprache, E, A und T, placierte er, für Rechtshänder tückisch, auf die linke Seite. Weil die oberste Reihe mit Qwerty (im Deutschen leicht verändert: Qwertz) begann, erhielt die Tastatur diesen Namen. Das wirklich Erstaunliche: Obwohl der Grund für die bewusst unergonomische Anordnung längst Geschichte ist, lebt Qwerty auch im Computerzeitalter weiter.
Warum eine einstmals brillante und heute unsinnige Erfindung über hundert Jahre lang nicht verbessert wurde, erklärt sich mit dem «Lock-in-Prinzip»: Weil Forscher die Zehnfinger-Blindschreibemethode auf dem fingerfeindlichen Qwerty-System der Remington-Schreibmaschine entwickelten, lernten Büroangestellte auf Qwerty schreiben. Dadurch wurden mehr Qwerty-Schreibmaschinen gekauft, was wiederum die Nachfrage nach Zehnfinger-Schreibkursen erhöhte. Diese Wechselwirkung zwischen Technologie, Gewohnheit und Markt verschaffte Qwerty ein Monopol. 1893 ersetzte George Blickensderfer die her kömmliche Buchstabenfolge mit DHIATENSOR. 70 Prozent der Wörter im Englischen lassen sich mit diesen elf Buchstaben schreiben. Eine geniale, chancenlose Erfindung.
Niemand stellte die wüste alte Buchstabenanordnung in Frage, denn dass Qwerty unergonomisch ist, weiss man erst, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird. 1931 tat dies August Dvorák (ein entfernter Verwandter des Komponisten). Auch er entwarf eine Tastatur mit einer neuen Buchstabenanordnung, auf der sich schneller schreiben liesse – auch sie war gegen Qwerty chancenlos. Dvorák starb 1975 verbittert. Anstelle der Maschinen wurden fortan die Benutzer verbessert. Über Jahre (in Amerika bis heute) stand das Zehnfingersystem auf dem Lehrplan von Schulen. 65 WpM (Wörter pro Minute) galten als gut. Aber nachdem der Computer die Schreibmaschine verdrängt hatte, setzte sich vor allem in Europa ein Zweifingersystem («Adler») durch, das in seiner Anwendung der Unsinnigkeit einer Qwerty-Tastatur in nichts nachsteht. Weniger als 10 Prozent der deutschsprachigen Gymnasiasten beherrschen heute das Zehnfingersystem, obwohl sie für fast 70 Prozent ihrer geschriebenen Wörter Qwerty benutzen.
Qwerty blieb trotz anhaltender Kritik und grossem Forschungsaufwand unantastbar, bis das Aufkommen der mobilen Computer zu neuen Experimenten ermunterte. Die Schreibmaschinentastatur erwies sich als zu sperrig für PDA (Personal Digital Assistant) und Mobiltelefon. Neuentwicklungen für die Texteingabe trugen abenteuerliche Namen: «Graffiti» (Handschrifterkennung), «Delta II» (eine logische Buchstabenanordnung, die das Zweifingerschreiben beschleunigt) oder «Voice Pro», eine Spracherkennungssoftware – sie alle sind keine Alternative zu Qwerty.
Das einzige alternative Texteingabesystem, das sich durchgesetzt hat, ist erstaunlicherweise ebenfalls elend unpraktisch: das alphabetische System beim Mobiltelefon, das für SMS genutzt wird. Acht Tasten für ein ganzes Alphabet, nochmals vier für Sonderzeichen, mehrmals tippen für ein Komma! SMS, keine Frage, ist eine Zumutung. «Wir nehmen die unpraktische Technik in Kauf, weil SMS uns eine neue Kommunikationskultur ermöglicht: Direktkontakt, ohne mit dem Empfänger reden zu müssen», sagt Reto Wettach, Professor für Interaction Design an der FH Potsdam. Und so unterhalten sich Grossteile der Bevölkerung mittels eines Minimalwortschatzes von 70 Wörtern per SMS. Eine Konkurrenz für Qwerty ist SMS nicht: Der Weltrekord im SMS-Schreiben liegt bei müden 35 WpM, das ist mässiger Durchschnitt auf der Qwerty-Tastatur.
Das vielversprechendste System stammt von einem Primarlehrer aus Zürich. Raphael Bachmanns Erfindung heisst Speedscript und soll den Qwerty-Lock-in knacken können. Speedscript ist unmöglich zu beschreiben und doch verblüffend einfach in der Anwendung. Ein Stift, der Buchstaben antippt, ersetzt die Tastatur. Ein geübter Anwender schafft über 200 WpM. Verhandlungen mit Siemens sind trotzdem ins Stocken geraten. Das Problem: Technikjünger erlernen das System zwar schneller als Kleinkinder Fremdsprachen, der kaufstarke Rest aber fürchtet, man brauche ein Ingenieurstudium, um das Gerät zu bedienen. Ab Februar ist Speedscript auf Swisscom Mobile erhältlich.
Ausgerechnet der frühere Apple-Chefentwickler Donald Norman verteidigt in seinem lesenswerten Standardwerk «Dinge des Alltags» das Prinzip des Lock-in: Ein akzeptierter mässiger Standard sei effizienter als ein besseres, aber nicht akzeptiertes System. Es ist die Apotheose des Qwerty: Nicht die Handhabung, sondern die weite Verbreitung rechtfertigt den Vorzug vor besseren Erfindungen. Norman kommt zu der etwas erstaunlichen These, dass nicht die Buchstabenanordnung, sondern die Optik der Tastatur die tatsächliche Schwäche des Produkts sei. «Wir kaufen Turnschuhe und Spielzeuge, um uns von der Masse abzuheben, aber nur Idioten würden aus solchen Gründen eine Tastatur kaufen», sagt Norman. Dabei sei Computerdesign der marktwirtschaftlich interessanteste Bereich.
Mikael Krogerus ist Mitglied der NZZ-Folio-Redaktion.