Ciou Rong-Tai, Tainan (RC), ist 54 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder, von denen zwei bereits erwerbstätig sind, aber immer noch bei ihren Eltern wohnen. Seine Hobbies sind Singen und Schach. Er fährt einen Ford Tierra, Jahrgang 2003, Zäh lerstand 67 000 Kilometer.
Die taiwanesische Hafenstadt Tainan hat 7 35 000 Einwohner.
Ciou Rong-Tai verdient als Taxifahrer im Monat rund 1 200 Franken; davon und von seinem Nebenverdienst als Wachmann leben er, seine nicht arbeitstätige Ehefrau und ihre drei Kinder. Die Familie wohnt in einem dreistöckigen Haus mit sieben Zimmern, wofür er der Bank monatlich 470 Franken Hypothekarzins bezahlt.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Ich fahre seit 13 Jahren Taxi, seit 6 Jahren als Selbständiger, das heisst: der Wagen gehört mir. Ich arbeite jeden Tag von 6 bis 17 Uhr 30. Danach bin ich – freiwillig und ohne Entgelt – bis 19 Uhr Verkehrspolizist. Und von 20 bis 22 Uhr tue ich als Wachmann Dienst in einer medizinischen Klinik.
Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?
So weit habe ich noch nicht gedacht. Erst jetzt beginne ich langsam für die Zukunft zu sparen. Nach der Pensionierung möchte ich mit Freunden Tee trinken, Schach spielen, plaudern und reisen.
Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?
Letztes Jahr war ich mit anderen freiwilligen Verkehrspolizisten einen Tag lang im Nationalpark von Kengting. Und davor hatte die Gewerkschaft der Taxifahrer einen Ausflug an den Sonne-Mond-See in den Bergen organisiert. Im Ausland war ich erst einmal, vor fünfzehn Jahren in Japan.
Warum wurden Sie Taxifahrer?
Ich war früher Schmuckverkäufer im Exportbereich. Daneben fuhr ich abends Taxi. Dann stieg der Kurs der taiwanesischen Währung, der Gewinn aus meinen Exporten ging zurück. So stieg ich ganz aufs Taxi um. Als Taxifahrer habe ich zudem mehr Freiheiten.
Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?
130 bis 170.
Welches war Ihre längste Fahrt?
Von Tainan nach Shinchu, das sind ungefähr 250 Kilometer. Solche Fahrten mache ich häufig vor Beginn des chinesischen Neujahrsfestes.
Was tun Sie in den Wartezeiten?
Wenn ich nicht auf den Strassen nach Kunden Ausschau halte, warte ich im Telefon-Servicecenter. Dort schaue ich Fernsehen oder trinke mit Kollegen Tee.
Wer war Ihr aussergewöhnlichster Gast?
Ein japanischer Direktor. Er lud mich in ein Kaufhaus und zum Mittagessen ein und bezahlte für die fünf Stunden hundert Franken.
Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?
Ich bekomme sehr selten Trinkgeld. Meist während des Neujahrsfestes, und zwar von Leuten, die beim Glücksspiel gewonnen haben. Einmal bekam ich 20 Franken. Ab und zu runden Bardamen mir den Betrag auf.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Meistens sind es Handys. Das ungewöhnlichste Fundstück war ein Sack voll dreckiger Wäsche, den eine Frau im Wagen zurückliess mit der Bemerkung, sie würde gleich zurückkommen, um zu bezahlen. Sie kehrte nie zurück.
Wie reagieren Sie im Stau?
Bei uns gibt es selten Staus. Wenn es trotzdem einmal vorkommt, werde ich nicht nervös.
Sprechen Sie mit den Fahrgästen?
Ja, ich unterhalte mich gern mit meinen Gästen. Häufig frage ich sie zu Beginn, welchen Weg sie fahren möchten. Die Antwort lässt darauf schliessen, mit wem ich es zu tun habe: einem offenen oder einem zugeknöpften Menschen.
Wie hoch war Ihre teuerste Busse?
Ich wurde erst einmal gebüsst, für die Nichtbeachtung eines Wendeverbots. Das kostete ungefähr hundert Franken.
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt?
Anping, eine alte Befestigungsanlage am Meer. Die Fahrt vom Bahnhof kostet sieben, vom Flughafen zehn Franken.
Haben Sie Angst vor Überfällen?
Ja, natürlich. Deshalb fahre ich nur tagsüber, und manchmal lehne ich Fahrgäste ab. Die bedrohlichste Situation erlebte ich, als mich ein Polizeiwagen stoppte und die Kriminalpolizisten mir mit vorgehaltener Pistole befahlen auszusteigen. Es stellte sich heraus, dass meine Fahrgäste, ein Liebespaar, Drogenhändler waren. Die Polizei dachte, ich stecke mit ihnen unter einer Decke.
Womit verwöhnen Sie sich?
Ich gehe gerne in Karaoke-Bars. Aber ich habe wenig Zeit, ich muss arbeiten, um meiner jüngsten Tochter das Studium an der Universität zu ermöglichen.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Ich würde einen Teil des Geldes einer Wohlfahrtsorganisation schenken. Daneben würde ich meine Familie auf eine Reise einladen und den Rest für die Zeit nach meiner Pensionierung sparen. Auf meine Arbeit als Taxifahrer könnte ich allerdings nicht verzichten.
Taxameter
Die Grundtaxe beträgt 2.70 Franken für die ersten 1,5 Kilometer, jeder weitere Kilometer kostet 80 Rappen.
Taiwan
Einwohner: 23 000 000
BIP pro Kopf: CHF 16015
Benzin: 1 l CHF 0.90
Milch: 1 l CHF 2.30
Coca-Cola: 1 l CHF 0.95
Brot: 1 kg CHF 2.30
Reis: 1 kg CHF 1.85
Kinobillett: CHF 8.90
Zigaretten: CHF 1.75