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NZZ Folio 10/07 - Thema: Auto der Zukunft Inhaltsverzeichnis
Duftnote -- Effekte statt Düfte
© Fabienne Boldt
Von Luca Turin
Durch seine frühen Romane reich geworden, zog der Schriftsteller Graham Greene nach Cap Ferrat, wo er feststellen musste, dass er der ärmste Mensch der Halbinsel war. In der Wissenschaft ergeht es einem oft nicht anders: Wir meinen, wir hätten ein Problem geknackt, stellen den Autopiloten ein, um uns ein wenig zurückzulehnen – und schon taucht aus dem Nichts ein merkwürdiges Phänomen auf, hockt sich zuhinterst in den Vorlesungssaal und stellt eine Frage, die den ganzen Abgrund unserer Unwissenheit offenbart.
Ich verdiene meine Brötchen damit, dass ich Moleküle für Duft- und Geschmacksstoffe entwickle. Anfangs war ich noch dem naiven Glauben verfallen, es müsste zum Überleben ausreichen, eine Substanz zu entwickeln, die gut und kraftvoll riecht, ungiftig und günstig herzustellen ist. Doch weit gefehlt. Selbst die erfahrensten Parfumeure der Duftfirmen verlangen hin und wieder nach etwas «ganz anderem», «wirklich Mysteriösem». Sie wollen Effekte statt Düfte.
Effektstoffe sind so alt wie die Parfumerie. Die erste Garde waren die natürlichen Moschusdüfte. Für sich genommen, besitzt Moschus den nicht sonderlich gefälligen Geruch von ungewaschener Unterwäsche. Tragen Sie es auf eines Ihrer Handgelenke auf, und legen Sie ein bekanntes Parfum darüber; dann benetzen Sie das andere Handgelenk mit dem Parfum allein. Ohne Moschus ist es, als blickten Sie durch eine 3-D-Brille und hielten sich ein Auge zu. Die Szenerie ist dieselbe, aber die Tiefe ist weg. Andere Moleküle haben andere Effekte. Die Salicylate beispielsweise verwandeln noch die banalste Blumenkomposition in ein echtes Parfum von majestätischer Schwere. Hedion bringt Düfte magisch zum Glänzen, indem es die Leerstellen zwischen den Komponenten mit einem frischen, spritzigen Hauch ausfüllt. Iso-E Super hat Parfumeure schon auf schwarzen Samt malen lassen, lange bevor Julian Schnabel die Idee auf einer Leinwand umsetzte.
Doch jetzt wird die Sache merkwürdig. Einige dieser Moleküle, insbesondere Salicylate und Moschusessenzen, sind für manche Leute, darunter auch Parfumeure, völlig geruchlos. Der Parfumeur Guy Robert erklärte mir einmal, dass er Benzylsalicylat nicht riechen könne, doch die Anwesenheit der Substanz in jeder Duftkomposition sofort erkenne. Und er benutzte dafür ein wunderbares Bild: «Es ist wie ein alter Freund, den ich von hinten in einer Menschenmenge allein an der Schulterform erkenne.» Was soll das heissen? Es gibt Blinde, die wissen, dass das Licht an ist, obwohl sie es nicht sehen können. Besitzen wir noch andere Detektoren als den Geruchssinn, um herauszufinden, welche Chemikalien in der Luft liegen? Was haben diese Moleküle miteinander gemein? Dieser Stein von Rosette wartet bis heute auf seinen Champollion. Vielleicht hat er oder sie gerade mit dem Studium an der ETH begonnen?
Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.
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"The Emperor of Scent" von Chandler Burr ist eine spannende Darstellung von Leben und Arbeit Luca Turins, der eine faszinierende Theorie entwickelt hat, wie unser Geruchssinn eigentlich funktioniert.
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Interview mit Luca Turin
NZZ-Format, das Fernsehmagazin der NZZ, hat im November 2006 einen Special zum Thema Parfum ausgestrahlt. Die Sendung ist auf DVD erhältlich und enthält als Bonusmaterial unter anderem ein Interview mit Luca Turin (in Englisch).
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