NZZ Folio 08/00 - Thema: Las Vegas   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Claudia Dallinger, Mezzosopran

Von Peter Rüedi

UNWEIT DAVON aufgewachsen, stellte ich mir St. Gallen immer von Thomas Bernhard geschrieben und von seinem Lieblingsschauspieler ausgesprochen vor. «St. Gaalllen», bei Bernhard Minetti ein Wort wie ein Brechanfall. Niklaus Meienbergs berühmte Reportage «Aufenthalt in St. Gallen (670 m ü. M.)» war auch nicht geeignet, das zugegeben unkorrekte und auch sonst gänzlich ungerechte Vorurteil aufzuhellen. Schneetreiben schon im Oktober und im Mai immer noch, einen Grund muss es ja geben, dass der heilige Namenspatron das Tobel an der Steinach hochstieg und just diesen Ort für seine Einsiedelei, will sagen die Abkehr von der Welt auswählte.

Jetzt sitzt mir an einem frisch gewaschen glänzenden Sommernachmittag das leibhaftige Gegenteil alles St. Gallerischen gegenüber, versprüht unter schwarzem Schopf die reine Lebensfreude (sind ihre Augen tatsächlich grün mit Einsprengseln von Bernstein?) und sagt doch tatsächlich: «Hier habe ich eine Heimat gefunden, eine Lebensqualität besonderer Art. Eben weil das keine Grossstadt ist. Dies ist ein Ort, wo ich bleiben will.» Mein altes schieches St. Gallen kann das nicht sein. «Ich bin hier seit drei Jahren an einem tollen Haus, das für das, was ich brauche, ideal ist: das Sammeln von Erfahrung». Das Haus steht einen Steinwurf entfernt im Park, das Stadttheater.

Claudia Dallinger ist sozusagen Wein, Weib und Gesang in Person, Mezzosopran mit einer Vorliebe «für die nicht ganz so grosse Oper», für die nicht ganz so ernste, sicher nicht die bierernste Kunst (wenn ihr auch ein gutes Bier lieber ist als ein schlechter Wein): «Le Lied, da weht immer so eine Weihe, ich habe überhaupt etwas Mühe, mich in ein Konzert zu setzen, mir ein Programm integral anzuhören und dann nach Hause zu gehen. Ich bin ein Theaterkind.»

Dallinger kommt aus Wels in Oberösterreich, «aus einer stinknormalen Familie», wie sie sagt. Sie studierte in Wien, sang für die Produktion von «Phantom der Oper» am Theater an der Wien vor, «eigentlich wirklich nur, um einmal zu erleben, wie so eine audition funktioniert»; wurde zu ihrer Verblüffung als Erstbesetzung für eine kleine Rolle engagiert und zu ihrer noch grösseren als Cover für die Hauptrolle der Christine. Trotz dem glamourösen Karrierestart behielt sie die Tassen im Schrank und die Füsse am Boden. Es folgten das Stadttheater in St. Pölten, die Operettenfestspiele Mörbisch («ein fürchterlicher Flop, aber da, am Neusiedlersee, lernte ich Wein kennen, erst einmal den Unterschied zwischen bekömmlichem und solchem, von dem ich Kopfweh bekam»), dann das Landestheater Linz, schliesslich St. Gallen. «Mir rennt im Leben nichts davon», sagt sie, «ich brauche Ruhe, ich will reifen und möglichst viel ausprobieren.» Kleine Rollen, grosse Rollen.

Kleine Weine und etwas grössere. «Geniessen muss man genauso lernen wie alles andere.» In ihrem Elternhaus wurde kein Gaja getrunken, kaum einmal ein grüner Veltliner. Erst mit ihrem Lebenspartner, Sänger wie sie, geborener Steirer und gelernter Wiener wie sie, kam Wein in ihre Welt. «Es hat schon einen Sinn, dass man die Dinge langsam lernen muss, kleine Sachen, Schritt für Schritt.» Erst einmal Österreicher und Norditaliener, heisst das beim Wein, und mit diesen Erkundigungen ist sie noch lange nicht fertig. Der von ihr ausgewählte Welschriesling von Simmerl Klimbacher aus Klöch in der Steiermark, ein sehr trockener, mineralischer, sauberer 97-er, repräsentiert da schon ein beachtliches Teilziel: kein Blender, eher ein Wein, so, wie sie sich selbst sieht: «a groder Michl». Sie ist eine freudvolle Weintrinkerin, «keine Weinkennerin» im klassischen Sinn, die respektiven Altherren- und Jungmanager-Rituale sind ihr ein Graus. Den ganzheitlichen Genuss zieht sie der schmallippigen Analyse vor.

Eigentlich trinkt sie lieber Weisse als Rote. Dass die Wahl-St.-Gallerin in die Nachmittagshitze einen 96-er Valpolicella «La Grola» von Allegrini stellt, ist in mehrfachem Sinn eine Ausnahme («nachmittags trinke ich eigentlich keinen Wein»). Das aromenberstende, von Tannin gestützte Schwergewicht aus dem klassischen Traubensatz (viel Corvina, Rondinella und etwas Molinara) lässt alle Aussichten auf eine pflichtbewusste Fortsetzung des Tags ins Ungewisse schwanken. Eine Ausnahme, wie gesagt.

Sonst («das ist jetzt vielleicht etwas persönlich») stürzt sich Claudia Dallinger im Einklang mit den Gezeiten gerade zwölfmal im Jahr auf Rotwein. Eine ganzheitliche Weintrinkerin, fürwahr. Und ein Thema, dessen sich eine feministische Theorie des Geschmacks, so es die denn gäbe, einmal annehmen sollte.


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