NZZ Folio 05/06 - Thema: Fussball-WM   Inhaltsverzeichnis

Die Bestenliste (2) – Krieg und Frieden

Was war die schlimmste Fehlentscheidung? Welches das politisch am meisten aufgeheizte Spiel? Und welches das brutalste? Der zweite Teil der Bestenliste sammelt Fakten aus der WM-Geschichte, bei denen es um mehr als bloss ein Fussballspiel ging.

Von Mark Schillig und Mikael Krogerus

Die 10 besten Länder der WM 2006
Spielstärke gemäss Fifa
1. Brasilien
2. Tschechien
3. Niederlande
4. Argentinien
5. USA
6. Spanien
7. Mexiko
8. Frankreich
9. England
10. Portugal
Ferner:
35 . Schweiz
Stand März 2006

Entwicklungsstand gemäss Uno

1. Australien
2. Schweden
3. Schweiz
4. USA
5. Japan
6. Niederlande
7. England
8. Frankreich
9. Italien
10. Deutschland
Stand 2005

Die 3 brutalsten Spiele
1. «Die Schlacht von Santiago»
1962, Chile – Italien 2 : 0

Nach 12 Sekunden trat Italiens Ferrini erstmals zu, nach 8 Minuten bekam er die rote Karte und musste von Polizisten abgeführt werden. Unter den zahllosen Unsportlichkeiten dieses Spiels sticht der schulbuchmässige linke Haken von Sánchez gegen Maschio heraus. Schiedsrichter Ken Aston über das Spiel: «Ich habe kein Fussballspiel gepfiffen, ich war Obmann eines Militärmanövers.»

2. «Die Schlacht von Florenz»
1934, Italien – Spanien 1 : 1

Vier Italiener und sieben Spanier verletzten sich und konnten nicht mehr antreten (siehe «Die 9 gröbsten Fehlentscheide»).

3. «Die Schlacht von Bern»
1954, Ungarn – Brasilien 4 : 2

Ergebnis: drei rote Karten, eine Schlägerei und ein Protest der Brasilianer gegen den Schiedsrichter, der «im Dienste des Kommunismus gegen die abendländisch-christliche Zivilisation» gehandelt habe.


Die 5 politischen Siege
1. Argentinien – Niederlande 3 : 1 n. V.
25. Juni 1978, Buenos Aires

1976 hatte das Militär die Präsidentin «Isabelita» Perón gestürzt, und nun verging sich die Militärjunta an dem Turnier und füllte es mit nationalistischen Inhalten. In einem Spiel, in dem die Niederländer schon vor Anpfiff schikaniert wurden, war Mario Kempes der Matchwinner.

2. Italien – Tschechoslowakei 2 : 1 n.V.
10. Juni 1934, Rom

Benito Mussolini liess Sportarenen bauen, vier Argentinier und einen Brasilianer für Italien spielen, um nach dem Finalsieg jubelnd den Sieg im Fussball dem Sieg des Faschismus gleichzusetzen.

3. DDR – BRD 1 : 0
22. Juni 1974, Hamburg
Die Partie, die einzige übrigens zwischen den beiden, bereitete schon im Vorfeld terminologische Schwierigkeiten: Spielten hier «zwei Nationalmannschaften zweier Staaten und eines Volkes» gegeneinander? Oder etwa «zwei Mannschaften einer (Fussball-)Nation»? Oder war es einfach «ein Länderspiel zweier Nationalmannschaften»? Es war auf keinen Fall ein ganz normales Vorrundenspiel, bei dem sich das Ministerium für Staatssicherheit der DDR mit der Gefahr der Republikflucht der Spieler beschäftigte. Jürgen Sparwasser erzielte das einzige Tor zur Überraschung aller Experten; der Sozialismus hatte für einmal gesiegt.

4. Deutschland – Ungarn 3 : 2
4. Juli 1954, Bern.
Ein zweifelndes Deutschland nach dem Niedergang des Dritten Reichs konnte sich das erste Mal seit langem mit erhobenem Haupt im internationalen Rampenlicht zeigen. Der Kausalzusammenhang zum «Wirtschaftswunder» mag zwar umstritten sein, aber für das Selbstbewusstsein der Deutschen war dieser Sieg nicht mit Gold aufzuwiegen.

5. Argentinien – England 2 : 1
22. Juni 1986, Mexiko Stadt

Vier Jahre nachdem die argentinische Diktatur die Falklandinseln zum Kristallisationspunkt nationalistischer Interessen auserkoren hatte und über sechshundert schlecht ausgerüstete Soldaten und Matrosen in den Tod im Krieg gegen das Empire geschickt hatte, trafen die Nationalmannschaften der beiden involvierten Länder auf dem Fussballplatz aufeinander. Das Spiel schrieb in (fast) jeder Hinsicht Geschichte.


Die 9 gröbsten Fehlentscheide
1. Argentinien – England 2 : 1
22. Juni 1986, Mexiko Stadt

Es war gewissermassen die Mutter aller Fehlentscheidungen: Jeder halbwegs an Fussball Interessierte hat mindestens schon ein Dutzend Mal am Bildschirm verfolgen können, wie Diego Maradona den Ball geschickt mit der Hand, die später zur «Hand Gottes» stilisiert wurde, über den herausspringenden Peter Shilton lenkte. Der tunesische Schiedsrichter Ali Bennaceur schob die Schuld wenig loyal auf seinen bulgarischen Linesman. Es sollten noch 20 Jahre vergehen, bis die Fifa einsah, dass bei allem Drang nach ethnischer Durchmischung des Schiedsrichtertrios ein eingespieltes Dreiergespann aus dem gleichen Land am ehesten Akkuratesse verspricht.

2. Italien – Spanien 1 : 0 (1 : 0)
1. Juni 1934, Florenz

Einen Tag nach dem Unentschieden zwischen Italien und Spanien traten die beiden Auswahlen erneut gegeneinander an. Der Schweizer René Mercet übersah beim einzigen Tor, dass gleich mehrere Azzurri den spanischen Goalie behelligten, der Torschütze Giuseppe Meazza stützte sich sogar auf den bemitleidenswerten Schlussmann. Der «Unparteiische» anerkannte den Treffer, verweigerte dafür den Spaniern zwei Elfmeter und das korrekte Ausgleichstor. Der Schweizer Verband sperrte Mercet, der angeblich mit einem neuen Fiat bestochen worden sein soll, auf Lebenszeit.

3. Mexiko – El Salvador 4 : 0 (1 : 0)
7. Juni 1970, Mexiko Stadt

«Foul ist, wenn der Schiedsrichter pfeift» – das dachten sich auch die Mexikaner, als der ägyptische Referee Aly Hussein Kandil Freistoss für El Salvador pfiff. Nur: Die Mexikaner schnappten sich den Ball zuerst und führten den Freistoss aus, der zum Führungstreffer des Heimteams führte. Ein Wunder, dass El Salvador überhaupt noch zu Ende spielte.

4. Brasilien – Schweden 1 : 1 (1 : 1)
3. Juni 1978, Mar del Plata

Herr John Thomas aus Wales liess nach Ablauf der regulären Spielzeit noch den Eckball für Brasilien ausführen, doch als Zico nach 45 : 08 per Kopf zum 2 : 1 traf, hatte der Referee bereits abgepfiffen. Herr Thomas vereitelte damit nicht nur ein mögliches Finalspiel zwischen Brasilien und Argentinien – weil Brasilien bereits in der Zwischenrunde auf Argentinien traf und dort ohne Niederlage nach dem «massgeschneiderten» 6 : 0 der Gastgeber gegen Peru ausschied –, sondern bereite te gewissermassen auch das Feld vor für einen gewissen Herrn Klötzli, der elf Jahre später in Sitten von aufgebrachten Wettingern nach einem ähnlich unglücklichen Entscheid mit Prügeln bedacht wurde.

5. Südkorea – Italien 2 : 1 (0 : 1) n. V.
18. Juni 2002, Taejon

Es war der Tag, an dem der Ecuadorianer Byron Morena den Schritt vom Schiedsrichter zur Prominenz machte, die ihn in TV-Shows führte. Der Südamerikaner erkannte fälschlicherweise auf Offside, als Tommasi in der Verlängerung allein vor dem koreanischen Keeper auftauchte, und er wertete den Flug Tottis im koreanischen Strafraum als «Schwalbe». Eine solche ist gerade bei Totti nicht selten zu registrieren, doch dieses eine Mal wäre ein P enaltypfiff wohl angemessener gewesen als die zweite Verwarnung. Die Partie rundete das Pech der Azzurri mit den Schiedsrichtern an diesem Turnier ab; bereits in den Spielen zuvor waren ihnen drei reguläre Treffer unterschlagen worden.

6. Spanien – Südkorea 0 : 0, 3 : 5 n. P.
22. Juni 2002, Kwangju

Rund vier Tage nach dem Achtelfinal gegen Italien kam der koreanische Heilsbringer diesmal aus Ägypten: Gamal Ghandour verweigerte einem regulären Eigentor der Koreaner die Anerkennung (also einem Tor für Spanien) und sah den von der Grundlinie aus zum vermeintlichen Golden Goal geschlagenen Flankenball Joaquíns fälschlicherweise im Aus. Nie waren die Schweissflecken unter den Achseln des spanischen Coaches Camacho grösser als in diesem Spiel.

7. England – Deutschland 2 : 2, 4 : 2 n. V.
30. Juli 1966, London

Der Drehschuss von Geoff Hurst in der Verlängerung des Finals, der von der Lattenunterkante auf die Linie sprang, ging als «Wembley-Tor» in die Geschichte ein. Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst erkannte auf Tor, nachdem ihm dies durch den sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow signalisiert worden war. Ob die Entscheidung wirklich falsch war, lässt sich nicht abschliessend klären – noch heute wird das Tor oder Nicht-Tor aufwendigen Computeranalysen unterzogen. Den Hauptdarstellern in Schwarz gereichte es jedenfalls nicht zum Nachteil: Godi Dienst durfte zwei Jahre danach das EM-Endspiel leiten, nach Tofik Bachramow wurde das aserische Nationalstadium in Baku benannt.

8. Peru – Kamerun 0 : 0
15. Juni 1982, La Coruña

Der Kameruner Roger Milla stand nie und nimmer im Abseits, als er zum aberkannten 1 : 0 traf. Mit diesem Tor hätte die Geschichte des Turniers vielleicht ganz anders geschrieben werden müssen: der in der gleichen Gruppe wie Kamerun spielende spätere Weltmeister Italien, der sieglos nur mit drei Unentschieden die Vorrunde überstand, wäre bei einem Sieg der Afrikaner ausgeschieden. Schiedsrichter war ein Österreicher, Franz Wöhrer.

9. Argentinien – Sowjetunion 2 : 0 (1 :0 )
13. Juni 1990, Neapel

Es gab sie noch ein zweites Mal, die «Hand Gottes». Für den bereits geschlagenen Keeper Pumpido wehrte Maradona einen Kopfball Kuznetsows ab. Diesmal war derjenige, der das Handfeste übersah, ein Schwede: Erik Fredriksson.


Alle jüdischen Nationalspieler Deutschlands
1 . Gottfried Fuchs (1889 –1972)
Der Stürmer wurde 1910 mit dem Karlsruher FV Meister und absolvierte sechs Länderspiele. Zehn Mal traf Fuchs beim 16 : 0-Sieg Deutschlands gegen Russland bei der Olympiade 1912 in Stockholm. 1937 emigrierte Fuchs in die Schweiz, wurde 1939 als «feindlicher Ausländer» interniert und floh 1940 nach Kanada, wo er 1972 starb.

2. Julius Hirsch (1892–1945)
Spielte ebenfalls beim Karlsruher FV, später beim SpVgg Fürth und absolvierte sieben Länderspiele. 1939 liess sich Hirsch von seiner protestantischen Frau scheiden, um sie und die Kinder zu schützen. Im März 1943 wurde er nach Auschwitz deportiert, am 8. Mai 1945 für tot erklärt.


Militärausgaben pro Kopf der WM-Teilnehmer
1. USA, 1 253 Dollar
2. Australien, 829 Dollar
3. Frankreich, 742 Dollar
4. England, 709 Dollar
5. Saudiarabien, 681 Dollar
6. Schweden, 636 Dollar
7. Niederlande, 573 Dollar
8. Italien, 485 Dollar
9. Deutschland, 425 Dollar
10. Südkorea, 411 Dollar
Ferner:
Schweiz, 340 Dollar
Stand 2005

Quellen: Christoph Biermann: Fast alles über Fussball, 2005; Christian Eichler: Lexikon der Fussballmythen, 2006; Oliver Noelle: Das kleine Lexikon der Fussballrekorde, 2006; World Factbook, 2005; Fifa; Uno.


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