|
|
NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst? Inhaltsverzeichnis
Schlagschatten -- Isaak Babel, Meister der Vergleiche
© Angelo Boog
Von Wolf Schneider
Sein Leben war unauffällig, und nichts hat er hinterlassen als hundert kurze Geschichten. Aber keiner hat seine karge Prosa mit mehr Kraft, Witz, Blut und Zynismus aufgeladen als dieser Isaak Babel, geboren 1894 in Odessa als Sohn eines strenggläubigen jüdischen Händlers, erschossen 1940 in der Lubjanka, 1954 nach Stalins Tod vom Obersten Gericht der Sowjetunion rehabilitiert.
Sein Vater schickte ihn auf die höhere Handelsschule; er bekam vorzüglichen Französischunterricht und verschlang Maupassant. Den Nachbarn fiel er auf, weil er, ein gedrungener Mensch mit rundem Schädel und kleinen Augen, immerzu lesend durch die Strassen schlenderte und niemanden sah. 1920 nahm er als politischer Kommissar am sowjetischen Feldzug gegen Polen teil; sein Entsetzen über die Grausamkeit auf beiden Seiten schlug sich in dem Bändchen «Budjonnys Reiterarmee» nieder, vierzig Szenen aus einem wüsten Leben der Plünderung, der Vergewaltigung, der Rache – erträglich nur wegen der verzweifelten Komik, die durch die Zeilen irrlichtert.
Zum Beispiel so: «Wir gingen ins Krankenzimmer, wo wir Hingabe an die proletarische Sache vorzufinden erwarteten; doch es ist interessant zu erfahren, was wir fanden: Rotarmisten, die auf den Betten sassen und Dame spielten, und an den Fenstern lehnten schmucke Krankenschwestern und machten Äugelchen nach links und rechts. Wir waren wie vom Blitz getroffen: ‹Habt ihr Schluss gemacht mit dem Krieg, Kinder?› rief ich den Verwundeten zu. ‹Ja, Schluss!› antworteten sie. ‹Zu früh!› rief ich. ‹Wo der Feind auf weichen Pfoten heranschleicht und wo man in der Zeitung ‚Der Rote Kavallerist über unsere internationale Lage lesen kann, dass sie schrecklich ist!› Aber meine Worte prallten von der heldenhaften Infanterie ab wie Schafsmist von der Regimentstrommel.»
Babels zwiespältiges Verhältnis zur Oktoberrevolution drückt sich darin aus: Rasch hatte sie die Hoffnung vieler Juden enttäuscht, die Kommunisten, mit dem populären jüdischen Intellektuellen Trotzki an der Spitze, würden die Juden nun endlich befreien von den Verfolgungen der Zarenzeit. In der Geschichte «Verrat» gesteht der Bauer dem Untersuchungsrichter, er habe die Henker der deutschen Revolution verteidigt – «bis Genosse Lenin mein blindwütiges Bajonett zur Umkehr brachte und es auf neue, leichter zu treffende Gedärme richtete, die seine eigentliche Bestimmung sind».
«Eiserne Prosa» wollte Babel schreiben, exakt wie ein Bankcheck oder ein Befehl, und noch mit der kleinsten Erzählung plagte er sich «wie einer, der den Mount Everest abträgt»: Immer wieder schrieb er seine Texte ab, jedes Mal kürzer, 22 Mal in einem verbürgten Fall. Einer schönen, fetten Jüdin, «mit jenem verschlafenen, zärtlichen Lächeln, das die Garnisonsoffiziere um den Verstand brachte», erzählt die Ich-Figur «vom Stil, von der Armee der Wörter, in der alle Waffengattungen zusammenwirken. Kein Eisen vermag mit so glühender Kälte ins menschliche Herz zu dringen wie ein zur rechten Zeit gesetzter Punkt.»
Besonders prüfte Babel beim Abschreiben die Vergleiche: «Sie müssen exakt sein wie ein Rechenschieber und natürlich wie der Geruch des Dills.» So zum Beispiel: «Wir blickten auf die Welt wie auf eine Wiese im Mai, eine Wiese mit Frauen und Pferden.» Die Köchin der Jesuiten rühmte er, weil ihre Biscuits «wie Kruzifixe dufteten, betörender Saft war darin und der wohlriechende Zorn des Vatikans».
Babels Leben war im Vergleich zu solcher Prosa unauffällig. Er lebte in ständiger Geldnot und ohne feste Wohnung, in St. Petersburg, in Tbilissi, in Moskau, als Angestellter der Staatsdruckerei, als Reporter, Drehbuchautor, Übersetzer von französischer und jiddischer Literatur und Sekretär eines Dorfsowjets. 1926 erschien «Budjonnys Reiterarmee» als Buch in Moskau und kurz darauf auf deutsch in Berlin. Im Westen wurde es als Geniestreich gefeiert; die Nazis setzten es 1933 auf den Index. 1935 hielt Babel in Paris in französischer Sprache eine freie Rede, die das Publikum entzückte. Die Sowjetunion rühmte er auf seine Weise: «Der Kolchosbauer hat nun Brot», sagte er. «Er hat ein Haus, er hat sogar einen Orden. Aber auch das ist ihm zu wenig: Er will jetzt, dass man Gedichte auf ihn macht.»
Am 16. Mai 1939 wurde Babel unter der üblichen Allerweltsbeschuldigung der «trotzkistischen Umtriebe» verhaftet, seine Wohnung durchsucht, alles beschriebene Papier beschlagnahmt. Aus dem Gefängnis richtete er ein Gesuch an Lawrenti Berija, den Chef der Geheimpolizei: Ob er die Manuskripte nicht wenigstens sichten und zur Veröffentlichung vorbereiten dürfe? Sie enthielten mehrere Dutzend Erzählungen, ein Drehbuch, ein halbfertiges Theaterstück und Material zu einem Buch über Maxim Gorki. Eine Antwort kam nie, alle Texte sind verschollen. Vielleicht war Babel ja ausgebrannt. Vielleicht hatte er sein Lebenswerk vollbracht. Aber könnte nicht ebenso gut unter seinen verschollenen Manuskripten noch ein grosser Wurf gewesen sein – so, wie sich Kafkas grösste Werke erst in seinem Nachlass fanden?
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|