NZZ Folio 12/07 - Thema: Rätsel   Inhaltsverzeichnis

Besser als Sudoku?

Wie kein zweites Rätsel hat Sudoku die Welt erobert. Der japanische Spielepapst Maki Kaji glaubt, etwas noch Besseres auf Lager zu haben.

Von Judith Stalpers und Florian Coulmas

Die fünfzig durchnässten Leute des Nikoli-Clubs sitzen an langen Tischen im Hotel Tsuruya in Tokio und warten auf den Einsatz von Spielleiter Yoshinao Anpuku. Eigentlich war eine Schnitzeljagd quer durch den geschichtsträchtigen Ueno-Park im Herzen Tokios geplant. Erst am Abend wollte man sich im Hotel treffen, um die Nacht mit einem Spielmarathon zu verbringen. Aber ein Taifun mit sintflutartigem Regen erzwang eine Programmänderung. «Fangen wir mit Stillepost an, damit alle die Spielregeln verstehen. Dann gehts weiter mit Kreuzwort-Stillepost», sagt Anpuku. Die Leute klatschen Beifall.

Schnitzeljagd? Stille Post? Yoshinao Anpuku ist Chefredaktor bei Nikoli, jenem Verlag, der in der Branche als die ­bedeutendste Rätselschmiede der Welt angesehen wird. ­«Suujiwa dokushin ni kagiru» hiess das Rätsel, das 1984 erstmals in der hauseigenen Rätselzeitschrift von Nikoli abgedruckt worden war. Als Sudoku eroberte es zwanzig Jahre später die Welt. Bekannter als das 9 mal 9 Felder grosse Zahlenquadrat dürfte heute nur noch das Kreuzworträtsel sein. Keine Rätselseite ohne Sudoku, kein Kontinent, dessen Bewohner nicht der Sudoku-Sucht erlagen. 457 deutsche Sudoku-Bücher hat die Online-Buchhandlung Amazon im Katalog. Noch nie hat ein Rätsel in so kurzer Zeit so grosse Verbreitung gefunden. 2006 fand im italienischen Lucca die erste Sudoku-Weltmeisterschaft statt, 2007 war die Weltmeisterschaft in Prag, 2008 wird sie im indischen Goa ausgetragen.

Währendessen arbeitet man bei Nikoli schon am nächsten Rätselhit. Wird es Kakuro sein? Slitherlink? Oder das Rätsel, das unter dem Arbeitstitel «Position Ver. 0» geführt wird und sich noch im Stadium des Prototyps befindet? Vielleicht steckt der Nachfolger von Sudoku aber auch noch in einem der Köpfe der fünfzig Nikolisten, die mittlerweile zu Kreuzwort-Stillepost übergegangen sind: Spielleiter Yoshinao Anpuku gibt einer Person ein Wort vor. Diese flüstert eine Umschreibung davon der nächsten Person ins Ohr, die die Umschreibung wiederum umschreibt und weitergibt. Die letzte Person in der Reihe muss schliesslich das Wort erraten.

Alle drei Monate findet das von Nikoli organisierte «Quasseltreffen» der Nikolisten statt. Die Gemeinde aus enthusiastischen Lesern – Ideenbesorger, Kritiker und Autoren zugleich – ist das Herz des Verlags. Wie viele der anderen Mitarbeiter wurde auch Chefredaktor Anpuku direkt aus dem Nikoli-Club rekrutiert. Er war zuvor Mathematikstudent an der prestigeträchtigen Universität Kyoto. Clubmitglieder und andere Leser sorgen dafür, dass der Strom der Rätsel nicht abreisst. Sudoku ist nur eines von rund 300 verschiedenen aus dem Hause Nikoli, vom herkömmlichen Kreuzworträtsel über Labyrinthe und Bildervergleiche bis zu ­logischen Knobel- und Zahlenrätseln; je etwa zur Hälfte Sprach- und Zahlenrätsel. Alle sind Papier-und-Bleistift-Rätsel, die man immer und überall spielen kann: in der U-Bahn, am Flughafen oder zu Hause auf dem Sofa.

Welche Rätsel gedruckt werden, wie sie sich entwickeln, welche ausgemustert werden, bestimmen die Nikolisten. Sie haben Nikoli zu dem gemacht, was es heute ist. Die Beziehung zu dieser Gruppe – es sind die treusten Kunden – pflegt der Verlag intensiv. Das ist so, seit Maki Kaji 1980 die Firma gründete. Kaji, der sein Mathematikstudium abgebrochen hatte und danach in einer Druckerei arbeitete, wollte damals vor allem eine Zeitschrift herausbringen; dass es schliesslich ein Rätselmagazin wurde, war Zufall. Die Vierteljahreszeitschrift «Puzzle Tsuushin Nikoli» («Rätselbote Nikoli»), die er mit zwei Freundinnen publizierte, war das erste Rätselheft Japans.

Sudoku
Auflösung hier

Wie so vieles bei Nikoli entstand auch die Formel für die Zeitschrift spontan. Es begann mit einer Schülerin, die den Verlag aufsuchte, um «Puzzle Tsuushin Nikoli» zu kaufen. Bald brachte sie Freundinnen mit, die Form und Inhalt der Rätsel kommentierten und mithalfen, die Hefte zu verkaufen. Daraus entstand eine ganze Clique, die jeden Samstag im Büro sass, Tee trank, den Redaktoren zur Hand ging und auch mal ein Rätsel schrieb. Das Büro wurde zu klein, die Gruppe musste andernorts zusammenkommen. Geboren war der Nikoli-Club, dem man heute gegen einen geringen Jahresbeitrag beitreten kann. Freilich schicken nicht nur Clubmitglieder Rätsel ein, sondern alle Leser der Nikoli-Hefte. Pro Monat erhält die Redaktion 1000 Zuschriften.

Die Idee zu Sudoku kam aber nicht aus einem solchen Brief. Seine Geschichte ist komplizierter. Zwar stammt der Name «Sudoku» von Nikoli, das Spiel aber nicht. Es ist nicht einmal eine japanische Erfindung, wie der Name nahelegt. Kaji war 1984 in einem amerikanischen Puzzle-Magazin darauf gestossen. Da hiess es noch Number Place. Er vereinfachte die Regeln und nahm es in seine Zeitschrift auf. Da Sudoku anfangs bei den Lesern kaum ankam, änderte Kaji das Format. Er gab weniger Zahlen vor und ordnete sie symmetrisch an. Damit bekam Sudoku eine ästhetische Komponente, die immer noch das Markenzeichen von Nikolis Sudokus ist. Nach zwei Jahrzehnten Nischenexistenz wurde Sudoku unter Rätselfans zum Geheimtip.

Inzwischen hatte Kaji sich den Namen Sudoku in Japan schützen lassen. Deshalb übernahmen es andere japanische Rätselverlage unter dem Namen Number Place. Im Ausland war Sudoku hingegen kein geschützter Name.

1997 stiess der pensionierte neuseeländische Richter Wayne Gould auf Nikolis Sudokus und war davon so fasziniert, dass er ein Computerprogramm für die Erzeugung von Sudokus schrieb. Von diesem Programm generierte Rätsel bot er unter dem Namen Sudoku Verlagen in der ganzen Welt an. Ende November 2004 begann die Londoner «Times», jeden Tag ein Sudoku abzudrucken. Andere Zeitungen folgten, zuerst in England, dann auf der ganzen Welt. Nach einem halben Jahr gab es Sudoku in dreissig Ländern. Inzwischen hat die Epidemie rund hundert Länder erreicht.

Slitherlink
Auflösung hier

Am Sudoku-Weltmarkt hat Nikoli nur einen Anteil von zehn Prozent. Der Verlag stieg erst relativ spät ins grosse Geschäft ein, als sein Name dank dem von Richter Gould ausgelösten Sudoku-Boom in die Schlagzeilen geriet. Journalisten machten sich auf die Suche nach den Ursprüngen von Sudoku und stiessen auf Maki Kaji und Nikoli. Im Gegensatz zu den computergenerierten Rätseln anderer Verlage werden bei Nikoli alle Sudokus von Hand angefertigt. Ausserdem muss das Zahlenmuster im Ausgangszustand symmetrisch sein. «Durch die Handarbeit haben unsere Rätsel eine Individualität und einen eigenen Charme», behauptet Kaji. «Uns geht es nicht darum, Sudokus um der Schwierigkeit willen schwierig zu machen. Unsere Rätsel müssen den Lesern beim Lösen Spass machen, sie bezaubern.» Die Symmetrie ist auch bei allen anderen Nikoli-Puzzles wichtig. Maya Kamieda, Pharmaforscherin, liefert monatlich zwischen zehn und zwanzig Slitherlinks (siehe unten links), ein Puzzle, irgendwo einzuordnen zwischen Sudoku und Tetris. «Das Wichtigste ist die Form. Wenn man ein Slitherlink von weitem anschaut, muss man ein Bild sehen können: ein Wort, ein Kleeblatt oder ein Herz.»

Jedes Sudoku macht auf der Redaktion dreimal die Runde, bis es zur Publikation freigegeben wird. Zu den Qualitätskriterien gehört, dass es nicht nur Geschick verlangt, sondern auch Gefühle auslöst. «Endlich, geschafft!» sollen die Leser denken, «lustig!» oder auch «verdammt noch mal!». Tatsächlich spüren Rätselfanatiker offenbar die feinen Unterschiede zwischen Sudokus unterschiedlicher Herkunft. «Nikoli-Rätsel sind einfach die besten», sagt Fumi Adachi, Mathematiklehrerin im Ruhestand. Sie gehört zu den Kunden der ersten Stunde und hat bis jetzt alles gekauft, was bei Nikoli an Zahlenrätseln erschienen ist. «Obwohl man seinen Kopf gebraucht, haben sie eine entspannende Wirkung.» Sie schwört auf die klassische Bleistiftvariante. Ihre neunjährige Enkelin spielt nur am Bildschirm auf Nikolis Homepage.

Auf Japan selber schwappte die grosse Sudoku-Welle erst vor einem Jahr über. «Alles, was im Ausland populär ist, imitieren die Japaner gern», sagt Kaji, «jetzt wollen sie alle Sudoku und nicht mehr Number Place.» Ihn freut das, denn in Japan ist Sudoku nur von seinem Verlag zu bekommen. Die Verkaufszahlen steigen exponentiell. Nikoli beliefert Dutzende von japanischen Zeitungen und Zeitschriften mit Sudokus, meist zusammen mit anderen Rätseln aus seiner Kollektion, «um ein breiteres Publikum für die anderen Produkte zu begeistern». Er arbeitet mit anderen Verlagen zusammen, vergibt Lizenzen an Softwarehersteller für Game-Versionen, und seit kurzem betreibt er eine Website im Internet und eine im japanischen Mobilfunknetz. Jeden Tag werden zwei bis drei neue Rätsel für die Abonnenten bereitgestellt. Aber das Kerngeschäft sind die Druckerzeugnisse des Verlags. Neben dem Flaggschiff «Puzzle Tsuushin Nikoli» mit einer Auflage von 30 000 sind das die Zeitschrift «Sudoku Tsuushin» und die Buchreihe «Pen Puzzle» mit Rätselsammlungen, in einer Auflage von mehr als 2 Millionen Exemplaren.

«Sudoku ist ein Monster», sagt Kaji. «Manche identifizieren unseren Verlag nur mit diesem Rätsel, aber die echten Rätselfanatiker wissen, dass Nikoli für originelle, qualitativ gute, von Hand gemachte Rätsel aller Art steht.» Bis vor kurzem waren andere Rätsel populärer: Kakuro zum Beispiel, das wie Sudoku ursprünglich aus den USA stammt, oder das im eigenen Haus erfundene Slitherlink.

Stammt ein neues Rätsel von einem Nikolisten, verläuft die Weiterentwicklung immer ähnlich. «Ein Leser schickt uns eine Idee. Wir schauen sie uns an und ändern vielleicht ­etwas daran», sagt Chefredaktor Yoshinao Anpuku. Dann wird der Prototyp unter der Rubrik für neue Rätsel – eine Art Rätsellabor – veröffentlicht. «Ein Leser hatte uns das Rätsel ‹Position› mit etwa zehn Regeln zugeschickt. Die habe ich dann auf vier reduziert. Das Rätsel ist zwar noch sehr einfach in der Gestaltung, aber wir wollen erst die Reaktionen abwarten. Wenn die Leser es mögen und Verbesserungsvorschläge machen, dann bringen wir eine neue Version.» Das Rätsel bleibt so lange im Labor, bis es ausgereift ist. So ging es Slitherlink, das 1989 zum ersten Mal erschien, Heyawake (1992), Mashu (2000) oder LITS (2004). All diese Rätsel gehorchen einfachen Regeln, eine der wichtigsten Bedingungen, die nach Ansicht von Anpuku ein gutes Rätsel erfüllen muss. Darüber hinaus hat er Mühe, in Worte zu fassen, was ein gutes Rätsel wirklich ausmacht. «Anregend» soll es sein, aber «nicht zu herausfordernd».

Kakuro
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Firmengründer Maki Kaji strebt nicht bewusst die Wiederholung seines Welterfolgs mit Sudoku an. «Es muss von selbst kommen, so habe ich es immer gehalten», sagt er, «ich habe in den 27 Jahren noch keinen Yen für Werbung oder Marketing ausgegeben.» Wer Interesse an seinen Produkten habe, der komme zu ihm. Wenn die Geschäfts­philosophien vereinbar seien, stehe einer Zusammenarbeit nichts im Wege. Bei der Auswahl seiner Geschäftspartner ist er wählerisch: «Wenn ich in den Augen meines Gegenübers nur Dollar oder Yen sehe, breche ich das Gespräch ab», sagt er voller Abscheu. «Wir machen Rätsel zum Spielen. Beim Lösen muss man sich entspannen können, beim Spiel totale Ablenkung vom Alltag erleben, den Kopf leermachen und sich daran erfreuen.» So sollen es auch die Geschäftspartner von Nikoli sehen.

Maki Kaji kommt nur noch selten ins Büro. «So gegen drei Uhr nachmittags, wenn er überhaupt kommt», sagt Finanzchef Jimmy Goto. Kaji sagt, dass er sich jetzt ausschliesslich mit der Verbreitung der anderen Rätsel in der Welt und der eigenen Buchproduktion beschäftige. Obwohl er nur Japanisch spricht, hat er sich kürzlich auf eine Weltreise begeben, um Leute zu treffen, die seine Rätsel im Ausland veröffentlichen wollen. Dabei besuchte er auch regelmässig Pferderennbahnen und frönte seiner Wettleidenschaft. Ab und zu erfindet er auch noch selbst ein Rätsel, so wie jenes auf einem Plakat im U-Bahnhof vor seiner Firma – die erste kommerzielle Werbung in 27 Jahren.

Kaji ist so etwas wie der gute Geist der Firma. Es herrscht eine lockere Atmosphäre in den Büros von Nikoli. Die konzentrierte Arbeit am Schreibtisch wird immer wieder von Kommentaren und Scherzen unterbrochen. Es gibt keine Stechuhr. Die 16 Mitarbeiter kommen nach Lust und Laune. «Früher kam ich spät und blieb dann oft bis zur letzten Bahn», gesteht Anpuku, aber jetzt habe er zwei kleine Kinder und wolle mehr zu Hause sein.

«Nikoli ist wie eine gute Pâtisserie, die pro Tag nur eine bestimmte Anzahl ihrer Süssigkeiten herstellen kann. Wenn die verkauft sind, geht der Laden zu», sagt Kaji.

Judith Stalpers ist Japankorrespondentin der Niederländischen Presseagentur, Florian Coulmas ist Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien. Beide leben in Tokio.

Weitere Rätsel gibt es auf der Homepage von Nikoli www.nikoli.com/en.


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