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Rendez-vous am Baregg
Zweimal Zürich-Lenzburg retour oder Mit vier Aargauer Pendlern im Stau.
Von Ursula von Arx
Die Leute an der nahen Bushaltestelle sahen mich an, als müssten sie sich für einen Polizeibericht jede Regung der Nasenflügel einprägen und auch die genaue Länge des Fingernagels des Daumens, der sich den vorüberfahrenden Autos entgegenstreckte: So skeptisch wurde der Versuch begleitet, beim Zürcher Hardturmstadion eines der 90 000 Autos zu stoppen, die jeden Tag durch den Bareggtunnel fahren.
Fahren? Baregg bedeutet Stau. Im Normalfall steht die Welt dort für jeden mindestens zehn bis fünfzehn Minuten still. Wieso nehmen die Leute das auf sich? Wieso nehmen sie nicht den Zug? Schweizer verleben jährlich 34 Millionen Stunden im Stau, was die Volkswirtschaft bis zu 1200 Millionen Franken kostet. Im Radio gehören dem Stau täglich bis zu zwei Stunden Sendezeit. Wie hält man den Stau aus?
Der Erste, der hält und die Tür öffnet, ist ein Audi A 8 («Ein elegantes Auto mit Allradantrieb, ein Auto für die besseren Leute, für Doktoren und Unternehmer. Kosten? 120 000 bis 145 000 Franken.» - Telefonauskunft von Auto Steiner, Zürich).
Am Steuer sitzt Foppe Locher, Leiter Stabsstelle Planung an der KV-Zürich Business School, neben ihm sein Sohn Marc, 18, Schüler an einem Zürcher Gymnasium. Das Leder der Sitze ist fein und hellgrau, die Inneneinrichtung funktional und ohne Persönliches, die Fortbewegung laut- und mühelos, fast schwebend. Die Aussenwelt prallt ab an der starken, glänzenden Hülle dieses Gefährts. Vater und Sohn fahren ihrem Zuhause entgegen, das in Möriken liegt. Dort warten schon die beiden Windhunde darauf, ausgeführt zu werden. Das sei die Freude des Vaters, sagt Sohn Marc und stellt die Musik, es ist Brahms, etwas leiser. Der Vater sagt: «Der tägliche Spaziergang mit den Hunden hat eine ähnliche Funktion für mich wie das Autofahren: Beides dient der Entspannung und Weiterentwicklung planerischer Szenarien.» Natürlich könnte er auch den Zug nehmen, aber es sei eine Dienstleistung, die er seinen Kunden anbieten möchte: am Abend nach Schulschluss vier, fünf, sechs Minuten länger bleiben zu können, weil er nicht an einen fixen Zugfahrplan gebunden sei.
Wenn immer möglich, fahren Vater und Sohn gemeinsam hin und gemeinsam zurück. Und diese gemeinsame Zeit, sagt der Vater, sei ihrer guten Beziehung förderlich. Sie hören zusammen Musik, die fast immer klassisch ist, Opern vor allem, vor allem von Wagner.
Herr Locher, was halten Sie von der Aussage des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk, der im Autofahren «ein Mittel der Weltflucht ebenso wie ein Instrument der Welteroberung» sieht, der das Auto als «rollenden Uterus» bezeichnet, der es einem ermögliche, «innen und aussen zugleich» zu sein? - Nein, diese Frage getraut man sich gar nicht erst zu stellen. So unaufgeregt und pragmatisch, wie Herr Locher fährt, so untadelig und wohlorganisiert, wie er in seinem Anzug sitzt. Da scheint jede philosophische Wahrnehmungshilfe, die dem einfachen Bedürfnis, von A nach B zu kommen, eine zusätzliche Deutung geben will, schlicht und fraglos unnötig zu sein.
Also besser konkret: Was ist mit dem Stau? Wie halten Sie ihn aus? Kein Problem, sagt Foppe Locher. Die Wartezeiten nimmt er in Kauf. Lieben tut er sie nicht, denn sie bedeuten nutzlos vorbeifliessende Zeit. Aber ungeduldig, gar aggressiv wird er dabei nicht. Er richtet sich ein, er kennt die problematischen Zeiten am Freitagabend, wenn alle ins Wochenende fahren, und am Montag morgen, wenn alle aus dem Wochenende zurückkommen - und er versucht sie nach Möglichkeit zu umgehen. Im Übrigen haben Lochers sich an den täglichen Stau gewöhnt, sagt Vater Locher. «Diese Gewohnheit ist ein einkalkulierter Begleiter mit Chancen.»
Schon ist man in Lenzburg angekommen. Heute ist ein guter, weil beinahe flüssiger Tag gewesen.
Stehe am anderen Morgen um halb sieben vor der Bäckerei Haller in Lenzburg, dem Ort, wo die Pendler sich gerne mit Gipfeli versorgen. Werde mitgenommen von zwei, die dem Stau die Lust der Beziehungsanbahnung abgewinnen können: Wenn Mehmet Eginme, 30, und Sezay Kenar, 20, mit dem Auto stehen statt fahren, dann lassen sie die Blicke schweifen. Hier bei der stark Toupierten der Versuch, eine bleibende Erinnerung zu hinterlegen mit zum Kuss geformten Lippen. Die Schwarzhaarige dort, die im roten Fiat, war doch schon gestern da. Hübsche Frau, nicht? Auch sie bekäme Zuwendung, wenn sie denn herschauen würde.
Eginmes Augen wandern von Verheissung zu Verheissung, sein Lächeln wird fast permanent. Ich liebe alle Frauen, sagt er, und Kenar kann das bestätigen. Nicht immer lässt Eginme es beim Lächeln bewenden. Die Frau, die er an vier Morgen nacheinander beobachten konnte, wie sie im Stau die Wimpern tuschte und mit drei, vier rabiaten Bürstenstrichen über ihre Haare fegte, diese Frau liess er sich beim fünften Mal nicht entgehen. Er fuhr ihr nach und brachte sie dazu, mit ihm in den Ausgang zu gehen. Sie gingen tanzen im «Penthouse» Luzern.
«Ein bisschen Stau ist interessant, doch zu viel bringt um den Verstand», sagt Kenar. «Ja, ja, unser Dichter», sagt Eginme. Ihr Staurekord ist zwei Stunden am Baregg wegen eines Unfalls, dazu kamen noch 15 Minuten beim Gubrist. Das war eindeutig zu viel für Eginme. «Eginme fluchte so sehr, dass er nie in den Himmel kommen wird», sagt Kenar. Die Firmen, für die Eginme und Kenar im Bereich Lüftung, Klima, Installation arbeiten, zeigen zwar meistens Verständnis für ihre Stauprobleme, aber der Feierabend und die Kaffeepausen werden ihnen trotzdem um die Verspätung gekürzt.
Im Moment fahren Kenar und Eginme jeden Morgen um halb sieben in Lenzburg los, um ab halb acht im Flughafen Kloten ihre Arbeit zu machen. Ihr Arbeitsauto ist ein Opel Vivaro («Ein Opel was? Noch nie gehört.» - Auto Steiner über den Opel Vivaro). Eginme würde ja ohne weiteres das Auto gegen den Zug eintauschen, aber die Werkzeuge und den übrigen Ballast kann man unmöglich mit dem Zug transportieren, sagt er. «Ja», sagt Kenar, «es hat einfach viel zu viele Autos und viel zu viele Alleinfahrer, das gibt Stress, Stau und ist eine grosse Umweltverschmutzung.» - «Stell dir vor», sagt Eginme, «im Zug könnte man in Ruhe ein Gipfeli essen, Kaffee trinken und schöne Frauen anschauen und sie kontaktieren. Ach.»
Wir sind in Kloten angekommen, mit zehn Minuten Verspätung. Vielen Dank, meine Herren, fürs Mitnehmen und das nette Gespräch.
Noch zwei weitere Fahrten: einmal Zürich-Lenzburg in einem Renault Espace («Die Familienkutsche. Schwer verkäuflich. Kosten? 50 000 bis 60 000 Franken.» - Auto Steiner über den Renault Espace) und einmal Lenzburg-Zürich in einem BMW 328 («Ein schönes Auto, sehr gut verkäuflich. Jung, dynamisch, sportlich. Kosten? Bis zu 70 000 Franken.» - Auto Steiner über den BMW 328).
Rudolf Zehnder, 46, Hotelier, heute verantwortungsvoller Familienvater, früher feuriger Liebhaber roter Ferraris und der Welterfahrung im rasenden Zustand, erzählt über seine Unfälle: «Einen Totalschaden, vor kurzem, ohne mein Verschulden. Keine Verletzten. Und vor ein paar Jahren habe ich einen Unfall gebaut, der war filmreif: mit einem Salto über einen Felsen in ein Haus hinein. Verletzte gab es keine, aber ich hatte einen Schock. Sechs Monate lang konnte ich kein Steuerrad ansehen, ohne dass die letzte Mahlzeit hochgekommen wäre.» Unfälle, sagt Zehnder, verursachen Staus. Aber, sagt er, Staus verursachen auch Unfälle. Denn im Stehen lasse die Aufmerksamkeit nach. Und so nutzt Zehnder die Zeit im Stau: Er hört Informationssendungen am Radio und macht Nackenübungen.
Und was macht ein Fahrer des jung-sportlich-dynamischen BMW 328 im Stillstand? Der Computerfachmann Patrick Roth, 24: «Ich warte, bis es weitergeht.» Roth hat seit kurzem eine Freundin. Was seinem Freund im Stau passierte, dürfte ihm also nicht passieren: «Mein Freund», erzählt Roth, «sah sie, und - zack - war es um ihn geschehen. Fenster runterkurbeln, Adressen austauschen, alles in Windeseile. Ja, und jetzt sind die beiden verheiratet.»
Den Stau erträgt Roth mit Ruhe, zumal er die Woche hindurch auf «disziplinierte, professionelle Stausteher» trifft. Einzig am Freitagabend wird es für ihn mühsam: «Da kommen die Grosseltern. Leute, die nicht fahren können, oder dann solche, die glauben, sie müssen sich besonders vorwitzig gebärden.» Eine Alternative zum Auto? «Gibt es nicht», sagt er. Er braucht «die mobile Flexibilität». Und: «Nach einem anstrengenden Tag kann ich im Auto abschalten. Ich bin dann gerne allein. Keine fremden Blicke, keine anstrengenden Gespräche.»
So weit die vier Aargauer Pendler mit ihren Bedürfnissen und Zwängen im Rahmen des Üblichen. Keiner hat aus seinem Auto ein fahrendes Zuhause, geschweige denn einen «rollenden Uterus» gemacht. Und trotzdem - trotz Unfällen, Staus und anderen Widrigkeiten - ist nicht immer klar, wo denn nun der wahre Feierabend stattfindet: beim Nachhausefahren oder zu Hause.
Ursula von Arx ist Redaktorin bei NZZ Folio.
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