NZZ Folio 07/93 - Thema: Woodstock   Inhaltsverzeichnis

Moskauer Frühling

Was aus den "Schestidessjatniki" geworden ist.

Von Regula Heusser-Markun

«NEHMT DEN LENIN von den Geldscheinen!» flehte in der Starre der Breschnew-Ära der Poet Andrei Wosnessenski, ein Vertreter jener recht heterogenen Kohorte von Intellektuellen, die sich mit Blick auf gleichzeitige, wenn auch keineswegs kongruente Aufbrüche in Westeuropa selber gerne «Schestidessjatniki» - die «Sechziger» - nennen. Doch erst 1993 sollte sich die Notenbank diesen Ratschlag zu Herzen nehmen. Und sie hat andere Gründe als der einst als Nonkonformist geltende Dichter, der den Liquidator des Zarenreichs nicht auf dem Papierrubel profanisiert sehen wollte.

Die meisten Regimekritiker lebten im Glauben, Stalin habe das an sich gute Werk Lenins pervertiert. Ein Zurück zum Leninismus sollte der Privilegienherrschaft der Parteibonzen Einhalt gebieten, mehr Gerechtigkeit in die sowjetische Gesellschaft bringen, willkürlich Verhafteten und Verbannten den Weg zurück in einen normalen Alltag ermöglichen. Die sowjetische Menschenrechtsbewegung, die eigentlich nur der Verfassung Nachachtung verschaffen wollte, hatte ihren Anfang nach dem 20. Parteitag 1956 genommen, als Generalsekretär Nikita Chruschtschew massive Kritik an seinem Vorgänger übte und bald darauf die Bürger ausdrücklich dazu aufrief, im Dienste der Aufarbeitung der Repressionsjahre Erlebnisberichte aus der Opferperspektive einzusenden. Alexander Solschenizyns Lagerprotokoll «Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch» konnte damals, 1962, legal erscheinen.

Tatsächlich beflügelten die ersten Chruschtschew-Jahre als «Tauwetter» eine ganze Generation von jungen Menschen, die glaubten, der Spuk des Totalitarismus sei nun endgültig vorbei. Die «Sechziger» wagten den ersten breitangelegten Versuch seit der Revolution, eine humane Kultur wiederzubeleben. Diese Epoche des Aufbruchs lässt sich ziemlich genau datieren: Sie setzte bald nach Stalins Tod am 5. März 1953 ein, hatte mehrere Höhepunkte und Rückschläge in den Jahren zwischen dem 20. Parteitag und Chruschtschews Sturz (1964) und endete jäh, als die Sowjetarmee den Prager Frühling im August 1968 erstickte und den sowjetischen Progressiven klar wurde, dass dies auch der Tod ihres «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» sein würde.

An die Chruschtschew-Ära denken die Menschen jener Generation mit gemischten Gefühlen zurück. Sie lernten die Willkür eines asiatischen Despoten kennen, der seinen Untertanen verschrieben hatte, den Westen wirtschaftlich zu überholen. Für Eduard Simin zum Beispiel, einen theoretischen Physiker, der damals in der prestigeträchtigen Kosmos-Forschung beschäftigt war, belegte die Tatsache, dass plötzlich europäische und amerikanische wissenschaftliche Zeitungen in Fotokopie zirkulierten, dass der Eiserne Vorhang gelockert worden war. Er erinnert sich aber auch an die dem Volk überraschend gewährte Freizügigkeit. Jung und Alt reiste erstmals ungehindert durch das riesige Reich und schaute sich die - oft zu Warenlagern degradierten - Kirchen und Klöster an, deren Namen man bestenfalls aus Literatur und mündlicher Überlieferung gekannt hatte. Solche Reisen in eine tabuisierte Vergangenheit erscheinen in der Rückschau als flüchtiger Lichtblick: bald sollte Chruschtschew nochmals Hunderte von baulichen Zeugen spirituellen Lebens schleifen lassen. Seine Utopie, so stellte sich heraus, hiess konsequenter Kommunismus und Atheismus bis ins Jahr 1980. Chruschtschew war seinerseits in die Falle des Personenkultes gegangen, hatte alle Schuld der Person Stalins angelastet und nicht an die totalitären Strukturen gerührt. Den Stalin in den Köpfen der Bürger zu bekämpfen, nahmen sich die «Sechziger», in ihrer Mehrheit Kinder von Stalinopfern, vor. Sie wiederum liessen den Lenin in den Köpfen unbehelligt.

Als 1957 das grosse sozialistische Weltjugendfestival in Moskau angesagt war, bedeutete das für die meisten den ersten Kontakt mit Ausländern überhaupt. Dass später jenen Mädchen, die sich mit westlichen Jungen angefreundet hatten, die Köpfe kahlgeschoren würden, ahnte niemand. Genausowenig war vorauszusehen, dass die erste Freilichtausstellung sowjetischer informeller Künstler von Bulldozern niedergewalzt werden sollte. Als Jazzklänge über Radio Free Europe und Voice of America den Eisernen Vorhang überwanden, begann der Saxophonist Alexei Koslow 1961 mit seiner goldenen «dudka» für Freunde aufzuspielen. Er tut es heute wieder «für die, die drauskommen», wobei die Eintrittskarte in den Jazz-Nachtklub «Sinaja Ptiza» (Blue Bird) bereits 5000, wohl bald 10 000 Rubel kostet.

Als in den sechziger Jahren Rock- und Popmusik auf abenteuerlichen Wegen ans Ohr der jungen Sowjetmenschen drang - auch von Woodstock erfuhr man über Voice of America -, brach ein Tanzfieber aus, das um so virulenter war, als es ständig unterdrückt werden musste. Wer sich an den biederen Schüler- und Studentenfesten bei «Körperverrenkungen» zu raubkopiertem oder nachgespieltem Rock erwischen liess, wurde aus dem Jugendverband ausgeschlossen. Kein Verlust, mag man heute denken, da der Verband als Vorstufe zur Kommunistischen Partei ohnehin aufgelöst worden ist. Damals hiess diese Exkommunizierung verpatzte Studien- und Berufschancen für das ganze Leben. Dabei ging es den jungen Menschen nur um ein Stück Freiheit und einen anderen Lebensstil.

Heute weiss man auch im zerfallenen Sowjetreich, dass bereits Wladimir Iljitsch Uljanow den Aufbau des Repressionsapparates eingeleitet hatte. Und erfahren hat man inzwischen zudem, dass sozialistische Ideen auf dem Weltmarkt nichts gelten. «Auf den Müllhaufen der Geschichte!» lautet das Verdikt für alle, die Vergangenem anhängen oder auch nur positiv daran erinnern. Und während die Notenpresse mit immer schnellerer Rotation die galoppierende Inflation einzuholen versucht, halten manche in Wahrnehmung und Moral nicht Schritt mit dem rasanten Wandel und klammern sich im ideologischen Vakuum an das, was sie selber geglaubt, gelitten und erlebt haben. Die gemässigten Regimekritiker von einst fordern eine gerechte Rückschau, wollen dafür geachtet sein, dass sie trotz widrigen Umständen und unter Gefährdung der eigenen Freiheit dem starren Gefüge kleine Hiebe versetzt hatten.

Von einer beschädigten Generation zu sprechen wäre zu allgemein. Regimegeschädigt sind alle, selbst die, die sich schadlos zu halten wussten. Es handelt sich bei den «Schestidessjatniki» eher um eine gutgläubige Generation, die im «Tauwetter» unter Chruschtschew aufgeatmet hatte in der Gewissheit, Stalin sei für immer aus ihrem Dasein verbannt, und deren kleine Freiheiten alsbald mit den alten Etiketten versehen wurden: «westlich-dekadente» Mode und Kunst kamen kurze Zeit später erneut unter Beschuss. Die geringste Erosion des Systems, so flüsterte der Machtelite damals ein gut entwickelter Selbsterhaltungstrieb ein, konnte ihre uneingeschränkte Herrschaft gefährden.

Gutgläubig oder «infantil» war und ist diese Generation, meint heute selbstkritisch Wiktor Slawkin, Autor eines Theaterstücks mit dem bezeichnenden Titel «Die erwachsene Tochter des jungen Mannes». Ihm hatte ein Milizionär einst hasserfüllt die modisch nach unten verjüngten Hosenbeine aufgeschlitzt. Mehr als einmal liessen sich diese «Kinder des 20. Parteitages» täuschen und enttäuschen. Schliesslich hofften sie - nun schon beträchtlich älter - erneut, als Gorbatschew 1985 das Programm von Glasnost und Perestroika angekündigt und bald darauf Schriftsteller und Medienleute zu offiziellen Hearings eingeladen hatte. Ihre Stunde schien, sofern sie noch im Land und noch am Leben waren, nun wirklich gekommen: Manuskripte wurden aus den Schubladen gezogen und in den - noch staatlichen - Verlagen gedruckt; eine neue Avantgardemusik, samt Jazz und Rock, tauchte aus dem Untergrund auf; Theaterexperimente wurden aus ihrem publikumslosen Wohnungsdasein erlöst, geächtete Kunst ans Licht geholt.

Das informelle Kulturschaffen wurde zum begehrten Exportartikel in den Westen, die Einkünfte strich der Sowjetstaat nach alter Gewohnheit ein. Den Jubel vermochten die gestohlenen Honorare nicht zu mindern, zumal die Privilegien der Künstler und Autoren weiterbestanden: der vom Berufsverband garantierte Lohn, der preisgünstige schöpferische Urlaub an den schönsten Orten des nun auseinandergebrochenen Kolonialreiches - vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee -, Klublokale des ersten Versorgungsgrades und ein hohes Sozialprestige. Hinzu kam neu der Genuss der längst verdienten Anerkennung. Viele Schriftsteller und Akademiker dieser lange marginalisierten Generation wurden nun - hier berührt sie sich durchaus mit der Woodstock-Generation Amerikas - ins Machtzentrum berufen. Mit dem aus der Verbannung geholten Atomphysiker und Menschenrechtler Andrei Sacharow wurde ein Repräsentant der technischen Intelligenz als höchste moralische Autorität anerkannt.

Der Poet und Sänger Bulat Okudschawa ist noch heute für viele der Inbegriff eines «Sechzigers», obwohl sein Sound eher an Georges Brassens denn an Rock und Pop erinnert. Okudschawa hat überlebt, die beiden andern, mindestens ebenso mutigen Politsänger der Stagnationszeit, Alexander Galitsch und Wladimir Wyssozki, sind - der eine im Pariser Exil, der andere im Alkoholelend - inzwischen verstorben. Okudschawa hatte seinerzeit seine Stalinismus-Kritik, poetisch verschlüsselt, genau so weit ausformuliert, wie es in jenen Jahren möglich war: Stalin als schwarzer Kater am Hintereingang, dem die Menschen freiwillig zu fressen geben und sogar noch danken. Mit den «Denkmälern, die höher geraten als unsere Siege», hatte Okudschawa in den sechziger Jahren angefangen, die Monumente zu schleifen, die physisch erst zu Beginn der neunziger Jahre geschleift werden sollten. Und er gab den Strassen ihre vorrevolutionären Namen zurück, die sie erst heute offiziell wieder tragen: Die Formulierung «mit Stolz schreiten wir über die Twerskaja» tat all jenen wohl, die auch auf leiseste Systemkritik in den Regierungs- und Parteizeitungen reagierten und endlos berieten, ob, was zwischen den Zeilen hatte stehenbleiben dürfen, eine politische Kurskorrektur ankündige.

Wieviel Energie und Zivilcourage es damals brauchte, Regimekritik in die Texte zu schmuggeln, ist heute vergessen. Glasnost hat den Weg freigegeben für das Reden und Schreiben über alles. Und was zunächst der erlösenden Aufarbeitung der bis in die Gegenwart reichenden totalitären Epoche diente, das freie Wort, wird nun immer mehr von jenen beansprucht, die Personen und gesellschaftliche Gruppierungen offen und ungestraft diffamieren. Solche Publikationen geniessen den Rückenwind des primitivsten Populismus und versetzen jenen, die das Terrain für das Ende der Sowjetherrschaft geebnet hatten, einen weiteren Schlag ins Gesicht. Jenen Wegbereitern, die schon immer Kontakt und Austausch mit dem westlichen Wissenschafts- und Kulturbetrieb gesucht hatten, sind die neuen Machtkämpfe ein Graus. Im Wiederaufleben des Kollektivismus-Ideals, verstärkt durch die orthodoxe Vorstellung der Gemeinschaft der Gläubigen, sehen sie einmal mehr das Recht auf Individualismus bedroht. Von einer anderen Seite werden die nostalgischen Idealisten ebenfalls bedrängt: von jenen Geschäftstüchtigen, die sich als ideologiefrei, aber handlungsorientiert bezeichnen und denen Freud und Marcuse nichts, Ford und Mercedes alles sind. Sie halten sich aus der Politik heraus, während die «Sechziger» die mahnenden Worte von Jelena Bonner, der Witwe Sacharows, im Ohr haben: Wer der Politik den Rücken kehrt, öffnet dem Faschismus Tür und Tor.

Vergessen ist, wie riskant es war, den Beruf des Schriftstellers oder Malers zu ergreifen, sich dem Verdikt des «Parasitentums» auszusetzen, im Namen dessen der Leningrader Poet und Lyrikübersetzer Joseph Brodsky 1964 in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert wurde. Andrei Bitow war Eisenbahningenieur, Wiktor Slawkin Architekt, Wassili Aksjonow Arzt. Die Reihe jener, die sich zugunsten der Kunst von einem «sozial nützlichen» Beruf abwandten, liesse sich beliebig fortsetzen. Heute wird ein offener Kampf gegen die «Sechziger» geführt: Sie sollten endlich abtreten, diese überalterten Hippies, die mit ihrem Bohème-Look die Jugend zu verlängern suchten. Die «Neunziger» sind die Macher, jeder Idealismus ist ihnen fremd. Sie tragen Amerikanismen in die russische Sprache, bezichtigen die Sozialutopisten von gestern der Larmoyanz, der Verlogenheit gar, denn sie seien ja Leninisten geblieben.

Aggressive Kritik wird in den Medien ausgebreitet, in manchen Redaktionen wird der Generationenkampf offen ausgetragen. Den «Sechzigern» wird die Schuld am Zerfall der Union und am Scheitern der ökonomischen Reformen zugeschoben. Was die alten Idealisten besonders schmerzt: in den eigenen Reihen gibt es Wendehälse und Verräter. Der Anfang der siebziger Jahre nach Amerika emigrierte, damals in frecher Opposition zu jedem Establishment stehende Autor Eduard Limonow - sein Prima-vista-Roman über die Vereinigten Staaten hiess «Fuck off America!» - ist zurückgekehrt und fungiert als Propagandist für die ultranationalistische und antisemitische Partei Schirinowskis. Dabei hatte er früher der ganzen Moskauer Bohème modische Hosen genäht, was er wirklich gut konnte.

Die «Sechziger» sind in die Defensive geraten. Die Deklassierung der Intelligenz macht ihnen zu schaffen. In den eigenen Klublokalen können sie sich heute das Essen nicht mehr leisten. Hier tafeln jetzt die Neureichen, die Bisnessmeny, denen das Bankkonto Zutritt zu den heiligsten Orten der Kulturschickeria verschafft, die keine mehr ist. Ein Zusammenkommen, wie es vor der «Beschleunigung» an der Tagesordnung war, leistet sich letztere nur noch, wenn ein Gleichgesinnter von damals aus dem Exil zu Besuch kommt. Oder wenn eines Verstorbenen gedacht wird, wie unlängst des Satirikers Wenedikt Jerofejew. Doch man feiert im Grunde genommen stets die Vergangenheit, so auch vor Jahresfrist, als Wassili Aksjonow zum erstenmal aus seiner neuen Heimat Amerika zurückkam, Aksjonow, der damals, 1963, in «Apfelsinen aus Marokko» den saloppen Jugendjargon zu Papier gebracht hatte.

Regula Heusser-Markun ist NZZ-Redaktorin.


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