NZZ Folio 03/09 - Thema: Entscheidungen   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Ägypterinnen sind dickköpfig»

© Kristina Bergmann
Heidi Soliman, Kairo, Ägypten Linktext
Heidi Soliman frisiert in ihrem Salon in Kairo Ägypterinnen und ­Ausländerinnen. Einmal Haareschneiden, bitte!

Von Kristina Bergmann

Heidi Soliman, Kairo, Ägypten, ist 45 Jahre alt. Sie ist Muslimin, aber unverschleiert. Ihr Mann ist Ägypter. Die beiden besitzen ein eigenes Haus im Zentrum von Maadi, einem Vorort von Kairo. Ihre Wohnung ist mit 350 Quadratmetern und 7 Zimmern riesig; 2 Etagen sollen später vermietet werden. Heidi Soliman verdient rund 2200 Franken im Monat.

Welcher Haarschnitt ist angesagt?

Momentan ist der Stufenschnitt Mode. Als Vorbild dienen in Ägypten vor allem Schauspielerinnen und Sängerinnen.

Haben Sie eine spezielle Methode?

Ja, ich arbeite nach der Vidal-Sassoon-Methode. Sassoon ist Engländer, heute über 80 Jahre alt und hat 1963 die erste Coiffeurschule überhaupt eröffnet. Seine Methode hat mir von Anfang an imponiert, ich bin nie von ihr abgewichen. Sie basiert auf dem präzisen Haarschnitt.

Warum sind Sie Coiffeuse geworden?

Das ergab sich so. Ich stamme aus Hessen. Nach der mittleren Reife arbeitete ich zunächst als Aushilfe in einem Coiffeursalon, die Arbeit gefiel mir, und ich machte sie gut. Also absolvierte ich dort eine Lehre. Als Gesellin habe ich nebenbei Seminare besucht und 1988 die Meisterschule in Frankfurt absolviert.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Den wichtigsten habe ich mir gerade erfüllt: ein eigenes Haus mit Salon zu bauen. Jetzt gilt es, das Haus zu vollenden, also die erste und die zweite Etage auszubauen und den Garten anzulegen. Beruflich will ich mich nicht verändern. Na ja, irgendwann will ich weniger als 15 Stunden pro Tag arbeiten.

Wer schneidet Ihnen die Haare?

Meine Mitarbeiterinnen. Die machen ja eine Ausbildung bei mir. Jeden Morgen gebe ich ihnen anderthalb Stunden Unterricht: Theorie und Schneiden. Erst am Übungskopf, später am lebenden Modell. Die Lehre ist etwas, das es in Ägypten nicht gibt. Nur das Studium zählt hier als Berufsausbildung, wer keines absolviert hat, gilt als minderwertig. Deshalb gibt es in Ägypten kaum gute Handwerker.

Haben Sie viele Stammkundinnen?

Fast alle Kundinnen sind Stammkundinnen. Zur Hälfte sind es Ägypterinnen und zur Hälfte Ausländerinnen. Ägypterinnen geben – wenn nötig – ihr gesamtes Geld im Salon aus. Schönheit bedeutet ihnen sehr viel. Ihre Wünsche sind aber oft schwer zu erfüllen, und sie sind dickköpfig. Die Europäerinnen hingegen, die zu mir kommen, haben zwar Geld, sind aber weniger spendabel, dafür umgänglicher und einsichtiger.

Welche Art Kundin ist die grösste Herausforderung für Sie?

Eine Afrikanerin mit Kraushaar. Das ist wahnsinnig schwer zu schneiden.

Wem würden Sie gern die Haare schneiden?

Der ägyptischen Schauspielerin ­Yusra. Nicht, weil sie eine schlechte Frisur hat, sondern, weil ich sie mag.

Wann ist eine Frisur aus Ihrer Sicht gelungen?

Wenn sie den Wünschen der Kundin entspricht und technisch gut ist.

Welche Reaktionen erleben Sie?

Im allgemeinen sind die Frauen zufrieden. Manche bedanken sich ausdrücklich, und einige rufen sogar später an und erzählen mir, welchen Erfolg sie mit der neuen Frisur gehabt hätten.

Haben Sie sich schon mal geweigert, einen Wunsch auszuführen?

Ja, öfter. Wenn die Haare zum Beispiel kaputt sind, lehne ich es ab, sie zu färben. Aber ich mag es lieber auf die beratende, konziliante Art. Ich schlage dann vor, die Haare zu schneiden. Aber letztlich ist es die Entscheidung der Kundin. Haare sind Teil des Körpers. Für den Coiffeur ist es eine Ehre, sie berühren zu dürfen. Mit unserem Beruf dringen wir in die Intimsphäre eines Menschen ein.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt?

Kairo ist multikulturell, das finde ich toll. Die Leute leben gut zusammen.

Was gefällt Ihnen an diesem Stadtteil?

Maadi ist ein Vorort, hier geht es dörflicher zu als im Zentrum Kairos. Das gefällt mir. Ausserdem komme ich von ­Maadi leicht ans Rote Meer, dort haben mein Mann und ich ein Ferienhäuschen.

Wie verbringen Sie Ihren Abend?

Unter der Woche zu Hause – ich bin abends müde. Am Wochenende gehen wir aus, entweder in nette Restaurants, oder wir besuchen die Familie meines Mannes oder Freunde.

Wo machen Sie Ferien?

Meistens am Roten Meer in unserem Häuschen. Das ist nur knapp zwei Stunden entfernt. Ab und zu besuche ich meine Mutter in Deutschland.

Kristina Bergmann ist NZZ-Korrespondentin; sie lebt in Kairo.

German Beauty Center Heidi
heisst Heidis Salon. Sie beschäftigt eine Empfangsdame, zwei Gesellinnen und zwei Auszubildende. Heidi spricht fliessend Arabisch, was bei den Ägypterinnen gut ankommt. Bei Heidi werden nur Frauen bedient; der Salon ist dank Vorhängen nicht einzusehen. Viele Ägypterinnen würden ihr Haar niemals einem fremden Mann zeigen.

Preis für einen Haarschnitt
Ein Schnitt kostet zwischen 12 und 15 Franken, Färben zwischen 25 und 70 Franken, Waschen, Legen 12 Franken.

Ägypten
Einwohner: 82 Millionen
BIP pro Kopf: 5000 Fr.
Milch: 1 Liter 1 Fr.
Fladenbrot: 1 Rp.
Kinobillett: 5 Fr.
Zigaretten: 0.65 Fr.
Taxi: 10 km 10 bis 20 Fr.

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