NZZ Folio 06/93 - Thema: Atomzeitbomben   Inhaltsverzeichnis

Die fixe Idee

Heinrich Schliemann und Troja.

Von Peter Haffner

IN ANKERSHAGEN in Mecklenburg - Schwerin träumte der Achtjährige von den Taten der homerischen Helden und vom Trojanischen Krieg, den ihm sein Vater, ein protestantischer Prediger, so packend schilderte, dass «wir endlich übereinkamen, dass ich dereinst Troja ausgraben sollte».

Bis es soweit war, verging ein halbes Leben, in dessen Verlauf der arme Krämerlehrling Heinrich Schliemann zum vermögenden Importkaufmann aufstieg, um sich nach der Erlernung von fünfzehn Fremdsprachen ans Griechische zu machen, das ihm den Eintritt in die homerische Sagenwelt ermöglichen sollte.

Am 1. Juli 1868, 46 Jahre alt, betritt Schliemann erstmals das Land der Griechen und reist mit dem Homer in der Hand bis nach Kleinasien. Wo immer der Boden es erlaubt und er Schätze vermutet, gräbt er. In Ithaka sucht er den Ölbaum, aus dem Odysseus sein Ehebett zimmerte, findet Urnen, worin er dessen und Penelopes Asche vermutet, und begegnet staunenden Einheimischen als gebildeter Rhapsode: «Ich hielt es für das klügste, ihnen den 24. Gesang der Odyssee vom 205. bis 412. Vers laut vorzulesen und Wort für Wort in ihren Dialekt zu übersetzen.» Die Tränen seiner Zuhörer weint er mit.

Homer ist ihm alles; die Ilias, die Schilderung der zehnjährigen Belagerung Trojas durch die Griechen, ein Tatsachenbericht. Was Schliemann zutage fördert, gehört zu des Dichters Werk wie das Ding zum Wort. Hacke und Spaten ist dem Autodidakten, was den Stubengelehrten Tinte und Feder; ignoriert von der akademischen Zunft, findet (und erfindet) der Spätromantiker, was er sucht.

1870 beginnt Schliemann zu sondieren, wo er das historische Troja vermutet: an der Nordwestspitze Kleinasiens, sechs Kilometer landeinwärts der Dardanellen auf dem Hügel von Hissarlik, der vierzig Meter emporragt und die Ebene beherrscht. Er entdeckt spätgriechische Grundmauern, Vasenscherben mit Malereien, Geschirr, Haushaltsgeräte und Werkzeuge, bis er auf die Ringmauer stösst, den grossen Turm, das Skäische Tor und das Haus des Priamos freilegt und am 17. Juni 1873 den legendären Schatz des Königs birgt: pfundschwere goldene Becher, grosse silberne Kannen, goldene Diademe, Armbänder, Halsketten. (Unlängst ist der Schatz, der seit Kriegsende als verschollen galt, im Moskauer Puschkin-Museum wieder aufgetaucht.)

Drei Jahre, von 1871 bis 1873, hat die Ausgrabung Trojas gedauert. Rücksichtslos gegen sich selber und gegen die Arbeiter, von denen er bisweilen hundertfünfzig im Dreizehnstundentag beschäftigt, ärgert Schliemann sich über die zahlreichen Feiertage der griechisch-türkischen Bevölkerung, während deren er nicht graben lassen kann; er verbietet aus Zeitgründen das Rauchen und bemisst seinen Erfolg nach Anzahl bewegter Kubikmeter Erde pro Tag, kein Risiko scheuend und überdies «in unbändigem Tiefendrang» unachtsam mit allem, was ihn nicht interessiert. Was alt ist, ist gut, und alt ist, was im Homer steht. Von seiner Hast sagt er selber: «Infolge meiner früheren irrigen Idee, dass Troja nur auf dem Urboden und ganz nahe darüber zu suchen sei, ist leider 1871 und 1872 ein grosser Teil der Stadt von mir zerstört worden, denn ich habe damals alle mir in den höheren Schuttschichten in den Weg kommenden Hauswände niedergebrochen.» Troja steht am Anfang und am Ende von Schliemanns archäologischer Karriere, deren weitere Stationen Mykene, Tiryns und Orchomenos sind. Im Glauben, Requisiten und Kulissen des trojanischen Krieges ausgegraben zu haben, hat Schliemann sich indes um tausend Jahre geirrt. Die 6 Meter dicke und 120 Meter lange Ringmauer, die vergangenen Winter anlässlich der 1988 in Troja wiederaufgenommenen Ausgrabungen geortet wurde, lässt auf eine grössere Siedlung schliessen als die von Schliemann blossgelegten Trümmerschichten. Ein umkämpfter Platz war die Stätte, ihrer geographischen Lage an der Grenze zweier Kontinente und Meere wegen, immer gewesen, und es kann durchaus vermutet werden, dass Homer sich im 8. Jahrhundert vor Christus von den vorgefundenen Ruinen zu seinem Epos hat inspirieren lassen.

Doch dies hätte Schliemann nicht genügt. Er war vernarrt in die Antike. Andromache und Agamemnon taufte er die Kinder, die ihm seine griechische Frau Sophia gebar, Bellerophon und Telamon wurden die Diener gerufen, die in der «Hütte von Ilion» in Athen die Fremden an der mit Eulen und troischen Hakenkreuzen verzierten Tür empfingen und in den Treppenflur geleiteten, dessen Mosaik Geschmeide von Mykene zeigte. Von den Wänden strahlten in goldenen Lettern homerische Verse; von den Loggien im obersten Stockwerk fiel der Blick auf die Akropolis. War der Besucher der Sprache mächtig, wurde er in Altgriechisch angeredet.

Als Lewis R. Farnell, Rektor von Exeter und Vizekanzler der Universität von Oxford, 1886 Heinrich Schliemann in seiner Athener Residenz besuchte, fiel ihm das klassisch griechische, irgendwie aber unnatürlich wirkende Profil von Schliemanns Sohn Agamemnon auf. Er nahm die Erklärung des Hausherrn, es sei das Resultat von am Kleinkind vorgenommenen Zurechtbiegungen, mit einem gewissen Befremden zur Kenntnis.


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