NZZ Folio 07/08 - Thema: Dubai   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Wenn Säugetiere Eier legen

© Dr. Ellen K. Rudolph, USA
Kuscheliges Fell, giftiger Stachel: Das Schnabeltier. Linktext
Als Forscher das maulwurfartige Tier mit dem Entenschnabel und dem Biberschwanz zum ersten Mal sahen, hielten sie es für den Scherz eines Präparators. Die Geschichte des Schnabeltiers.

Von Herbert Cerutti

Was im Jahr 1798 auf dem Tisch von George Shaw im Britischen Museum in London lag, erschien dem Zoologen als Witz. Aus der englischen Strafkolonie Neuholland – heute Australien – war ein Tierbalg geschickt worden, der nur eine Fälschung sein konnte: Der maulwurf­artige Pelzkörper trug vorne einen langen Entenschnabel und hinten einen flachen Biberschwanz. Und an den vier kurzen Beinen gab es Füsse mit Krallen und riesigen Schwimmhäuten. Das Schiff hatte unterwegs im chinesischen Kanton Halt gemacht; dortige Händler, die schon früher aus Affenköpfen und Fischleibern kunstvoll zusammengenähte «Meerjungfrauen» fabriziert hatten, hatten sich wohl einen weiteren Scherz geleistet.

Bei sorgfältiger Inspektion zeigten sich jedoch weder verdächtige Nähte noch Klebstellen. Das fremde Wesen war echt und eine für die Wissenschaft völlig neue Mischung aus Säugetier, Vogel und Reptil. Jetzt holten sich die europäischen Fachleute laufend neue Exemplare aus dem fernen Kontinent, analysierten und sezierten die Tiere und suchten vor allem nach treffenden Namen. Aus «Paradoxer Vogelschnäbler» und «Entenartiger Plattfuss» wurde schliesslich der Kompromiss: «Entenartiger Vogelschnäbler» (Ornithorhynchus anatinus) oder kurz «Schnabeltier».

Vermutete John Hunter, der damalige Gouverneur von Neuholland, das seltsame Tier sei das gottlose Ergebnis eines «promiskuitiven Verkehrs der unterschiedlichen Tiergeschlechter», erkannten Zoologen im Schnabeltier eine urtümliche Form von Säugetieren, die sich bereits vor 150 Millionen Jahren vom Stammbaum der übrigen Säuger abgetrennt haben musste. Inzwischen hat man in Australien und Neuguinea mit dem Kurzschnabeligel und dem Langschnabeligel noch zwei weitere Arten solcher Ursäuger entdeckt.

Da bei diesen frühen Säugern wie bei ihren reptilienartigen Vorfahren die Ausscheidungs- und Geschlechtsorgane in einer gemeinsamen Öffnung, der Kloake, münden, schuf man für diese Ursäuger schliesslich die spezielle Säugetierordnung der Monotremata (Einlochtiere, Kloakentiere).

Das Schnabeltier lebt im Osten Australiens und in Tasmanien an Seen und Flüssen. Es sucht in der Nacht unter Wasser nach Krabben, Würmern und Insektenlarven; tagsüber zieht sich das Tier am Ufer in einen schützenden Erdbau zurück. Solche Heimlichkeit verhüllte den Zoologen lange Zeit eine weitere Seltsamkeit: Hatten die Aborigines schon immer behauptet, die Schnabeltiere brächten nicht wie andere Säuger lebende Junge zur Welt, sondern legten wie Reptilien und Vögel Eier, war dies für die Wissenschaft eine Mär.

Die Aborigines warnten vor dem Gift

Das Rätsel löste 1884 der schottische Embryologe William Caldwell am ostaustralischen Burnett River. Mit 150 einheimischen Helfern erlegte er auf der Jagd nach trächtigen Weibchen Hunderte von Schnabeltieren, bis er endlich ein Weibchen fand, dessen erstes Ei bereits im Nest lag, während das zweite noch im Bauch steckte. «Monotremes oviparous» telegrafierte Caldwell stolz seinen Fachkollegen. Und seither tragen die Kloakentiere auch noch die Bezeichnung «Eierlegende Säugetiere». Mit ihrem grossen Dotter und der weichen, pergamentartigen Schale gleichen die Eier der Schnabeltiere eher Reptilien- als Vogeleiern. Der Seltsamkeiten nicht genug, warnten die Einheimischen die nach Schnabeltieren suchenden Forscher vor einem ominösen Giftstachel. Da Giftwaffen bei Säugetieren bis dahin unbekannt waren, vermutete die Gilde der Zoologen einmal mehr eine Fabel. Bis erste schmerzhafte Erfahrungen sie eines Besseren belehrte.

Männliche Schnabeltiere haben an den Hinterbeinen in der Fersengegend 15 Millimeter lange Giftsporne. Die hohlen Sporne stehen mit Giftdrüsen weiter oben in den Beinen in Verbindung. Da das Gift vor allem während der Paarungszeit produziert wird, vermutet man, die Giftwaffe spiele eine Rolle bei der Revierverteidigung und beim Rivalenkampf. Aber auch anderen Bedrohungen begegnet das Schnabeltiermännchen, indem es die Beine nach hinten schlägt, um mit seinen Giftspornen den Angreifer zu treffen.

Im 19. Jahrhundert verlockte der schöne Pelz des Schnabeltiers zur intensiven Jagd. Versuchte ein angeschossenes Tier zu fliehen, hetzte der Jäger seinen Hund auf die Beute. Dabei sollen nicht wenige Hunde durch das Schnabeltiergift zu Tode gekommen sein. Seit 1905 steht das Schnabeltier in Australien unter strengem Schutz, worauf sich der fast ausgerottete Tierbestand wieder erfreulich erholte. Wie es einem Menschen nach ­einem Giftkontakt ergehen kann, schilderte unlängst eine medizinische Fachzeitschrift. Ein Angler in Queensland ergriff ein auf einem Baumstamm sitzendes Schnabeltier am Nacken, um es wieder ins Wasser zu setzen. Blitzartig drehte sich das Tier, umklammerte mit den Hinterbeinen die Hand und trieb die Giftsporne in Mittelfinger und Handrücken. Sofort traten heftige Schmerzen auf.

Als der Patient vier Stunden später einen Arzt erreichte, war die Hand dick geschwollen. Die Schmerzen wurden unerträglich, man gab dem Mann hohe Dosen von Morphin. Selbst nach einem Monat verspürte das Opfer, sobald es die Hand bewegte, noch starke Schmerzen.

Wie stillt das Weibchen ohne Zitzen?

Die Eigenart der Schnabeltiere hat die Zoologen laufend vor Rätsel gestellt. Das fellartige Haarkleid sowie eine konstante Körpertemperatur von 32 Grad Celsius waren zweifellos Attribute eines Säugetieres. Trotzdem liessen sich am Körper der Weibchen keine Zitzen finden, um die Jungen zu stillen. Schliesslich fand man links und rechts am Bauch unter der Haut mehrere Drüsenschläuche, die je in eine versteckte Milchdrüse münden. Durch Poren dringt die Milch durch die Bauchhaut in zwei vertiefte, längliche Milchfelder, wo sie von den Jungen aus dem Fell geleckt wird.

Noch 200 Jahre nach der ersten wissenschaftlichen Beschreibung stossen die Zoologen auf weitere Überraschun­gen. Die etwa 50 Zentimeter langen Schnabeltiere sind dank ihrem strom­linienförmigen Körper und dem wasserdichten Pelz ausgezeichnete Schwimmer. An den Vorderbeinen haben sie übergrosse Schwimmhäute, die wie Lappen weit über die Krallen hinausragen und unter Wasser zum Vorwärtspaddeln wie Ruderblätter aufgespannt werden. Die Hinterbeine, die vor allem zur Steuerung dienen, haben kleinere Schwimmhäute. Der flache Schwanz, der bei Gefahr wie beim Biber auf das Wasser klatscht, dient als Höhenruder.

Das Schnabeltier kann bis zu fünf Minuten lang unter Wasser bleiben und auf dem Flussgrund nach Nahrung suchen. Beim Tauchen verschliesst das Tier Augen, Ohren und Nasenlöcher mit Hautklappen. Und trotzdem findet es selbst im trüben Wasser den flinken Frosch und den kleinen Krebs. Der Trick: Über die ganze Schnabeloberfläche verteilt gibt es eine Vielzahl von Tastkörperchen, die als hochempfindliche mechanische Sensoren entweder die Beute direkt berühren oder die vom Beutetier verursachten feinen Wellenbewegungen orten.

Erst kürzlich hat man am Schnabel zudem elektrische Rezeptoren entdeckt, mit denen das Schnabeltier die schwachen elektrischen Felder, die bei den Muskelbewegungen der Beutetiere entstehen, wahrnehmen kann. Da sich das elektrische Muskelsignal und das mechanische Signal der Wellenbewegung unterschiedlich schnell ausbreiten, kann das Schnabeltier aus der Laufzeitdifferenz der beiden Informationen den Aufenthaltsort der Beute «berechnen» und schliesslich zielgenau zuschnappen.

Alltag im trauten Schnabeltierheim

Auch an Land zeigt das Schnabeltier grosse Tüchtigkeit. Nachdem sich die Tiere im australischen Frühling zwischen August und Oktober im Wasser gepaart haben, gräbt das Weibchen in die Uferböschung einen bis zu zwanzig Meter langen Gang mit einem grösseren Brutkessel am Ende. Um mit den starken ­Krallen der Vorderbeine ungehindert buddeln zu können, faltet es die Schwimmhäute nach innen. Zum Auspolstern der Kinderstube werden im Freien Blätter und Gräser gesammelt und unter den bauchwärts eingeschlagenen Schwanz geklemmt durch den Erdgang transportiert.

Zwei Wochen nach der Begattung legt das Weibchen meist drei Eier und brütet sie zwischen Schwanz und Bauch eingebettet aus. Nach zehn Tagen kommen die Jungen nackt und blind zur Welt. Sie bleiben fünf Monate im schützenden Bau. Um sich und die Jungen zu ernähren, muss die alleinerziehende Mutter immer wieder auf die Jagd. Damit sich während ihrer Abwesenheit und nach ihrer Rückkehr nicht eine Schlange oder sonst ein Räuber ins traute Schnabeltierheim schleicht, verschliesst die Mutter nach jeder Passage den Zugang zum Nest mit einem Pfropfen aus Erde und Kies.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wofhausen.

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