Simon LeVay, woran denkt ein Sexforscher beim Sex?
Man streitet sich ja darüber, inwiefern Geruchsstoffe darüber entscheiden, ob wir jemanden sexuell attraktiv finden. Wenn mir in intimen Augenblicken der Geruch meines Partners auffällt, schiesst mir manchmal die Frage durch den Kopf, wie das nun auf mich wirkt.
In ihren Büchern haben Sie Sex als einfachen Vorgang beschrieben, in dem vom ersten Augenkontakt bis zum Orgasmus jeder Schritt mit biologischer Konsequenz den nächsten hervorruft.
Wir sind ja trotz allem Tiere, wenn auch komplizierte. Und als Wissenschafter muss man einen Hang zur Vereinfachung haben, weil Experimente und Theorien sonst unmöglich werden. Darum wirken unsere Ideen oft naiv. Aber auch die einfachen Mechanismen sind ungeheuer kompliziert, sobald man ins Detail geht.
Wie sind Sie darauf gekommen, sich wissenschaftlich mit Sex zu beschäftigen?
Eigentlich bin ich Neurophysiologe. Jahrzehntelang habe ich das Sehzentrum im Gehirn erforscht. In der wissenschaftlichen Gemeinde kennt man mich für diese Arbeiten, aber die Öffentlichkeit interessierte sich nie dafür. Zum Thema Sex habe ich eine einzige wissenschaftliche Untersuchung selber durchgeführt, seither kennt man mich in der halben Welt als Sexologen.
Was haben Sie damals genau herausgefunden?
Ich habe einen Unterschied im Gehirn zwischen homosexuellen und heterosexuellen Männern entdeckt, als ich INAH 3, einen Zellknoten in einer Region des Hypothalamus, untersuchte, von der man weiss, dass sie das Sexualverhalten beeinflusst. Ich hatte 19 Gehirnproben von toten schwulen Männern, 17 von heterosexuellen Männern und 6 von Frauen, insgesamt also 42 Gehirne. Während der Arbeit wusste ich natürlich nicht, welche Gehirnproben zu welcher Gruppe gehörten. Als ich die Daten decodierte, stellte ich fest, dass INAH 3 bei schwulen Männern und bei Frauen kleiner ist als bei heterosexuellen Männern. Das ist alles.
Und was leiten Sie daraus ab?
Ich glaube, dass der Grössenunterschied sich herausbildet, wenn beim Embryo dieser Teil des Gehirns unter dem Einfluss von Geschlechtshormonen entsteht. In letzter Zeit haben Wissenschafter zahlreiche Hinweise gefunden, dass vorgeburtliche Wachstumsprozesse entscheidend sind für das spätere Sexualverhalten und für die sexuelle Orientierung, also dafür, ob sich jemand sexuell von Frauen oder von Männern angezogen fühlt. Interessant ist etwa, was Dennis McFadden an der Universität Texas entdeckt hat, dass nämlich der Einfluss von Geschlechtshormonen vor der Geburt dafür sorgt, dass das Innenohr von Männern und Frauen Schallreize anders in neuronale Impulse übersetzt. Das Gehör Homosexueller nimmt eine Zwischenposition ein.
Heisst das, dass Schwule und Lesben von Natur aus so sind, wie sie sind?
Noch weiss kein Mensch, was einen Mann schwul oder eine Frau lesbisch macht. Aber ich bin sicher, dass man die Antwort eher im Labor finden wird als in endlosen Diskussionen. Denn die sexuelle Orientierung ist wahrscheinlich sehr stark biologisch geprägt. Zu wem wir uns sexuell hingezogen fühlen, liegt in unseren Gefühlen, über die wir keine Macht haben. Etwas anders sieht es beim Sexualverhalten aus. Da spielen viele äussere, gesellschaftliche Aspekte mit. Darum gibt es viele Leute, die eigentlich homosexuell wären, ihre Neigung aber nicht ausleben, und natürlich gibt es auch das Umgekehrte: Heteros, die sich auf Sex mit Gleichgeschlechtlichen einlassen, zum Beispiel im Gefängnis, wo ihnen keine andere Möglichkeit bleibt.
Wie reagierten Ihre schwulen Freunde, wenn Sie ihnen erzählten, woran Sie arbeiteten?
Die Vorstellung, im Kopf anders zu sein, war anfangs für einige sehr befremdend. Doch den meisten gefiel es eigentlich, dass es so einen Unterschied geben könnte. Es bestätigte, was sie schon immer über sich gedacht hatten, dass sie nämlich seit Geburt schwul sind.
Wurden Sie nicht auch kritisiert?
In den USA schüren verschiedene Kreise, besonders christlich-protestantische Fundamentalisten des rechten Flügels, aktiv eine antischwule Stimmung. Sie behaupten, dass es so etwas wie Homosexualität eigentlich gar nicht gibt. Homosexuell zu sein, ist in ihren Augen etwas, das man aus freien Stücken wählt. Und wahrscheinlich ist es für sie eine verlockende, aber eben auch sündige, schlechte Wahl. Die massive Propaganda dieser Leute verunsichert viele Schwule in den USA. Da wirken meine Thesen erleichternd. Sie unterstützen Homosexuelle, ihrer Neigung zu vertrauen.
Und in Europa?
Die Situation der Schwulen ist zwar nicht besser, aber man übt hier repressive Toleranz, aktive Antischwulenkampagnen sind selten. Vielleicht wurde ich darum von europäischen Homosexuellen auch angegriffen. Mir wurden Vorträge über Michel Foucault gehalten, über die Gefahren des Biologismus und über die schreckliche Geschichte der Homosexualitätsforschung, etwa während der Nazizeit. Weil in diesem Jahrhundert so viel wissenschaftliche Forschung zur sexuellen Orientierung mit dem Ziel betrieben wurde, Schwule zu heilen oder aus der Welt schaffen zu können, lehnten europäische Schwulentheoretiker biologische Unterschiede zwischen Schwulen und Heteros aus prinzipiellen Gründen ab.
Ein unhaltbarer Standpunkt?
Dieselbe Diskussion wurde schon einmal geführt, als man in den siebziger Jahren Unterschiede im Gehirn zwischen Mann und Frau entdeckte. Einige Feministinnen behaupteten, solche Unterschiede gebe es nicht. Das ist einfach falsch. Und zugleich ist es zu 95 Prozent wahr, denn ein Mann hat viel mehr Ähnlichkeit mit einer Frau als mit einem Affen. Man kann die Ähnlichkeiten betonen oder die Unterschiede. Aber die Unterschiede sind wahrscheinlich recht wichtig, weil sie die Art und Weise beeinflussen, wie Mann und Frau miteinander umgehen. Für die Haltung dieser Feministinnen gab es damals natürlich gute Gründe: Viele Wissenschafter leiteten aus den Unterschieden ab, dass Frauen dem Mann von Natur aus untertan sein müssten, sich nicht für Führungsaufgaben eigneten und dergleichen. Die Situation besserte sich, sobald Frauen selber solche Forschung betrieben.
Haben Sie sich aus solchen Überlegungen dazu entschieden, die Erforschung der sexuellen Orientierung als Schwuler selbst in die Hand zu nehmen?
Das war sicher auch ein Grund. Der Hauptgrund war aber ein anderer. Ich hatte meine Arbeit 1989 für ein Jahr unterbrochen, um bei der Pflege meines kranken, HIV-positiven Freundes zu helfen. Nachdem Richard gestorben war, kehrte ich als anderer Mensch ans SalkInstitut zurück. Ich war sehr niedergeschlagen und sah auch nicht mehr ein, warum ich mein Leben mit der Erforschung des Sehzentrums verbringen sollte. Dass die Grösse von INAH 3 mit der sexuellen Orientierung zusammenhängen könnte, war bereits von anderen Hirnforschern vermutet worden. Diese Vermutung zu prüfen, war eine Art Beschäftigungstherapie für mich, denn aus technischer Sicht war es nicht anspruchsvoll. Man hätte es auch schon vor hundert, hundertfünfzig Jahren machen können.
Ihre erste sexualwissenschaftliche Veröffentlichung war zugleich Ihre letzte wissenschaftliche Forschungsarbeit.
Ich war nicht mehr zufrieden mit meinem Leben als fleissiger Wissenschafter und unauffälliger Schwuler. Das riesige Interesse der Medien und der Öffentlichkeit an meiner Untersuchung hatte mich überrascht, doch dann erkannte ich eine Möglichkeit, mich in der Schwulenbewegung als Wissensvermittler zu engagieren. Ich gab die wissenschaftliche Karriere auf und fing an zu schreiben, zuerst ein Buch über Sex und das Hirn, dann eines über die schwule Gemeinschaft in den USA.
So hat die Naturwissenschaft den ersten schwulenfreundlichen Schwulenforscher gleich wieder verloren.
Ich war nicht der erste. Wenn man bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurückschaut, stösst man auf Leute wie Magnus Hirschfeld. Hirschfeld war kein grosser Wissenschafter, seine Ideen waren ein bisschen stürmisch. Er sprach als erster vom «dritten Geschlecht» - ein unglücklicher Begriff, denn er macht Homosexuelle neben den Heteros beinahe zu einer eigenen Art von Lebewesen. In Wahrheit fühlen sich die meisten Schwulen aber als normale Männer und die Lesben als normale Frauen. Trotzdem ist Hirschfeld für mich ein Held, denn er hat etwas betont, das ich wichtig finde: Schwulsein ist eine natürliche Veranlagung, die sich nicht in der sexuellen Orientierung erschöpft. Es gehört eine ganze Gruppe von Merkmalen dazu, sagt Hirschfeld, darum erkenne man schwule Männer an ihrem Gang, an ihrer äusseren Erscheinung, an ihrem Charakter und so weiter. Wahrscheinlich übertrieb er, aber ein Körnchen Wahrheit hat er zweifellos entdeckt. Hirschfeld war ein schwulenfreundlicher Wissenschafter, aber zwischen ihm und den neunziger Jahren war die meiste Forschung zur sexuellen Orientierung ziemlich homophob.
Und heute?
Etwa die Hälfte der Forscher auf diesem Feld sind selber schwul oder lesbisch, und die heterosexuellen Forscher sind sehr viel schwulenfreundlicher als früher. Wenn es unter ihnen noch homophobe Leute gibt, dann wagen sie es nicht mehr, zu ihrer Haltung zu stehen, mit Ausnahme einiger Psychoanalytiker in den USA vielleicht, die in einer langen schwulenfeindlichen Tradition stehen.
Woher kommt diese Tradition?
Freud sagt, dass Männer schwul werden, wenn sie in der Kindheit eine intime Beziehung zu ihrer Mutter hatten und ihren Vater als distanziert und feindlich erleben. Homosexualität ist für ihn also die Folge eines Erziehungsfehlers - keine besonders schwulenfreundliche Theorie. Aber Psychoanalyse muss nicht notwendig homophob sein. Der New Yorker Psychoanalytiker Richard Isay, der einzige offen schwule Psychoanalytiker der USA, den ich kenne, hat die Theorien Freuds komplett neu interpretiert. Er geht davon aus, dass Freud eine Vater-Mutter-Kind-Konstellation beschreibt, die viele Schwule in ihrer Kindheit tatsächlich erlebt haben. Nur, sagt Isay, hat Freud Ursache und Wirkung verwechselt. Denn die Söhne kommen schwul zur Welt und interessieren sich darum weniger für typische Bubenspiele wie Fussball, Klettern oder Raufereien und mehr für introvertierte Mädchenbeschäftigungen. Damit rufen sie bei ihren Eltern erst das typische Verhalten hervor. Die Väter mögen es nämlich oft nicht, wenn ihre Söhne keine richtigen Buben sind, den Müttern aber gefallen die zarten Söhne.
Der Genetiker Dean Hamer ist daran, ein Schwulen-Gen zu isolieren. Finden Sie auch das gut?
Seine Arbeit ist aus wissenschaftlicher Sicht exzellent, und ich hoffe, dass sie auch in gesellschaftlicher Hinsicht eine gute Sache ist. Sie könnte uns helfen, die biologische Vielfalt unserer Spezies zu akzeptieren. Die menschliche Vielfalt ist etwas Wunderbares, und wahrscheinlich ist sie auch unsere grösste Stärke, denn genetisch gesehen sind wir vielfältiger als jede andere Spezies. Die Gene zweier Ratten oder zweier Affen sind sich viel ähnlicher als die zweier Menschen.
Trotzdem ist etwas dran, dass mit Untersuchungen wie derjenigen, die Hamer oder Sie gemacht haben, die Grundlagen zur Ausrottung oder pränatalen Abtreibung schwuler Menschen geschaffen werden.
Die Gefahr des Missbrauchs ist bei dieser Art Forschung wirklich gross. Aber das gilt nicht nur für die Sexualwissenschaften. In der Hirnforschung, vor allem aber in der Genetik, wo man derzeit grössere Fortschritte macht, zeichnet sich ein grosses ethisches Dilemma des nächsten Jahrhunderts ab: Wie soll man mit dem Wissen und den Möglichkeiten, die jetzt entstehen, umgehen? Eines Tages werden wir entscheiden können, welche Persönlichkeitszüge wir als Teil der reichen Vielfalt des menschlichen Wesens haben wollen und welche inakzeptabel und unerwünscht sind.
Wie weit reicht da der Einfluss der Wissenschafter?
Man kann eine gewisse Macht ausüben durch die Art, wie man seine Forschungsergebnisse beschreibt. Man kann ihnen den Dreh geben, den man angebracht findet. Ich versuchte das in meiner Publikation, indem ich neutrale Formulierungen wählte. Trotzdem haben mir Kritiker Schwulenfeindlichkeit unterstellt. Sie behaupteten, dass ich wegen meiner Homosexualität unbewusst unter grossen seelischen Problemen leide und dass meine Arbeit nichts als ein hilfloser Versuch sei, diese inneren Probleme nach aussen zu verlagern. Ich glaube es eigentlich nicht, aber wer weiss - kein Mensch ist sich völlig im Klaren darüber, was ihn antreibt.